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Erschienen in: ProCare 9/2019

01.11.2019 | pflege & wissenschaft Zur Zeit gratis

Cochrane Pflege Forum

Yoga zur Behandlung von Harninkontinenz bei Frauen

verfasst von: BScN Katrin Winter, BScN Katharina Hermann, MSc, BSc Dr. rer cur Daniela Schoberer

Erschienen in: ProCare | Ausgabe 9/2019

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Plain Language Summary

Fragestellung: Wir untersuchten, ob Yoga zur Behandlung von Harninkontinenz bei Frauen geeignet ist. Wir verglichen Yoga mit keiner Behandlung und mit anderen Therapien bei Inkontinenz. Ebenso verglichen wir Yoga als zusätzliche Behandlung mit anderen Behandlungen allein. Wir konzentrierten uns auf Symptome von Inkontinenz, Lebensqualität und unerwünschte Wirkungen. Zusätzlich suchten wir nach Informationen zum Kosten-Nutzen- Verhältnis einer Yoga-Therapie.
Hintergrund: Bis zu 15 Prozent der Frauen im mittleren oder höheren Lebensalter können an Harninkontinenz leiden. Inkontinenz kann als Dranginkontinenz, definiert als unfreiwilliger Harnverlust in Verbindung mit einem plötzlichen starken Harndrang, oder Stressinkontinenz, bei der eine Aktivität wie Niesen einen unfreiwilligen Harnverlust auslöst, kategorisiert werden. Beide Arten können die Lebensqualität sowie die soziale, psychologische und sexuelle Funktionalität negativ beeinflussen. Die Behandlung von Inkontinenz beginnt für gewöhnlich mit Ratschlägen zur Änderung von Lebensgewohnheiten, wie beispielsweise der Senkung des Koffeinkonsums, verhaltenstherapeutischen Maßnahmen wie Blasentraining oder Übungen für die Beckenbodenmuskulatur. Viele Frauen sind jedoch an zusätzlichen Therapien wie Yoga interessiert, einem Konzept aus Philosophie, Lebensgewohnheiten und körperlichen Übungen, das seinen Ursprung im alten Indien hat.
Aktualität des Reviews: Die Evidenz ist auf dem Stand vom 21. Juni 2018.
Studienmerkmale: Wir fanden zwei Studien, die insgesamt 49 Frauen einschlossen. Eine davon war eine sechswöchige Studie, in der Yoga mit einer Warteliste (verzögerte Behandlung) bei Frauen mit Stress- oder Dranginkontinenz verglichen wurde. Die andere war eine achtwöchige Studie, in der Yoga mit achtsamkeitsbasierter Stressreduktion (mindfulnessbased stress reduction, MBSR) bei Frauen mit Dranginkontinenz verglichen wurde. Wir fanden auch eine laufende Studie mit 50 Frauen, die darauf abzielt, Yoga mit Dehnungsübungen zu vergleichen. Wir werden diese Studie einbeziehen, wenn die Ergebnisse veröffentlicht werden.
Hauptergebnisse: Jene Studie, die Yoga mit einer Warteliste verglich, gab nicht die Anzahl der Frauen an, die sich als geheilt bezeichneten, berichtete jedoch über Symptome, die krankheitsbedingte Lebensqualität und unerwünschte Wirkungen. Obwohl dieser Vergleich im Allgemeinen die Yoga-Therapie befürwortete, sind wir unsicher, ob Yoga die Harninkontinenz verbessert, da die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz sehr niedrig ist. Die Studie, die Yoga mit MBSR verglich, berichtete über Symptome und die krankheitsbedingte Lebensqualität, jedoch nicht über die Anzahl der Frauen, die sich als geheilt bezeichneten. Während dieser Vergleich im Allgemeinen die MBSR-Therapie befürwortete, sind wir unsicher, ob Yoga die Harninkontinenz verbessert, da auch hier die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz sehr niedrig ist. Es gab keine Informationen über unerwünschte Ereignisse. Wir fanden keine Informationen zum Kosten-Nutzen-Verhältnis von Yoga bei Harninkontinenz.
Qualität der Evidenz: Obwohl wir ein gewisses Maß an Evidenz zu Yoga als Therapie bei Harninkontinenz von Frauen gefunden haben, waren die eingeschlossenen Studien sehr klein und es gab Probleme mit der Art und Weise der Durchführung, was unser Vertrauen in die Ergebnisse einschränkt. Aufgrund der Art der Therapie war den Teilnehmern und Mitarbeitern der Studie, die Yoga mit einer Warteliste verglichen, bewusst, welchen Gruppen die Teilnehmer zugewiesen wurden, und es ist möglich, dass die Frauen der Yoga-Gruppen einige Vorteile berichteten, weil sie erwarteten, dass Yoga hilfreich sein würde. Die Studie, in der Yoga mit MBSR verglichen wurde, zielte nicht darauf ab, Yoga zur Behandlung von Inkontinenz zu testen. Stattdessen testete die Studie MBSR als Therapie und benutzte Yoga-Kurse, um sicherzustellen, dass Frauen in der Vergleichsgruppe von Seiten des Studienpersonals Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Zusätzlich erhob die Studie, die Yoga mit MBSR verglich, nicht von allen Frauen Ergebnisse und daher ist es möglich, dass die Frauen, die Ergebnisse berichteten, entweder bessere oder schlechtere Ergebnisse erzielt hatten als die Frauen, die keine Ergebnisse berichteten. Es gibt derzeit keine ausreichende Evidenz, um zu beurteilen, ob Yoga für Frauen mit Harninkontinenz nützlich ist.
Übersetzt von D. Schoberer, freigegeben durch Cochrane Deutschland.

ORIGINALREVIEW

Wieland L, Shrestha N, Lassi ZS, Panda S, Chiaramonte D, Skoetz N. Yoga for treating urinary incontinence in women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2019, Issue 2. Art. No.: CD012668. DOI: https://​doi.​org/​10.​1002/​14651858.​CD012668.​pub2

Kommentar zum Review:

Die internationale Kontinenz-Gesellschaft sowie die internationale Urogenitalvereinigung definieren Harninkontinenz als unwillkürlichen Harnabgang, bei dem Ort und Zeitpunkt nicht oder nur selten selbst bestimmt werden können (Bø et al. 2017). In Österreich leben in etwa 850.000 Menschen mit Harninkontinenz (Haydter 2019). Die Formen, die am häufigsten auftreten, sind Belastungs- bzw. Stressinkontinenz (ca. 50 % der Fälle) und Dranginkontinenz (ca. 15 % der Fälle).
Vor allem junge Frauen leiden aufgrund physiologischer und anatomischer Unterschiede häufiger an Harninkontinenz als Männer im selben Alter. Im höheren Alter sind beide Geschlechter beinahe gleich häufig von Harninkontinenz betroffen. Ein wesentlicher Faktor für den Unterschied in jüngeren Jahren ist die Tatsache, dass die weibliche Beckenbodenmuskulatur von Natur aus schwächer ausgeprägt und weniger flexibel als die männliche ist. Mit dem Älterwerden gleicht sich dieses Missverhältnis beinahe wieder aus (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2019).
Gezieltes und regelmäßiges Beckenbodentraining wird neben einer medikamentösen oder operativen Therapie als zentrale Maßnahme zur Behandlung von Harninkontinenz gesehen. Besonders Frauen sollten während einer Schwangerschaft oder nach einer Geburt gezieltes Training der Beckenbodenmuskulatur als präventive Maßnahme gegen Harninkontinenz einsetzen (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz 2019).
Auch in den österreichischen evidenzbasierten Leitlinienempfehlungen von Hödl et al. (2018) wird Beckenbodentraining als konservative Therapie einer Harninkontinenz empfohlen. Übungen zur Stärkung und Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur sind in zahleichen körperlichen Trainingsmethoden enthalten. So auch in körperlichen Yoga-Übungen.
Bei Yoga handelt es sich um eine philosophische und spirituelle Lehre, welche ihren Ursprung in Indien hat. Die unterschiedlichen Yoga-Übungen sind darauf ausgerichtet, Menschen physisch und psychisch zu stärken. Die Muskulatur soll gekräftigt und Körper und Geist in Einklang gebracht werden, um so ein umfassendes Wohlbefinden zu erreichen (Simhofer 2016). Zahlreiche deutsche Internetseiten verweisen auf die positive Auswirkung von Yoga bei Harninkontinenz (z. B.: https://​www.​netdoktor.​at/​gesundheit/​frauen/​studie-yoga-hilft-frauen-bei-inkontinenz-6684871).
In dem Cochrane Review von Wieland et al. (2019) untersuchten Forscherinnen und Forscher die Wirksamkeit von Yoga bezüglich Harninkontinenz bei Frauen. In diese Übersichtsarbeit wurden zwei randomisierte kontrollierte Studien eingeschlossen. In der ersten Studie wurden 19 Frauen mit Stress- oder Dranginkontinenz beobachtet. Die Interventionsgruppe nahm sechs Wochen lang am Yoga-Unterricht teil, wohingegen die Kontrollgruppe keine aktive Intervention ausübte. Die zweite Studie verglich Yoga-Übungen mit einer achtsamkeitsbasierten Intervention zur Stressreduktion. Dabei wurden 30 Frauen mit Dranginkontinenz acht Wochen lang beobachtet.
Die Hauptergebnisse der beiden Studien zeigten, dass es weder durch Yoga noch durch eine andere angebotene Intervention zu einer tatsächlichen Heilung der Inkontinenz kam. Die Zufriedenheit mit dem Kontinenz-Status hat sich bei Frauen, welche Yoga ausübten, geringfügig verbessert. Signifikant positive Auswirkungen auf die Harninkontinenz oder die symptomspezifische Lebensqualität der Teilnehmerinnen konnte durch den Einsatz von Yoga in keiner der beiden Studien nachgewiesen werden.
Beide Studien wurden anhand wissenschaftlicher Qualitätskriterien beurteilt und die Qualität wurde als mangelhaft bewertet. Gründe dafür waren unter anderem das hohe Risiko für Bias und die niedrige Repräsentativität aufgrund der zu geringen Stichprobengrößen. Darüber hinaus kam es in einer Studie zu einer hohen Ausfallsquote der Teilnehmerinnen.
Aufgrund der Schwächen der Studien und der vorliegenden Ergebnisse bleibt unklar, ob Yoga zur Therapie von Harninkontinenz wirkungsvoll eingesetzt werden kann bzw. eingesetzt werden soll. Weiterführende Forschung, mit gut konzipierten Studien, ist in diesem Bereich notwendig, um eindeutige Aussagen tätigen zu können.

Cochrane Pflege Corner: Wissen was wirkt

Das „Cochrane Pfl ege Forum“ ist eine Serie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Cochrane Zentrum. Es zeigt in regelmäßigen Abständen den aktuellen Stand der Forschung in Form von Zusammenfassungen von Cochrane Reviews auf. Dabei werden unterschiedliche pfl egerische Themen aufgegriffen. Ziel der Serie ist es, den Pfl egekräften Forschungsergebnisse schneller und direkter zur Verfügung zu stellen.
Literatur
Zurück zum Zitat Bø, K, Frawley, HC, Haylen, BT, Abramov, Y, Almeida, FG, Berghmans, B, Bortolini, M, Dumoulin, C, Gomes, M, McClurg, D, Meijlink, J, Shelly, E, Trabuco, E, Walker, C, & Wells, A 2017, ‘An International Urogynecological Association (IUGA)/International Continence Society (ICS) joint report on the terminology for the conservative and nonpharmacological management of female pelvic floor dysfunction’, International Urogynecology Journal, vol. 28, no. 2, pp. 191–213. CrossRef Bø, K, Frawley, HC, Haylen, BT, Abramov, Y, Almeida, FG, Berghmans, B, Bortolini, M, Dumoulin, C, Gomes, M, McClurg, D, Meijlink, J, Shelly, E, Trabuco, E, Walker, C, & Wells, A 2017, ‘An International Urogynecological Association (IUGA)/International Continence Society (ICS) joint report on the terminology for the conservative and nonpharmacological management of female pelvic floor dysfunction’, International Urogynecology Journal, vol. 28, no. 2, pp. 191–213. CrossRef
Zurück zum Zitat Hödl, M, Schoberer, D, Halfens, RJG & Lohrmann, C 2018, ‘Adaptation of evidence-based guideline recommendations to address urinary incontinence in nursing home residents according to the ADAPTE-process’, Journal of Clinical Nursing, vol. 27, no. 15-16, pp. 2974–2983. CrossRef Hödl, M, Schoberer, D, Halfens, RJG & Lohrmann, C 2018, ‘Adaptation of evidence-based guideline recommendations to address urinary incontinence in nursing home residents according to the ADAPTE-process’, Journal of Clinical Nursing, vol. 27, no. 15-16, pp. 2974–2983. CrossRef
Metadaten
Titel
Cochrane Pflege Forum
Yoga zur Behandlung von Harninkontinenz bei Frauen
verfasst von
BScN Katrin Winter
BScN Katharina Hermann
MSc, BSc Dr. rer cur Daniela Schoberer
Publikationsdatum
01.11.2019
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
ProCare / Ausgabe 9/2019
Print ISSN: 0949-7323
Elektronische ISSN: 1613-7574
DOI
https://doi.org/10.1007/s00735-019-1123-6