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Land des Alks, promillereich?

  • 27.01.2026
  • Alkohol
  • Standpunkte
  • Zeitungsartikel

In Österreich wird gut, gerne und viel gebechert. Ganz sicher zu viel. Doch hat sich unsere Trinkkultur nicht zuletzt zum Besseren gewandelt? Die „Ärzte Woche“ hat zwei Menschen getroffen, die es wissen müssen.

Trinkkultur. Allein dieser Begriff sagt schon viel über den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol aus. Er ist Teil der Kultur, gehört zum guten Ton und gilt als Ausdruck einer gesellschaftlichen Ordnung. Doch allzu leicht kippt diese Kultur ins Gegenteil: Alkoholabhängigkeit und ihre gesundheitlichen Langzeitfolgen. Manche Tendenzen deuten aktuell darauf hin, dass ein Umdenken beim Umgang mit Alkohol stattfindet: Alkoholfreie Alternativen zu Wein und Bier boomen, das Gesundheitsbewusstsein steigt und immer öfter setzt man beim Trinken auf Klasse statt auf Masse.

Dessen ungeachtet bleibt die Zahl der Alkoholabhängigen seit Jahrzehnten de facto konstant – daran ändert der „Dry January“ hierzulande genauso wenig wie der abstinente „Dry July“, der auf der Südhalbkugel begangen wird.

Dennoch schöpft Sonja Ultsch, Geschäftsführerin von zwei Hotels in Innsbruck, Hoffnung: Die Trinkkultur, sagt sie, habe sich insgesamt sehr verändert. Das zeige sich allein am Umsatz: Mittlerweile mache beispielsweise bei Weihnachtsfeiern der Alkoholkonsum nur mehr einen kleinen Teil des Umsatzes aus. Auch erkennt sie eine Trend hin zu Qualität und Regionalität. Bedeutet: Die Gäste trinken weniger, aber bewusster und legen Wert auf hochwertige Zutaten. Auch Roland Mader, Leiter des Anton Proksch Instituts, sieht in Teilen der Gesellschaft eine Veränderung. Immer mehr Brauereien und Weinhersteller springen auf den „alkoholfreien Zug“ auf. Dennoch ändere sich der Kern der Sache nur unwesentlich. Es würde noch immer deutlich zu viel getrunken. Und noch ein weiteres Detail fügt er hinzu: Dass Frauen viel trinken, sei mittlerweile gesellschaftlich akzeptiert. Und immer mehr tun es auch.

Markus Stegmayr

Der aktuelle Trend, gesundheitsbewusster zu leben, wird hier nur zum Teil sichtbar

Dr. Roland Mader, Ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts, Wien


„Das Problem rund um Alkohol und den Konsum war vor 35 Jahren das gleiche wie heute. Im Großen und Ganzen ist die Situation stabil. Der gefährliche Konsum, die Abhängigkeit ist ähnlich. Was wir beobachten, ist eine Geschlechtsverschiebung. Männer konsumieren immer weniger problematisch, die Frauen immer mehr. Es ist ein Phänomen der Emanzipation. Die trinkende Frau wird mehr akzeptiert. Früher war es beim Mann toll, wenn er viel vertragen hat. Es hat sich da einiges verändert, in der Akzeptanz in der Gesellschaft. Das sehen wir nicht nur bei Konsum von Alkohol, das sehen wir auch etwa beim Rauchen.

Der aktuelle Trend, gesundheitsbewusster zu leben, wird hier nur zum Teil sichtbar. Es gibt diejenigen, die gesundheitsbewusster leben, in vielen Bereichen, und zwar egal, ob es um das Nichtrauchen, um die gesunde Ernährung oder ähnliches geht. Es gibt auch mehr Personen, die auf Alkohol oft oder ganz verzichten. Das ist ein Trend bei der Jugend. Aber es gibt auch diejenigen, denen das egal ist, die genau so konsumieren wie eh und je. Bei den Jungen zeigt sich außerdem: Die Sache mit dem Trinken beginnt immer früher.

Dabei ist die Vorbildwirkung der Eltern ganz entscheidend, wenn es um die Prävention geht. Die Frage dabei ist: Wie gehen die Eltern mit Alkohol um. Trinken sie nur bei sozialen Anlässen? Wie wird Alkohol eingesetzt, vielleicht als Beruhigungsmittel? Sagen sie, dass sie nach einem stressigen Tag unbedingt ein Bier brauchen?

Insgesamt hat sich aber einiges verändert. Früher war trinken in Gesellschaft ganz normal, es gehörte schlicht und einfach dazu. Der Nichttrinker war auffällig. Heutzutage ,darf’ man nicht trinken. Vielleicht wird das sogar positiv gesehen und man wird dafür bewundert.

In dieser Sache gibt es einen aktuellen Trend, der mir gut gefällt: Der Trend hin zu alkoholfreiem Bier oder Wein. Die Weinbauern springen auf den Zug auf und es gibt immer mehr alkoholfreie Weine. Auch alkoholfreies Bier oder gar alkoholfreie ,Spirituosen’ sind erhältlich. Damit gibt es endlich auch Alternativen.

Das ist auch für unsere Patienten wichtig und überwiegend positiv zu bewerten. Damit ist der Druck draußen, wenn sie versuchen abstinent zu leben. Bei soziale Anlässe ist es damit möglich geworden, in einem schönen Weinglas einen Wein zu trinken.

Natürlich kann das in Ausnahmefällen auch wieder einen Umstieg begünstigen. Wer alkoholfreies Bier trinkt, könnte auch auf die Idee kommen, wieder mal ein ,richtiges Bier’ zu trinken. Für mich überwiegen dennoch klar die Vorteile. Das alkoholfreie Bier schmeckt, es ist verfügbar – alle Lokale führen mittlerweile alkoholfreie Biere.

Unabhängig von diesen Entwicklungen bleibt allerdings eine Diagnose bestehen: Österreich ist ein Land, in dem viel und stark Alkohol konsumiert wird. Es wird zu viel und zu häufig getrunken.

Die Zahl der Alkoholkranken und der Abhängigen ändert sich seit Jahrzehnten nicht. Dazu muss man wissen oder es sich wieder in Erinnerung rufen: Alkohol ist ein Zellgift, das dem Körper schadet. Wenn man darauf verzichtet, entstehen positive Effekte, wie etwa besserer Schlaf oder auch erhöhte Leistungsfähigkeit.

Um das zu bemerken, sind – nebenbei erwähnt – Aktionsmonate wie der ,Dry January’ – oder ähnliche Ideen – eine gute Sache. Dieser abstinente Zeitraum kann dazu dienen, den eigenen Konsum kritisch zu betrachten und zu hinterfragen.“

Dr. Roland Mader, Ärztlicher Leiter des Anton Proksch Instituts, Wien

Cocktails und Alkohol generell dürfen nicht mehr picksüß sein wie in früheren Zeiten

Sonja Ultsch, Hotel-Managerin, Innsbruck („ADLERS Lifestyle-Hotel“, „Schwarzer Adler“)


„Die Trinkkultur hat sich, zumindest was meine Beobachtungen in unseren Hotels und Bars betrifft, in den vergangenen Jahren wirklich sehr, sehr stark verändert. Was mir bei alldem aber ganz besonders auffällt, ist, dass das Thema Gesundheit immer mehr und aktuell bereits eine überaus große Rolle spielt. Selbst dann, wenn wirklich ausgelassen gefeiert wird.

Früher war das einigermaßen anders: Wenn gefeiert wurde, dann wurde eben gefeiert und ausgiebig getrunken. So als ob es wahrlich kein Morgen gäbe. Ob das nun alles gesund war oder nicht, hat nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt.

Dass ganz generell und überhaupt eindeutig weniger getrunken wird, hat sich auch heuer wieder ganz konkret bei den Weihnachtsfeiern in unseren Hotels gezeigt. Der Umsatz mit alkoholischen Getränken macht nur mehr einen kleinen Teil des dortigen Gesamtumsatzes aus. Wenn dort getrunken wird, dann bestellt man zunehmend einfach einen guten Cocktail mit hochwertigen Zutaten. Dafür wird dann natürlich auch noch gut und gerne Geld ausgegeben; nicht nur für Cocktails natürlich, aber die Qualität muss stimmen. Die Zutaten dürfen gerne regional sein. Auch das wird den Gästen immer wichtiger.

Ich würde jedenfalls so weit gehen zu sagen, dass hinsichtlich des Alkoholkonsums ein Umdenken stattgefunden hat. Zumindest in der Tendenz. Der Trend geht hin zu Hochwertigem und zur Qualität. Dabei ist auch auffällig, dass die Älteren ,schlechter’ trinken als die Jüngeren. Diese habe ein anderes Bewusstsein, schauen genauer hin, hinterfragen mehr.

Und wo wir gerade bei den Jüngeren sind: Dort ist es auch zunehmend ein Thema, dass Alkohol Zucker enthält und damit natürlich auch einiges an Kalorien. Aber nicht nur bei den Jungen: Menschen trinken zum Teil keinen Alkohol mehr wegen des Zuckers. Das schlägt sich auch darin nieder, dass Cocktails und alkoholische Getränke ganz generell weniger süß sein dürfen. Früher war picksüß zum Teil in, das ist nicht mehr der Fall.

Aber nicht nur das Thema Gesundheit steht im Fokus, nicht nur das Thema Geschmack, sondern die Ernährung an sich. Die Lehre der Fünf Elemente spiegelt sich in der Getränkeauswahl wider.

Unabhängig von allen diesen Aspekten – Gesundheit, Ernährung, Kalorien und Qualität – sehe ich ganz grundsätzlich einen tiefgehenden gesellschaftlichen Wandel, was den Umgang mit Alkohol betrifft. Bei der Jugend wird ganz deutlich weniger ,vorgeglüht’, was früher ja gang und gäbe war.

Bei den Mädchen und jungen Frauen sehe ich einen generellen Wandel im Umgang mit Alkohol: Die Frauen sind selbstbewusster, insgesamt diesbezüglich intelligenter. Sie trinken weniger, weil sie die Kontrolle über sich haben möchten und weil sie die Zügel in der Hand behalten wollen. Quer durch alle Alters- und Gesellschaftsschichten ist das eine Tendenz, die sich fortschreibt, die gut beobachtbar ist und die sich mehr und mehr etabliert. Es wird weniger getrunken, und wenn getrunken wird, dann gibt es so gut wie keine absoluten Kontrollverluste mehr, sei es mental oder körperlich.

Ganz einfach gesagt: Ich habe schon länger nicht mehr erlebt, dass bei uns im Schwarzen Adler oder im ADLERS Lifestyle-Hotel jemand eine Alkoholvergiftung gehabt hätte oder so betrunken gewesen wäre, dass er irgendwo eingeschlafen wäre oder insgesamt nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen wäre.“

Sonja Ultsch, Hotel-Managerin, Innsbruck („ADLERS Lifestyle-Hotel“, „Schwarzer Adler“)

Titel
Land des Alks, promillereich?
Publikationsdatum
27.01.2026
Bildnachweise
Paar beim Alkoholkonsum/© Motiv: Springer Medizin (Generiert mit KI), Dr. Mader/© API, 11283818/© Daniel Zangerl