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04.06.2024 | Ernährung

Ma(h)l was Gesundes kosten?

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Ernährung hat viel mit Gewohnheit zu tun. Was wir einmal erlernt haben, lässt sich so leicht nicht mehr abschütteln. Ernährungsumstellungen dauern oft Jahre. Was läge also näher, als bei jungen Menschen anzusetzen.

Kinder und Jugendliche werden teilweise zu Mittag in Schulen verköstigt. Zumindest spielen hier Schulbuffet und Jause eine wesentliche Rolle. Nicht immer ist es aber eine gesunde.

Jungen Menschen scheint Ernährung wichtig zu sein. In einer Umfrage bei 5.000 Personen zum Thema „Essen in Schulen“ der Bundesschülervertretung und des Vereins „Land schafft Leben“ geben 82 Prozent an, dass ihnen gesundes Schulessen wichtig sei. 87 Prozent interessierten sich zudem dafür, wie sich Ernährung auf die körperliche Gesundheit auswirke.

Schulärztin Dr. Angela Huber sieht das differenziert. Noch immer griffen viele junge Leute zu „süßen“ Angeboten und nicht immer werde gesund gegessen. Es gelte, die entsprechenden Angebote zu schaffen, denn vielen Kindern und Jugendlichen würde das gesunde Essen schmecken, wenn sie denn überhaupt damit in Kontakt kämen und der Griff zum gesunden Snack einfacher sei.

Maria Fanninger, Gründerin von „Land schafft Leben“, plädiert dafür, Bildungsangebote rund um Essen und Ernährung flächendeckend und fächerübergreifend anzubieten. Dann werde es gelingen, so lautet ihre These, Ernährungswissen tief im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern, was auch im Sinne eines „guten Lebens“ sei.

Prof. Dr. Kurt Widhalm, Kinderarzt und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin, ist davon überzeugt, dass Ernährung und Sport zusammen gedacht werden müssen. Zudem brauche es „Anreizsysteme“, denn das alleinige Propagieren von gesunder Ernährung reiche so nicht mehr aus. Auf Worte müssten Taten folgen.

Markus Stegmayr

Kindern schmeckt ein gesundes Schulbuffet

„Was man bei den Schulbuffets sieht, ist, dass Kinder gerne etwas Süßes oder Pommes kaufen, wenn sie diese Möglichkeiten haben und das Angebot vorhanden ist. Dennoch ist es so, dass bis zu 90 Prozent sagen, dass sie gerne frisch gekochtes Essen haben. Meiner Meinung nach gilt es auch zuhause anzusetzen, bei der sprichwörtlichen gesunden Jause. Wenn die Eltern lediglich Geld mitgeben, ist absolut unklar, was sich die Kinder und Jugendlichen damit kaufen. Die Kontrolle darüber fehlt dann völlig. Herauszustreichen gilt jedenfalls, dass es den Kindern schmeckt, etwa wenn es ein komplett gesundes Schulbuffet gibt oder Formate wie die gemeinsame gesunde Jause vorhanden sind. Oft fehlen schlicht und einfach die Angebote und die Möglichkeiten. Auch ist es eine Frage des Standortes der Schule: Es ist schon so, dass oft die Angebote außerhalb der Schule genutzt werden, wenn vieles leicht und überall rundherum verfügbar ist. Das alles ist also nicht so einfach aufzulösen und durchaus komplex. Was ich interessant finde, ist, dass über die Hälfte der Schüler – folgt man auch hier der Studie von Land schafft Leben – kochen lernen möchte und das Fach in der Schule auch wählen würde. Das ist gut, denn das schafft sicherlich auch Bewusstsein! Vermittlung von Ernährungswissen ist absolut wichtig.

Was aber noch hinzukommt: Die gesunde Jause oder das gesunde Mittagessen muss leistbar sein. Sonst ist es ein Zynismus. Bei geringem Budget greifen Menschen nämlich zu höherkalorischen und billigen Nahrungsmitteln. Auf keinen Fall darf man aber vergessen, auch bei der Elternbildung, bei der Elternarbeit anzudocken und anzuschließen. Da muss Wissen bestehen! Wenn das Wissen dort nicht vorhanden ist, dann ist es auch bei den Kindern tendenziell damit schwieriger durchzukommen. Wenn das bei den Eltern nicht funktioniert, gilt es auch zu schauen, was die Eltern brauchen und wie sie unterstützt werden können, um ein gesundes Aufwachsen von Kindern zu ermöglichen.

Wichtig ist in jedem Fall, dass wir die Lebenswelten der Eltern und Kinder mit einbeziehen. Es ist Fakt, dass es soziale Unterschiede gibt und dass wir von Kinderarmut sprechen müssen, schließlich ist jedes fünfte Kind davon betroffen. Wenn wir da die Augen verschließen, dann ist der Diskurs problematisch und Leute werden einfach aus diesem ausgeschlossen. Damit kommen wir zu einer gesellschaftspolitischen Frage: Wie gelingt es, dass jedes Kind potenziell ein warmes, gesundes Essen bekommt? Eine Möglichkeit ist es, eine leistbare, warme und gesunde Mahlzeit pro Tag in der Schule oder in der Kinderbetreuungseinrichtung zur Verfügung zu stellen. Diese Fragen muss man stellen.“

Dr. Angela Huber, Schulärztin am BRG Keplerstraße Graz

Wir schaffen es nicht, Eltern und Kinder an Bord zu holen

„Für Kinder und Jugendliche ist es relativ einfach, ungesund zu essen. Das schnelle Essen, das Junk-Food, ist omnipräsent und der Zugang simpel. Die einfachere Wahl beim Essen ist aber leider meistens die ungesündere. Was mich durchaus positiv stimmt ist, dass viele Jugendliche sagen, dass ihnen Ernährung und gesundes Essen wichtig sind und sie auch Interesse an dem Wissen darüber haben. Daran ließe sich eine schöne Idee knüpfen: Alle Menschen sollten wissen, wie es ist, gesund zu essen und, damit verbunden, auch ein gutes Leben zu haben. Leider ist das – so einfach gedacht – eben nur eine Fantasie.

In der Realität ist es so, dass wir es nicht schaffen, alle Eltern und alle Kinder und Jugendlichen mit an Bord zu holen. Es ist Aufgabe des Bildungssystems, das zu ändern und etwaige soziale Unterschiede auszugleichen. Das schaffen wir leider nicht gut genug.

Man muss die Frage nach dem Essen und dem guten Leben in den schulischen Kontext integrieren. Mit einem Unterrichtsfach ist es nicht getan. Vielmehr muss die Sache flächendeckend, interdisziplinär und über alle Unterrichtsfächer hinweg gedacht werden. Vermittelt werden soll, wie man gut und gesund leben kann und wie sich der eigene Körper gesund halten lässt. Es ist nämlich so, dass, wenn ich gut versorgt bin, ich mich besser konzentrieren kann und auch mehr Leistung bringe.

Wir müssen uns als Gesellschaft jedenfalls fragen, wo und wie wir in die Gesundheit investieren. Investieren wird am Lebensende oder am Anfang des Lebens? Meiner Ansicht nach soll eine Gesellschaft heranwachsen, die den Umgang mit Lebensmitteln beherrscht und auch ein Bewusstsein für gesunde Ernährung hat. Das schulische Gefüge ist ein guter Ort, um das voranzutreiben.

Das Wissen übers Essen muss sich für die Pädagoginnen und Pädagogen möglichst leicht und ohne Mehraufwand in den Unterricht integrieren lassen. Für die Volksschule braucht es etwa Materialien, mit deren Hilfe Kinder lernen, warum man grundsätzlich isst und was alles damit verbunden ist. Isst man, weil man hungrig ist, aus Frust, aus Freude oder zur Belohnung? Kinder sollten wissen, wer sie sind: Was müssen sie essen, wie viel Energie brauchen sie, wie viel bewegen sie sich? Das alles muss flächendeckend sein. Mit Land schafft Leben wollen wir einen Beitrag leisten: Die Kinder sollen Wissen zum Thema Essen erlernen und auch bedarfsgerecht versorgt werden. Für die Verpflegung braucht es gesetzliche Rahmenbedingungen. Ernährungs-Mythen müssen aufgehoben und hinterfragt werden.

Maria Fanninger, Gründerin „Land schafft Leben“

Sich selbst belohnen mit dem Jugendgesundheitspass

„Das Thema gesundes Essen, Übergewicht oder sonstige Aspekt werden wir allein mit der Verpflegung in den Schulen sicherlich nicht lösen können. Das wäre eine absolute Illusion. Aus einem einfachen Grund: Man müsste dann bei der Essenausgabe auch Menschen haben, die auf die einzelnen Bedürfnisse der Kinder achten. Stattdessen werden natürlich gleich große Portionen ausgegeben.

Es ist insgesamt wichtig, nicht nur das Wissen zu vermitteln, sondern auch das Essverhalten nachhaltig zu ändern. Es geht um das Verhalten in den Schulen. Was etwa wichtig ist: Kochkurse und ganze Koch-Tage. Zum Teil haben Kinder da zum ersten Mal Gemüse und Obst in der Hand und es zum ersten Mal geschnitten. Sie sind mit der Handhabung zum Teil nicht vertraut. Doch das gehört dazu: Ernährungsschulungen führen dazu, dass sich das Verhalten tatsächlich ändert. Ein weiterer Punkt: Man muss sich anschauen, was zuhause bei den Kindern passiert. Sind die Kinder in einem Umfeld, in dem sie einigermaßen gesunde Ernährung genießen können? Sind die Eltern auch entsprechend informiert, welche Gewohnheiten haben diese? Mit den Kindern kann man spielerisch das Thema Ernährung erarbeiten, die Eltern lassen sich ebenfalls mit einbeziehen.

Seit vielen Jahren wissen wir, dass wir ein Problem mit Übergewicht haben. Aber es gibt dennoch keine wirklichen Maßnahmen. Es reicht nicht, das Thema in den Zeitungen zu publizieren. Das lockt niemanden mehr hinter dem Ofen hervor und bringt nachhaltig wenig bis nichts. Wir benötigen Maßnahmen, die auch wirklich wirken. Wichtig wäre etwa ein Jugendgesundheitspass. Es braucht nämlich nicht nur Bewusstsein, sondern auch Anreize! Das können etwa niedrigere Kosten bei Versicherungen sein oder sonstige Belohnungen. Das alles hört ja in Österreich mit dem Mutter-Kind-Pass auf. Dazu müssen Stunden in den Schulen kommen, entsprechende Ernährungsschulungen in den Schulen und Klassen. Dazu noch Turnstunden mit Experten, beispielsweise vom Institut für Sportwissenschaft. Damit gelingt dann auch die Erhöhung der Trainings- und Sporteinheiten bei Kindern und Jugendlichen. Es ist wichtig, die passende Sportart für die jeweilige Person zu finden. Denn auch Übergewichtige machen gerne Sport, man muss sie nur dafür begeistern!

Kurzum: Es braucht gesellschaftlich und schulisch eine intensive Beschäftigung mit dem Thema Ernährung, Gesundheit, Sport und vieles mehr. Es geht nicht nur darum, dass Kinder und Jugendliche das essen sollen und dieses nicht. Wir hören von all diesen Dingen seit so langer Zeit! Jetzt gilt es wirklich, richtig und klug anzusetzen und endlich voranzukommen.“

Prof. Dr. Kurt Widhalm, Kinderarzt und Präsident des Österreichischen Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin


Metadaten
Titel
Ma(h)l was Gesundes kosten?
Publikationsdatum
04.06.2024

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