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Ärzte Woche

08.02.2021 | Coronavirus | Ausgabe 6/2021

COVID-Stationen

Christoph Wenisch: Corona nähert sich Influenza an

Autor:
Josef Broukal

Das Ende des Tunnels rückt näher – dank der Wissenschaft. Zwei Ärzte, die in den hinter uns liegenden Wochen und Monaten national und auch international Beachtung fanden, kamen in einer übers Internet übertragenen Diskussion ausführlich zu Wort.

Es sind zwei Mediziner, ein Virologe und ein Tropenmediziner, die beide viel über das Corona-Virus wissen. Der eine ist Theoretiker und berät die Regierung, der andere steht als Praktiker täglich an der Front.

Dr. Franz Xaver Heinz ist emeritierter Professor für Virologie an der MedUni Wien und Mitglied der Corona-Kommission des Gesundheitsministeriums. Er sagt, gegen SARS-CoV-2 würden zum ersten Mal Impfstoffe eingesetzt, die mit minimalistischem Aufbau leicht herzustellen sind. Sie enthalten keine abgeschwächten ganzen Coronaviren, sondern bloß einen Teil von deren Erbinformation. Dieser Teil ist für die Ausbildung des Stachel-Eiweißes verantwortlich, mit dessen Hilfe das Virus an unsere Zellen andockt.

Auch in der Vergangenheit habe es bei Impfstoffen bedeutende Verbesserungen gegeben, sagt Heinz: Beim Polio-Impfstoff habe man zum ersten Mal Zellkultur-Technologien verwendet. Der Impfstoff gegen Hepatitis B sei mit Methoden der Gentechnik erzeugt worden. „Und jetzt haben wir die mRNA-Impfstoffe, die in vielerlei Hinsicht Vorteile bieten.“ mRNA steht für „messenger ribonucleic acid“, also für einen Botenstoff, der bloß Teile der Erbinformation eines Virus enthält. Diese Teile genügen aber, um das menschliche Immunsystem auf den Befall durch das Virus vorzubereiten.

mRNA-Impfstoffe bieten Vorteile

Die Entwicklung der mRNA-Technologie sei mehr als ein Jahrzehnt alt, sagt Heinz. Man habe viele Hürden überwinden müssen, und: „Es ist unglaublich viel Wissenschaft in die Entwicklung hineingeflossen.“ Erst nach dieser langen Zeit sei es gelungen, etwas zu entwickeln, was jetzt im großen Stil angewendet werden und von großem Nutzen sein kann. „Wir sind also beileibe keine Versuchskaninchen, wie es manches Mal gesagt wird. Es sind alle klinischen Zulassungen ordnungsgemäß abgewickelt worden, aber es ist natürlich ein millionenfacher Feldversuch mit einer neuen Technologie, die viele Vorteile bietet. Zum Beispiel, wenn Mutanten des Coronavirus auftreten. Denn mRNA-Impfstoffe können sehr schnell angepasst werden“, meint Heinz.

Bisher seien nur zwei dieser Vakzine zugelassen worden – von Pfizer/BioNTech und von Moderna. Beide arbeiteten nach ganz ähnlichen Prinzipien. In beiden Fällen werde das, wogegen man immunisieren will, nicht von den Pharma-Unternehmen in den Impfstoff eingebracht. Der enthielte bloß eine genetische Information über einen Teil des Virus. Die geimpfte Person selbst produziert das Antigen, mit dem er eine Immunantwort ausgelöst werden soll.

Masken sind wichtig und wirksam

Es gebe auch Impfstoffe auf konventioneller Basis, etwa der aus China stammende von der Firma Sinovac – er wird auch in Brasilien verwendet. Nach den bisher vorliegenden Daten seien aber die mRNA-Impfstoffe weit wirksamer. Leider wüssten selbst Forscher oft Details nur aus den Medien – „Science by Press Conference“.

Solange nicht ein großer Teil der Bevölkerung gegen SARS-CoV-2 geimpft ist, bleiben Masken ein ganz wichtiges Mittel zur Eindämmung der Pandemie, sagt Prof. Heinz. Zwar könne das Virus selbst durch die Masken nicht zurückgehalten werden. Dazu sei es zu klein. Aber der Hauptweg der Übertragung sind virushältige Tröpfchen, die beim Ausatmen, Niesen oder Husten in die Umwelt gelangen. Jede Maske, auch wenn sie nur eine Stoffmaske ist, stellt eine physikalische Barriere für diese Tröpfchen dar. Angenommen, eine infizierte Person scheide 100 Viren aus und 99 werden durch die Maske zurückgehalten. Dann hat nur noch ein Virus die Chance, auf jemand anderen zu treffen. Und wenn auch diese Person auch eine Maske trägt, wird die Wahrscheinlichkeit, dass dieses eine Virus aufgehalten wird, sehr groß. Und selbst wenn es einen neuen Wirt finde, bliebe ein positiver Effekt: Die Viruslast ist dann sehr gering. Und von jedem virologischen Experiment sei bekannt, dass die Zahl der Viren einen großen Einfluss darauf hat, wie sich eine Infektion manifestiert. Eine ganz neue Studie im New England Journal of Medicine zeige das klar.

Es gibt also nur zwei Dinge, die man sich wirklich merken muss, sagt Prof. Heinz – keine Raketenwissenschaft: Abstand halten und Maske tragen.

Dr. Christoph Wenisch, Vorstand der Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin in der Wiener Klinik Favoriten sagt: „SARS-CoV-2: Gekommen, um zu bleiben.“

Wir haben durch die molekulare Schnelldiagnostik ein völlig neues Bild auf die Coronavirus-Krankheit – aber nicht nur auf sie, sagt Wenisch: „Wo wir in der Vergangenheit bloß ‚Lungenentzündung‘ gesagt haben, geben wir dieser Lungenentzündung heute gewissermaßen einen Vornamen und einen Nachnamen. Und zwar einen ätiologischen, der Bezug nimmt auf den Erreger. Natürlich haben wir immer gewusst, dass Krankheiten von Mensch zu Mensch übertragen werden – sonst gäbe es kein Krankenhaus. Aber jetzt haben wir die Möglichkeit, den Dingen einen Namen zu geben – so ähnlich wie im Roman ,Der Name der Rose’, wo es darum geht, was zuerst da war: Der Name oder die Blume? Und damals wie heute gilt: Wenn man beide kennt, bekommt man eine tiefere Wahrnehmung, als wenn man nur eine Antwort kennt.“

Wir kennen also die Erreger viel genauer als früher und wissen daher: So ein Erreger, sei es SARS-CoV-2 oder ein anderer, wird nie wieder weggehen, sagt Wenisch. Über Erreger, die wir seit vielen Jahrzehnten kennen – etwa Staphylokokken oder Influenza – wüssten wir schon sehr viel. Da gebe es weltweit Erfahrungssätze, auf die wir zurückgreifen könnten und die wissenschaftlich ausgetauscht würden. Beim Coronavirus sind wir gerade dabei, uns evolutionäres Wissen zu erarbeiten, bei dem sich die Erkenntnisstände langsam und beständig mehren, sagt Wenisch.

Ein Leben ohne Lockdowns

Dabei sei ein Trend klar absehbar: Dass sich die Coronavirus-Erkrankung, was ihre klinische Bedeutung betrifft, immer mehr einer Influenza annähert. Und zwar aus zwei Gründen. Der erste ist die schnelle Evolution der medizinischen Behandlungsmöglichkeiten: Es gebe heute schon Therapien, mit denen wir den Schweregrad der Erkrankung mildern können—auch die Sterblichkeitszahlen seien deutlich besser geworden. Wenisch erinnert an die ersten Analysen am Beginn der Pandemie. Damals hieß es, COVID-19 sei vom Schweregrad her zehn Mal so schwer wie Influenza. Ende des Jahres 2020 war COVID-19 dann nur noch drei Mal so schwer wie Influenza – und so werde sich dieser Trend in den nächsten Monaten fortsetzen. Corona nähere sich von der Gefährlichkeit einer schweren Lungenentzündung an.

„Das ist das eine“, sagt Wenisch. „Das zweite ist die Evolution mit der Impfung. Die mindert sowohl die Zahl der Erkrankungen als auch ihre Schwere. Geimpfte haben einen milderen Verlauf der Erkrankung. Je mehr Menschen geimpft sind, desto weniger müssen wir antiepidemisch tun – also keine Maskenpflicht mehr, keine Lockdowns und so weiter.“

Quelle. Dieser Text enthält Auszüge aus einem Webinar der Fachgruppe „Ärzte im Bund Sozialdemokratischer AkademikerInnen“, gehalten am 21. Januar 2021.

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