Zum Inhalt

Der Leib als Brückenbegriff

Leibtherapie für die psychiatrische und psychosomatische Praxis

  • Open Access
  • 15.10.2025
  • Psychiatrie
Erschienen in:

Zusammenfassung

Dieser Beitrag führt knapp in den Begriff des „Leibes“ als gelebten, erfahrenden Körper ein und zeigt dessen Relevanz für Diagnostik und Therapie. Auf Basis der phänomenologischen Psychopathologie werden der Unterschied zwischen Leib (Erleben, Subjekt) und Körper (Objekt) sowie zentrale Konzepte wie Zwischenleiblichkeit, leibliche Resonanz und leibliche Persönlichkeitsstruktur erläutert. Psychisches Leiden wird dabei als Veränderung des In-der-Welt-Seins und der leiblichen Selbst- und Weltbeziehung verstanden – nicht bloß als „Innenpsychisches“ oder neurobiologisches Defizit. Es wird dargelegt, wie die meist vorreflexive, nonverbale Ausdrucks- und Beziehungsebene zwischen Patient:innen und Behandler:innen diagnostisch erschlossen und therapeutisch genutzt werden kann. Die leibphänomenologische Haltung ergänzt die konventionelle Praxis um eine praxisnahe, subjektive bzw. intersubjektive Perspektive.
QR-Code scannen & Beitrag online lesen

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Einleitung

Der Körper wird in der klinischen Medizin in der Regel mithilfe von naturwissenschaftlichen Methoden als objektivierbar, vermessbar und analysierbar verstanden. Doch viele Phänomene – insbesondere im Bereich der Psychiatrie und Psychosomatik – lassen sich nicht vollständig im Sinne eines biologischen Substrats erfassen. Schmerz ohne Läsion, Angst ohne Auslöser, Derealisation oder das Gefühl, „nicht im eigenen Körper zu sein“, fordern eine weitergehende Begrifflichkeit. Der Begriff „Leib“ bietet für die Diagnostik und Behandlung in der Psychiatrie und Psychosomatik ein umfassenderes Verständnis als „Körper“, da dieser subjektive und objektive Perspektiven integriert, wodurch eine größere Vielfalt an Diagnose- und Behandlungsmethoden ermöglicht wird [2, 6, 9, 13, 15, 16, 18, 20, 21]. Dadurch wird der traditionelle Dualismus von Psyche und Körper überwunden, indem Menschen als „Leib-Seele-Geist-Wesen“ oder als „Leib-Seele-Geist-Ganzheit“ begriffen werden, wobei psychisches Leiden immer auch körperliche Manifestationen hat und umgekehrt [20, S. 70].
Der vorliegende Artikel möchte den Begriff des Leibes den Fachgebieten näherbringen und die Relevanz einer leibphilosophischen Perspektive für Diagnostik und Therapie aufzeigen. Nach einer konzeptionellen Klärung des Leibbegriffs und seiner Stellung zwischen Körper, Psyche und Umwelt wird der Ansatz der phänomenologischen Psychopathologie skizziert, insbesondere in der Ausprägung von Thomas Fuchs, der diesen Ansatz in den letzten Jahren maßgeblich weiterentwickelt hat. Anschließend wird dargelegt, wie die Dimension der Zwischenleiblichkeit – also der leiblichen Wechselwirkung zwischen Personen – in diagnostischen und therapeutischen Kontexten berücksichtigt werden kann. Schließlich werden zentrale Punkte in einem Fazit für die Praxis zusammengefasst.

Leib und Körper: der Mensch als leibliches Wesen

Die Unterscheidung zwischen Leib und Körper geht auf die phänomenologische Philosophie zurück (z. B.: [17, 19]) und ist für das Verständnis des Menschen zentral. Einfach gesagt: Der Körper (corpus) ist der objektive, materielle Organismus, den wir haben – messbar, sichtbar, von außen betrachtbar – die eindringlichste Erfahrung dazu ist der Körper am Operationstisch. Der Leib hingegen ist der gelebte Körper, der Leib, der wir sind: unser unmittelbar empfundenes Dasein als körperliche Wesen. Im Mittelhochdeutschen wurde „lip“ sowohl für den lebendigen Körper als auch für die Person als Ganze verwendet.
Der Leib hingegen ist der gelebte Körper, der Leib, der wir sind
Der Körper hat aus dieser Definition keine subjektive Erfahrung, sondern erst der gelebte und lebendige Leib. Der Leib ist nicht ein Besitz des Menschen, sondern der Mensch ist sein Leib – die gelebte, erlebende und sich ausdrückende Existenz [4, S. 4]. Alles, was wir fühlen, denken oder wahrnehmen, wird mit dem Leib und durch den Leib erfahren. Dieser Grundsatz der Leibphänomenologie lässt sich auch so formulieren: Der Leib vereint Psyche und Umwelt in der eigenen „verkörperten“ bzw. eigenleiblichen Erfahrung. Einerseits spüren wir Gefühle und Stimmungen leiblich (z. B. als Herzklopfen bei Angst, als „Bauchgefühl“ bei Intuition), andererseits treten wir über leibliche Handlungen und Wahrnehmungen in Kontakt mit der Welt (etwa durch Blick, Stimme, Mimik, Haltung). Wegen dieser Bezogenheit auf unsere Umwelt spricht Bernhard Waldenfels auch von einer „Heterosomatik“ [24]. Es ist die Auffassung eines Leibes, „der sich spürt, indem er etwas anderes und jemand anderen spürt, der in seiner Eigenwirksamkeit unaufhörlich fremden Einwirkungen ausgesetzt ist“ [25, S. 167]. Folglich lässt sich der Leib als Angelpunkt der Perspektiven begreifen, mit denen die Welt wahrgenommen wird [19].
Im impliziten Gedächtnis unseres Leibes werden Erlebnisse und Beziehungsmuster gespeichert
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass der Leib Träger einer impliziten Lebensgeschichte ist; sie manifestiert sich in Mimik, Gestik, Haltung etc. Unsere wiederholten Erfahrungen prägen leibliche Gewohnheiten und Ausdrucksmuster – Merleau-Ponty sprach vom „Gedächtnis des Körpers“ (mémoire habituelle). Thomas Fuchs und Hilarion Petzold haben dieses Konzept aufgegriffen und sprechen vom „Leibgedächtnis“ [7, 20, 21]: Im impliziten Gedächtnis unseres Leibes werden Erlebnisse und Beziehungsmuster gespeichert und wirken fort, auch ohne dass wir sie bewusst erinnern [7]. So entwickelt jeder Mensch im Laufe der Lebensgeschichte eine charakteristische Weise, in der Welt zu sein – eine Art leibliche Persönlichkeitsstruktur [6]. Darunter versteht Fuchs ein konsistentes Muster von Haltung, Gestik, Mimik, Stimmlage und Bewegungsverhalten, das zu einer Person passt und deren persönliche Art des Selbstausdrucks darstellt.
Diese leibliche Verwurzelung der Persönlichkeit entwickelt sich wesentlich in zwischenmenschlicher Interaktion [3, 12]. Bereits im vorsprachlichen Austausch zwischen Säugling und Bezugsperson entstehen durch Mimik, Körperspannung, Rhythmus von Nähe und Distanz etc. erste Prägungen der zwischenleiblichen Art. Schmitz betont, dass leibliche Kommunikation bereits dann stattfindet, „wenn ein Leib die Bewegung eines anderen Leibes beantwortet oder aufnimmt“ – er nennt dies „Einleibung der Affekte“, d. h. das gegenseitige Einstimmen aufeinander [23].
Die frühe Zwischenleiblichkeit bildet das Fundament dafür, wie wir uns selbst und anderen gegenüber leiblich begegnen. Spätere Einflüsse – Erziehung, soziale Rollen, Kultur – formen diesen „Rohbau“ weiter aus. Man denke etwa an die sprichwörtliche „steife Haltung“ eines militärisch gedrillten Menschen oder an die schlaffe Körperhaltung einer resignierten Persönlichkeit. In extremen Fällen können traumatische Erfahrungen sich tief ins Leibgedächtnis eingraben und körperlich weiterwirken, selbst wenn bewusste Erinnerungen fehlen [7] – das traumatische Gedächtnis äußert sich dann in körperlichen Reaktionen, als „erinnere“ sich der Körper an das Ereignis [7, 8]. Diese Beispiele verdeutlichen: Der Leib ist kein passives Objekt, sondern aktiver Ausdrucksträger der Psyche und zugleich Speicher der persönlichen Geschichte [2].

Phänomenologische Psychopathologie: Kranksein als verändertes In-der-Welt-Sein

Wie helfen diese Konzepte in der psychiatrischen Praxis? Ein zentraler Beitrag der phänomenologischen Psychiatrie – von Karl Jaspers über Medard Boss, Erwin Straus, Hilarion Petzold bis zu Wolfgang Blankenburg und Thomas Fuchs – ist die Einsicht, dass psychische Störungen nicht adäquat verstanden werden, wenn man sie objektiviert im Körper und isoliert im Individuum oder gar im Gehirn verortet. Stattdessen sollte man sie als Störungen der subjektiven Welt- und Selbstbeziehung begreifen [14]. Die Psyche wird nicht als verborgene Innenwelt verstanden, sondern als ein verkörpertes Geschehen, das sich im leiblichen Ausdruck, im sinnvollen Verhalten, in der sprachlichen Kommunikation und in der Ausstrahlung einer Person manifestiert [13, S. 185]. Anders gesagt: Wenn ein Mensch psychisch erkrankt, verändert sich seine gesamte Weise, sich in der Welt zu befinden – sein Raum‑, Zeit- und Selbstgefühl, seine Beziehungsfähigkeit, sein leibliches Grundgefühl. Thomas Fuchs betont in diesem Zusammenhang, psychische Störungen seien „nicht mehr allein im Individuum zu verorten; sie sind vielmehr Störungen des leibräumlichen Erlebens, der Resonanz und der Kommunikation mit der Umwelt“ – kurz: „Störungen des verkörperten Selbst in Beziehung“ [13].
Die phänomenologische Psychopathologie als systematisches Erfassen veränderter Erlebnisweisen
Fuchs und Schmidsberger [14] beschreiben die phänomenologische Psychopathologie als systematisches Erfassen veränderter Erlebnisweisen: Dafür wird vom subjektiven Erleben und Leiden der Patient:innen ausgegangen und darauf aufbauend soll dieses möglichst einfühlsam nachvollzogen und beschrieben werden. Dazu wird zusätzlich zu den kausalen Erklärungen durch etwa physiologische oder neurobiologische Ursachen auch die phänomenologische Beschreibung des subjektiven Erlebens der Patient:innen herangezogen. Die phänomenologische Haltung erfordert Offenheit für Differenzen [22] und Zurückstellung von Vorurteilen, um sich ganz auf die Erlebniswelt des Gegenübers einlassen zu können. In diesem Sinne ist phänomenologische Diagnostik nicht „distanziert beobachtend“, sondern teilnehmend und engagiert [12, S. 14]. Die Behandler:innen begeben sich mit ihrem Einfühlungsvermögen in die Erlebniswelt der Patient:innen. Folgende Fragen sind dabei hilfreich: „Wie ist es, in diesem psychischen Zustand zu sein? Wie erlebt der Patient seinen Leib und seinen Raum? Wie nimmt er andere in ihrer Beziehung zu sich wahr? Wie erfährt er seine Welt?“. Durch solches Nachfragen und Zur-Sprache-Bringen können Phänomene, die dem Patienten selbst vielleicht schwer fassbar sind, gemeinsam verstanden werden – oft erlebt der Patient dadurch selbst ein besseres Verstehen von sich selbst. Der diagnostische Prozess wird so selbst Teil des therapeutischen Prozesses: Der Patient erfährt sich nicht als bloßes Untersuchungsobjekt, sondern als leidender Mitmensch, dessen geteiltes Leid im Gespräch Anerkennung findet.
Diese phänomenologische Psychopathologie bedient sich einer eigenen Begrifflichkeit, um die grundlegenden Strukturen des Erlebens zu ordnen. Fuchs definiert Phänomenologie als „die systematische Wissenschaft der subjektiven Erfahrung und ihrer grundlegenden Strukturen“ [10]. Zu diesen Strukturen, die für die Psychopathologie besonders relevant sind, zählen u. a. Leiblichkeit, Zeitlichkeit, Räumlichkeit, Intersubjektivität und Lebenswelt [14]. Psychisches Leiden kann entlang dieser Dimensionen präzise beschrieben werden. So lässt sich zum Beispiel Depression als Störung der affektiven Zeitlichkeit (erlebte Gefühlsverarmung und Endlosigkeit der Zeit), der Leiblichkeit (Gefühl von Schwere, Antriebshemmung, leiblicher Erstarrung) und der Selbst- und Weltbeziehung (Rückzug, Verlust von Zukunftsperspektive) charakterisieren.
Solche phänomenologischen Analysen liefern ein tieferes Verständnis dafür, was genau im Erleben der Patienten anders ist. Sie ergänzen die deskriptive Diagnostik klassischer Kategorien (ICD/DSM), indem sie den veränderten Welt- und Selbstbezug hinter den Symptomen herausarbeiten und das einfühlsame Nachvollziehen und Beschreibbarmachen des subjektiven Erlebens und Leidens der Patient:innen systematisieren [14]. Natürlich schließt dies naturwissenschaftliche oder andere Erklärungsmodelle nicht aus – es geht nicht um Konkurrenz, sondern um Erweiterung und Ergänzung des Verständnisses. Gerade in der Verzahnung mit der Therapie entfaltet die phänomenologische Sicht ihren Nutzen: Sie bietet ein reiches Instrumentarium von Begriffen, um die oft unsichtbare Innenwelt der Patienten zu „übersetzen“ und in der therapeutischen Beziehung greifbar zu machen [14].

Zwischenleibliche Diagnostik: der geteilte Leibraum zwischen Patient:innen und Therapeut:innen

Bereits bevor ein Wort gesprochen wird, kommunizieren wir leiblich auf subtile Weise miteinander. Alle Kliniker:innen kennen die Eindrücke, die ein Patient schon beim Eintreten hinterlassen kann: Haltung, Gang, Gesichtsausdruck, Tonfall – all das sind leibliche „Vorbotschaften“. Tatsächlich laufen Interaktionen ständig auf leiblicher Ebene ab: Sobald wir mit einem anderen Menschen in Kontakt treten [1, 3]. Diese vorreflexive Verständigung ist, was Merleau-Ponty Zwischenleiblichkeit nennt – die leibliche Zwischensphäre, die der bewussten Kommunikation vorausgeht [14, 19].
Warum ist diese Dimension für die Psychiatrie so bedeutsam? Weil zentrale Symptome psychischer Erkrankungen – insbesondere im Bereich Emotion und Beziehung – nicht nur im Individuum und leiblich sondern eben auch in Beziehung zu anderen Menschen und zwischenleiblich vermittelt sind. Gefühle zeigen sich im kommunikativen Ausdruck des Leibes: Mimik, Gestik, Muskeltonus, Atmung, Stimmklang. Ebenso werden Beziehungsqualitäten wie Nähe, Distanz, Vertrauen oder Angst primär durch nonverbale Signale reguliert. Beziehungsmuster wie Bindung und Lösung, Nähe und Distanz, Vertrauen und Misstrauen sowie Sicherheit und Angst werden vor allem über den Ausdruck und die Atmosphäre kommuniziert; beide fungieren dabei als Sprache der Gefühle und der Beziehung [5].
Eine zwischenleibliche Diagnostik auf Basis der phänomenologischen Psychopathologie bedeutet, diese nonverbalen, leiblichen Ausdrücke und Atmosphären systematisch in die diagnostische Wahrnehmung einzubeziehen. Konkret heißt das: Die Kliniker:innen achten nicht nur auf das, was der Patient berichtet, sondern auch wie er es leiblich ausdrückt – z. B. Körperhaltung, Bewegungsdynamik, Tonfall, Blickkontakt, Pausen, Mimik. Ebenso wichtig ist die Resonanz im eigenen Leib der Behandler:innen: Welche Gefühle oder Impulse spürt man in Gegenwart der Patient:innen? Verändert sich z. B. die eigene Atmung oder Körperspannung unwillkürlich im Gespräch? Wird man im Gespräch in ungewohnter Weise schlagartig sehr müde? Solche leiblichen Gegenübertragungen können wertvolle diagnostische Hinweise liefern. Vieles davon bleibt zunächst unausgesprochen, ist aber leiblich spürbar [11].
Zu betonen ist, dass Zwischenleiblichkeit nicht nur im dyadischen Verhältnis Therapeut-Patient relevant ist, sondern in allen sozialen Kontexten von Menschen mit psychischen Schwierigkeiten. Beispielsweise können Menschen mit Autismus oft die zwischenleiblichen „Spiele“ neurotypischer Kommunikation nicht intuitiv mitvollziehen – was ihr Gegenüber als Kontaktstörung erlebt. Oder bei Traumafolgestörungen fühlen sich Betroffene in zwischenleiblichen Situationen schnell überwältigt, weil ihr Leibgedächtnis auf bestimmte Reize mit Alarm reagiert (ohne dass sie es kognitiv steuern). Solche Phänomene lassen sich nur verstehen, wenn die leibliche Dimension in die Diagnostik mit einbezogen wird.
Zwischenleibliche Diagnostik erfordert von den Behandler:innen eine geschulte Wahrnehmung und Selbstreflexion: eine Art doppelte Achtsamkeit – nach außen (auf den Patientenleib) und nach innen (auf den eigenen Leib). Diese Fähigkeiten können trainiert werden, z. B. durch körpertherapeutische Weiterbildungen, Selbsterfahrung oder einfach durch bewusstes Üben von Beobachtung und Resonanz im klinischen Alltag. Wichtig ist, die Wahrnehmungen vorsichtig in Hypothesen über das Erleben der Patient:innen zu übersetzen, ohne zu überinterpretieren. Im Dialog können leibliche Eindrücke angesprochen und gemeinsam erkundet werden („Wenn ich das anspreche – löst es etwas in Ihnen aus? Kommt Ihnen dieses Gefühl bekannt vor?“). So wird die zwischenleibliche Ebene selbst zum Thema und Instrument der Therapie. Sie stellt eine diagnostische und therapeutische Erweiterung dar: Der Leib wird zur Bühne, auf der sich das seelische Geschehen zeigt, und zugleich zum Resonanzboden, auf dem Heilung ansetzen kann.
Abschließend lässt sich festhalten, dass der Einbezug des Leibes keinen Bruch mit bewährten psychiatrischen Methoden bedeutet, sondern eine Erweiterung darstellt. Er rückt den Menschen als leiblich in die Welt eingebettetes Wesen ins Zentrum – als Einheit von Körper, Psyche und Welt. Damit knüpft er an die Wurzeln des Faches an (man denke an Karl Jaspers’ Verstehen der „subjektiven Welt“ des Kranken) und aktualisiert sie für den heutigen klinischen Alltag. Thomas Fuchs, Hilarion Petzold und viele andere leiborientierte Autor:innen liefern hierbei wertvolle Konzepte und Vokabular, um das oft Unaussprechliche doch aussprechbar – und behandelbar – zu machen. Die leibphänomenologische Perspektive kann als methodische Ergänzung in die psychiatrische Praxis integriert werden; sie fungiert als konzeptuelles Bindeglied zwischen natur- und humanwissenschaftlichen Zugängen und operationalisiert einen integrativen Behandlungsansatz, der mit höherer diagnostischer Sensitivität, präziseren Fallkonzepten und verbesserter therapeutischer Passung verbunden ist – und damit eine potenziell höhere Wirksamkeit nahelegt.

Fazit für die Praxis

  • Den Leib als wichtiges Diagnostikum nutzen: Psychische Krankheiten spiegeln sich im Leib wider. Diagnostik sollte neben psychischen Symptomen auch leibliche Ausdrucks- und Erlebensaspekte inkludieren: Körperhaltung, Mimik, Gestik, aber auch Zeit- und Raumempfinden geben diagnostische und therapeutisch Hinweise.
  • Zwischenleibliche Signale beachten: Im Gespräch können nonverbale Signale und die Stimmung im gemeinsamen Raum zur Diagnostik herangezogen werden. Was löst die Körperhaltungen in mir aus? Solche Phänomene kann man im therapeutischen Dialog förderlich thematisieren.
  • Eigene leibliche Resonanz nutzen und den eigenen Leib als „diagnostisches Instrument“ verwenden. Wie verändern sich Atmung, Körperspannung während der Sitzung in mir? Diese leibliche Resonanz kann ein Zugang zum impliziten Erleben des Gegenübers sein.
  • Therapeutische Implikationen ziehen: Neben dem Gespräch können auch leibtherapeutische Übungen, achtsame Bewegungen oder Imaginationsübungen integriert werden.

Danksagung

Die Autoren danken der NÖ Landesgesundheitsagentur als Rechtsträgerin der Universitätskliniken in NÖ für die Bereitstellung des organisatorischen Rahmens zur Durchführung des Forschungsvorhabens. Die Autoren anerkennen außerdem die Unterstützung durch den Open Access Publikationsfonds der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Krems, Österreich.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Böckle, F. Schmidsberger und M. Aigner geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
download
DOWNLOAD
print
DRUCKEN
Titel
Der Leib als Brückenbegriff
Leibtherapie für die psychiatrische und psychosomatische Praxis
Verfasst von
Mag. Mag. Dr. Markus Böckle, MSc
Mag. Dr. Florian Schmidsberger
Assoc. Prof. PD Dr. Martin Aigner
Publikationsdatum
15.10.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
psychopraxis. neuropraxis / Ausgabe 6/2025
Print ISSN: 2197-9707
Elektronische ISSN: 2197-9715
DOI
https://doi.org/10.1007/s00739-025-01126-3
1.
Zurück zum Zitat Baer U (2017) Zwischenleiblichkeit und leibliche Berührung. In: Baer U (Hrsg) Kreative Leibtherapie. Das Lehrbuch, 2. Aufl. Semnos, Berlin, S 297–302
2.
Zurück zum Zitat Brinkmann M, Türstig J, Weber-Spanknebel M (Hrsg) (2019) Leib – Leiblichkeit – Embodiment. Pädagogische Perspektiven auf eine Phänomenologie des Leibes. Springer VS
3.
Zurück zum Zitat Broschmann D, Fuchs T (2020) Zwischenleiblichkeit in der psychodynamischen Psychotherapie. Ansatz zu einem verkörperten Verständnis von Intersubjektivität. Forum Psychoanal 36(4):459–475CrossRef
4.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2000) Psychopathologie von Leib und Raum. Phänomenologisch-empirische Untersuchungen zu depressiven und paranoiden Erkrankungen. Steinkopff
5.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2003) Non-verbale Kommunikation: Phänomenologische, entwicklungspsychologische und therapeutische Aspekte. Z Klin Psychol Psychiatr Psychother 51:333–334
6.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2006) Gibt es eine leibliche Persönlichkeitsstruktur? Ein phänomenologisch-psychodynamischer Ansatz. PDP-psychodynamische Psychother 5(2):109–117
7.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2008) Leibgedächtnis und Unbewusstes – Zur Phänomenologie der Selbstverborgenheit des Subjekts. Psycho-Logik 3(1):33–50
8.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2011) Leibliche Sinnimplikate. In: Gondek H‑D, Klass T, Tengelyi L (Hrsg) Phänomenologie der Sinnereignisse. Wilhelm Fink, S 291–305CrossRef
9.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2015a) Körper haben oder Leib sein. Gesprächspsychotherapie Pers Berat 46(3):147–153 (Article Fuchs_2015_Koerper-haben-oder-Leib-sein.pdf)
10.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2015b) Wege aus dem Ego-Tunnel: Zur gegenwärtigen Bedeutung der Phänomenologie. Dtsch Z Philos 63(5):801–823
11.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2019) The interactive phenomenal field and the life space: a sketch of an ecological concept of psychotherapy. Psychopathology 52(2):67–74CrossRefPubMed
12.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2020) Randzonen der Erfahrung. Beiträge zur phänomenologischen Psychopathologie. Alber
13.
Zurück zum Zitat Fuchs T (2023) Psychiatrie als Beziehungsmedizin: ein ökologisches Paradigma. KohlhammerCrossRef
14.
Zurück zum Zitat Fuchs T, Schmidsberger F (2024) Die Phänomenologie als mögliche gemeinsame Grundlage des Humanistischen Clusters. Psychotherapie ForumCrossRef
15.
Zurück zum Zitat Gallagher S, Zahavi D, Breyer T (2023) In: Breyer T (Hrsg) Bewusstsein und Welt: Phänomenologie und Kognitionswissenschaften. Alber,
16.
Zurück zum Zitat Geuter U (2015) Körperpsychotherapie: Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis. SpringerCrossRef
17.
Zurück zum Zitat Husserl E (1922/1952) Gesammelte Werke. In: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie. Zweites Buch, Bd. 4. Nijhoff,
18.
Zurück zum Zitat Jaspers K (1963) Die phänomenologische Forschungsrichtung in der Psychopathologie. In: Gesammelte Schriften zur Psychopathologie. Springer, S 314–328CrossRef
19.
Zurück zum Zitat Merleau-Ponty M (1945/2004) Phänomenologie der Wahrnehmung. Gruyter
20.
Zurück zum Zitat Petzold HG (1996) Integrative Bewegungs- und Leibtherapie. Ein ganzheitlicher Weg leibbezogener Psychotherapie. In: Leib- und Bewegungspsychotherapie, 3. Aufl. Bd. 1. Junfermann, (https://www.fpi-publikation.de/download/18844/)
21.
Zurück zum Zitat Petzold HG, Sieper J (2012) „Leiblichkeit“ als „Informierter Leib“ embodied and embedded–Körper-Seele-Geist-Welt-Verhältnisse in der Integrativen Therapie. Quellen und Konzepte zum „psychophysischen Problem“ und zur leibtherapeutischen Praxis. Petzold, HG, S 243–321
22.
Zurück zum Zitat Ratcliffe M (2017) Empathy without Simulation. In: Summa M, Fuchs T, Vanzago L (Hrsg) Imagination and Social Perspectives: Approaches from Phenomenology and Psychopathology. Routledge, S 199–220CrossRef
23.
Zurück zum Zitat Schmitz H (2011) In: Neuausg (Hrsg) Der Leib. Gruyter,CrossRef
24.
Zurück zum Zitat Waldenfels B (2000) In: Giuliani R (Hrsg) Das leibliche Selbst: Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes. Suhrkamp,
25.
Zurück zum Zitat Waldenfels B (2007) Der leibliche Sitz der Gefühle. In: Ereignis und Affektivität: Zur Phänomenologie des sich bildenden Sinnes. Turia+Kant,