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10.01.2022

HR Giger: der nette Papa der Aliens

verfasst von: Katja Uccusic-Indra

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Über den Schöpfer des Alien wurden schon zahlreiche Bücher geschrieben. Das Werk des Wiener Kurators, Autors und Fotografen Andreas J. Hirsch ist nun die erste umfassende Monografie des Schweizer Künstlers.

Hirsch, Biograf und Freund Gigers, ist stolz, dass in seinem Buch nicht nur alle wichtigen Arbeiten zu finden sind, sondern, dass es auch eine Sammler-Edition in einer limitierten Auflage von Tausend Stück gibt. „Die in einer Kassette herausgebrachte Edition ist auf einem besonders hochwertigen Papier gedruckt. Es sind nur noch wenige Stück erhältlich“, sagt Hirsch und klappt ein Exemplar, das selbst ein Kunstwerk ist, vorsichtig auf. Das Riesenbuch in der Größe 36,7 × 50 cm wiegt 13 kg und wurde von Carmen Giger, der Witwe des Künstlers, signiert, da Giger dessen Fertigstellung nicht mehr erlebte. Er erlag im Mai 2014 seinen Verletzungen nach einem Sturz über die Treppe in seinem Haus in Zürich. Auch die kleine Version des Buches, die im vergangenen Oktober erschienen ist, kann sich sehen lassen, wird sie doch von einer edlen schwarzen Flappe (Anm.: halbseitiger Umschlag) umhüllt und ist um 20 Euro erhältlich.

Giger wurde 1940 als Sohn eines Apothekers in Chur geboren. Der kleine Hans Ruedi interessierte sich schon früh für makabre Dinge wie die Mumie einer ägyptischen Prinzessin, die im Keller des Rätischen Museums in seinem Heimatort ausgestellt war. Er besuchte sie am Sonntag, fasziniert und abgestoßen zugleich, während die anderen in die Kirche gingen. Als der Vater von einer Pharmafirma einen menschlichen Schädel zugeschickt bekam, nahm der Bub diesen an sich und zog ihn mit einer Schnur durch die Straßen von Chur hinter sich her, um zu zeigen, dass er keine Angst vor dem Tod hat, wie er später in einem Interview erklärte.

Giger begann auf der Züricher Kunstgewerbeschule Innenarchitektur und Industriedesign zu studieren und schloss die Ausbildung 1966 mit dem Diplom ab. Im selben Jahr hatte er seine erste Einzelausstellung in einer Züricher Galerie. Er lernte seine erste große Liebe, die Schauspielerin Li Tobler, und den Schriftsteller Sergius Golowin kennen, der ihn in die esoterische Literatur einführte. Die Geschichten fantastischer Autoren wie Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft und Alfred Kubin faszinierten ihn. Zu Beginn ihrer Beziehung las Li ihm vor, während er arbeitete. „So wurden meine Bilder unbewusst von diesen magischen Texten beeinflusst, sie entstanden in einem beinahe traumartigen Zustand“, notierte Giger. Die unter Depressionen leidende Li verübte mit 27 Jahren Selbstmord, für den Künstler ein traumatisches Ereignis. Gigers Gesichter tragen oft ihre Züge.

Im Angesicht der Kuba-Krise und der atomaren Aufrüstung entstanden Arbeiten wie die „Atomkinder“: Sie zeigt drei Figuren in einer postapokalyptischen Welt nach einem Atomkrieg. Aus ihren Gesichtern wachsen Schläuche, die im unteren Rücken enden und ohne die sie nicht atmen können. Die beiden größeren Figuren können ausschließlich zusammen stehen, denn sie haben gemeinsam nur zwei Beine. Die Arme fehlen, obwohl die Schläuche vielleicht als solche dienen könnten. Das dritte Wesen besteht fast nur aus einem am Boden liegenden Torso. Die obere Hälfte der Arbeit wird von einer atomaren Sonne beherrscht.

Die Arbeiten dieser Zeit, mit Tusche auf Transcop-Papier mit Feder und Sprühsieb gemacht, thematisierten auch die voranschreitende Technisierung und Automatisierung vieler Lebensbereiche und die drohende Überbevölkerung der Erde. Gleichzeitig waren es erste biomechanische Bilder, auf denen Mensch und Maschine verschmelzen: Auf dem Werk „Unter der Erde“ ist ein mutiertes Wesen mit weiblichen Zügen zu erkennen, das sich kauernd in einer Kapsel unter der Erde befindet. Die Figur hat Fledermausflügel und atmet ohne Maske in einen Schlauch. Giger erklärte, dass es hier um ein Beklemmungsgefühl geht, ein klaustrophobisches Zustandsbild, ausgeführt in der Art einer technischen Schnittzeichnung. „Die Arbeiten dieser Periode bringen die kollektiven Ängste dieser Epoche zum Ausdruck: Die Furcht vor einem Atomkrieg und vor einer Zukunft, in der das Überleben unserer Körper von Maschinen abhängt“, sagt Autor Hirsch.

Angeregt durch seine Lektüre Freuds befasste sich Giger mit seinen Träumen und schrieb diese in ein Traumbuch. Den Ausgangspunkt bildete oft sein Elternhaus mit seinen zugemauerten Verbindungen zu historischen, unterirdischen Gangsystemen. Es entstanden die „Schächte-Bilder“, Tuschezeichnungen, reduziert in Schwarz-Weiß, auf denen tiefe, kantige Schächte mit steilen, geländelosen Treppen zu sehen sind. Giger sah seine künstlerische Tätigkeit zu diesem Zeitpunkt als Mittel, um seine Ängste und Alpträume zu bewältigen. „Bekanntheit erlangte der junge Künstler durch Poster, ein kulturelles Phänomen der späten 1960er-Jahre“, sagt Hirsch. Durch diese Möglichkeit der Vervielfältigung fanden sich seine Werke bald in Jugendzimmern oder an Plakatwänden von Kaffeehäusern.

Zu „Alien“, der Film, durch den Giger weltberühmt wurde, kam er durch ein gescheitertes Projekt. Regisseur Alejandro Jodorowsky wollte das Buch „Dune“ verfilmen und hatte bereits Orson Welles, Pink Floyd, Salvador Dali, Moebius und andere Kultfiguren um sich versammelt. Giger sollte den Planeten der Harkonnen gestalten. Nachdem die Finanzierung scheiterte, blieb Drehbuchautor Dan O’Bannon mit dem Schweizer in Verbindung und machte Regisseur Ridley Scott mit dem Werk des Künstlers bekannt. Als dieser die Bilder „Necronom IV“ und „V“ aus dem Buch Necronomicon sah, wusste er, dass der Maler der Richtige für seinen Film war. „Bei der Kreation des Alien kam Giger seine Ausbildung als Möbeldesigner zugute. Er wusste, wie man Räume gestaltet“, erklärt Hirsch. Der Rest ist Filmgeschichte. Der Künstler gestaltete das Alien in allen Stadien seines Entwicklungszyklus. Ridley Scott war begeistert: „Die Kreaturen entsprachen dem, was ich mir für den Film vorstellte – durch die Art, wie sie Schrecken und Schönheit vereinen.“ Drehbuchautor O’Bannon: „Es war unnötig, Giger irgendetwas zu sagen.“ Nur die Alien-Eier musste er verändern, weil sie beim Schlüpfen der außerirdischen Wesen zu sehr wie Vaginen aussahen – man wollte das Publikum in katholischen Ländern nicht vor den Kopf stoßen. Giger nahm es mit Humor: „Jetzt sind es eben doppelte Vaginen“. 1979 erhielt der Maler für Alien den Oscar für Special Effects.

Kurator Andreas Hirsch gelang es, Giger 2013 als „Featured Artist“ zum Ars Electronica Festival zu holen und in einer Ausstellung zu dessen „Kunst der Biomechanik“ im Lentos zu würdigen. Die Schau wurde zum Publikumsmagneten. Bei der Vernissage musste der damals 73-jährige Künstler durch einen unterirdischen Gang ins Museum geschleust werden, weil der Andrang so groß war. Wer sich Giger als unheimlichen „Dark Lord“ vorstellt, den muss Hirsch enttäuschen: „Er war ein netter, höflicher, unprätentiöser Mann, dessen Werk angesichts von Klimakatastrophen und Pandemien, moderner Implantationsmedizin und Gentechnik höchste Aktualität besitzt.“





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Metadaten
Titel
HR Giger: der nette Papa der Aliens
Publikationsdatum
10.01.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 1-2/2022