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16.04.2020 | Coronavirus | Kolumne | Onlineartikel

Auch Unsinn ist ansteckend

Autor:
Florian Aigner

Die Corona-Krise ist auch eine Fakten-Krise: Unsicherheit und Angst sind der optimale Nährboden für verrückte Verschwörungstheorien und aberwitzige Falschmeldungen.

Die Gefahr lauert überall – besonders dort, wo viele Leute aufeinandertreffen. Blitzschnell können sie von einem Menschen auf den nächsten überspringen: Die Lügen, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien rund um das neue Coronavirus SARS-CoV-2.

Die Kreativität, mit der momentan die wildesten Theorien über das neue Coronavirus zusammengestrickt werden, ist bemerkenswert: Das Virus existiert gar nicht, es handelt sich bloß um politische Propaganda, sagen die einen. Es wurde gezielt als Biowaffe produziert, sagen die anderen. Entstand das Virus durch 5G-Mobifunk? Gibt es esoterische Wundermittel, um sich vor einer Erkrankung zu schützen? Und wenn ja, welche dunklen Mächte versuchen, uns das zu verheimlichen?

All diese Überlegungen sind Unsinn, aber es ist rational verständlich, dass sie sich derzeit rasant verbreiten, meint der Psychologe Sebastian Bartoschek, der sich seit vielen Jahren mit der Entstehung von Verschwörungstheorien auseinandersetzt.

„Wenn man sich eine Situation ausdenken müsste, in der die Ausbreitung solcher Theorien maximal begünstigt wird, dann käme man zwangsläufig ziemlich genau auf unsere derzeitige Lage“, erklärt Bartoschek. „Es gibt eine allgemeine Verunsicherung, die Situation ist verwirrend und komplex, und zudem ist die persönliche Gesundheit des Einzelnen betroffen. As sind alles Umstände, die zu einem Gefühl des Kontrollverlustes beitragen.“ Genau in solchen Situationen fallen Verschwörungstheorien auf fruchtbaren Boden: Sie scheinen Sicherheit zu bieten, sie liefern ein leicht verständliches Erklärungsmodell für eine komplizierte Welt.

Woher das neue Virus kommt

Wie Verschwörungstheorien bereits durch kleine Missverständnisse entstehen können, zeigte sich schon in der Frühphase der Epidemie. Damals wurde in den Medien oft vereinfachend von „dem Coronavirus“ gesprochen, obwohl es sich beim neuen Coronavirus SARS-CoV-2 bloß um einen von verschiedenen Vertretern aus der Familie der Coronaviren handelt.

Diese scheinbar harmlose Ungenauigkeit führte zu Verwirrung: Auf bestimmten Desinfektionssprays, die lange vor der Corona-Krise produziert worden waren, findet sich der Hinweis, dass sie gegen Coronaviren wirken. Aber wie kann der Spray, der seit einem Jahr im Badezimmer steht, gegen etwas wirken, was die Medien als neue Entdeckung aus China bezeichnen? Will hier jemand etwas vertuschen? Oder Panik schüren, wegen eines harmlosen Virus, das ohnehin längst da ist?

Der Hinweis bezog sich natürlich auf die schon vor der aktuellen Pandemie bekannten Vertreter der Coronaviren-Familie, die seit den 1960erjahren erforscht werden. Die Struktur von Coronaviren war schon lange bekannt, inzwischen wurde auch das neue Virus SARS-CoV-2 ausführlich studiert, genetisch untersucht und mit Elektronenmikroskopen abgebildet.

Trotz alldem gibt es Verschwörungstheoretiker, die immer noch die Existenz dieses Virus abstreiten. Eine besonders prominente von ihnen ist Kelly Brogan, Bestsellerautorin und „holistische Pychiaterin“. Die Krankheit werde in Wahrheit wohl bloß von der Angst von dem Virus ausgelöst, meinte sie. Solche Thesen knüpfen an bekannte Argumente der Impfgegner-Community an. In Impfgegner-Kreisen wurde auch die Existenz von Masernviren oder HIV immer wieder bestritten, aller wissenschaftlichen Evidenz zum Trotz. Die WHO führt Impfgegner seit 2019 offiziell auf der Liste der Gesundheitsgefahren – zusammen mit Luftverschmutzung, Ebola oder Antibiotikaresistenzen.

Der Tod aus dem Mobilfunknetz

Eine bemerkenswerte Dynamik entwickelten Verschwörungstheorien über einen angeblichen Zusammenhang der Corona-Krise mit der neuen Mobilfunk-Generation 5G: Der neue Mobilfunk-Standard 5G sei schließlich in China eingeführt worden, so wird argumentiert, und genau dort sei es dann auch zum Ausbruch der Epidemie gekommen. Das kann doch kein Zufall sein! Oder doch?

Das ist ein klassischer Fall von Korrelation ohne Kausalität: Dieselbe Verbindung ließe sich auch zwischen Coronaviren und chinesische Dampfbrötchen oder chinesische Mikroprozessoren ziehen. Einen auch nur annährend plausiblen Mechanismus, wie elektromagnetische Strahlung eines 5G-Netzes die Gefahr eines Virus vergrößern oder gar ein Virus entstehen lassen könnte, gibt es selbstverständlich nicht.

Doch die Angst vor dem Mobilfunk-Standard 5G wird bereits seit Jahren geschürt – immer wieder auch mit Behauptungen, die sich später als völlig falsch herausstellten. In mehreren Regionen berichteten Personen über Beschwerden nachdem 5G-Funkmasten errichtet worden waren, obwohl sich dann zeigte, dass man die Masten noch gar nicht eingeschaltet hatte. 2019 kursierten Horrormeldungen über Vögel, die angeblich in Den Haag nach 5G-Tests tot vom Himmel fielen – dort gab es aber gar keine 5G-Tests.

Auch wenn solche Behauptungen widerlegt wurden, blieb Unsicherheit zurück, die nun als idealer Nährboden für Corona-Verschwörungstheorien dient. Und so kam es, dass militante 5G-Gegner in Großbritannien und den Niederlanden sogar 5G-Funkanlagen anzündeten, weil sie von einem Zusammenhang mit der COVID-19-Epidemie überzeugt waren.

Als sich in verschiedenen Ländern die Tradition entwickelte, abends um 18:00 die Fenster zu öffnen und gemeinsam dem medizinischen Hilfspersonal zu applaudieren, wurde sogar daraus eine Verschwörungstheorie konstruiert: Das sei nur ein Trick der Regierung, hieß es in sozialen Medien. Um 18:00 werde nämlich das 5G-Netz getestet, mit hörbarem Brummen, das vom Applausklatschen übertönt werden soll.

Anderswo wurde gemutmaßt, beim neuen Coronavirus könnte es sich um eine biologische Waffe handeln. Will da jemand die Menschheit dezimieren? Oder ist die Waffe aus Versehen aus dem Labor entkommen? Hat man ein altes Coronavirus umgebaut, um es aggressiver und tödlicher zu machen? Nein. Genetische Studien zeigen, dass das neue Virus nicht einfach eine von Menschen gemachte Abwandlung bereits vorhandener Vorgängerviren ist. Hingegen lässt sich das Virus gut erklären, wenn man annimmt, dass es sich in Tieren weiterentwickelte, bevor es zum Menschen überwechselte.

Unwissenschaftliche Gegenmittel

Falschmeldungen haben allerdings nicht immer nur mit Angst zu tun, sondern oft auch mit Geschäftemacherei: Händler, die fragwürdige esoterische Heilmittel verkaufen, wittern in der Corona-Krise ihre große Chance. Vitaminpräparate sollen angeblich helfen, das Immunsystem zu stärken. Dass es Menschen gibt, die Mangelerscheinungen mit  bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln ausgleichen müssen, ist zwar richtig, doch die Vorstellung, dass wir alle unser Immunsystem mit zusätzlichen Vitaminen „boosten“ können, ist falsch. Das Immunsystem ist ein kompliziertes, fein ausbalanciertes System. Es soll Viren und Bakterien effektiv bekämpfen, aber nicht überaktiv werden, weil es sonst zu Autoimmunerkrankungen kommen würde. Diese Balance lässt sich nicht einfach mit ein paar Vitaminpillen verbessern.

Auch in der Homöopathie setzt man sich mit COVID-19 auseinander. Die Ärztin Natalie Grams beobachtet das besonders genau. Sie verschrieb früher selbst homöopathische Präparate, kam nach ausführlichen Recherchen aber zur Erkenntnis, dass Homöopathie nicht über den Placeboeffekt hinaus wirksam ist. Heute versucht sie, auf wissenschaftlicher Basis über Homöopathie aufzuklären.

„Zunächst wurde von vielen Homöopathen vor allem Arsenicum Album C 30 empfohlen“, berichtet Grams. „Nach heftigster Kritik wurde diese Empfehlung aber meist zurückgenommen. Generell wird aber natürlich weiterhin versucht aus der Situation Kapital zu schlagen, emotional und finanziell.“

Meist heilt COVID-19 von alleine aus. Hat man vorher Globuli genommen, kommt man leicht zum falschen Schluss, die Homöopathie habe hier Wunder vollbracht. Die größte Gefahr bei der Verwendung homöopathischer Präparate in der COVID-19-Pandemie sieht Natalie Grams darin, dass man wichtige Regeln zum Schutz der Gesundheit möglicherweise nicht mehr ausreichend ernst nimmt, wenn man sich durch Globuli geschützt fühlt.

Es gibt allerdings auch Behandlungsmethoden, von denen eine ganz unmittelbare Gefahr ausgeht. So wurde etwa behauptet, dass man Coronaviren töten kann, indem man das Bleichmittel Chlordioxid trinkt. Chlordioxid-Lösungen werden auch unter dem Namen „MMS“ („Miracle Mineral Supplement“) verkauft, angeblich als hochwirksames Wundermittel gegen allerlei ernste Krankheiten. Das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich – Chlordioxid ist giftig und ätzend, es kann schwere Schäden hervorrufen, von Durchfall bis hin zu Darmschäden oder Nierenversagen.

Die wahren und die falschen Experten

Pseudowissenschaftlicher Unsinn und wissenschaftliche Fakten sind in der Corona-Krise noch schwieriger auseinanderzuhalten als sonst. Schließlich kann auch die Wissenschaft viele Fragen derzeit noch nicht beantworten. Was vor einem Monat noch als wissenschaftlich plausibel galt, ist heute möglicherweise bereits widerlegt. So kursierte etwa ein aufsehenerregendes Video vom italienischen Arzt Matteo Bassetti, der die Aufregung über COVID-19 als Übertreibung darstellte. Das Video stammt vom 26. Februar, als die Situation in Italien noch vergleichsweise harmlos war. Bassetti revidierte seine Meinung Mitte März, als die volle Tragweite des COVID-19-Problems offensichtlich wurde. Das änderte freilich nichts daran, dass sein verharmlosendes Video nach wie vor auf der ganzen Welt verbreitet wurde.

Es ist daher in Zeiten der Corona-Krise wichtig, noch kritischer mit wissenschaftlichen Meldungen umzugehen als sonst: Nicht jeder, der eine Meinung hat, ist auch wirklich ein Experte. Und nur weil man Experte auf einem Gebiet ist, sollte man noch lange nicht den Fachexperten auf einem anderen Gebiet widersprechen: Ein praktischer Arzt, der den Ergebnissen der Virologen widerspricht, ist selbst noch lange kein Virologe. Und ein Mathematiker, der den Prognosen der Epidemiologen widerspricht, ist selbst noch lange kein Epidemiologe.

Und manchmal – das sehen wir am Beispiel von Matteo Bassetti – widersprechen sich Leute auch selbst. Das ist in Ordnung. Schließlich hat jeder das Recht, klüger zu werden und seine Meinung zu ändern. Umso mehr sollten wir Vorsicht walten lassen, wenn wir uns zu solchen komplizierten Themen eine eigene Meinung bilden.


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