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Der Raum hinter der Linse: Patient:innen-Erleben des online-therapeutischen Raums und Körpers

  • Open Access
  • 01.04.2026
  • originalarbeit

Zusammenfassung

Die Rolle des Körpers in der Psychotherapie wurde bislang primär in analogen Settings untersucht. Die vorliegende qualitative Sekundäranalyse untersuchte sechs Patient:inneninterviews, um das Erleben online-therapeutischer Prozesse während der COVID-19-Pandemie im ambulanten Setting zu explorieren. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring.
Die Ergebnisse zeigten zentrale Spannungen: Patient:innen berichteten von gesteigerter emotionaler Konzentration im häuslichen Umfeld, körperlicher Selbstbestimmung und örtlicher Flexibilität. Gleichzeitig erlebten sie den Mangel an körperlicher Resonanz als erhebliche Limitation. Die Beschränkung auf „Stimme und Bild“ fragmentierte die ganzheitliche Wahrnehmung; technische Unterbrechungen griffen zudem unmittelbar in emotionale Prozesse ein. Der durch den Bildschirm entstehende „dritte Raum“ wirkte dabei zugleich schützend und isolierend.
Insgesamt erscheint der virtuelle Raum als eigenständiges therapeutisches Medium mit spezifischen Anforderungen und Möglichkeiten. Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit digitaler Setting-Kompetenzen und legt nahe, körperorientierte Techniken im virtuellen Prozess gezielt zu integrieren, um Resonanz und therapeutische Prozessqualität auch ohne physische Präsenz zu schaffen und zu fördern.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Einleitung

Der Körper ist in der Psychotherapie weit mehr als nur Träger psychischer Prozesse. Psychische und körperliche Aspekte sind eng verflochten, wesentliche Wirkfaktoren wie Affektabstimmung oder Resonanz verlaufen über nonverbale Kanäle (Doering 2022). Früh erworbene Beziehungsmuster werden im Körpergedächtnis gespeichert und in Therapien reaktiviert (Doering 2022; Richter 2025). Die Forschung betont den Körper als aktives Medium bewusster und unbewusster Prozesse und zeigt, dass physiologische Synchronie erfolgreiche therapeutische Beziehungen kennzeichnet (Doering 2022; Gennaro et al. 2019; Schiller et al. 2025; Wachter und Löffler-Stastka 2025). Mit der Digitalisierung psychotherapeutischer Angebote rückt die Frage in den Fokus, wie Körperlichkeit im digitalen Setting neu gestaltet werden kann (Doering 2022; Gennaro et al. 2019; van Haren 2022; Wachter und Löffler-Stastka 2025).
Im Digitalen bleibt der Körper trotz räumlicher Trennung ein zentrales Medium des therapeutischen Prozesses und verlangt eine vertiefte Selbstwahrnehmung sowie Reflexion der eigenen Leiblichkeit. Körperlichkeit umfasst hier den gesamten geteilten und fehlenden Raum, in dem therapeutische Begegnung stattfindet (Wimmer et al. 2021). Die reduzierte Darstellung als „talking head“ (Schiller et al. 2025, S. 5) fragmentiert den Körper und bindet Präsenz- und Beziehungserleben an technische Qualität (Richter 2025; Schiller et al. 2023, 2025). Zugleich zeigen Studien, dass körperliche Signale wie Mimik, Gestik und posturale Synchronie für Emotionsregulation und Therapieerfolg weiterhin bedeutsam bleiben (Eichenberg und Küsel 2018; Richter 2025; Schiller et al. 2023). Die räumliche Distanz des eigenen Zuhauses kann Patient:innen einerseits schützen und das Sprechen über schambesetzte oder konflikthafte Themen erleichtern, andererseits bei fehlender körperlicher Co-Präsenz Rationalisierung und emotionale Distanzierung fördern (Eichenberg 2004; Eichenberg und Hübner 2019; Schiller et al. 2023). Vor diesem Hintergrund gilt die Einbeziehung von Körperempfindungen und therapeutischen Ritualen als zentraler Schritt zur Sicherung qualitativ hochwertiger Online-Therapie (Eichenberg und Küsel 2018; Schiller et al. 2023). Entsprechend besteht ein weitgehender Konsens, dass nonverbale Fähigkeiten im digitalen Setting geschult werden müssen, um tragfähige therapeutische Beziehungen zu gewährleisten (Eichenberg und Küsel 2018; Richter 2025; Roesler 2017; Schiller et al. 2025; Smith und Gillon 2021).
Trotz theoretischer Auseinandersetzungen fehlen die Perspektiven der Patient:innen zum körperlich-räumlichen Erleben. Erste Befunde deuten auf fragmentiertes Erleben und ambivalente Wirkung des privaten Settings hin (Giordano et al. 2022; Shtrakhman et al. 2025), doch bleibt eine tiefgehende Analyse der subjektiven Verarbeitung der digitalen Begegnungssituation aus (Schiller et al. 2023, 2025). Da physische Co-Präsenz als zentral für therapeutische Beziehungen gilt (Eichenberg und Hübner 2019; Schiller et al. 2023; Von Below et al. 2023), untersucht die vorliegende Sekundäranalyse, wie Patient:innen den psychotherapeutischen Online-Raum und die fehlende Körperlichkeit während der COVID-19-Pandemie erlebt haben, um daraus Implikationen für eine körperbewusste online-therapeutische Praxis abzuleiten (Békés et al. 2023; Schiller et al. 2025).

Methode

Die Datengrundlage für die vorliegende Sekundäranalyse (Heaton 2008) bilden sechs semistrukturierte Interviews mit Patient:innen aus einem bereits erhobenen und pseudonymisierten Datensatz eines umfassenderen Forschungsprojekts der psychotherapeutischen Ambulanz für Erwachsene der Sigmund Freud PrivatUniversität (SFU) in Wien. Das übergeordnete Forschungsprojekt folgte einer Grounded-Theory-Methodologie und untersuchte die Bedeutung von Körper und Körperlichkeit im Kontext von Online-Psychotherapie. Aufbauend auf einer ersten Studienphase mit Psychotherapeut:innen in Ausbildung unter Supervision (iAuS) (Schiller et al. 2023) wurde das Sample im Sinne des theoretical sampling durch Interviews mit Patient:innen erweitert, um deren Erfahrungen mit Online-Therapie vertiefend zu explorieren (Charmaz, 1995). Für die vorliegende Sekundäranalyse wurden die Patient:inneninterviews ausgewertet, um die Perspektive der Patient:innen auf das Erleben von Online-Therapie näher zu untersuchen, insbesondere im Kontext der pandemiebedingten Umstellung von analoger auf Online-Therapie. Das Sample umfasst Patient:innen, die Online-Therapie im Einzel- oder Gruppensetting in Anspruch nahmen (siehe Tab. 1), wobei ein besonderer Fokus auf internationalen Proband:innen, also Personen mit Wohnsitz außerhalb Österreichs liegt. Diagnostische Informationen sowie Angaben zur Nationalität lagen im Rahmen der klinischen Behandlung vor, wurden jedoch in der vorliegenden Analyse nicht systematisch berücksichtigt. Aufgrund der geringen Stichprobengröße und der damit verbundenen potenziellen Identifizierbarkeit einzelner Personen wurde darauf verzichtet, diagnostische Angaben sowie Nationalitäten auszuweisen, um die Pseudonymisierung und den Schutz der Teilnehmenden zu gewährleisten.
Tab. 1
Soziodemografische Merkmale des Samples „Der Raum hinter der Linse“
 
Geschlecht
Altersgruppe
Lebenssituation
Interview 1
Männlich
35–40
Mit einer Person lebend
Interview 2
Weiblich
20–24
Alleinlebend
Interview 3
Weiblich
25–30
Alleinlebend
Interview 4
Männlich
25–30
Mit einer Person lebend
Interview 5
Männlich
60–64
Alleinlebend
Interview 6
Männlich
20–24
Mit zwei Personen lebend
Die Rekrutierung erfolgte über die psychotherapeutische Ambulanz der SFU Wien. Potenziell geeignete Patient:innen wurden per E‑Mail über die freiwillige Teilnahme informiert und bei Interesse in das Sample aufgenommen, wobei auf eine gewisse Variation hinsichtlich Alter, Geschlecht und Erfahrung mit Online-Therapie geachtet wurde.
Der semistrukturierte Interviewleitfaden umfasste Fragen zu physischen Aspekten, Raumveränderungen und technischen Faktoren. Die Interviews wurden vor Ort in der SFU-Ambulanz Wien von unterschiedlichen Forschungsmitarbeitenden durchgeführt, aufgezeichnet, transkribiert und pseudonymisiert. Vier Interviews wurden in englischer Sprache und zwei auf Deutsch geführt. Der Erhebungsprozess erstreckte sich vom Mai 2021 bis Juni 2023 (Schwegel 2025; Souza et al. 2024).
Zur Auswertung der Interviews wurde eine zusammenfassende qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2015) durchgeführt, da sie eine systematische und zugleich induktive Kategorienentwicklung aus dem Material ermöglicht. Die Analyse erfolgte primär durch HS und wurde in regelmäßiger Rücksprache mit der betreuenden Forscherin BS reflektiert. Die qualitative Datenanalyse wurde softwaregestützt mit MAXQDA (VERBI Software 2022) durchgeführt und führte zur Entwicklung eines hierarchischen Kategoriensystems (siehe Tab. 2). Zur Sicherung der wissenschaftlichen Qualität wurden Gütekriterien qualitativer Forschung nach Lincoln, Guba und Pilotta (1985) berücksichtigt, insbesondere durch transparente Dokumentation des Analyseprozesses, kontinuierliche Reflexion der Kategorienentwicklung sowie die Rückkopplung der Interpretationen im Forschungsteam (Schwegel 2025).
Tab. 2
Kategoriesystem „Der Raum hinter der Linse“
Hauptkategorie
Unterkategorien*
HK1: Online-Therapie erweitert die Selbstgestaltung des therapeutischen Rahmens und verstärkt das Erleben von Kontrolle und Schutz
Bequemlichkeit
Hinterm Bildschirm
Wegfallen von Riten
Kontrolle & Schutz
HK2: Eingeschränkte Körperlichkeit und ein distanzierender „dritter Raum“ verändern Wahrnehmung und Beziehung in der Online-Therapie
Körperwahrnehmung
Gegenüber in Präsenz sehen
Durch Bildschirm sehen/hören
Therapeut:innen-Raum sehen
„Verbindung“/Kontakt zu Therapeut:in
HK 3: Der „dritte Raum“ der Online-Therapie erhöht die Störanfälligkeit des therapeutischen Prozesses und beeinflusst Gesprächsfluss sowie emotionale Tiefe
Störungen
Umgang mit Technik
Privatsphäre
Emotionale Aufmerksamkeit
*Aus Platzgründen werden in der Tabelle ausschließlich Kurzbezeichnungen der Unterkategorien verwendet

Ergebnisse

Die Ergebnisse der qualitativen Inhaltsanalyse werden im Folgenden entlang von drei Hauptkategorien dargestellt. Diese beschreiben zentrale Dimensionen des Erlebens von Körperlichkeit, Raum und Beziehung der Patient:innen im online-therapeutischen Setting.

HK1: Online-Therapie erweitert die Selbstgestaltung des therapeutischen Rahmens und verstärkt das Erleben von Kontrolle und Schutz

Die Analyse zeigt, dass Online-Therapie durch die Verlagerung in das häusliche Umfeld das therapeutische Setting neu konstruiert. Diese räumliche Verschiebung wird als Gewinn an Autonomie und Bequemlichkeit erlebt. Die flexible Anpassung von Sitzposition und Ort fördert eine „lockerere Haltung“, die körperliche Entspannung und emotionales Einlassen erleichtert.
„Though online is kind of more comfortable, because you just open your laptop, that’s all“ (Interview 2).
Retrospektiv wird die Flexibilität, insbesondere in Krisenzeiten, als bereichernde Weiterentwicklung der Versorgungskultur gewertet.
Diese Freiheit bedingt jedoch den privaten Wohnraum aktiv in einen funktionierenden Therapieraum umzuwandeln. Die Grenzen zwischen Alltag und Therapie verschwimmen und erfordern Vorbereitungsstrategien. Wechselseitig verändert sich auch die Wahrnehmung der Therapierenden: Deren sichtbares häusliches Umfeld vermittelt Patient:innen oft eine nahbarere, menschliche Dimension („human touch“), was das Gefühl des klassischen klinischen Machtgefälles reduzieren kann:
„I felt that I’m really talking with a person“ (Interview 3).
Eine deutliche Herausforderung ist der Wegfall ritueller Übergänge, insbesondere der Hin- und Rückfahrt. Trotz des Komforts verhindert das unmittelbare „Wegklicken“, „I just log off from Zoom“ (Interview 4), der Sitzung den physischen und mentalen Rückweg, der traditionell als wichtiger Reflexionsraum dient.
„But at home immediately after therapy, maybe there are other duties“ (Interview 1).
Mit dem Zuklappen des Laptops erfolgt keine ausreichende Integration der Therapieinhalte. Die Interviewten holten diese Reflexionszeit nicht eigeninitiativ nach.
Gleichzeitig fungiert der Bildschirm als psychischer Schutzraum. Die Vertrautheit des häuslichen Umfelds – „eigenes Reich“, oder „safe Space“ (Interview 6) – kombiniert mit der technischen Distanz vermittelt Patient:innen ein erhöhtes Kontrollgefühl. Sie bestimmen den sichtbaren Ausschnitt selbst und fühlen sich durch die eingeschränkte körperliche Sichtbarkeit weniger der therapeutischen Bewertung ausgesetzt. Diese „Sicherheitsdistanz“ erleichtere besonders schambesetzten oder ängstlichen Personen die Öffnung, da die Option des technischen Rückzugs als ultimative Kontrolle stets verfügbar bleibe:
„[Offline] I couldn’t escape […], [online] whether I like, I shut up the computer“ (Interview 3).

HK2: Eingeschränkte Körperlichkeit und ein distanzierender „dritter Raum“ verändern Wahrnehmung und Beziehung in der Online-Therapie

Wahrnehmung und Kommunikationsdynamik unterliegen in der Online-Therapie fundamentalen Veränderungen. Der Fokus verlagert sich auf Stimme und Gesicht, während nonverbale Signale reduziert sind:
„Im Endeffekt ist es nur ein Bild und eine Stimme einer Person“ (Interview 6).
Diese Limitation wird individuell bewertet: Manche fühlen sich weniger vollständig wahrgenommen,
„I need this feeling that a person […] can see every reaction […], completely like a whole picture, not only my face, […] as a whole person and present“ (Interview 1),
während andere durch bewusste therapeutische Körperthematisierung eine verstärkte Körperwahrnehmung entwickeln.
Körperbezogene Interventionen werden durch die eingeschränkte Sichtbarkeit des Körpers erheblich erschwert. Das Gesprochene gewinnt zentralen Stellenwert:
„Online we have to speak in a certain way, we have to be slower, so every word is captured“ (Interview 4).
Patient:innen vermissen jedoch nonverbale Signale, da diese unbewusste Prozesse sichtbar machen, die kognitiv oft noch nicht zugänglich sind. Sie berichten, dass Täuschung online leichter fällt:
„It’s easier to lie or misrepresent online. In real life it’s a bit more difficult, things give it away“ (Interview 4).
Ambivalent präsentiert sich die häusliche Umgebung als therapeutischer Raum. Sie ermöglicht eine authentischere Auseinandersetzung mit Alltagsproblemen, doch fehlt die professionelle Distanzierung. Belastende Themen bleiben präsent:
„Die Gedanken sind halt im Kopf präsent und dann breiten sie sich im Raum aus“ (Interview 6).
Im Kontrast dazu bietet die Universitätsambulanz mit ihren „nice beautiful, peaceful rooms“ eine Distanz „to objectively think about my feelings“ (Interview 4).
Auf der Beziehungsebene bildet sich ein distanzierender „dritter Raum“, der die emotionale Verbundenheit beeinträchtigt. Patient:innen thematisierten repetitiv das Fehlen einer
„unsichtbare[n] Verbindung oder so, schwer in Worten zu fassen“ (Interview 5).
Körperliche Präsenz des oder der Therapeut:in ermöglicht spürbare Resonanz und Tiefe:
„You feel more connection, when you are one on one in one room and not online“ (Interview 2).
Der Körper des Gegenübers fungiert als Schutz und Stütze,
„Wo man sich festhalten kann. Wenn man das halt körperlos macht, ist das nicht wirklich so gut möglich“ (Interview 6).
Demgegenüber separiert der Bildschirm: Patient:innen berichten, statt zu einer Person, „to my laptop“ zu sprechen (Interview 2). Gleichwohl bietet diese Abgrenzung manchen den notwendigen Schutzraum, um überhaupt eine therapeutische Beziehung einzugehen.

HK 3: Der „dritte Raum“ der Online-Therapie erhöht die Störanfälligkeit des therapeutischen Prozesses und beeinflusst Gesprächsfluss sowie emotionale Tiefe

Ein weiteres zentrales Phänomen ist der sich bildende „dritte Raum“ als digitale Zwischenzone, die physische und emotionale Distanziertheit schafft. Die Ergebnisse zeigen, dass dieser Raum eine hohe technische Störanfälligkeit hat, die den therapeutischen Prozess maßgeblich beeinflusst.
„Sicher, schlechtes Internet (lacht)“ (Interview 6).
Die digitale Vermittlung schafft spezifische Barrieren wie Verbindungsprobleme oder Audioausfälle, auf die Patient:innen unterschiedlich reagieren. Während einige durch Vorbereitung des Setups oder flexible Gerätenutzung Kontrolle beweisen, erleben andere Hilflosigkeit.
„I don’t know what was wrong. And it just stopped so …“ (Interview 2).
Humor überbrückt technische Pannen effektiv – etwa wenn Standbilder als „PowerPoint-Vorstellung“ umgedeutet wurden.
Gravierender sind ihre Auswirkungen auf die emotionale Tiefe. Unterbrechungen fragmentieren das Erleben: Patient:innen werden aus dem emotionalen Fluss gerissen, wodurch Gefühle an Authentizität verlieren.
„Maybe you cannot recover then, when you connect again […] Maybe you cannot recover all the emotions and everything what you were talking about“ (Interview 2).
Das Anknüpfen an die Situation vor dem Abbruch gelinge oft nur bedingt:
„So then we managed it, but […] It was not that pleasant, that we lost the connection“ (Interview 2).
Neben der Technik dringen externe Faktoren des häuslichen Umfelds (z. B. Türklingeln, Paketzustellung) in den Therapieraum ein. Patient:innen entwickeln über die Zeit eine gewisse „Stör-Resilienz“, doch die Internetqualität bestimmt letztlich die emotionale Nähe der Beziehung. Die Ergebnisse legen nahe, dass nicht die Störungsfreiheit, sondern der offene Dialog über Störungen entscheidend ist. Transparente Kommunikation fungiert als Voraussetzung, um die therapeutische Allianz im dritten Raum zu bewahren.

Diskussion

Die Sekundäranalyse verdeutlicht, dass Online-Therapie keineswegs ein Defizitmodell ist. Die Befunde erweitern den Forschungsstand um die differenzierte Betrachtung der individuellen Anpassungsleistungen.
Die von Békés et al. (2023) und Schiller et al. (2025) beschriebene Ambivalenz bestätigt sich: Das Zuhause wird als „Januskopf“ erlebt. Es fungiert als „safe Space“, reduziert Scham und ermöglicht mehr Offenheit, da Patient:innen die Kontrolle bewahren. Es fehlt jedoch der neutrale professionelle Raum, der als äußerer Behälter für belastende Affekte dient und fehlende Übergangsrituale erschweren die Abgrenzung (Lagetto et al. 2024; Yotsidi et al. 2024).
Die Ergebnisse zur fragmentierten Körperlichkeit zeigen: Zwar wird der Körper als Verlust an Ganzheitlichkeit und „Magie“ (Shtrakhman et al. 2025) erlebt, Patient:innen diesem Mangel jedoch nicht hilflos gegenüberstehen. Sie entwickeln adaptive Strategien – durch stärkere Aufmerksamkeit für die Stimme, bewusste Bildausschnittgestaltung und technische Optimierung. Diese Beziehungsarbeit bestätigt die Annahme von Richter (2025), dass nonverbale Kommunikation online zentral bleibt, sich jedoch auf andere Kanäle verlagert.
Die therapeutische Beziehung selbst erweist sich als erstaunlich robust. Patient:innen berichten von einer stabilen Allianz, die jedoch eine veränderte Qualität aufweist (Farber und Ort 2024; Saxler et al. 2024). Durch den gegenseitigen Einblick in die privaten Räume entsteht teilweise eine egalitärere Beziehungsebene; die Bildschirmdistanz wird oft als schützend empfunden und ermöglicht eine neue Form von Nähe. Ein zentraler Faktor ist dabei der „dritte Raum“ der Technik. Die Analyse zeigt, dass technische Störungen wie Verbindungsabbrüche oder Audio-Verzögerungen nicht nur operative Hindernisse sind, sondern tief in den emotionalen Prozess eingreifen und Affektabrisse verursachen können (Schiller et al. 2023). Der kompetente Umgang mit Störungen sowie die Etablierung neuer Übergangsrituale stellen sich somit als essentielle Bestandteile des online-therapeutischen Arbeitens dar.

Limitationen

Bei der Interpretation dieser Ergebnisse müssen die Limitationen berücksichtigt werden. Die qualitative Sekundäranalyse basiert auf einem kleinen Sample (n = 6), das in einem spezifischen Kontext (SFU Ambulanz während der COVID-19-Pandemie) erhoben wurde. Die Ergebnisse sind daher stark kontextgebunden und nicht uneingeschränkt generalisierbar. Zudem hatten die Befragten bereits Vorerfahrungen mit ihren Therapeut:innen im analogen Setting, was die Online-Allianz erleichtert haben könnte. Ferner wurden ausschließlich erwachsene Patient:innen untersucht, es liegen nur wenige weibliche Interviewpartnerinnen vor (potenzielles Gender-Bias-Risiko), und die Rekrutierung erfolgte ausschließlich aus einer universitären Einrichtung mit bestehender Psychotherapie, was die Übertragbarkeit auf andere Versorgungskontexte und Erstkontakte einschränkt.

Fazit

Für die zukünftige Forschung und Praxis lassen sich klare Implikationen ableiten: Therapeut:innen benötigen Setting-Kompetenz für den digitalen Raum und sollten diese bewusst mit Patient:innen thematisieren (Schiller et al. 2023). Angesichts körperlicher Fragmentierung ist explizite Körperarbeit notwendig – aktives Nachfragen nach körperlichen Empfindungen und gemeinsam entwickelte Übergangsrituale können die fehlende Co-Präsenz kompensieren. Forschungsseitig besteht Bedarf an Moderatorvariablen: Für welche Patient:innen ist die Bildschirmdistanz hilfreich, für welche eine Hürde? Die zentrale Frage sollte künftig nicht lauten, ob Online-Therapie wirksam ist, sondern wie Online-Präsenz körperlich und räumlich so gestaltet werden kann, dass sie dem menschlichen Resonanzbedarf gerecht wird (Doering 2022). Online-Therapie muss als eigenständige therapeutische Modalität mit eigenen Regeln, Setting-Kompetenz und Wertschätzung kultiviert werden. Künftige Studien sollten mit größeren und diverseren Stichproben sowie in unterschiedlichen Settings angelegt werden. Darüber hinaus sind Post-COVID-Untersuchungen notwendig, in denen Online-Therapie als bewusste Wahl und nicht primär als Krisenlösung beforscht wird. Sinnvoll erscheinen zudem längsschnittliche und vergleichende Designs zwischen analogen und online Formaten, um stabile Muster im Raum‑, Körperlichkeits- und Allianz-Erleben zu identifizieren.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

H. Schwegel, S. Becher-Urbaniak, L. Winter und B. Schiller geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Ethische Standards

Die Studie wurde gemäß der Deklaration von Helsinki entwickelt und von der Ethikkommission der Fakultät für Psychotherapiewissenschaft der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien unter der Nummer FBZNQ32EAYMP218859 genehmigt. Die Studie wurde in Übereinstimmung mit den lokalen Gesetzen und institutionellen Anforderungen durchgeführt. Die Teilnehmer:innen gaben ihr schriftliches Einverständnis zur Teilnahme an dieser Studie und stimmten der pseudonymisierten Verwendung und Veröffentlichung der Daten zu.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Der Raum hinter der Linse: Patient:innen-Erleben des online-therapeutischen Raums und Körpers
Verfasst von
Hanna Schwegel
Stella Becher-Urbaniak
Lisa Winter
Birgitta Schiller
Publikationsdatum
01.04.2026
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Psychotherapie Forum
Print ISSN: 0943-1950
Elektronische ISSN: 1613-7604
DOI
https://doi.org/10.1007/s00729-026-00306-9

Anhang

„A Qualitative Study of the Role of the Body in Digital Psychotherapeutic Treatment“ – Interviewleitfaden für Patient:innen

Der Interviewleitfaden wird in englischer Sprache wiedergegeben, da ein Großteil der Interviews im internationalen Kontext der Ambulanz auf Englisch geführt wurde. Die folgenden Fragen stellen die initialen Leitfragen der semistrukturierten Interviews dar; je nach Gesprächsverlauf wurden vertiefende Nachfragen gestellt.
  • To what extent do physical aspects influence your online therapy sessions?
  • How do technical factors affect the body in online therapy sessions?
  • How are the physical aspects of communication perceived or not perceived?
  • To what extent has the therapeutic space changed as a result of online therapy?
In closing:
  • If you reflect on what you have said and the experiences you have shared, is there anything you would like to add, or can you think of anything else that you would like to mention in regards to the body in online therapy?
Zurück zum Zitat Békés, V., Aafjes-van Doorn, K., Roberts, K. E., Stukenberg, K., Prout, T., & Hoffman, L. (2023). Adjusting to a new reality: Consensual qualitative research on therapists’ experiences with teletherapy. Journal of Clinical Psychology, 79(5), 1293–1313. https://doi.org/10.1002/jclp.23477.CrossRefPubMed
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