Diagnosecodierung: bis 1. Juli 2026 nur im Probebetrieb
Einwände der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) führen offenbar dazu, dass die Diagnosecodierung erst mit 1. Juli 2026 scharf gestellt wird. Für die ersten sechs Monate des nächsten Jahres ist ein Pilotbetrieb vereinbart worden. Die Ordinationen müssen die Diagnosedaten freilich schon ab 1. Jänner aufbewahren.
Nationalratsabgeordnete Juliane Bogner-Strauß (ÖVP)
Parlamentsdirektion/Thomas Topf
In Gesprächen mit der Kammer sollen deren Einwände nun genau geprüft und berücksichtigt werden. Das sagte die Gesundheitssprecherin der ÖVP im Nationalrat, Dr. Juliane Bogner-Strauß. Die Österreichische Ärztekammer begrüßt die Einführungsphase im ersten Halbjahr. Der Beschluss im Gesundheitsausschuss gebe Raum für bessere Vorbereitung. „Viele unserer Kritikpunkte konnten wir in den vergangenen Tagen und Wochen gemeinsam mit der Frau Gesundheitsministerin in einem konstruktiven Klima besprechen, dabei sind wir einer Lösung nähergekommen. wir haben auch viele neue Ideen für künftige digitale Projekte einbringen können, die wir in den kommenden Wochen konkretisieren werden", sagt Ärztekammer-Präsident Johannes Steinhart.
Dr. Johannes Steinhart, Bundeskurienobmann niedergelassene Ärzte und Vizepräsident der Österreichischen Ärztekammer
HANS PUNZ / APA / picturedesk.com / picture alliance
Während Diagnosedaten also erst im nächsten Sommer an die Sozialversicherung zu melden sind, sind die in den Ordinationen erhobenen Daten schon ab 1. Jänner aufzubewahren. Die Ärztekammer rät dazu, dass Ordinationen mit dem Anbieter ihrer Ärztesoftware Kontakt aufnehmen und sicherstellen, dass die Software für die Diagnosecodierung spätestens am 1. Jänner einsatzbereit ist.
Anfang Oktober war es so weit: Mit einjähriger Verspätung kam das Projekt „Ambulante Diagnosecodierung“ doch noch an sein glückliches Ende. Die IT-Spezialisten des Gesundheitsministeriums übergaben den Herstellern von Arztsoftware nach einer sechsmonatigen Demophase die finale Version des dafür nötigen e-Health Codierservice, verbunden mit der Einladung, die Software in ihre Programme einzubauen.
Die Ärzte Woche bat die CGM Arztsysteme Österreich, ihr zu zeigen, was Sache ist. Und zwar anhand der Praxissoftware INNOMED NEXT – der in den österreichischen Ordinationen am häufigsten eingesetzten Softwarelösung.
Die Diagnoseeingabe erfolgt genauso wie bisher, erläutert Thomas Löfler von CGM Arztsysteme Österreich. In Zukunft aber greift INNOMED ab dem dritten eingegebenen Buchstaben auf den vollständigen SNOMED-CT-Katalog zu – der umfasst derzeit rund 90.000 Begriffe. (Und wird laufend erweitert und um neue medizinische Begriffe ergänzt.) Zum Beispiel führt die Eingabe von „hust“ dazu, dass die Software automatisch alle Begriffe vorschlägt, die im Thesaurus von SNOMED CT mit „Husten“ in Verbindung gebracht werden. Also etwa auch Begriffe, in denen die Buchstaben „hust“ gar nicht enthalten sind. Ärzte sehen dadurch auch Begriffe, die sie nicht explizit eingegeben haben, und erfassen Diagnosen schneller und präziser. (Eine Funktionalität, für die das e-Health Codierservice des BMASGPK und der ELGA GmbH verantwortlich zeichnet.)
Dr. Johannes Prechtl
privat
Der Suchbegriff „hust“ liefert folgende Ergebnisliste:
Husten
Hustensynkope
Husten mit Fieber
Hustenreflex fehlend
Husten beim Schlucken
Husten-Kopfschmerz-Syndrom
Husten verbunden mit Ösophagotrachealfistel
Paroxysmaler Husten
Abendlicher Husten
Morgendlicher Husten
Nächtlicher Husten
Frühmorgendlicher Husten
Beeinträchtigter Hustenreiz
Cough-Variant-Asthma
Nächtliches Husten und Pfeifen
Produktiver Husten mit grünem Sputum
Persistierender Husten
Anhaltender Husten nach viraler Infektion der Atemwege
Trockener Husten
Chronisch refraktärer Husten
Erbrechen nach Hustenanfall
Produktiver Husten mit klarem Sputum
Produktiver Husten
Ungeklärter chronischer Husten
Stimmlippe adduziert nicht beim Husten
Produktiver Husten mit gelbem Sputum
Bellender Husten
Spastischer Husten
Unfähig freiwillig zu husten
Hereditäre sensorische und autonome Neuropathie Typ 1B
Schwierigkeiten beim Husten
Subakuter Husten
Allergischer Husten
Schwierigkeiten beim freiwilligen Husten
Akuter Husten
Keine Kraft zum Husten
Ungeklärter Husten
Psychogener Husten
Unfähig zu husten
Knistergeräusche nach einem Hustenanfall
Raucherhusten
Schwierigkeiten beim Abhusten von Sputum
Weberhusten
Hämoptyse
INNOMED liefert nach Auswahl eines passenden medizinischen Begriffes in der SNOMED CT Datenbank sofort den passenden SNOMED CT-Code und den dazu passenden ICD-10-Code. Löfler betont, dass die medizinisch relevanten Feinheiten über SNOMED CT-Begriffe gesteuert werden und die Software die grobe Struktur von ICD-10 automatisch abbildet. Die gesetzlich erforderlichen ICD-10-Codes entstehen so „nebenbei“, ohne Mehrarbeit bei der Eingabe. Aktuell befindet sich das e-Health Codierservice im produktiven Pilotbetrieb, während dem noch administrative Codes (wie ärztliche Allgemeinuntersuchung, Vorsorgeuntersuchungen oder wiederholte Verordnungen) ergänzt werden. Überdies wird der Thesaurus auch zukünftig um mehrere tausend Begriffe pro Monat erweitert werden. Verantwortlich dafür ist die ELGA GmbH.
Gleichzeitig bleibt der bisherige Arbeitsstil möglich. Wer Freitext verwenden möchte, tippt ihn wie gewohnt ein. Wer strukturiert dokumentieren will, wählt aus der Liste oder nutzt die sogenannte Kartei-Syntax, bei der Kürzel automatisch vollständige, korrekt codierte Einträge erzeugen. Diese Funktion richtet sich an Intensivanwender, die Abläufe beschleunigen und Tippwege reduzieren wollen.
Probezeit bis Ende 2025
Die CompuGroup (mit den Systemen CGM PCPO, CGM MEDXPERT, INNOMED und CGM MAXX), aber auch andere Ordinationssoftware-Hersteller stellen die Automatisierte Diagnoseerfassung bis Jahresende 2025 kostenlos zur Verfügung. (Anfang November waren das die Firmen LATIDO, MCW und Ganymed.) Man will Ärzte und Ärztinnen damit bekannt machen – und hofft gleichzeitig auf Hinweise für die weitere Entwicklung. Ab dem 1. Januar 2026 muss eine Diagnose pro Behandlungskontakt verpflichtend codiert werden. Wir haben den Salzburger Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Johannes Prechtl gefragt, wie er diese neue Anforderung sieht. Prechtl hatte zum Zeitpunkt des Gesprächs bereits 14 Tage lang Zeit gehabt, Stärken und Schwächen des Systems in der täglichen Praxis kennenzulernen.
Im stationären Bereich wird weiter ICD-10 verwendet, weil das Abrechnungssystem daran hängt. Aber ein Wechsel zu SNOMED-CT ist auch dort möglich: Diagnosedaten können in SNOMED-CT gespeichert und automatisch auf ICD-10 gemappt werden. Erste Krankenhäuser interessieren sich bereits dafür – die Vorteile von SNOMED-CT sind anerkannt.