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Entwicklungszusammenarbeit in Afrika: „Andere sehen zu, ich handle“

Die Mariazeller Allgemeinmedizinerin Magdalena Grießler reist seit 15 Jahren nach Afrika, um Menschen in bitterarmen Regionen zu helfen.

Äthiopien-Einsatz. Grießler behandelt ein Baby mit Neugeborenensepsis. privat



Sie verbringen jedes Jahr mehrere Wochen in medizinisch unterversorgten Regionen. Wie kam es dazu?

Magdalena Grießler: Ich habe 2009 während meines Studiums eine Reportage über das Krankenhaus Attat in Äthiopien gesehen. Es wird von der deutschen Gynäkologin Rita Schiffer vom Orden der Missionsärztlichen Schwestern (MMS) geleitet, der 1925 von der Tiroler Ärztin Anna Dengel gegründet wurde. Schwester Rita hat mich tief beeindruckt – und ich wollte schon immer nach Afrika. Ich schrieb ihr, und 2010 durfte ich zwischen fünftem und sechstem Studienjahr für zwei Monate nach Attat reisen. Seither verbindet mich eine enge Freundschaft mit den Schwestern und ich arbeite ein bis zweimal im Jahr in Äthiopien und Ghana.


Wie waren Ihre ersten Eindrücke von Äthiopien?

Grießler: Sehr intensiv. Rund um Attat leben die Menschen in Rundhütten mit zentraler Feuerstelle. Nachts schläft die ganze Familie zusammen, oft mit ihren Tieren, um sie vor Raubtieren zu schützen. Die Straßen sind sehr schlecht, Viehherden blockieren den Verkehr. Armut ist allgegenwärtig – auch in der Hauptstadt Addis Abeba. Menschen mit schweren Behinderungen, z. B. wegen Poliomyelitis, kriechen durch den Dreck und betteln. Im Spital wurde ich sehr herzlich aufgenommen, aber die ersten Eindrücke waren überwältigend – vor allem der Geruch. In den Krankenzimmern liegen bis zu 19 Patienten, Frauen neben Männern, Neugeborene ohne Windeln neben frisch Operierten. In der Nacht schlafen zudem Angehörige am Boden, weil die für Pflege und Verpflegung der Kranken zuständig sind.


Wie unterscheidet sich die Arbeit als Ärztin von der in Österreich?

Grießler: Die Pflegekräfte haben deutlich mehr Kompetenzen und führen kleinere Operationen wie Augen-OPs oder Abzessspaltungen durch. Ich hatte das Glück, Schwester Rita vom ersten Tag an begleiten und von ihr lernen zu dürfen. Ich übernahm schon als Studentin Aufgaben, die bei uns fertigen Ärzten vorbehalten sind, etwa Kürettagen oder das Leiten von Geburten. Ich habe auch die Verbände schwer verbrannter Kinder gewechselt, denn an den Feuerstellen kommt es leider häufig zu Unfällen. Außerdem assistierte ich bei Gebärmutterentfernungen. Viele Äthiopierinnen leiden unter Gebärmuttervorfällen, weil sie oft schwanger sind und dabei schwere Feldarbeit verrichten. Die Vorfälle können so massiv sein, dass die Gebärmutter zwischen den Beinen hängt und die Frauen sie zurückdrücken müssen, um urinieren zu können.


Was kann eine österreichische Ärztin in Afrika lernen?

Grießler: Pragmatismus. Man lernt, anzupacken, zu improvisieren und das Beste aus den vorhandenen Mitteln zu machen, statt dem nachzutrauern, was fehlt. Schwester Rita hat mich sehr geprägt. Sie kennengelernt zu haben und ihren Umgang mit Menschen, mit Freude und Leid, Leben und Tod gehört zu den Dingen, für die ich im Leben am dankbarsten bin.


Ein Schwerpunkt in Attat ist die Betreuung von Risikoschwangerschaften. Wie sieht das aus?

Grießler: Das Krankenhaus hat gut 60 Betten, einen Einzugsradius von 100 Kilometern und ist für ungefähr eine Million Menschen zuständig. Ohne feste Straßen und Ambulanzsystem haben Hochschwangere keine Chance, bei Komplikationen rechtzeitig das Spital zu erreichen. Deshalb gibt es in Attat ein sogenanntes Wartehaus, in dem Frauen mit Risikoschwangerschaften die letzten Wochen vor der Geburt verbringen. Solche Schwangerschaften sind häufig, weil viele Frauen genital verstümmelt wurden und starke Vernarbungen im Intimbereich haben. Im schlimmsten Fall führt das dazu, dass eine Frau ihr Kind nicht auf die Welt bringen kann – nach tagelangen Wehen reißt die Gebärmutter und die Frau verblutet. Auch Kopf-Becken-Missverhältnisse sind ein Problem, da viele Frauen klein sind. Zudem gibt es viele Zwillingsschwangerschaften. Warum, weiß niemand.


Sie unterstützen auch den Bau eines Krankenhauses in Ghana, der von der Organisation Jugend Eine Welt mitfinanziert wird. Warum ist Ihnen das wichtig?

Grießler: In Äthiopien wurde Schwester Florence aus Ghana eine gute Freundin. 2020 begann sie mit anderen MMS-Schwestern, in Kulmasa im Norden Ghanas ein Spital nach dem Vorbild von Attat zu bauen. Das Krankenhaus wurde im Vorjahr eröffnet, wächst beständig und bietet der Bevölkerung dringend benötigte medizinische Versorgung. Rund um Kulmasa erkranken besonders viele Kinder an Malaria. Etliche sterben oft vor dem fünften Lebensjahr, andere leiden als Folge des hohen Fiebers unter Epilepsie oder tragen Behinderungen wie Lähmungen davon. Ich habe das Privileg, in Österreich zu leben. Es ist ungemein erfüllend, Menschen, die zufällig in einem ärmeren Land geboren wurden, eine Chance zu geben und ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.


Die Klinik ist nicht das einzige Projekt in Kulmasa, das Sie unterstützen. Dank Ihrer Initiative bekommen Hunderte Schulkinder täglich eine warme Mahlzeit.

Grießler: Ja, das liegt mir sehr am Herzen. 2023 war ich mit einer Freundin in Kulmasa und besuchte mit Sr. Florence die neben der Klinik gelegene Schule. Uns fiel auf, dass viele Kinder müde und antriebslos wirkten und in der Pause traurig herumstanden. Grund war, dass sie nichts zu Essen mit hatten. Die Familien in der Region sind so arm, dass viele Kinder ohne Frühstück in die Schule gehen. Am Abend gibt es dann eine Schüssel Maisbrei – oft die einzige Mahlzeit am Tag. Sr. Florence, mehrere Freunde und ich konnten dank Spenden an Jugend Eine Welt eine Schulküche bauen lassen. Seither bekommen die Kinder für 75 Cent pro Tag eine ausgewogene Mahlzeit – mit Kohlenhydraten, Eiweiß, Vitaminen und ein bisschen Fett. Es ist wahnsinnig berührend, ihre große Freude über einen Teller Essen zu sehen. Die Mahlzeit gib es nur an Schultagen, um die Eltern zu motivieren, ihre Kinder in den Unterricht zu schicken. Das funktioniert: Zu Beginn des Projekts besuchten rund 500 Kinder die Schule, heute sind es schon über 560.


Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie gehen Sie mit belastenden Erlebnissen um?

Grießler : Schwester Rita hat mir gezeigt, dass wir schlimme Zustände nicht hinnehmen müssen, sondern selbst ändern können. Es macht einen riesigen Unterschied, ob man nur zusieht oder handelt. Wenn jeder Handgriff sinnvoll ist, empfinde ich selbst schwierige Situationen nicht als belastend, sondern als erfüllend.

Info.

Sie können „Jugend Eine Welt“ mit einer steuerlich absetzbaren Spende unterstützen, und zwar unter IBAN: AT66 3600 0000 0002 4000 bzw. jugendeinewelt.at/spenden.

Ghana-Aktion. Magdalena Grießler, 38, hilft beim regelmäßigen Schulessen.Jugend Eine Welt


Titel
Entwicklungszusammenarbeit in Afrika: „Andere sehen zu, ich handle“
Publikationsdatum
04.12.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 51-52/2025

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