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Offline gehen sollte eine autonome Entscheidung sein

Uns hat interessiert, was passiert, wenn Menschen im Alltag bewusst Abstand von digitalen Medien nehmen. Also nicht im Labor, nicht unter strengen Vorgaben, sondern so, wie es wirklich gelebt wird.

Alicia Gilbert, M.Sc., Arbeitsbereich Medienwirkung und Medienpsychologie, Institut für Publizistik, Universität Mainz


Unsere Ergebnisse zeigen: Wer häufiger offline ist als üblich, berichtet kurzfristig von besserer Stimmung, fühlt sich energetischer und stärker mit anderen verbunden. Diese Effekte sind jedoch klein und sie halten nicht lange an – nach zwei bis drei Stunden sind sie meist wieder verschwunden. Einen messbaren Zusammenhang zwischen Digital Disconnection und dem Stressempfinden konnten wir nicht feststellen.

In der Forschung gibt es einige Studien zu diesem Thema. Viele davon sind als Interventionsstudien angelegt. Das bedeutet: Den Teilnehmenden wird vorgeschrieben, wie lange und in welchem Umfang sie auf digitale Medien verzichten sollen. Genau dieses Design wird derzeit kritisch diskutiert. Denn wenn Menschen das Gefühl haben, ihr Alltag werde durch Vorgaben eingeschränkt, kann das die Ergebnisse verzerren. Die Befunde sind entsprechend widersprüchlich: Manche Studien finden positive Effekte, andere keinen Einfluss, wieder andere berichten von zusätzlichem Stress durch erzwungene Abstinenz.

Wir haben einen beobachtenden Ansatz gewählt. Statt Anweisungen zu geben, wollten wir wissen, wie junge Menschen Digital Disconnection ohnehin praktizieren – und wie sich das in ihrem Alltag auf ihr Wohlbefinden auswirkt. Über zwei Wochen hinweg haben wir 237 Personen zwischen 18 und 29 Jahren mehrmals täglich befragt. Insgesamt kamen so mehr als 12.000 berichtete Situationen zusammen. Dabei zeigte sich auch, dass Digital Disconnection selten vollständige Abstinenz bedeutet. Viele legten etwa das Smartphone weg, arbeiteten aber gleichzeitig am Laptop weiter oder schalteten lediglich Benachrichtigungen stumm. Disconnecten und Mediennutzung fanden also oft parallel statt.

Interessant war, dass der positive Effekt auf die Stimmung stark vom Motiv abhing. Wenn die Entscheidung, offline zu gehen, selbstbestimmt war, fiel der Nutzen für das Wohlbefinden größer aus. Wurde der Verzicht als Erwartung oder Vorschrift erlebt, wirkte sich das negativ auf die Stimmung aus. Das spricht dafür, dass nicht der Verzicht entscheidend ist, sondern das Gefühl von Autonomie. Mediennutzung und -abstinenz sollten frei gestaltbar bleiben. Druck ist kontraproduktiv.

Titel
Offline gehen sollte eine autonome Entscheidung sein
Publikationsdatum
19.03.2026

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Bildnachweise
Bild/© Alicia Ernst, gesundheitswirtschaft, pains logo