Einsätze in Krisengebieten: "Unsicherheit steigt"
- 09.03.2026
- Allgemeinmedizin
- Online-Artikel
Höchste Transparenz über Risiken und den Umgang mit Vorfällen, ein gesteigertes Sicherheitsmanagement und begleitende psychologische Betreuung sollen Ärzt:innen bei Auslandseinsätzen in Kriegsgebieten bestmöglich schützen.
Die Unterernährung in Gaza nimmt weiter zu.
MSF
„Die Unsicherheit und dadurch der Stress und die Belastung in den Einsätzen sind gestiegen“, stellt auch Lisa Macheiner fest. Die Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen (MSF - Médecins Sans Frontières) hat in den vergangenen Jahren eine dramatische Zunahme von gezielten Angriffen auf medizinische Einrichtungen in vielen Ländern wahrgenommen. Sie war bereits in Libyen, im Jemen, Afghanistan und zuletzt dreimal in Gaza im Einsatz, für im Schnitt sechs bis zwölf Monate. Gemeinsam mit einem großen Logistik-Apparat zeichnet sie für die Sicherheit der Mitarbeiter:innen verantwortlich. Damit Ärzt:innen, Krankenpfleger:innen sowie Sanitäter:innen ihre humanitäre Arbeit in Krisenregionen erledigen können, braucht es immer umfangreichere Sicherheitsmaßnahmen.
Bei ihrer Arbeit in den Büros und Krankenhäusern sind sie auf die Akzeptanz der lokalen Akteure angewiesen. „Wir sind unbewaffnet. Um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten, geben wir unsere Koordinaten von Anfang an allen bekannt, ganz gleich, ob es sich um nicht-staatliche, bewaffnete Gruppierungen oder eine staatliche Armee handelt“, erklärt die Tirolerin, die nach ihrer Rückkehr aus Gaza das dortige Projektteam vom Pariser Büro aus weiter betreut. Außerdem setzt die Organisation auf Sichtbarkeit: „An unseren Jacken, Logos und Autos sind wir von weitem erkennbar.“
Schutzstatus verliert an Bedeutung
Diese Strategien werden zum Verhängnis, wenn man vom Schutz- zum Zielobjekt wird. Angriffe auf medizinische Einrichtungen hätten das Gefühl der Unsicherheit stark erhöht, auch bei Macheiner. „Bis vor einigen Jahren konnten wir uns bis zu einem gewissen Grad darauf verlassen, dass man unsere Arbeit nicht nur akzeptiert, sondern respektiert. Da sehen wir einen wirklichen Wandel“, stellt sie fest. Folgte der im Jahr 2015 – tatsächlich versehentlichen – Bombardierung eines Krankenhauses in Afghanistan durch die US-Luftwaffe noch ein internationaler Aufschrei, so entschuldige man sich heute nicht mehr für Angriffe auf Spitäler, sondern rechtfertige den Verlust des Schutzstatus mit fadenscheinigen Begründungen. Das Risiko für die palästinensischen Kolleg:innen etwa sei unfassbar hoch geworden. „Wir arbeiten zu 80 Prozent mit lokalen Einsatzkräften. Unter ihnen gibt es die meisten Toten zu beklagen“, stellt sie fest. Doch nicht nur im Gazastreifen, auch in anderen Ländern – MSF ist in über 70 Ländern tätig – würden internationale Normen, die lange Zeit gegolten hätten, untergraben. Eine neue Rücksichtslosigkeit gegenüber den Schwächsten, besonders Frauen und Kindern, mache sich breit. Macheiner: „Nicht jedem ist recht, dass unsere Organisation sieht, was vor Ort passiert. Das zu dokumentieren ist ein zentraler Pfeiler unserer Arbeit.“
Lisa Macheiner, Projektkoordinatorin bei Ärzte ohne Grenzen (MSF - Médecins Sans Frontières)
Ärzte ohne Grenzen
Aufklärung und Risikominimierung
Vor einem Einsatz werden die Mitarbeiter:innen über die Gegebenheiten vor Ort aufgeklärt. Handelt es sich um ein chirurgisches Projekt oder eine Pädiatrie, welche Ausstattung ist vorhanden, welche Sprache und Kultur herrschen vor? „Wir sprechen natürlich transparent über alle möglichen Risiken, und dieses Briefing wird zunehmend länger“, erläutert Macheiner. „Sie werden klassifiziert und permanent aktualisiert. Je nach Land dominieren Kidnapping, Raubüberfälle, Querschläger oder Drohnen- und Luftangriffe“, gibt sie einen Einblick. Erreicht eine Ärztin den Einsatzort, erhält sie eine ausführliche Einführung in das aktuelle Geschehen durch ihre Vorgängerin.
In jedem Gebäude, sei es ein Büro oder ein Spital, richtet die Organisation sichere Räume ein. Verstärkt mit zusätzlichen Wänden und Sandsäcken eignen sie sich im Notfall zum Rückzug. Das war etwa bei einem Einsatz in Libyen der Fall, wo sich Macheiners Team 24 Stunden lang unter einer Stiege verbarrikadierte. „Es blieb nur die Evakuierung. Wir haben Kontakt mit den Kriegsparteien hergestellt und konnten in einer kurzen Gefechtspause das Büro verlassen“, schildert sie den dramatischen Vorfall. Evakuierungspläne, wegfahrbereite Autos in ausreichender Zahl mit gefülltem Tank und genügend Benzinkanistern gehören ebenfalls zu den Grundprinzipien. „Das gehe ich mit der Logistik regelmäßig akribisch durch, ebenso wie Exit-Routen, die sich permanent ändern“, erklärt die Projektkoordinatorin. Der Sicherheitsplan umfasse verschiedene Szenarien und werde ständig reflektiert. „Im Ernstfall muss man rasch entscheiden, da bleibt keine Zeit, zu überlegen.“
MSF-Mitarbeiter überprüft gemeinsam mit einer Pflegekraft die Umsetzung der ärztlichen Verschreibung für das Kind einer Frau im von MSF unterstützten Abs General Hospital ITFC, Mittwoch, 4. März 2025.
Majdi Al Adani/MSF
Persönliches Risiko abwägen
Neben der größtmöglichen Risikominimierung durch die Organisation sei es letztlich eine persönliche Entscheidung, ob man sich in einen Einsatz begebe; je nach Fachgebiet dauert er für Ärzt:innen sechs bis zwölf Monate. Für punktuelle Einsätze werden etwa Anästhesist:innen oder Chirurg:innen wenige Wochen einberufen. Wenn Evakuierungen, wie in Gaza, kaum möglich seien, müsse man sich eine Zusage sehr gut überlegen. Das sei auch im Sinne der Organisation. Es gebe für Ärzt:innen eine klare Rücktrittserlaubnis, betont Macheiner. „Ob in Paris im Hauptbüro oder beim Reinfahren in ein Gebiet, man darf sich jederzeit abziehen lassen, wenn einen Zweifel überfallen.“ Das sei in jedem Fall besser, als in einer Panikreaktion vielleicht eine falsche Entscheidung zu treffen. „Angst zu haben ist normal, die gehört dazu. Aber wenn ich das Gefühl habe, ich will nicht hier sein, dann beeinträchtigt das das gesamte Team und senkt die Sicherheit aller.“
Bilder von MSF-Einsätzen
Das medizinische Personal von MSF führt Visiten bei Masernpatient:innen in der von MSF betriebenen Isolierstation des Al-Wahda-Krankenhauses durch.
Mohammed Khawamel/MSF
Das Nasser-Krankenhaus im Süden Gazas ist mit Patient:innen überfüllt.
MSF
MSF-Klinik im Lager Patan, Distrikt Nurgal, Provinz Kunar. Diese Veranstaltungen sollen Patienten und vom Erdbeben betroffene Menschen befähigen, besser für ihre Gesundheit zu sorgen und die Ausbreitung von Krankheiten im Lager zu verhindern.
Noor Ahmad Saleem/MSF
Patient:innen in Nasser benötigen dringend medizinische Evakuierung.
Nour Alsaqqa/MSF
Eine MSF-Krankenpfleger versorgt einen kleinen Patienten in der von MSF unterstützten Einrichtung im Ad-Dahi-Krankenhaus in Al Hudaydah. Jemen, Februar 2025.
Konstantinos Psykakos/MSF