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Ärzte Woche

23.03.2022

Anna Meyer: Der Schmelz der Farben

verfasst von: Katja Uccusic-Indra

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In Anna Meyers bunten Bildern bilden Klimakrise, harte feministische Kritik und ihr spezieller Humor einen farbenfrohen Kosmos.

Betritt man Anna Meyers Atelier im vierten Wiener Gemeindebezirk, taucht man in den farbenfrohen Kosmos ihrer Bilder ein. Gelbe Lösch-Flugzeuge, Hausfassaden, die in Regenbogentönen schimmern, und Kinder mit undefinierbarer Hautfarbe in bunten Kleidern bevölkern ihre großformatigen Werke. Die blonde Schweizerin trägt ein schwarzes T-Shirt, auf das ihr Weltschmelz-Männchen gedruckt wurde.

Für das Bild mit dem Mädchen, das keines ist, hat sie wie bei vielen ihrer Werke extra ein Modell gebaut. Das Klimakind ist „non binary“ ( weder eindeutig männlich noch weiblich ) und steht auf einem Sockel zwischen anderen Skulpturen, seine Haut hat verschiedene Schattierungen von dunkel bis hell, im Hintergrund die neu eröffnete Nationalgalerie in Berlin. Themen wie die Denkmal-Diskussion und die Coloured-People-Debatten spielen mit hinein. Einige der Plastiken auf Anna Meyers Arbeit gibt es zwar wirklich, aber sie sind verändert, werden zu Klima-Skulpturen, teilweise zerfließen sie wie die Gletscher ihres „Weltschmelz“-Projekts.

Die große Weltschmelz-Geschichte

Ihre beeindruckenden Gletscherbilder hat sie mit Ölfarben auf Aluminium gemalt. „Da überschneidet sich das Klimathema mit der Gletscher-Geschichte vor Ort. Es geht auch um den Gletscher als Ursprung der Welt“, erklärt die engagierte Künstlerin. Die Weltschmelz-Geschichte hat sie vor drei Jahren begonnen, 2020 wurden dann die ersten Bilder auf dem Großglockner bei der Hochalpenstraße aufgestellt. Auf dem Werk „Ursprung der Welt“ steht „Ehre meine Vulva, denn da kommst du her.“ Es zeigt den Gletscher als Wunde, zerschundenen Leib und kaputten Planeten. Es ist auch als feministische Kampfansage zu verstehen, die Klimakatastrophe und Patriarchat zusammenhängt: Der CO₂-Fußabdruck von Männern ist deutlich größer als der von Frauen.

Auf einem anderen sind die Worte „Planet Too“ zu lesen: Gemeint ist, was die Menschen dem Planeten antun. Wortspiele und Links zu verschiedenen politischen Themen findet man immer wieder bei der 1964 im Schweizer Schaffhausen geborenen Malerin. „Bei mir haben die Bilder immer mehrere Ebenen: Einerseits das, was man sieht, andererseits die Andeutungen, die in verschiedene Richtungen gehen“, sagt Meyer. Beim Gletscherprojekt ist das Tolle, dass die Bilder tatsächlich auf 1.600 Meter stehen und Touristen sich diese mit den anderen Schaubildern vor Ort ansehen können. Die Werke sind auf denselben Holzpulten wie Landkarten montiert und nehmen zur Landschaft Bezug. Im Winter werden sie abmontiert, im Frühling putzt und renoviert die Künstlerin die Arbeiten, dann werden sie wieder auf den Berg gebracht. „Besonders spannend war, dass ich Landschaftsmalerei, Klimaaspekt und aktuelle politische Themen vereinen konnte“, erklärt die Künstlerin.

Für die Gletscherbilder war sie oft am Großglockner und hat zahlreiche Fotos und Skizzen gemacht. Sie verwendet nie einen Projektor, weil das das Bild-Bauen zerstören würde, sondern lässt ihrer Fantasie freien Lauf. „Es kommen oft irreale Momente dazu. Was mir auch wichtig ist: Ich versuche nicht, mit dem moralischen Zeigefinger daherzukommen, sondern auf verschiedenen intellektuellen Ebenen Humor einfließen zu lassen. Es gibt Anstöße, die provozieren, aber Raum geben, dass sich die Betrachterinnen ihr eigenes Denkbild bauen.“ Die Malerin möchte nicht ideologisch sein, sondern die Themen offen über die Kunst verschmelzen.

Anlässlich Meyers letzter Ausstellung „Hopesters“ im Herbst 2021 in der Berliner Galerie Haus am Lützowplatz wurde ein umfassender Katalog mit ihren Arbeiten herausgebracht. Von den Gletschern über ihre Fahnen bis zu ihren feministischen Arbeiten bietet dieser einen vertiefenden Einblick in ihr Werk.

Ein wichtiges Thema für Meyer sind auch Aktionen gegen rechts. Für das Projekt „Diktatur des Likens“ fabrizierte sie Fahnen mit antifaschistischen Symbolen, eine davon wurde dann 2015 aus dem Fenster der Galerie 3 in Klagenfurt gehängt. „Diese Arbeiten beziehen sich spezifisch auf politische Ereignisse oder begleiten diese mit“, sagt Anna Meyer. Die beiden Fahnen „Line of Fire“ und „Miteinander Gegeneinander“ wurden 2018 auf die Außenrahmen der Fenster ihrer Wiener Galerie Krobath montiert. Für diese Arbeiten hat sie die Leinwand grundiert, an die Wand getuckert und bemalt, aber nicht aufgespannt. Sie zeigt auf eine andere Fahne im Katalog: „Diese war in Berlin zu sehen, ich habe sie vor Ibiza gemacht, da ging es um Rechtspopulismus. Die Ibiza-Affäre ist danach passiert.“ Andere tragen Titel wie „Postfaktivistinnen“ oder „Das Kreuz mit der SPD“: Diese hat Meyer zwei Jahre vor den Wahlen gemalt und ausgestellt, als die deutsche Partei ganz schlechte Werte hatte. Später wurde die Fahne wurde bei einer Wahlveranstaltung gezeigt – und die SPD hat dann gewonnen. „Praktisch ist, dass man die Fahnen einrollen und überall hin mitnehmen kann, auch im Koffer im Flugzeug“, sagt die Künstlerin. Es gibt ein Modell von Sebastian Kurz aus dem Jahr 2018, das „Kurz, Kurzer, am Kurzesten“ heißt und den Ex-Kanzler mit riesigen Ohren und einem Hakenkreuz-Button hinter einem Stoppschild zeigt.

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Metadaten
Titel
Anna Meyer: Der Schmelz der Farben
Publikationsdatum
23.03.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 11/2022