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16.05.2022 | Allgemeinmedizin

Der Perron am Rande Europas

verfasst von: Stefan Schocher

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Die medizinische Versorgung im Land ist längst zusammengebrochen. Spitäler wurden zerstört und ausgeplündert, viele Ärzte und Pfleger sind geflohen. Nur zwei MSF-Züge verkehren noch zwischen Lviv und dem hart bedrängten Osten. Der belgische Notfallmediziner Stig Walravens kümmert sich um die Schwerverletzten.

Was mit Medizinern passieren kann in diesem Krieg, zeigt das Schicksal der Sanitäterin Yulia Paevsku: Sie war am 16. März in Mariupol von russischen Einheiten gefangen genommen worden. Bis heute ist sie nicht wieder aufgetaucht. Sie war als Sanitäterin tätig und hatte vor allem Militärs behandelt. Seit ihrer Verschleppung Mitte März fehlt von ihr jedes Lebenszeichen. Auf Gefangenenlisten, die zwischen der Ukraine und Russland ausgetauscht werden, war sie nie aufgetaucht. Yulia Paevskus Schicksal ist dabei keinesfalls ein Einzelfall. Denn Angriffe auf Mediziner in von Russland besetzten Gebieten sind alltäglich geworden. Was für die Besatzer zählt: Loyalität. Sonst nichts.

Tabus gibt es nicht mehr im Krieg Russlands in der Ukraine. Auch nicht, wenn es um Mediziner oder ihre Patienten geht: um Verwundete, Kranke, oder Alte. Spitäler sind Ziele. Und je länger dieser Krieg dauert, desto schwerwiegender sind die Folgen für das Gesundheitssystem, sowohl auf ukrainisch wie auch auf russisch kontrolliertem Gebiet: Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO hat Russland in diesem Krieg bereits mindestens 274 Spitäler und Gesundheitszentren beschossen. Mehr als ein Dutzend wurden komplett zerstört. Die medizinische Versorgung ist mancherorts, vor allem im Osten der Ukraine, zusammengebrochen. Und das gleich aus mehreren Gründen: Zum einen wurden Spitäler ganz einfach flach gebombt oder systematisch geplündert – so soll in der Südukraine medizinisches Gerät im großen Stil nach Russland abtransportiert worden sein –, weil der Nachschub an Medikamenten nicht durchkommt und auch, weil das medizinische Personal geflohen ist.

Die Leidtragenden sind in Folge vor allem immobile Menschen, die noch in den umkämpften Gebieten in der Ostukraine feststecken, weil sie nie die Chance hatten zu fliehen. Und das sind sehr oft eben auch Menschen, die kontinuierliche medizinische Versorgung benötigen – chronisch kranke oder alte.

Es ist eine intensive Tour, die Dr. Stig Walravens hinter sich hat. Zwei Tage waren es. Zwei Tage in einem Zug von Lviv in den Osten und dann wieder aus dem Osten zurück nach Lviv – in einem Zug voller Verwundeter. Stig Walravens (33) ist Notfallmediziner aus Gent. Im Vorjahr war er für die medizinische Notfallorganisation Médecins Sans Frontières in Afghanistan im Einsatz. Derzeit aber ist er auf Achse zwischen dem von russischen Truppen hart bedrängten Osten der Ukraine und Lviv (Lemberg), auf einem der zwei Züge, die von Ärzte ohne Grenzen in der Ukraine betrieben werden. Einer davon ist eher für leichtere Verwundete, der zweite, auf dem Stig Walravens tätig ist, ist für schwere Fälle ausgerüstet.

Eingeschränkt transportfähig

„Der Zug ist eine mobile Intensivstation“, erzählt er. Allerdings mit Einschränkungen. Stig Walravens sagt: „Wir haben zwar Intensiv-Kapazitäten an Bord, aber das ist letztlich ein Zug, das ist kein Spital.“ So können etwa künstlich beatmete Personen nicht transportiert werden. Inkubation ist im Notfall aber möglich.

Das bringt eine heikle Auswahl mit sich, die die Mediziner vornehmen müssen: Wen kann man mitnehmen, wer ist transportfähig? „Da gibt es Limits“, sagt Stig Walravens. Vor allem einmal ist da ein Kriterium: „Die Patienten müssen stabil sein.“

Da sind vor allem aber auch die großen Limits in der Reichweite. Derzeit tingelt der Zug zwischen Lviv und Dnipro sowie Zaporischtschja. Sie sind jetzt die Metropolen hinter der Front. Die Städte Kramatorsk und Slowjansk in der Ostukraine sind nicht mehr erreichbar per Bahn – geschweige denn die Regionen unter Kontrolle der russischen Armee. Kramatorsk und Slowjansk aber waren während des acht Jahre andauerden Krieges in der Ostukraine, seit 2014, die Verkehrshubs der Region. Die Nadelöhre waren die Bahnhöfe.

Und so kam es, dass 50 Menschen starben, als die russische Armee Mitte April den Bahnhof von Kramatorsk mit einer Rakete angriff. Der Bahnhof war zum Zeitpunkt des Angriffs voll mit Menschen. Sie hatten versucht, aus der Region zu kommen – per Zug.

Angriffe auf die Bahninfrastruktur sind also immer auch Angriffe auf die Hauptversorgungsader des Landes. Die Bahn war immer eines der wichtigsten Verkehrsmittel in der Ukraine mit einem gut ausgebauten Netz und guten, wenn zum Teil auch langsamen Verbindungen kreuz und quer durchs Land. Noch mehr ist sie dieser Tage ein Überlebensnetz – für die Evakuierung, aber eben auch für den Transport Kranker.

Erstversorgung im Osten

„Da sind chronisch Kranke, da sind Traumapatienten, da sind Verwundete“, sagt Stig Walravens über die Patienten in seinem letzten Zug aus dem Osten des Landes. Ein Großteil der Patienten an Bord seien Verwundete gewesen, berichtet er. Er erzählt von offenen Knochenbrüchen, Quetschungen, Brustkorb- und Bauchverletzungen. Sie alle hätten eine Erstversorgung im Osten erhalten und seien dann transferiert worden. Ansonsten handle es sich um Schlaganfallpatienten, immobile Personen oder Alte. In Lviv würden die Patienten dann auf lokale Kliniken aufgeteilt. Das funktioniere soweit an sich sehr gut und unkompliziert, sagt er.

Allerdings seien die Kapazitäten begrenzt. Und zuletzt gab es auch aus dem vom Krieg bisher weitestgehend verschont gebliebenen, allerdings mit intern Vertriebenen überfüllten Lviv Berichte über Engpässe in der medizinischen Versorgung.

Was, wenn die zentralukrainischen Großstädte Dnipro und Zaporischtschja umkämpft werden? Sollten die Spitäler dort evakuiert werden müssen, so sagt Stig Walravens, dann werden die Spitäler in Lviv das ganz sicher nicht mehr bewältigen können.

Derzeit ist das allerdings keine akute Gefahr. Viel eher sind es Russlands Angriffe auf die Bahninfrastruktur des Riesenlandes. Als Russland erst unlängst Bahninfrastruktur in Lviv angegriffen hat, so hatte das auch direkte Auswirkungen auf die Arbeit von MSF. Getroffen wurden Umspannwerke der Bahn. Es kam zu Verspätungen. Und auch der Zug aus dem Osten, auf dem der Notfallmediziner Dr. Stig Walravens tätig ist, war weit länger unterwegs als geplant.

Die Risiken, die es mit sich bringt, dass die Bahn als humanitärer Blutkreislauf der Ukraine jetzt zum Ziel wird, wiegelt MSF-Arzt Stig Walravens jedoch ab. Auszuschließen sei nichts, das Risiko, direkt getroffen zu werden nennt er aber dann doch eher gering. Ganz einfach aufgrund der Größe des Landes.

Das Risiko sei viel eher, dass der Zug aufgrund beschädigter Trassen stecken bleibe. „Und da kann man dann nicht wissen, wie lange man an einem Ort möglicherweise mitten im Nichts stecken bleibt.“ Ein Vorrat an den wichtigsten medizinischen Gütern ist zwar an Bord. Nur, so sagt Stig Walravens auch: „Das eine wird schneller auslaufen als das andere und irgendwann einmal werden dann auch Wasser und Nahrung zum Thema.“

MSF redet mit allen

Soweit gekommen ist es zum Glück noch nie. Und das wohl auch, weil MSF eine peinlich genaue Abstimmung zwischen allen Parteien in einem Konflikt pflegt. Dazu sagt Stig Walravens aber nur so viel: „Ärzte ohne Grenzen spricht immer mit allen Seiten.“

Und dennoch gilt auch für den Zug von Ärzte ohne Grenzen , was für alle Züge in der Ukraine in diesen Tagen gilt: Das Licht wird gedimmt bei Nacht, die Vorhänge werden geschlossen.

Aus Sicherheitsgründen.


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Metadaten
Titel
Der Perron am Rande Europas
Publikationsdatum
16.05.2022

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