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01.12.2020 | PFLEGE & WISSENSCHAFT | Ausgabe 10/2020

ProCare 10/2020

Cochrane Pflegeforum

Akupunktur oder Akupressur zur Schmerzlinderung wÄhrend der WehentÄtigkeit

Zeitschrift:
ProCare > Ausgabe 10/2020
Autoren:
Doris Eglseer, BSc Alfred HÄussl, BSc Eva Ehmann, MSc BBSc Dr.in Daniela Schoberer, MSc BBSc Dr.in Doris Eglseer

Plain Language Summary:

Fragestellung des Reviews. Wir untersuchten die Evidenz aus randomisierten kontrollierten Studien zur Anwendung von Akupunktur oder Akupressur zur UnterstÜtzung von Frauen bei der SchmerzbewÄltigung wÄhrend der WehentÄtigkeit.
Dies ist eine Aktualisierung eines Reviews, der zuletzt im Jahr 2011 verÖffentlicht wurde.
Hauptaussagen. Der Geburtsschmerz kann intensiv sein und durch kÖrperliche Anspannung, Aufregung und Ängste noch verschlimmert werden. Die Schmerzen werden durch Kontraktionen der GebÄrmutter, die Öffnung des GebÄrmutterhalses und im spÄten ersten und zweiten Stadium durch die Dehnung der Vagina und des Beckenbodens verursacht, wenn sich das Baby durch den Geburtskanal bewegt. Eine wirksame, zufriedenstellende Schmerzbehandlung muss fÜr jede Frau individuell gestaltet werden. Frauen kÖnnen auch Strategien anwenden, um zu versuchen, den Zyklus von Angst, Anspannung und Schmerz zu durchbrechen und mit den Schmerzen zu arbeiten. Bei der Arbeit mit dem Schmerz geht es darum, den Frauen UnterstÜtzung und Ermutigung zu bieten, bequeme Positionen zu finden, sich in Wasser zu begeben und Selbsthilfetechniken anzuwenden. Viele Frauen mÖchten die Geburtsphase ohne Medikamente durchstehen. Frauen kÖnnen Akupunktur oder Akupressur nutzen, um ihre Schmerzen zu lindern und den Umgang mit den Schmerzen zu erleichtern.
Hintergrund. Die Akupunktur hat eine lange Tradition in Asien, einschließlich China, Korea und Japan. Um die Nadeln an den richtigen Stellen anzuwenden, sind technische FÄhigkeiten im Nadelsetzen erforderlich. Auch die Akupressur hat ihren Ursprung im alten China. Bei der Akupressur aktiviert der Therapeut mit HÄnden und Fingern die gleichen Punkte wie bei der Akupunktur. Manchmal sind nur einige wenige Punkte notwendig, um Schmerzen zu lindern oder ein GefÜhl der Entspannung zu erzeugen. In anderen FÄllen kann eine Kombination von mehreren Punkten erforderlich sein, um eine grÖßere Wirkung zu erzielen. Einige Formen der Akupressur werden von geschulten Fachpersonen im Gesundheitswesen angewendet, wÄhrend andere von den Personen selbst als eine Form der Selbstmassage angewendet werden kÖnnen.
Die wichtigsten Ergebnisse. Unsere aktualisierte Suche im Februar 2019 ergab 17 neue Studien. Dieser Review umfasst nun 28 Studien, die Über 3960 Frauen berichten, wobei 27 Studien BeitrÄge zu den Ergebnissen lieferten. Die Studien verglichen Akupunktur oder Akupressur mit einer Scheinbehandlung (Placebo), keiner Behandlung oder der Regelversorgung zur Schmerzbehandlung wÄhrend der WehentÄtigkeit. 13 Studien befassten sich mit Akupunktur und 15 Studien mit Akupressur. In 18 der 27 Studien hatten die Frauen Spontanwehen. In den anderen Studien kÖnnten die Wehen eingeleitet worden sein. Acht Studien wandten eine individualisierte Traditionelle Chinesische Medizin an, wÄhrend in der Mehrzahl der Studien festgelegte Akupunkturpunkte verwendet wurden. Wir stellten große Unterschiede in der Art und Weise der Stimulation (manuell oder mit Elektrostimulation), der Dauer der Anwendung, der Anzahl der verwendeten Punkte und der Tiefe der Einstiche fest. Es ist unklar, wie reprÄsentativ die Behandlungen fÜr die Akupunktur in der Praxis waren. Die meisten Vergleiche deuten auf eine kleine positive Wirkung der Akupunktur hin, obwohl die Evidenz dafÜr begrenzt war.
Wir sind unsicher, ob Akupunktur die IntensitÄt der Schmerzen verglichen mit Scheinakupunktur (2 Studien, 325 Frauen), der Regelversorgung (4 Studien, 495 Frauen) und keiner Behandlung (1 Studie, 163 Frauen) verringert. Die VertrauenswÜrdigkeit der Evidenz war niedrig oder sehr niedrig.
Akupunktur kÖnnte die Zufriedenheit mit der Schmerzlinderung im Vergleich zu Scheinakupunktur erhÖhen (eine Studie, moderate VertrauenswÜrdigkeit der Evidenz). Akupunktur verringerte die Anwendung von Schmerzmedikamenten im Vergleich zur Scheinakupunktur leicht (2 Studien, 261 Frauen, moderate VertrauenswÜrdigkeit der Evidenz). Die Anwendung von Akupressur war im Vergleich zu einer kombinierten Kontrollbehandlung mit einer Verringerung der SchmerzintensitÄt wÄhrend der WehentÄtigkeit verbunden (2 Studien, 322 Frauen, moderate VertrauenswÜrdigkeit der Evidenz). Die Akupunktur schien keine Auswirkung auf die Notwendigkeit von assistierten vaginalen Geburten oder Kaiserschnitten zu haben, aber die Akupressur verringerte die Rate der Kaiserschnitte verglichen mit Scheinakupressur.
Schlussfolgerung. Akupunktur kann die Zufriedenheit mit der Schmerzlinderung erhÖhen und den Einsatz von Schmerzmedikamenten reduzieren. Akupressur kÖnnte zur Linderung von Schmerzen wÄhrend der WehentÄtigkeit beitragen, obwohl die Schmerzlinderung mÖglicherweise nicht groß ist. Bei anderen Vergleichen von Akupunktur und Akupressur sind wir jedoch aufgrund sehr niedriger VertrauenswÜrdigkeit der Evidenz unsicher Über die Auswirkungen auf die SchmerzintensitÄt und die Zufriedenheit mit der Schmerzlinderung. Akupunktur oder Akupressur haben mÖglicherweise lediglich eine kleine bis gar keine Wirkung auf assistierte vaginale Geburten, jedoch benÖtigen Frauen mit Akupressur mÖglicherweise seltener einen Kaiserschnitt.
Die Studien wurden in verschiedenen LÄndern durchgefÜhrt, was die unterschiedlichen Anwendungsarten der Akupunktur erklÄren kÖnnte. Ein Schwachpunkt mehrerer Studien besteht nach wie vor darin, dass nur sehr wenige Endpunkte gemessen wurden und keine Endpunkte zur Sicherheit der Intervention berichtet wurden. Weitere Studien von guter QualitÄt sind erforderlich.

Cochrane Pflege FORUM: Wissen was wirkt

Das „Cochrane Pflege Forum“ ist eine Serie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Cochrane Zentrum. Es zeigt in regelmÄßigen AbstÄnden den aktuellen Stand der Forschung in Form von Zusammenfassungen von Cochrane Reviews auf. Dabei werden unterschiedliche pflegerische Themen aufgegriffen. Ziel der Serie ist es, den PflegekrÄften Forschungsergebnisse schneller und direkter zur VerfÜgung zu stellen.

Kommentar zum Review:

Akupunktur hat eine lange Tradition in Asien (China, Japan, Korea und Taiwan) und ist einer der Hauptbestandteile in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM). In der TCM wird von „Lebensenergie des KÖrpers (Qi)“ ausgegangen, welche auf mehreren definierten Bahnen (Meridiane) zirkulieren. Ein gestÖrter Energiefluss soll eine Erkrankung verursachen. Bei der Akupunktur werden feine Nadeln in die auf den Meridianen liegenden Akupunkturpunkte eingefÜhrt, um das Ungleichgewicht der Energie im KÖrper zu korrigieren. Auch Akupressur hat ihren Ursprung im frÜhen China. Bei der Akupressur aktiviert der Therapeut mit HÄnden und Fingern die gleichen Punkte wie bei der Akupunktur ( Smith et al., 2020). Die Verwendung von KomplementÄrmedizin, einschließlich Akupunktur und Akupressur, erfreut sich weltweit immer grÖßerer Beliebtheit. So werden Akupunktur und Akupressur auch in Österreich eingesetzt, zum Beispiel zur Schmerzlinderung wÄhrend der Geburt ( Jochberger et al., 2017).
In Österreich kamen im Jahr 2018 insgesamt 85.535 Kinder zur Welt (Statistik Austria, 2019). Der Schmerz, den Frauen wÄhrend der Geburt erleben, wird durch verschiedene physiologische und psychosoziale Faktoren beeinflusst. Die IntensitÄt variiert von Frau zu Frau. Viele GebÄrende benÖtigen Schmerzmittel wÄhrend der Geburt, einige mÖchten aber auch vollkommen darauf verzichten und wÜnschen sich eine mÖglichst natÜrliche Geburt. Da die Anwendung von Analgetika mit einigen Nebenwirkungen, wie zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen einhergehen kann, ist eine weitere MÖglichkeit die Anwendung nicht-medikamentÖser Maßnahmen. So kann auch der Wunsch der werdenden MÜtter respektiert werden, auf die Schmerzmittelgabe zu verzichten ( Smith et al., 2020).
Schmerz wird definiert als ein unangenehmes, sensorisches und emotionales Erlebnis, das mit einer tatsÄchlichen oder potentiellen GewebeschÄdigung in Verbindung steht oder in Verbindung einer solchen SchÄdigung entsteht ( International Association for the Study of Pain, 1994). In der modernen Geburtshilfe gibt es verschiedene Verfahren, wobei insgesamt drei Stufen der Analgesie unterschieden werden. Zur Stufe eins zÄhlen die HomÖopathie sowie die Akupunktur, in der Stufe zwei werden Opiate und Lachgas verwendet, und in der letzten Stufe kommt die PeriduralanÄsthesie sowie die LokalanÄsthesie zum Einsatz ( Jochberger et al., 2017).

ErhÖhte Zufriedenheit, weniger Schmerzmittel

Der vorliegende Cochrane-Review von Smith et al. (2020) untersuchte die Effekte von Akupunktur und Akupressur auf die Schmerzen von Frauen wÄhrend der WehentÄtigkeit. Diese Interventionen wurden mit Placebo, keiner Behandlung oder anderen nicht-pharmakologischen Arten des Schmerzmanagements verglichen. Es wurden sowohl spontan GebÄrende als auch eingeleitete Geburten eingeschlossen. In diesem Review kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass Akupunktur im Vergleich zu Placebo die Zufriedenheit mit dem Schmerzmanagement erhÖhen, und den Gebrauch von Schmerzmitteln reduzieren kann. Es ist unklar, ob Akupunktur die SchmerzintensitÄt reduzieren kann. Akupunktur scheint keinen Einfluss auf die Notwendigkeit von assistieren vaginalen Geburten zu haben. Akupressur kann im Vergleich zu einer Kontrollgruppe die SchmerzintensitÄt sowie die Anzahl der Kaiserschnitte reduzieren.
Die Behandlung und Erkennung von Schmerzen fÄllt sowohl in den mitverantwortlichen TÄtigkeitsbereich von Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonen als auch in die pflegerische Kernkompetenz. Nach dem Gesundheits- und Krankenpflegegesetz (GuKG) gehÖrt die Anwendung von komplementÄren Pflegemethoden zur pflegerischen Kernkompetenz ( Bundesministerium fÜr Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, 2020). Zu diesen komplementÄren Methoden zÄhlen unter anderem die Akupressur und Akupunktur. In Österreich ist es so, dass nur ausgebildete Ärzte eine Zusatzqualifikation im Bereich der Akupunktur erlangen dÜrfen ( Österreichische Gesellschaft fÜr kontrollierte Akupunktur und TCM, 2020). Bei der Akupressur besteht jedoch auch die MÖglichkeit fÜr Pflegepersonen, sich diese Fertigkeiten anzueignen. Die Akupressur bringt einige Vorteile mit sich. Einerseits ist sie nicht invasiv und relativ einfach zu erlernen. Da keine speziellen Werkzeuge oder Produkte fÜr die Anwendung erforderlich sind, ist sie in der alltÄglichen Praxis einfach anzuwenden. Weiters besteht auch die MÖglichkeit, sowohl die Patienten als auch deren Partner in die Behandlung einzubinden und sie dazu anzuleiten, die Akupressur selbst anzuwenden ( Maa, 2005).
Aufgrund der niedrigen methodologischen QualitÄt der Studien raten die Autoren des Reviews, die Ergebnisse mit Vorsicht zu interpretieren. Dennoch stellen Akupunktur und Akupressur eine unterstÜtzende MÖglichkeit in der Behandlung von Schmerzen wÄhrend einer Geburt dar. Im Review von Smith et al. (2020) wird erwÄhnt, dass weitere qualitativ hochwertige Forschung notwendig ist, um mehr Über die Wirksamkeit von Akupunktur und Akupressur in Bezug auf die Zufriedenheit mit der Geburtserfahrung oder die Schmerzlinderung herauszufinden.

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