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Wenn Genetik in die Irre führt: TLK2-Mutation bei Borderline-Persönlichkeitsstörung – ein Fallbericht

  • Open Access
  • 23.01.2026
  • Genetik
  • Psychiatrie
Erschienen in:

Zusammenfassung

Hintergrund

Varianten des Tousled-like kinase 2(TLK2)-Gens sind selten und vorwiegend mit neuroentwicklungsbedingten Phänotypen assoziiert. Bei medizinisch komplexen Erwachsenen können solche genomischen Befunde die klinische Aufmerksamkeit auf somatische Ursachen lenken und dadurch diagnostische sowie therapeutische Entscheidungen fehlleiten. Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) kann hingegen die Symptomatik, die Inanspruchnahme und die Teamdynamik dominieren.

Falldarstellung

Wir berichten über eine Frau in ihren Zwanzigern mit ausgeprägter abdomineller Operationsanamnese (mehrfache Dünndarmresektionen, Ileostoma, PEG (perkutane endoskopische Gastrostomie-Sonde), hoher Opioidexposition, parenteraler Ernährung sowie rezidivierenden Katheterinfektionen und Thrombosen. Eine heterozygote TLK2-Frameshift-Variante (c.362del, p.Pro121Argfs*4) war dokumentiert, doch wiederholte Beurteilungen ergaben keinen fortschreitenden, lebenslimitierenden organischen Prozess, der den hohen klinischen Versorgungsbedarf erklären würde.
Merkmale einer BPS (mit intermittierenden artifiziellen Elementen) bestimmten das Geschehen: wiederholte Vorstellungen, Spaltungsphänomene und die Ablehnung psychiatrischer Aufnahmen. Mehrere Fachdisziplinen zogen sich schließlich zurück, sodass eine palliativmedizinische Zuweisung als „letzter Ausweg“ erfolgte.
Das Palliativteam legte den Schwerpunkt auf klare Indikationen, Abgrenzungen, koordinierte Kommunikation und strukturierte Analgesie (kontinuierliche subkutane Hydromorphoninfusion mit niedrig dosiertem Ketamin über eine ambulante Pumpe mit Sperrzeiten) und verzichtete auf nicht nutzenbringende Abklärungen. Zwischen 2022 und 2025 kam es zu wiederholten Aufnahmen wegen Schmerzen, Stomablutungen (endoskopische Hämostase im November 2024), katheterassoziierten Infektionen (mehrfache PICC (Peripherally Inserted Central Catheter-/Port-Entfernungen; Pneumothorax nach Hickman-Versuch im März 2025) sowie Kurzaufnahmen bei dissoziativen Episoden (Juli 2025).

Schlussfolgerungen

In diesem Kontext fungierte der TLK2-Befund als „red herring“. Wenn psychiatrische Faktoren das Versorgungsgeschehen bestimmen, sind eine frühe Zuweisung zu psychiatrisch geführten Versorgungsmodellen, klare Kriterien zur Abgrenzung palliativ- versus psychiatrisch-indizierter Betreuung und grenzschützende Behandlungsprotokolle entscheidend, um moralische Belastung und Ressourcenverbrauch zu begrenzen.
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund

Tousled-like kinase 2 (TLK2) ist eine Serin/Threonin-Kinase, die an der replikationsgekoppelten Chromatinassemblierung und der DNA-Schadensantwort beteiligt ist. Die meisten beschriebenen TLK2-assoziierten Phänotypen betreffen neuroentwicklungsbedingte Störungen; gastrointestinale Motilitätsstörungen bei Erwachsenen sind bislang nicht definiert.
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist hingegen durch affektive Instabilität, Impulsivität, interpersonelle Sensitivität und hohe Inanspruchnahme medizinischer Leistungen charakterisiert. In Akutkrankenhäusern führen Patient:innen mit BPS häufig zu wiederholten Notaufnahmen und Kurzaufenthalten; ohne gemeinsame Handlungsrahmen kann dies zu nicht nutzenbringenden somatischen Eskalationen führen.
Der vorliegende Fall verdeutlicht, wie eine seltene genetische Variante den klinischen Fokus fehlleiten kann, während die psychiatrische Grunderkrankung den Versorgungsbedarf bestimmt – mit einer palliativen Zuweisung, die primär systemischen Belastungsfaktoren und nicht palliativen Kriterien entsprang.

Falldarstellung

Patienteninformation

Patientin in ihren Zwanzigern (anonymisiert als Frau Müller) mit langjähriger gastrointestinaler Symptomatik, umfangreicher chirurgischer Vorgeschichte (Appendektomie 2017; mehrere explorative Laparoskopien; segmentale Dünndarmresektion; Hemikolektomie; subtotale Kolektomie mit terminaler Ileostomie; PEG) und Abhängigkeit von parenteraler Ernährung bei wiederholten Katheterinfektionen und Thrombosen. Eine heterozygote TLK2-Frameshift-Variante (c.362del, p.Pro121Argfs*4) war zuvor beschrieben worden. Psychiatrische Anamnese mit ausgeprägten BPS-Merkmalen, depressiven Episoden und wiederholter Ablehnung stationärer psychiatrischer Aufnahme.

Klinische Befunde

Wiederholte stationäre Aufnahmen mit starken abdominellen Schmerzen im Stomabereich, Übelkeit, eingeschränkter oraler Nahrungsaufnahme und hohem subjektiven Unterstützungsbedarf. Kreislaufparameter meist stabil; klinisch wechselhafte Druckdolenz ohne Peritonismus. Dokumentiert wurden Spaltungsdynamiken und belastete Interaktionen im Behandlungsteam. Der funktionelle Status schwankte zwischen selbstständigem Gehen mit Unterarmstützen und Rollstuhlabhängigkeit.

Diagnostische Abklärung

Laborbefunde meist unauffällig, abgesehen von Anämien während Blutungsepisoden; Entzündungsparameter außerhalb katheterassoziierter Infektionen niedrig. Endoskopien und Bildgebung zeigten keinen fortschreitenden pathologischen Prozess. Im November 2024 wurde koloskopisch ein großes Ulkus (2–3 cm vom Stoma entfernt) identifiziert und erfolgreich mittels Fibrinkleber und PuraStat versorgt.
Der TLK2-Befund ließ keine kausale Verbindung zu den gastrointestinalen Beschwerden erkennen; externe Fachgutachten empfahlen weder weitere Resektionen noch eine intestinale Transplantation. Die Patientin lehnte psychiatrische Aufnahmen weiterhin ab.

Therapeutische Interventionen

Die palliativmedizinische Mitbetreuung begann in einer Phase interdisziplinärer Rückzüge. Der Schwerpunkt lag auf Grenzsetzung, konsistenter Kommunikation und Vermeidung schädlicher Verstärkungen. Die Analgesie wurde auf ein strukturiertes Pumpensystem umgestellt (kontinuierliche subkutane Hydromorphoninfusion mit niedrig dosiertem Ketamin, begrenzte Bolusgaben und Sperrzeiten).
Später verlegte die Patientin die Infusion wiederholt auf zentrale Zugänge trotz Aufklärung über Infektionsrisiken. Antimikrobielle Therapien und Katheterwechsel erfolgten bei rezidivierenden Infektionen; Antikoagulation wurde bei Leitvenenthrombosen durchgeführt. PEG-Wechsel bei Funktionsstörungen. In Gesprächen über Therapieziel und -grenzen wurden Behandlungsbegrenzungen (DNR/DNI) festgelegt (Tab. 1).
Tab. 1
Verlauf und Ergebnisse (Juni 2022–Juli 2025)
Datum
Zentrale Ereignisse
Jun–Jul 2022
Aufnahmen wegen gastrointestinaler Blutung und Schmerzen; Beginn parenteraler Ernährung; wiederholte PICC-Probleme
Jul–Aug 2022
PEG-Anlage (06.08.2022); Erythrozytentransfusionen bei Anämie; PICC-Infektionen; Entlassung gegen ärztlichen Rat; rasche Wiederaufnahme
23.–28. Aug 2022
Wiederaufnahme wegen Schmerzen und häuslicher Versorgungsschwierigkeiten; konservatives Vorgehen; Entlassung
Sep 2022
Palliativkonsil zur Koordination; keine strengen palliativen Kriterien erfüllt; Aufnahme auf internistische Station; psychiatrische Zuweisung abgelehnt
Jan–Feb 2023
PICC-Sepsis; Umstellung auf Hydromorphon + niedrig dosiertes Ketamin; wiederholte Kurzaufenthalte aus juristischen/persönlichen Gründen
9.–23. Feb 2023
Neuer PICC; Etablierung der CADD-Pumpe mit Sperrzeiten; ambulante Nachsorge geplant
21. Apr 2023
Ambulanter Kassettenwechsel; Patientin verlegte Pumpe auf PICC trotz Aufklärung
29. Sep 2023
Elektiver PEG-Wechsel; komplikationslos
5.–8. Feb 2024
Neuer PICC (linker Oberarm); vorherige Bakteriämien; mehrfache Kathetersepsen dokumentiert
Mär 2024
Thrombose der V. basilica/V. axillaris; Antikoagulation
4.–8. Jul 2024
PICC-Infektion und Thrombose; Entfernung; Beendigung der parenteralen Ernährung
27.–28. Nov 2024
Aufnahme zur Hickman-Beurteilung; Bluttransfusion (29. Nov)
30. Nov 2024
Koloskopie: blutendes Ulkus nahe Stoma; Hämostase mit Fibrinkleber + PuraStat; keine rezidivierende Blutung
2. Dez 2024
Virtuelles interdisziplinäres Review mit externem Zentrum: keine kurativen Optionen; Betonung des palliativen Fokus; Schwangerschaft dringend abgeraten
17. Mär 2025
Pneumothorax nach fehlgeschlagenem Hickman-Versuch; Thoraxdrainage
23. Apr 2025
Port-Explantation wegen Infektion; gleichzeitige Pneumonie; partielle Thrombose der V. brachialis; Verlegung von IMCU auf Palliativstation
25.–28. Apr 2025
Überwachung der ambulanten Pumpe; Rückverlegung auf Palliativstation
15.–16. Jul 2025
Kurzaufnahme wegen Somnolenz/dissoziativer Episode; Analgesiepumpe durch Rettungsdienst ausgeschaltet; reaktiviert durch Schmerzdienst; Entlassung nach Hause
CADD Continuous Ambulatory Delivery Device; ICU Intermediate Care Unit

Diskussion

Dieser Fall zeigt, wie seltene genetische Signale (hier eine TLK2-Frameshift-Mutation) als falsche Fährten fungieren können, wenn psychiatrische Faktoren das Behandlungsgeschehen bestimmen. Die BPS ist mit hoher medizinischer Inanspruchnahme, häufigen Notfallvorstellungen und herausfordernder Teamdynamik verbunden. Evidenzbasierte Ansätze betonen kurze, strukturierte Aufenthalte, rasche Nachbetreuung und ein konsistentes Behandlungssetting, um iatrogene Eskalationen zu vermeiden.
Im vorliegenden Fall erfolgte die palliative Zuweisung, weil sich andere Dienste zurückzogen – nicht aufgrund klar erfüllter palliativer Kriterien.
Daraus ergeben sich drei Kernpunkte:
1.
Einführung institutioneller Kriterien und Triagewege zur Unterscheidung psychiatrischer Krisen von palliativen Indikationen.
 
2.
Gemeinsame Führung mit der Psychiatrie unter Nutzung standardisierter Protokolle (z. B. Kurzaufnahmen, Krisenpläne, ambulante Nachsorge) und Vermeidung wiederholter prozeduraler Eingriffe ohne klaren Nutzen.
 
3.
Schutz des Personals vor moralischem Stress durch Teamdebriefings, Supervision und Leitungssupport bei Grenzsetzung.
 
Kliniker:innen sollten einen „Anchoring Bias“ auf seltene Genvarianten wie TLK2 vermeiden und die psychiatrische Gesamtformulierung in den Vordergrund stellen, wenn sie das Versorgungsgeschehen am besten erklärt.

Patientenperspektive (optional)

„Ich fühlte mich gehört, als das Team klar erklärte, was hilfreich ist und was nicht – und sich auf Routinen konzentrierte, die ein Leben zu Hause ermöglichten.“ (Sinngemäß wiedergegeben mit Einverständnis.)

Schlussfolgerung

Genetische Befunde können Fehleinschätzungen begünstigen, wenn psychiatrische Erkrankungen die Versorgungsinanspruchnahme bestimmen. Klare Zuweisungskriterien, eine frühe Kooperation zwischen Psychiatrie und Palliativmedizin sowie grenzschützende Behandlungsprotokolle können moralische Belastung und Ressourcenverbrauch reduzieren.

Förderung

Keine.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

J. Hauser, M. Aigner, C. Dejaco, S. Danninger und G. Kreye geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Ethikvotum und Einverständnis: Nicht erforderlich für Einzelfallberichte laut institutioneller Richtlinie.
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Titel
Wenn Genetik in die Irre führt: TLK2-Mutation bei Borderline-Persönlichkeitsstörung – ein Fallbericht
Verfasst von
Jutta Hauser
Martin Aigner
Clemens Dejaco
Sandra Danninger
Dr. Gudrun Kreye, MBA
Publikationsdatum
23.01.2026
Verlag
Springer Vienna
Schlagwörter
Genetik
Schizophrenie
Erschienen in
psychopraxis. neuropraxis / Ausgabe 1/2026
Print ISSN: 2197-9707
Elektronische ISSN: 2197-9715
DOI
https://doi.org/10.1007/s00739-025-01142-3
Bildnachweise
Multiprofessionalität/© Chinnapong / Stock.adobe.com