Gefahr fürs Herz oft verkannt
- 21.11.2025
- ESC Congress
- Online-Artikel
Auf dem ESC 2025 präsentierte Daten der laufenden MILOS-Studie legen nahe, dass das kardiovaskuläre Risiko von Personen mit Dyslipidämie auch in Österreich unterschätzt wird.
Kardiovaskuläre Erkrankungen sind als die häufigste Todesursache in Europa bekannt. Dennoch gelten viele Menschen aufgrund des unterschätzten Risikos als untertherapiert.1-3 Das Ziel einer Interimsanalyse der laufenden MILOS-Studie4 war es, die Übereinstimmung des von Behandelnden eingeschätzten Risikos mit dem in den ESC-Guidelines 20195 abzuleitenden Risiko zu untersuchen.
Studiendesign
Die prospektive, nicht-interventionelle MILOS-Studie evaluiert zur Zeit an 490 Standorten in acht europäischen Ländern Wirksamkeit und Sicherheit von Bempedoinsäure allein oder in einer Fixkombination mit Ezetimib. In die Interimsanalyse wurden 2.121 Personen im Alter von rund 65 Jahren mit Hypercholesterinämie oder gemischter Dyslipidämie aus Österreich, Belgien, Italien und Großbritannien eingeschlossen.6 Je etwa die Hälfte befand sich in Primär- und Sekundärprävention, wobei die Aufteilung in den jeweiligen Ländern ebenso differierte wie die Risikogruppen-Aufteilung: Im Schnitt zählte nach Einschätzung der Behandelnden rund ein Drittel der Patienten zur Hochrisikogruppe, knapp die Hälfte wies ein sehr hohes Risiko auf.
Daten für Österreich
Die Auswertung ergab in allen vier Ländern große Diskrepanzen zwischen der Risikoeinstufung der Behandler bzw. nach Leitlinien.6 Für Österreich befanden sich laut Behandlern 46 Prozent der Patienten in der Kategorie mit sehr hohem Risiko, aus den Guidelines abgeleitet waren es jedoch 80 Prozent. Dafür zählten mit 35 Prozent laut Behandlern mehr Personen zur Hochrisikokategorie, laut Guidelines waren es nur 13 Prozent. Auch der Anteil mit moderatem Risiko war nach Guidelines geringer als von den Behandlern eingeschätzt (s. Tab.). Anders betrachtet bedeuten diese Zahlen, dass in Österreich bei 41 Prozent der Patienten mit sehr hohem Risiko das kardiovaskuläre Risiko als lediglich hoch, moderat oder gering unterschätzt war. Bei 32 Prozent der Patienten mit hohem Risiko war das Risiko als lediglich moderat oder gering unterschätzt.
Daten weiterer europäischer Länder
Die größten Diskrepanzen wurden für Großbritannien beobachtet (s. Tab.), am wenigsten stark ausgeprägt waren die Differenzen in Belgien. Für Großbritannien erbrachte die Analyse, dass 67 Prozent der Patienten mit sehr hohem Risiko als lediglich hoch, moderat oder gering unterschätzt waren; 48 Prozent der Patienten mit hohem Risiko waren als moderat oder gering unterschätzt. Für Italien: 30 Prozent der Patienten mit sehr hohem Risiko als lediglich hoch, moderat oder gering unterschätzt; 28 Prozent der Patienten mit hohem Risiko als moderat oder gering unterschätzt. Für Belgien: 16 Prozent der Patienten mit sehr hohem Risiko als lediglich hoch, moderat oder gering unterschätzt; 28 Prozent der Patienten mit hohem Risiko als moderat oder gering unterschätzt.
Zusammenfassung
Laut einer Interimsanalyse aus der MILOS-Studie wird das tatsächliche kardiovaskuläre Risiko bei Hypercholesterinämie oder gemischter Dyslipidämie unterschätzt. In unterschiedlicher Ausprägung fand sich eine Diskrepanz zwischen von Behandlern eingeschätztem und dem Risiko nach Guidelines in allen vier untersuchten Ländern, Österreich, Belgien, Italien und Großbritannien. Am höchsten war die Diskrepanz in Großbritannien, am geringsten in Belgien.
Referenzen:
1. Ray KK et al. Eur J Prev Cardiol. 2021; 28:1279–89
2. Ray KK et al. Lancet Reg Health Eur. 2023; 29:100624
3. Ray KK et al. Eur J Prev Cardiol. 2024; 31:1792–803
4. https://clinicaltrials.gov/study/NCT04579367
5. Mach F et al. Eur Heart J. 2020;41:111–88
6. Parhofer KG et al. Underestimation of cardiovascular risk in four European countries: results from the prospective, non-interventional MILOS study. Presented at ESC Congress 2025, 29.8.–1.9.2025, Madrid
Kardiovaskuläre Risikoeinschätzung bei Hypercholesterinämie oder gemischter Dyslipidämie | ||||
- | Österreich | Großbritannien | ||
Anteil der Patienten mit (%) | Laut Behandler | Nach Guidelines5 | Laut Behandler | Nach Guidelines5 |
sehr hohem Risiko | 46 | 80 | 21 | 74 |
hohem Risiko | 35 | 13 | 39 | 17 |
geringem/moderatem Risiko | 19 | 7 | 40 | 9 |
Quelle: nach Interimsanalyse MILOS-Studie (Ref. 6) | ||||