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Ärzte Woche

09.09.2019 | Apotheke | Ausgabe 37/2019

Medikamenten-Engpass

„Das dürfte es gar nicht geben“

Autor:
Martin Krenek-Burger

Österreich ist als Billigpreisland von Lieferengpässen bei Medikamenten bedroht. Was für den Apotheker eine lästige Angelegenheit ist, kann für den Patienten auf der Krebsstation lebensbedrohlich sein.

Ein aufgeregter Arzt aus dem Süden von Wien rief vor einigen Wochen in der Redaktion an: „Das darf nicht wahr sein. Es gibt keinen Epipen mehr! Darüber müsst ihr berichten, damit die Herrschaften da oben einmal aufwachen.“ Mit einer Mischung aus Ärger und Erstaunen musste der Arzt zur Kenntnis nehmen, dass etwas eher Gewöhnliches wie eine Allergiespritze nicht lieferbar ist. Lieferengpässe bei Herstellern sind keine Krankheiten, sie sind aber ein weltweiter Missstand.

Zum Beispiel Ibuprofen. Es gibt nur sechs Rohstofflieferanten für das Schmerzmittel weltweit, die Fabriken stehen in China, Indien und den USA. Zu Lieferengpässen kam es im Vorjahr, nachdem das BASF-Werk in den USA ausgefallen war. Grund war ein technischer Defekt. Dagegen lässt sich freilich herzlich wenig tun.

Ärztekammer-Präsident Dr. Thomas Szekeres erläutert im Ärzte Woche -Gespräch, wie man das Problem dennoch in den Griff bekommen könne, nämlich durch ein Anheben des Preisniveaus bei Medikamenten und Nachahmerpräparaten hierzulande. Beim derzeitigen Preisniveau hätten einzelne Hersteller eher Interesse daran, ins Ausland zu verkaufen.

Billig sind Medikamente, weil die Krankenkassen Rabattverträge mit den pharmazeutischen Unternehmen abschließen. Dazu schreibt die Springer-Autorin und Ärztin Natalie Grams: Rabattverträge sind ein Beispiel für die Komplexität des Gesundheitswesens [...]. Durch Rabattverträge gibt es [...] eine spezielle Möglichkeit, Kosten zu senken. Rabattverträge sind vertragliche Vereinbarungen zwischen einzelnen Arzneimittelherstellern und einzelnen GKVen über die exklusive Belieferung der Krankenversicherten mit einzelnen Arzneimitteln des Herstellers; dafür gibt es diese dann günstiger. Problematisch ist hier, dass es immer wieder zu Lieferengpässen bei diesen rabattierten Medikamenten kommt. Patienten reagieren verunsichert darauf, wenn sie ihre bisherige Medikation umstellen müssen. („Gesundheit! Ein Buch nicht ohne Nebenwirkungen“, 25 €, ISBN 978-3662547984; https://bit.ly/2lRuPLQ ).

Betroffen sind alle Gruppen von Medikamenten, die Lieferengpässe können sich über Wochen ziehen. Das MDR -Magazin „Hauptsache Gesund“ berichtete in seiner Ausgabe vom 29. August 2019 von einem Präparat, das Epileptiker und Menschen mit starken Krämpfen bekommen. Für dieses Mittel gebe es zwei Anbieter. Beide Produkte seien einige Zeit lang nicht lieferbar gewesen.

Engstellen im Gesundheitssystem können für schwer kranke Menschen dramatische Folgen haben, etwa auf einer onkologischen Station, wenn Krebszellen bekämpft werden müssen, die in den Liquor cerebrospinalis gelangt sind. Dazu muss ein Medikament ins Rückenmark injiziert werden. Wenn das nicht verfügbar ist, wird ein Ersatzmedikament herangezogen, welches aber häufiger gespritzt werden muss als das Medikament der ersten Wahl. Noch ein Beispiel aus dem MDR-Wissensmagazin (siehe Empfehlung).

Explizites Exportverbot

Der Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs FCIO spricht sich für ein Exportverbot von Medikamenten aus. Dass für den österreichischen Markt bestimmte, hierzulande günstigere Medikamente in höherpreisige Märkte wie Deutschland exportiert werden, sei „leider gängige Praxis“. „Die Hersteller produzieren ausreichend Arzneimittel für den heimischen Markt. Engpässe dürfte es eigentlich gar nicht geben“, sagt FCIO-Geschäftsführerin Sylvia Hofinger. Mit einem Exportverbot im Falle von Liefereinschränkungen könnte man dieses Problem schnell und effizient beheben.

Um Lieferengpässen aufgrund von Produktionsausfällen bei Arzneimitteln aus Drittländern wie etwa China vorzubeugen, müsse die heimische Produktion gestärkt werden. Grundlagen dafür seien planbare Rahmenbedingungen für Unternehmen und faire Preise bei Arzneimitteln, für die es schon Nachfolgeprodukte gebe.

„Es kann nicht sein, dass eine Packung Kaugummi mehr kostet als lebensnotwendige Medikamente, die zahlreichen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen entsprechen müssen“, sagt Hofinger. Im Vorschlag einer reinen Verschreibung von Wirkstoffen durch Ärzte sieht der FCIO hingegen keinen Sinn. Diese stelle einen massiven Eingriff dar, bei dem der Apotheker über die Therapie entscheide und nicht der Arzt.

TV-Tipp: Hauptsache gesund. Das gut recherchierte Gesundheitsmagazin des Mitteldeutschen Rundfunks sehen Sie jeden Donnerstag, um 21 Uhr, im MDR Fernsehen.

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