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Physikalische Therapien sind grob systematisch Modalitäten aus den Bereichen Thermotherapie, Mechanotherapie, Elektrotherapie, Klima- und Balneotherapie sowie Licht- bzw. Phototherapie, die auf die Behandlung von Schmerzen und Funktionseinschränkungen am Bewegungsapparat und aller weiteren Organsysteme sowie von Einschränkungen der Mobilität und Teilhabe abzielen. Teil 1 dieser Serie ist eine kurze Einführung in die Thematik der Elektrotherapie.
Elektrotherapie bedeutet Anwendung von elektrischer Energie in Form von Strom bzw. von elektrischen Reizen zu Behandlungs- bzw. Heilzwecken. Man unterscheidet Niederfrequenztherapie (0–1000 Hz – durch periodensynchrone Erregung „Reizimpuls – Reizantwort“ gekennzeichnet), Mittelfrequenztherapie (1000–100.000 Hz bzw. 1–100 kHz) und die Hochfrequenztherapie (> 100.000 Hz bzw. > 100 kHz). Die konstante Galvanisation (mit analgetischen und die Trophik verbessernden Effekten) wird – obwohl per definitionem ohne Frequenz – gemeinsam mit der Niederfrequenztherapie beschrieben.
Die Niederfrequenztherapie hat analgetische, Trophik-verbessernde und muskeltrainierende Effekte.
Die Mittelfrequenztherapie führt zur reaktiven Depolarisation, wobei bei Frequenzen zwischen 1 und 100 kHz das Membranpotenzial den Spannungsschwankungen nicht mehr folgen kann. Das hat muskeldetonisierende, analgetische und auch resorbierende Effekte.
Die Hochfrequenztherapie führt zur Wärmebildung im Gewebe und wirkt als Thermotherapie (Tiefenwärme).
Vor der Verordnung von Elektrotherapien steht die Anamnese, u. a. nach Kontraindikationen, wie etwa elektronischen Implantaten (Herzschrittmacher [PM], implantierte Kardioverter-Defibrillatoren [ICDs]), Metallen, Anfallserkrankungen, Hautläsionen etc. Außerdem ist die Aufklärung der Patient:innen über die Relevanz der Einhaltung von Sicherheitsvorschriften sowie die Verhaltensinstruktion wichtig. Das Auf- und Abregulieren der Intensität des Stroms erfolgt jeweils in Abstimmung mit den Patient:innen (Feedback).
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Bei der Applikation elektrotherapeutischer Modalitäten sind die gesetzlich festgelegten Sicherheitsbestimmungen, wie u. a. Bedienung der Geräte durch dafür qualifiziertes und in die Geräte eingeschultes Personal sowie Verwendung von Geräten mit entsprechender Bauartzulassung (Medizinprodukte mit dem CE-Konformitätszeichen der Europäischen Union, inklusive der regelmäßigen Funktionsprüfungen und sicherheitstechnischen Kontrollen) in den dafür zugelassenen Räumlichkeiten vorgeschrieben. Bei Anwendung von Gleichstrom bzw. Strömen mit Gleichstromanteilen darf kein direkter Kontakt zwischen Haut und Elektrode erfolgen und sich kein Metall im Durchflussgebiet befinden. Generell muss eine Durchströmung der Herzregion, des Karotissinus sowie der Gebärmutter (bei Schwangeren) vermieden werden.
Niederfrequenztherapie
Niederfrequenztherapie bezeichnet die direkte Anwendung von elektrischer Energie in Form von elektrischem Strom bzw. elektrischen Reizen mit einer Frequenz von 0 bis 1000 Hz zu Heilzwecken. Im Rahmen der Niederfrequenztherapie wird zunächst die sog. konstante Galvanisation (Plattengalvanisation, Zellenbad, galvanisches Vollbad oder Stangerbad und Iontophorese), also eine Gleichstromanwendung ohne Frequenz dargestellt.
Weiters zählt zur Niederfrequenztherapie u. a. die Reizstrom- oder Impulsstromtherapie (Impulsgalvanisation, Exponentialstrom, Frequenzmodulation, Schwellstrom, Bernardsche Ströme oder diadynamische Ströme etc.).
Konstante Galvanisation
Konstante Galvanisation ist die Anwendung von konstantem Gleichstrom (galvanischer Strom) zu Heilzwecken, ohne sichtbare Erregung der Muskulatur mit analgetischer Wirkung, die wahrscheinlich über durch Ionenverschiebung hervorgerufene Konzentrationsänderungen zustande kommt (unter der Anode schmerzdämpfende Wirkung). Die konstante Galvanisation wirkt in erster Linie peripher, das heißt am Ausgangspunkt des Schmerzes analgetisch. Die Erregbarkeit des Zentralnervensystems steigernde Effekte hat man besonders bei aufsteigender Galvanisation (Anlage der Kathode zentral, der Anode peripher); die Erregbarkeit des Zentralnervensystems dämpfende Effekte wiederum bei absteigender Galvanisation (Anlage der Anode zentral, der Kathode peripher). Gefäßerweiternde Effekte der konstanten Galvanisation mit galvanischem Erythem unter der Elektrode können einige Stunden anhalten. Trophik-fördernde Effekte erklären sich durch positive Wirkungen auf Durchblutung und Stoffwechsel.
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Ziele sind u. a. Durchblutungsförderung, Trophikverbesserung sowie Schmerzlinderung und -dämpfung – und manchmal Erregbarkeitssteigerung (wie bei schlaffen Paresen), z. B. vor Applikation einer Reizstromtherapie.
Erregbarkeitsdämpfung erfolgt etwa bei Migräne, Muskelverspannungen, Neuralgien etc. Wegen der Gefahr von Verätzungen dürfen sich keine Metalle (Implantate) und metallische Fremdkörper (Splitter, Projektile etc.) im Behandlungsareal befinden. Weitere Kontraindikationen sind u. a. Hauterkrankungen und -verletzungen im Behandlungsareal, Herzschrittmacher und andere elektronische Implantate im Behandlungsareal, bösartige Tumoren und deren Metastasen im Behandlungsareal, akute infektiöse und eitrige Prozesse, Blutungen oder Blutungsgefahr, sowie Hautareale nach Strahlentherapie. Bei der Plattengalvanisation decken die Elektroden (Platten aus Bleiblech, Zinnblech, Silikongummi, Metallfolien mit Gelbelag, speziellen Harzen, die der Körperform anzupassen sind) das Behandlungsareal großflächig ab.
Iontophorese bezeichnet die Einbringung ionisierter Wirkstoffe, das heißt Salze von Medikamenten (wie Lokalanästhetika, nichtsteroidale Antiphlogistika, Kortikosteroide, Morphin, Vinca-Alkaloide, Hyaluronidase, Histamin, Azetylcholin etc.) mithilfe von Gleichstrom. Positiv geladene Ionen werden dabei von der Anode und negativ geladene von der Kathode aus appliziert. Dies ermöglicht den Transport von „geladenen Medikamenten“ als Ionentransport durch die unverletzte Haut mit kombinierten Effekten …
1.
des galvanischen Stroms und
2.
des eingebrachten Medikaments.
Eigene Untersuchungen zur Pharmakokinetik relativieren allerdings diese lokalen Wirkungen.
Typische Indikationen für die Iontophorese sind u. a. Tendovaginitiden, Epikondylitiden, Periarthritiden wie Periarthropathia humeroscapularis (calcarea), Fersensporn bzw. Fasciitis plantaris, Styloiditis radii et ulnae, Zervikalgien, Lumbalgien, Omarthralgien und Gonarthralgien sowie – ganz typisch – Keloide (hier Jodiontophorese) etc.
Iontophorese kann zu Hautverätzungen und bei sehr großen Elektroden und langen Behandlungszeiten auch zu systemischen Effekten des Pharmakons führen. Kontraindikationen sind u. a. Überempfindlichkeiten bzw. Allergien gegen das verwendete Pharmakon sowie die allgemeinen Kontraindikationen der konstanten Galvanisation.
Beim hydroelektrischen oder hydrogalvanischen Vollbad (Stangerbad) werden Kunststoffwannen mit Elektroden an den Wänden und der Möglichkeit der Längs- oder Querdurchflutung verwendet. Die typische Indikation ist der Morbus Bechterew.
Beim Zellenbad (hydroelektrisches Teilbad) erfolgt der Einsatz von Wasserwannen (Zellen) mit Elektroden als Ein- oder Zweizellenbad, das heißt die Kombination mit einer großen Plattenelektrode als segmentale Gegenelektrode bei einer Wassertemperatur von etwa 35 bis 37 Grad oder als Vierzellenbad mit Wannen für alle vier Extremitäten mit auf- bzw. absteigender Polung, u. a. zum Einsatz bei Polyneuropathien.
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Reizstrom- oder Impulsstromtherapie
Die Reizstromtherapie (mit unterbrochenem Gleichstrom) beschreibt analgesierende Stromformen, die Muskelkontraktionen hervorrufen. Hierzu gehören Impulsgalvanisation, Exponentialstrom, Schwellstrom und Bernardsche Ströme oder auch diadynamische Ströme. Reizstrom wird teilweise in der physikalischen Diagnostik und häufig in der physikalischen Therapie angewandt. Die Impulsströme können als Einzelimpulse (z. B. Exponentialstrom, zur Stimulation denervierter Muskulatur) oder als Impulsserien (z. B. Schwellstrom, zur Stimulation innervierter Muskulatur, neuromuskuläre Elektrostimulation [NMES]) appliziert werden.
Impulsgalvanisation, die Applikation von gepulstem Gleichstrom zu Heilzwecken, hat muskeldetonisierende, analgesierende (neben peripheren analgetischen Effekten wirkt sie auch auf segmentaler Ebene durch Beeinflussung von Schmerzbahnen) sowie durchblutungsfördernde Effekte. Die Impulsgalvanisation 30/50 (IG 30/50) kommt vor allem bei Durchblutungsstörungen der Extremitäten zum Einsatz. Die Impulsgalvanisation 50/70 (IG 50/70) ist vor allem bei muskulär bedingten Schmerzen wie Muskel-Hartspann, Zervikalgien, Dorsalgien, Lumbalgien bzw. Lumboischialgien indiziert.
Die transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS) dient der Schmerztherapie. Diese elektrophysikalische Reizstromtherapie erfolgt mit mono- oder meist biphasischen (Wechselstrom‑)Rechteckimpulsen niedriger Frequenz (ca. 2–4 Hz, Low-frequency-TENS) oder hoher Frequenz (ca. 80–100 Hz, High-frequency-TENS). Diese Stromformen können als konstante Impulsfolge von Rechtecknadelimpulsen oder als unterbrochene Impulsfolgen (Burst-TENS) über Elektroden auf die Hautoberfläche appliziert werden mit dem Therapieziel der Beeinflussung von Schmerzafferenzen (u. a. Verringerung oder Verhinderung im Sinne einer Blockade der Schmerzweiterleitung zum Gehirn und Erhöhung der Schmerzschwelle). Mit Frequenzen von 70 bis 100 Hz (High-frequency-TENS) sollen einerseits (durch Reizung rasch leitender A‑Delta-Fasern) entsprechend der Gate-Control-Theory körpereigene Hemmmechanismen für die Schmerzfasern im Rückenmark aktiviert werden und andererseits absteigende hemmende Nervenbahnen angeregt und die Endorphinfreisetzung auf Hinterhornebene gesteigert werden. Mit Frequenzen um 2–4 Hz, also Low-frequency-TENS sollen die Aktivitäten afferenter, langsam leitender C‑Fasern im gleichen Segment vermindert und endogene Endorphinsysteme aktiviert werden.
Indikationen sind Schmerzsyndrome des Bewegungs- und Stützapparats wie Tendomyopathien, wie z. B. Tennisarm, Golfellenbogen, Achillodynie, Fersensporn, Arthrosen und degenerative Wirbelsäulensyndrome, Neuralgien, Radikulopathien (wie z. B. nach Bandscheibenvorfall), Mononeuropathien (wie z. B. Karpaltunnelsyndrom), Polyneuropathien, Kiefergelenkdysfunktionen, Stumpf- und Phantomschmerz, postoperative Schmerzen sowie gynäkologische Schmerzsyndrome wie Pelvic Pain.
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Die Schmerztherapie mit TENS ist auch als Heimtherapie sehr gebräuchlich und effizient rezeptierbar. TENS der Lendenwirbelsäule ist z. B. auch in der Spätschwangerschaft, in der Lumbalgien sehr häufig sind, als Alternative zur medikamentösen Therapie sicher einsetzbar. Kontraindikationen der TENS sind jene der Niederfrequenztherapie, wie u. a. Herzschrittmacher (PM) im Behandlungsfeld, implantierter Kardioverter-Defibrillator (ICD) und andere moderne elektronische Implantate im Behandlungsfeld, nicht oder schlecht eingestellte Anfallserkrankungen, Fieber, akute und eitrige Entzündungen, Tuberkulose, Hautläsionen im Elektrodenbereich, direkt über dem schwangeren Uterus bzw. über Akupunkturpunkten, die zur Geburtseinleitung verwendet werden können, lokal über Varizen, frischen Thrombosen oder über Thrombophlebitiden, gravierende Sensibilitätsstörungen, floride Hauterkrankungen, Psoriasis wegen der Gefahr der Provokation eines Schubs, Blutungsneigung bzw. Antikoagulation, mangelnde Compliance etc.
Exponentialstrombehandlung ist die Applikation langer Dreieckimpulse zu Heilzwecken mit selektiver Reizung und Stimulation peripher gelähmter Muskulatur zur Prophylaxe bzw. Verhinderung einer degenerativen Atrophie. Die Behandlung führt zur Reinnervation, Trophikverbesserung und Durchblutungssteigerung. Durch die speziellen Dreieckimpulse wird primär die akkommodationsgestörte, peripher gelähmte Muskulatur stimuliert mit direkter Aktivierung der betroffenen und ohne Kontraktion der normal innervierten Muskulatur. Die Exponentialstrombehandlung erfolgt im Idealfall zweimal pro Tag, institutionell oder als Heimtherapie.
„Schwellstrom“ oder neuromuskuläre Elektrostimulation normal innervierter Skelettmuskulatur ist eine Muskelkräftigungsmethode durch elektrische Stimulation der motorischen Nervenfasern und der motorischen Endplatte mit Applikation über den verschmächtigten bzw. atrophierten Muskeln. Damit können – je nach Frequenz – Kraft, mit höherer Stimulationsfrequenz, und/oder Ausdauer, mit niedriger Stimulationsfrequenz, stimuliert und trainiert werden. Schwellstrom ersetzt bei Gesunden kein aktives Muskeltraining, kann aber unterstützend zur Muskelkräftigung eingesetzt werden.
Als Indikationen gelten Muskelkräftigung bei immobilisierten Patient:innen, wie etwa postoperativ oder auf Intensivstationen, oder bei Patienten, die aktiv nicht trainieren dürfen, z. B. aufgrund höhergradiger Herzinsuffizienz, sowie bei Schmerzen aufgrund zu schwacher Rückenmuskulatur, aber auch zur Durchblutungssteigerung bei peripheren Durchblutungsstörungen.
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Bernardsche Ströme bzw. diadynamische Ströme bestehen aus einzelnen Gleichstromimpulsen und einer konstanten Galvanisation und entstehen durch Veränderung von sinusförmigem Wechselstrom mit zusätzlicher Applikation einer konstanten Galvanisation in unterschwelliger Dosierung. Hierzu gehören u. a. die „Monophase fixe, Diphase fixe, modulé en courtes periodes, modulé en longues periodes“ und „rhythme syncope“. Ihre Indikationen sind u. a. Schmerzlinderung, Resorptionsförderung nach Weichteiltrauma, muskuläre Detonisierung und Dämpfung des Sympatikotonus.
Die funktionelle Elektrostimulation (FES) und Neuromodulation dienen der gezielten Verbesserung der Bewegungsfunktion bei Querschnittlähmung. Im Rahmen der Betreuung dieser Patient:innen können Methoden der funktionellen Elektrostimulation (FES) und Neuromodulation zur gezielten Verbesserung von Bewegungsfunktionen angeboten werden. Im multidisziplinären Team aus Spezialist:innen der Physikalischen Medizin, Neurologie, Sportphysiologie und Ingenieurswissenschaften können detaillierte individuelle Funktionsprofile erhoben und wirksame therapeutische Maßnahmen geplant und in ihrer Anwendung überwacht werden.
Das Rückenmark sendet auch ohne Steuerung durch das Gehirn motorische Signale aus, die in Bewegungen umgesetzt werden können, was auch bei einer Querschnittlähmung zum Tragen kommt. Verantwortlich dafür sind Nervenverbände distal der Läsion, die Signale nach bestimmten Mustern bis hin zu rhythmischen Bewegungen in den Beinen erzeugen können. Dies kann in automatisierten Bewegungsabläufen ebenso wirksam werden wie unterhalb einer Rückenmarkverletzung, in als Spasmen bezeichneten ungewollten Bewegungen. Wie ausgeprägt solche veränderten Bewegungsmuster sind, hängt maßgeblich von noch verbliebenen bzw. verlorenen Nervenbahnen über der Verletzungsstelle ab. Diese Veränderungen sind sehr individuell ausgeprägt. Testverfahren wie das Brain Motor Control Assessment ermöglichen über nichtinvasive elektrische Stimulation nervaler Strukturen am Rückenmark eine genaue Analyse von Restfunktionen und bewegungsstörender Spastik und damit eine wesentlich verbesserte Planung und begleitende Kontrolle von Maßnahmen zur Bewegungsrehabilitation. Zusätzlich kann diese Stimulation über Elektroden an der Hautoberfläche für gezielte Bewegungsunterstützung und Beeinflussung der Spastik eingesetzt werden. Abhängig vom Verletzungsausmaß kann das zu wesentlichen Verbesserungen in den Bewegungsfunktionen und insgesamt zu einer verbesserten Lebensqualität bei Querschnittlähmung führen.
Mittelfrequenztherapie
Mittelfrequenztherapie ist eine Reizstrombehandlung mit sinusförmigen Wechselströmen im Frequenzbereich von 1 bis 100 kHz zu Heilzwecken. Der Angriffspunkt ist hier direkt an der Membranstruktur mit der „reaktiven Depolarisation“, denn bei Frequenzen zwischen 1 und 100 kHz kann das Membranpotenzial den Spannungsschwankungen nicht mehr folgen. Zur Aufrechterhaltung der Erregungswirkung muss der Strom dabei ständig moduliert werden. Die Modulation der Mittelfrequenzströme erfolgt durch einkreisige, amplitudenmodulierte Mittelfrequenzströme sowie durch zweikreisige Interferenzströme. Es gibt die statische Interferenz, die dynamische Interferenz und die stereodynamische Interferenz. Das Wymoton-Verfahren sind Sinusströme von 11 kHz, die langsam amplitudenmoduliert (Tonisierungsprinzip nach Senn) und über drei Elektroden als Drehstrom mit möglichst homogener Stromverteilung im Gewebe angewandt werden. Indikationen können Detonisierung, also Muskelentspannung, aber auch Muskelkräftigung und Innervationsschulung sein.
Vorteile der Mittelfrequenztherapie sind die kapazitive Überbrückung der Haut mit sensibler Entlastung und besserer Tiefenwirkung sowie die Anwendbarkeit bei metallischen Implantaten und Fremdkörpern. Mittelfrequenztherapie führt durch Reizung erregbarer Strukturen mit Detonisierung hypertoner Muskulatur (motorisch leicht überschwellig) zur Tonisierung hypotoner Muskulatur (motorisch stark überschwellig), Analgesierung (Verdeckungseffekt und Muskeldetonisierung) und Resorptionsverbesserung nach Traumata, Hämatomen und Ergüssen.
Hochtontherapie
Die sog. Hochtontherapie (Hochton Elektrische Muskelstimulation, HTEMS) ist eine mittelfrequente Muskelstimulation mit mittelfrequentem, d. h. metallkompatiblem Wechselstrom, dessen Frequenz zwischen etwa 4000 und 33.000 Hz variiert und der zusätzlich simultan amplitudenmoduliert ist. Die Elektrodenanlage erfolgt an den Oberschenkeln, Waden und/oder Fußsohlen. Die Dosierung soll an den Oberschenkeln zur Muskelkontraktion führen, im Unterschenkel- und Fußbereich sollen die Patient:innen subjektiv ein Kribbeln spüren.
Die Hochtontherapie zielt auf Symptomlinderung mit Verminderung von Brennen, Schmerzen und Taubheitsgefühlen, also auf eine Schmerzreduktion ab. Dies ist vor allem bei diabetischer Polyneuropathie beschrieben, bei der die Effekte auch zur Verbesserung des Nachtschlafs, Abnahme des Körpergewichts, Verbesserung des HbA1c, Verbesserung der mikrovaskulären endothelialen Funktion, positiven Veränderungen systemischer Immunparameter und besserer Gewebsregeneration führen können. Die Hochtontherapie ist auch als Heimtherapie rezeptierbar.
Hochfrequenztherapie
Hochfrequenztherapie ist die therapeutische Anwendung von Wechselströmen mit einer Frequenz von über 100 kHz zu therapeutischen Zwecken. Sie umfasst die Arsonvalisation, Diathermie, Kurzwellentherapie, Mikrowellentherapie und Dezimeterwellentherapie.
Arsonvalisation
Die Arsonvalisation wurde nach Jacques-Arsène d’Arsonval (französischer Physiker) benannt und ist eine Behandlung mit Hochfrequenzströmen mit kurzdauernden Hochfrequenzimpulsen hoher Spannung und Büschelentladungen einer Therapieelektrode. Diese wirken auf der Haut als Prickeln bis zum starken Hautreiz mit Muskelkontraktion. Ziele sind Schmerzlinderung, Verbesserung von Durchblutung und Stoffwechsel, allgemeine Aktivierung und Aktivierung der Muskulatur. Die Arsonvalisation wird heute fast nurmehr in darauf spezialisierten Zentren (wie „Hochvolttherapie“ im Nuhr-Zentrum, Senftenberg) eingesetzt.
Diathermie
Diathermie oder Wärmedurchdringung bzw. Hochfrequenzthermotherapie bezeichnet die Erzeugung von Wärme im Körpergewebe durch hochfrequenten elektrischen Strom. Die Diathermie wird entweder über Hautelektroden, die mit einer Hochfrequenzquelle verbunden sind, oder über eine Antenne, die an einen Generator angeschlossen ist, appliziert.
Die Hochfrequenztherapie zur Erwärmung tiefer liegender Gewebeschichten wird mit Frequenzen von 27,12 MHz (Wellenlänge von 11 m) als Kurzwellentherapie, mit 433,92 MHz (Wellenlänge von 69 cm) als Dezimeterwelle und mit 2450 MHz (Wellenlänge von 12,5 cm) als Mikrowelle bezeichnet. Mittels Variationen von Applikationsart, Therapiefrequenz und der Elektroden werden unterschiedliche Erwärmungsmuster erreicht.
Die Effekte der Hochfrequenztherapie umfassen vor allem thermische Wirkungen als bewiesenen Wirkungsmechanismus sowie auch Viskositätsänderungen der Synovialflüssigkeit. Durch lokale Erwärmung soll die Hochfrequenztherapie zur Analgesierung, Detonisierung quergestreifter Muskulatur und über Reflexbögen zur Detonisierung glatter Muskulatur, verbesserten Durchblutung, verbesserten Trophik, antiphlogistischer Wirkung bei chronisch-proliferativen Entzündungen, Verbesserung der Viskoelastizität kollagenen Bindegewebes sowie zur Verbesserung der Resorption im Gewebe führen.
Indikationen/Kontraindikationen der Hochfrequenztherapie
Typische Indikationen können daher u. a. sein: vertebragene Schmerzsyndrome wie Zervikalgie, Dorsalgie, Lumbalgie, Lumboischialgie sowie Arthrosen, Periarthropathia humeroscapularis (calcificans), Epikondylopathien, Insertionstendopathien, Bursitiden und Bursopathien, Myotendinosen, Gelenk- und Weichteilprellungen, Muskelzerrungen, Achillodynie, rheumatologische Indikationen (wie z. B. rheumatoide Arthritis, Spondylitis ankylosans [CRPS], „Morbus Sudeck“), dermatologische Indikationen (wie Furunkel, Schweißdrüsenabszesse, Panaritien, Narbenkontrakturen), pulmologische Indikationen, wie Bronchitis, pneumonische Restinfiltrate (Cave: TBC!) und pleuritische Exsudate, Gallengangdyskinesien, periphere arterielle Durchblutungsstörungen (hierbei keine lokale Wärmetherapie, sondern wirbelsäulennahe segmentale Applikation), Adnexitis, Parametritis, Endometritis, Prostatitis, Zustand nach Zahnextraktion, Zahnfisteleiterungen, Sinusitis (frontalis, maxillaris), Pharyngitis, Laryngitis.
Dass die Hochfrequenztherapie in diesen Fällen – wenn überhaupt – nur additiv im Rahmen eines diagnostischen State-of-the-Art-Konzepts eingesetzt werden darf, ist selbstredend.
Kontraindikationen der Hochfrequenztherapie resultieren aus dem thermotherapeutischen Effekt (aus der Erwärmung) sowie aus den starken elektromagnetischen Feldern. Sie umfassen typische Kontraindikationen der Thermotherapie und der Elektrotherapie:
Als absolute Kontraindikationen gelten u. a. Gravidität, Metalle, Herzschrittmacher, implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) und vergleichbare moderne Implantate, Insulinpumpen, IUD, Sensibilitätsstörung im Bereich des zu behandelnden Areals, akutes komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS), Tuberkulose, chronische Otitis media, Thrombophlebitis, Thrombose, Vaskulitis, Ischämiegefahr, Hautulzerationen, Erkrankungen des hämatopoetischen Systems, akute Neuralgien und Neuritiden sowie direkte Augenbestrahlung bei der Mikrowellentherapie.
Die relativen Kontraindikationen umfassen u. a. Fieber und akute Entzündungen, bakterielle Entzündungen sowie Tumorerkrankungen.
Kurzwellentherapie als gebräuchlichste Form der Hochfrequenztherapie hat eine Frequenz von 27,12 MHz und eine Wellenlänge von 11 m. Effekte sind eine Wärmewirkung bis zu einer Tiefe von 6 bis 8 cm. Sie wird als Kondensatorfeldmethode, als Induktivelektrode oder als Spulenfeld ausgeführt.
Typische Indikationen sind degenerative Erkrankungen des muskuloskeletalen Systems, chronische Neuralgien oder Myalgien, chronisch-entzündliche Erkrankungen innerer Organe wie Gallenblase, Niere, Lunge, Adnexe (durch die Tiefenwärme tonussenkende Wirkung bei Koliken – Cave: nur auf dem Boden der State-of-the-Art-Diagnostik und Therapie!) sowie oberflächliche Entzündungen der Haut (Furunkel, Karbunkel, Schweißdrüsenabszesse, Sinusitis).
Typische Kontraindikationen stellen u. a. Gravidität, schwere Sensibilitätsstörungen, Blutungen und Blutungsgefahr, maligne Tumorerkrankungen, Metallimplantate im Behandlungsfeld etc. dar.
Metallgegenstände (u. a. auch Hörgeräte, Piercings etc.), feuchte Kleidung und Gewebe sowie jene aus Perlon, Nylon etc. sind vor der Therapie abzulegen, der Körper ist abzutrocknen, und eine Elektrodenverkantung sowie eine Stellungsveränderung der Patient:innen müssen zur sicheren Applikation vermieden werden.
Infobox
In Rahmen dieser Serie führt Univ.-Prof. Dr. Richard Crevenna, Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin, Medizinische Universität Wien, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation (ÖGPMR) in die unterschiedlichen Therapieformen ein, die unter dem Begriff „regenerative physikalische Therapien“ zusammengefasst werden: Elektrotherapie, Thermotherapie, Mechanotherapie, Klima- und Balneotherapie sowie Licht- bzw. Phototherapie.
Empfehlung als weiterführende Literatur: Crevenna R. Physikalische Medizin und Rehabilitation – Ein Kurzlehrbuch. Facultas/Maudrich 2018, ISBN-13 978-3708914091.
R. Crevenna gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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