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04.09.2018 | originalarbeit | Sonderheft 1/2018 Open Access

Wiener Medizinische Wochenschrift 1/2018

Die „Kultur-Hygiene“ des Eduard Reich – Ein Rückblick zur 100. Wiederkehr seines Todesjahres

Zeitschrift:
Wiener Medizinische Wochenschrift > Sonderheft 1/2018
Autor:
ML Univ.-Prof. Dr. Dr. Heinz Flamm
Wichtige Hinweise
Univ.-Prof. Dr. Dr. Heinz Flamm ML ist ehem. Vorstand des Klinischen Instituts für Hygiene der Universität Wien. Die hier angegebene Adresse ist die Privatanschrift.

Zusammenfassung

Entgegen der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steigenden Bedeutung der sich entwickelnden Bakteriologie und der Kenntnis umweltbedingter chemischer und physikalischer Noxen sieht Eduard Reich als Hauptgrund für die Entscheidung zwischen Gesundheit und Krankheit die Funktionen der „Seele“. Davon seien für das normale Leben von Bedeutung: „Tugend“ (das ist Gemeingeist, Pflichterfüllung, Selbsterkenntnis), Vernunft zum Erkennen der Zusammenhänge, Sittlichkeit sowie Nächstenliebe und „Barmherzigkeit“ (soziales Verhalten). Das Ziel der Hygiene sei somit, das Gute zu fördern und das Böse zu verhindern. Sie bewirkt damit Gesundheit, Tugend und Glück, einerseits für den ganzen Menschen oder einzelne seiner Organe andererseits auch für die Gesellschaft. Das Endziel der Hygiene ist für Reich aber nicht bloß die Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Bevölkerung für irgendwelche ökonomische oder militärische Zwecke, sondern auch die Gesunderhaltung der Seele.
Entsprechend den Aufgaben und Zielen der Hygiene teilt Reich diese in vier Gebiete.
Die Moralische Hygiene will mit Hilfe von Erziehung, Unterricht und Religion die durch das Gehirn geleiteten Handlungen, Gemütszustände und Leidenschaften für den Normalzustand regulieren.
Die Soziale Hygiene bemüht sich um das Wohl der ganzen Bevölkerung. Das betraf zu Reichs Zeit besonders Fragen der Arbeit, als deren Grundpfeiler er Moral, Hygiene und Ökonomie erkannt und bearbeitet hat, und damals wie heute auch die Folgen von Migrationen.
Die Diätetische Hygiene, wohl die historisch älteste Aufgabe der Gesundheitserhaltung, kümmert sich um die leiblichen Bedürfnisse des Menschen und den Gebrauch seiner Organe. Hierfür sind Vernunft und Vorsicht, Übung und Mäßigung, also Moral und körperliche Ertüchtigung Voraussetzung. Das Ziel ist nicht nur die Erhaltung der Gesundheit, sondern auch die Erreichung eines hohen Alters in Gesundheit.
Die Polizeiliche Hygiene (Gesundheitspolizei) hat durch Erlass und Sicherung der Einhaltung von Maßnahmen für die Gesundheit des Volkes zu sorgen. Sie muss mit Barmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit vorgehen und, da das Elend ihr ärgster Gegner ist, die falschen Ansichten einer gefühllosen Ökonomie paralysieren. Die Aufgaben der Gesundheitspolizei der einzelnen Verwaltungsregionen sollen Wohlfahrtsräte mit je einem gesetzgebenden und einem vollziehenden Teil übernehmen, und zwar je ein Wohlfahrtsrat für Gesundheit, für Erziehung und für Sicherheit.
Reichs Auffassung von der Hygiene als Ergebnis der Anwendung von Moral und Nächstenliebe im Leben sowohl jedes Einzelnen als auch der ganzen Gesellschaft rechtfertigt deren wieder vergessene Bezeichnung als „Kultur-Hygiene“.
Literatur
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