Gefäße? Vergisst man gern. Bis sie sich zu Wort melden
- 20.11.2025
- Diagnostik in der Angiologie
- Zeitungsartikel
Gefäße melden sich selten. Sie arbeiten still und unauffällig –, bis sie plötzlich laut werden. Als offenes Bein. Als reißende Aorta. Als Notfall. Trotz moderner Medizin bleibt die Vorsorge miserabel: Nur ein Bruchteil der Menschen über 60 lässt seine Gefäße kontrollieren, obwohl ein Ultraschall oft über Leben und Tod entscheidet. Nach den Gefäßgesundheitstagen will das Gefäßforum den Blick verändern: Weg von der Reparaturmedizin, hin zur Vorsorge. Denn Gefäße bestimmen mehr Gesundheit, als wir glauben.
Raoul Mazhar | Midjourney
Gefäße sind stille Zeitgenossen. Sie pumpen, transportieren, versorgen – und beschweren sich nicht. Sie meckern nicht bei zu viel Nikotin, zu wenig Bewegung, bei Fett im Blut oder Zucker auf Dauerstress. Bis sie plötzlich Alarm schlagen.
Dann aber mit einem ordentlichen Knall: Offenes Bein. Aortendissektion. Schlaganfall. Amputation. Oder gerade noch rechtzeitig Ultraschall und Rettung.
Das Problem: Gefäßerkrankungen sind keine glamourösen Krankheiten. Sie tun oft nicht weh, sie schreien nicht, sie zeigen sich erst, wenn es spät ist – manchmal zu spät. Genau das will das Gefäßforum Österreich ändern. „Wir wollen weg von der Reparaturmedizin“, sagt Prim. PD Dr. Afshin Assadian. Und weiter: „Vorsorge kann Schicksale verändern.“
Die Botschaft ist bitter nötig. Allein in Österreich sind über 70.000 Menschen von einem Bauchaortenaneurysma betroffen – einer gefährlichen Erweiterung der Bauchschlagader, die im schlimmsten Fall unbemerkt platzt, was in 90 Prozent der Fälle tödlich endet, wenn es nicht rechtzeitig erkannt wird. Die Vorsorge verlangt nicht mehr als ein paar Minuten Zeit, ein bisschen Ultraschall – und die Einsicht, dass man vielleicht nicht unverwundbar ist.
Während die Herzgesundheit medial gut vertreten ist, führt die Gefäßgesundheit ein Schattendasein. Dabei geht es nicht um Lifestyle, sondern um Lebensqualität – und ums blanke Überleben. Die „Screeningtage für Aortenaneurysmen“ im September sollen das ändern. Kostenlose Untersuchungen, niederschwelliger Zugang, konkrete Hilfe – und ein Weckruf an alle über 60, besonders an Männer und Raucher.
Aber Gefäße können noch ganz anders nerven. Zum Beispiel lang, schmerzhaft und übel riechend: chronische Wunden am Bein, medizinisch Ulcus cruris genannt. Über Wochen, Monate, manchmal Jahre offen, oft als Schicksal hingenommen – trotz moderner Therapien. „Nicht oder nur schlecht heilende Wunden werden oft als Schicksal betrachtet“, sagt das Gefäßforum in einer Aussendung zum neuen ‚Wundkränzchen‘ – einem Treffpunkt für Betroffene und Angehörige.
Bewahrt Euch die Lebensfreude!
Die Ursachen? Meist kaputte Gefäße. Venöse Schwäche, arterielle Verschlüsse, Diabetes – mit dem Ergebnis, dass die Wunde nicht heilen kann, weil das Blut, das Gewebe und Immunsystem versorgen soll, schlicht nicht mehr ankommt. Schmerzhaft, sozial belastend, teilweise auch psychisch verheerend.
Gefäßgesundheit heißt aber nicht nur Vorsorge und Therapie – sie bedeutet auch Lebensqualität. Wer schlecht durchblutete Beine hat, kann nicht mehr spazieren, keine Treppen steigen, nicht mehr einkaufen, keine Enkel tragen. Jede Bewegung wird mühsam, jeder Schritt zur Qual. Viele ziehen sich zurück, verlieren Selbstständigkeit, soziale Kontakte, Lebensfreude. Dabei wäre vieles vermeidbar – mit rechtzeitiger Behandlung, mit Bewegung, Rauchstopp, guter Einstellung von Blutdruck und Diabetes. Und vor allem: mit Bewusstsein.
Akte X: Aortendissektion
Denn die Gefäße sind das Verkehrssystem unseres Körpers – 100.000 Kilometer feinster Röhrchen, vom Herz bis in die Zehen. Wenn irgendwo ein Stau entsteht, merkt man das – im Herz als Infarkt, im Gehirn als Schlaganfall, im Bein als offenes Geschwür. Und doch reden wir viel zu selten darüber. „Das Herz kennt jeder“, sagt Assadian. „Aber kaum jemand weiß, was eine Aortendissektion ist. „Dabei ist sie einer der dramatischsten Notfälle überhaupt –, wenn die Hauptschlagader plötzlich aufreißt und der Körper buchstäblich aufhört zu funktionieren.
Auch psychologisch sind Gefäßerkrankungen eine Herausforderung. Viele Betroffene mit chronischen Wunden oder amputationsbedrohten Beinen schämen sich. Sie verstecken sich, vermeiden soziale Kontakte, vernachlässigen ihre Gesundheit – aus Angst, Unwissen oder falscher Scham.
Umso wichtiger werden Angebote wie das „Wundkränzchen“ oder neue Selbsthilfegruppen: Orte, an denen Wissen, Verständnis und praktischer Rat zusammenkommen.
Das Gefäßforum Österreich – online direkt erreichbar unter der URL www.gefaessforum.at – versucht daher, das Thema neu aufzuladen – emotional, menschlich, verständlich. Mit Kampagnen, prominenten Unterstützern, Podcasts, Videoformaten („Gefäßmedizin in 60 Sekunden“) und Veranstaltungen für Betroffene. Vor allem aber mit einer einfachen Botschaft: Es gibt fast immer Hilfe –, wenn man früh genug hingeht.
Gefäßvorsorge ist keine Moralpille, sondern medizinische Vernunft. Sie ist kein erhobener Zeigefinger, sondern ein Rettungsanker. Und sie ist keine Bürde, sondern eine Möglichkeit, lange gesund zu bleiben. „Man lässt sein Auto jährlich durchchecken –, aber sein Gefäßsystem ignoriert man ein Leben lang“, sagt Assadian. Höchste Zeit, das zu ändern.
Denn Gefäße sind Leben. Sie versorgen jedes Organ, jede Körperzelle, jede Bewegung, jeden Gedanken. Sie sind das Fundament unserer Gesundheit – still, unsichtbar, unverzichtbar. Und genau deshalb sollten wir ihnen zuhören, bevor sie schreien.
Weitere Informationen:
Dr. Miriam Kliewer FÄ für Allgemein- und Gefäßchirurgie, Endovaskuläre Chirurgin, Leitende Oberärztin, 1. Chirurgische Abteilung, Klinik Ottakring Wien
Fotostudio Interphoto
Wir wissen, wie ein Herzinfarkt aussieht, aber kaum einer kennt Aortendissektionen
Ein Herzinfarkt oder Schlaganfall kündigt sich oft mit Warnzeichen an, doch Aneurysmen oder Durchblutungsstörungen bleiben lange unbemerkt. Viele Menschen fühlen sich gesund –, bis ihre Gefäße plötzlich versagen. Genau diese stille Gefahr macht Gefäßerkrankungen so heimtückisch, erklärt Prim. Dr. Afshin Assadian.
Ärzte Woche: Herr Dr. Assadian, Sie sagen oft: Gefäße sind still –, bis sie explodieren. Was meinen Sie damit?
Afshin Assadian: Gefäßerkrankungen entwickeln sich meist lautlos. Ein Herzinfarkt kündigt sich oft mit Schmerzen an, ein Schlaganfall mit Warnzeichen. Aneurysmen oder Durchblutungsstörungen zeigen hingegen lange keine Symptome. Viele Patientinnen und Patienten fühlen sich gesund –, bis die Gefäße plötzlich versagen. Und wenn ein Bauchaortenaneurysma platzt, bleibt kaum Zeit zu reagieren.
Ärzte Woche: Warum sind Menschen immer noch so schlecht über Gefäße informiert –, obwohl Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Todesursache Nummer eins sind?
Assadian: Weil Gefäße abstrakt sind. Man sieht sie nicht, man spürt sie nicht – und man redet nicht darüber. Wir wissen, wie ein Herzinfarkt aussieht, aber kaum jemand weiß, was eine Aortendissektion ist.
Dabei geht es um Leben und Tod. Das Gefäßforum versucht, die Sprache zu ändern. Weg von medizinischen Fachbegriffen hin zu verständlicher Kommunikation.
Wir setzen dabei auf Podcasts, Videos, Info-Veranstaltungen und Aufklärung in der Alltagssprache. Und wir zeigen: Ein Ultraschall kann manchmal mehr bewirken als zehn Tabletten.
PD Dr. Afshin Assadian Wissenschaftlicher Sprecher Gefäßforum Österreich, Vorstand Gefäßchirurgie, Klinik Ottakring Wien
privat
Ärzte Woche: Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Menschen über 60?
Assadian: Ich sage immer: Man lässt sein Auto jährlich durchchecken – aber sein Gefäßsystem ignoriert man ein Leben lang. Vorsorge ist nicht Kontrolle, sie ist Chance.
Wer Risikofaktoren hat – Rauchen, Diabetes, Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte, familiäre Vorbelastung –, sollte zur Gefäßabklärung gehen. Das dauert fünf Minuten. Vielleicht findet man nichts. Oder man findet etwas – rechtzeitig. Und das macht den Unterschied zwischen gesund altern und plötzlich schwer krank sein. Denken Sie daran: Ihre Gefäßgesundheit ist auch Ihre Zukunftsvorsorge.