Zum Inhalt

Die Geschlechter-Lücke

print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Frauen – später diagnostiziert, schlechter therapiert und in der Forschung eine Randgruppe. Gendermedizinerinnen wie Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer zeigen: Das Gesundheitswesen richtet sich am Mann aus, er ist der Standard – mit teils fatalen Folgen.

Es gibt keine Frauenmedizin und keine Männermedizin – es gibt nur gute Medizin.

Dieser Satz ist ein Leitmotiv der Gendermedizin. Er macht deutlich, woran das Gesundheitssystem unter anderem scheitert: Gute Medizin berücksichtigt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Doch genau das passiert bis heute viele zu selten. Die Folge ist eine strukturelle Benachteiligung von Frauen in Forschung, Diagnose und Therapie.

Die Wiener Gendermedizinerin Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer erklärt, warum das so ist und was sich ändern müsste.

Behandelt wie eine Minderheit

Frauen sind in Studien bis heute unterrepräsentiert. Nur 25 bis 30 Prozent der Teilnehmenden sind weiblich. Dennoch werden Medikamente häufig so dosiert, als müssten sie vor allem männliche Körper behandeln. Nebenwirkungen treten bei Frauen dementsprechend häufiger auf. „Wir Frauen sind aber keine Subgruppe“, sagt Kautzky-Willer. Fehlende Daten führen zu Fehlbehandlungen und zu Vertrauensverlust, der sich u. a. in Therapieabbrüchen niederschlägt.

Wenn der Test Mann heißt

Am Beispiel Diabetes mellitus zeigt sich, wie gravierend die Unterschiede sind. Männer entwickeln Diabetes früher, werden häufiger und schneller diagnostiziert, weil die gängigen Screening-Methoden männliche Muster eher erkennen. Frauen hingegen landen oft trotz Symptomen im „Normalbereich“. Ein Zuckerbelastungstest könnte frühe Stadien sichtbar machen, wird aber selten eingesetzt, da er als zu zeitaufwendig gilt.

Mit der Menopause steigen Risiko und Krankheitslast der Frauen sprunghaft, sagt die Expertin. Östrogenmangel, Fettumverteilung und steigender Blutdruck bilden ein metabolisches Cluster, das zu spät wahrgenommen wird.

Antidiabetika wie SGLT-2-Hemmer und GLP-1-Analoga schützen Herz und Nieren. Frauen erhalten sie trotzdem seltener. Paradox: Gerade GLP-1-Medikamente wirken bei Frauen stärker gewichtsreduzierend. Die Diskrepanz zwischen wirksamen und verschriebenen Therapien ist beträchtlich.

Stress, Rollen, Hormone

Frauen tragen häufiger die sogenannte „Mental Load“ – Arbeit, Kinder, Pflege, Haushalt, alles parallel. „Frauen sind stressempfindlicher und gleichzeitig stärker belastet“, sagt Kautzky-Willer. Das Risiko für Depressionen ist zwischen 40 und 60 hoch – jener Lebensphase, in der die Stoffwechselanpassung ohnehin schwieriger wird.

Dazu kommen Risiken wie Schwangerschaftsdiabetes, polyzystisches Ovarsyndrom oder Frühgeburten – Warnsignale für einen späteren Typ-2-Diabetes. Viele Frauen verschwinden nach der Geburt aus der Nachsorge: Das Risiko bleibt, die Kontrolle nicht. Zunehmend werden Frauen mit Typ-2-Diabetes schwanger, oft unbemerkt. Moderne Medikamente verbessern zwar vor einer Schwangerschaft den Stoffwechsel, sind in der Schwangerschaft aber nicht zugelassen. Wird die Medikation abgesetzt, folgt häufig ein Gewichts- und Blutzuckeranstieg. Ein Risiko, das kaum erforscht ist. „Wir brauchen dringend Studien in der Schwangerschaft“, fordert Kautzky-Willer.

Was sich ändern muss

Mehr Forschung, mehr Frauen in Studien, stratifizierte Daten und Zeit – für Gespräche, Diagnostik und individualisierte Therapie. Gendermedizin sei Präzisionsmedizin, Voraussetzung für bessere Versorgung.

print
DRUCKEN
Titel
Die Geschlechter-Lücke
Publikationsdatum
05.12.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 51-52/2025
Bildnachweise
11219264/© MedUniWien/feelimage