Mehr Medizin, weniger Papier
- 20.01.2026
- Ärztekammer
- Standpunkte
- Zeitungsartikel
2025 gab es Erfolge zu feiern, beispielsweise die Gratisimpfung für Menschen über 60 gegen Herpes zoster. 2026 steht die Vorsorge noch mehr im Fokus: für Jugendliche, Schwangere und Männer.
Motiv: Springer Medizin (generiert mit KI)
Die Wiener Ärztekammer startet das Jahr mit Forderungen: an erster Stelle ein Vorsorgeprogramm für Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren. Nach dem Ende der Eltern-Kind-Pass-Untersuchungen fielen Kinder aus dem Vorsorgeplan, erklärt Vizepräsidentin Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied von der Kurie der niedergelassenen Ärzte. Ein Screening-Programm für diese Altersgruppe könnte sich am „Gesundheitscheck Junior“ der SVS orientieren. Sie erkennt bei der Vorsorge viel Verbesserungspotenzial und fordert ein organisiertes Prostatakrebs-Screening, zu dem Männer ab 50 Jahren persönlich eingeladen werden. Zudem brauche es eine Erweiterung des Impfprogramms für Schwangere, Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und die Aufnahme der Eisenstatus- und TSH-Bestimmung in den Vorsorgekatalog für Frauen. In den Ordinationen fehlen kostenlose Influenza- und Coronatests, die Menschen „auffangen“ könnten, bevor sie schwer erkranken und andere anstecken. Ärztekammer-Präsident Dr. Johannes Steinhart und Vizepräsident Dr. Eduardo Maldonado-González von der Kurie der angestellten Ärzte drängen auf einen „Entbürokratisierungsgipfel“. Beide beklagen die zunehmende Bürokratie im Ärzteberuf. Bei der ab Juli verpflichtenden Diagnosecodierung behebe man noch Kinderkrankheiten, sagte Steinhart. Für Ärzte bedeute dies mehr Zeit am PC, während gleichzeitig über Ärztemangel gesprochen werde. Maldonado-González forderte fixe Ausbildungszeiten im Dienstplan von mindestens 20 Prozent. Wien hinke außerdem bei den Gehältern hinterher. Zur Debatte rund um Gastpatienten sagte der Internist an der Klinik Donaustadt: „Wir behandeln jeden Patienten, egal welche Postleitzahl.“
Vorsorge ist die vernünftigste Investition in ein gesundes neues Jahr 2026
Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied, Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnenund Ärzte in Wien und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte
Stefan Seelig
„Die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte bilden das Fundament der medizinischen Versorgung. Sie sind zugänglich und alltagsnah, was ihre Stärke ausmacht. Hier beginnt Medizin nicht mit Technik, sondern mit Nähe. Das Ziel ist einfach: Kranke sollen gesund werden, Gesunde gesund bleiben. Prävention gehört dazu, wird aber oft unterschätzt.
Vorsorge ist kein Luxus, sondern das effektivste Mittel, um gesunde Lebensjahre zu gewinnen. Österreich hat dafür gute Werkzeuge, nutzt sie aber zu wenig. Vorsorgeuntersuchungen entdecken Krankheiten früh, entlasten Spitäler und sparen langfristig Geld. Dennoch bleiben sie lückenhaft, besonders bei psychischer Gesundheit und bei der Zeit für Zuwendung. Wer früh hinschaut, kann späteres Leid verhindern.
Der niedergelassene Bereich könnte mehr leisten, wenn man ihn ließe. Viele moderne Leistungen wären schnell verfügbar, kostengünstig und effizient. Tests zur Entlastung der Krankenhäuser – etwa bei Atemwegserkrankungen, Thromboseverdacht oder zur Unterscheidung von bakteriellen und viralen Infekten – existieren, werden aber nicht ausreichend finanziert. Dabei könnten sie Fehlbehandlungen und unnötige Antibiotikagaben verhindern. Antibiotikaresistenzen sind keine ferne Gefahr, sondern eine reale Bedrohung.
Vorsorge beginnt früh, sehr früh, schon vor der Geburt. Der Mutter-Kind-Pass ist eine Erfolgsgeschichte und international anerkannt. Er hat die Sterblichkeit von Müttern und Kindern deutlich gesenkt, endet jedoch zu früh. Zwischen dem sechsten und dem 18. Lebensjahr klafft eine Lücke. Schulärztliche Vorsorge wäre wichtig, scheitert aber an unrealistischen Rahmenbedingungen. Ein Schularzt für fast zweitausend Kinder ist keine Lösung, sondern eine Illusion.
Ein zentrales Problem bleibt die Gesundheitskompetenz der Österreicherinnen und Österreicher. Wer nicht weiß, was harmlos ist und was nicht, überfordert das System. Österreich investiert hier zu wenig, obwohl frühe Bildung enorme Wirkung hätte.
Positiv sind einzelne Initiativen, etwa Anreizmodelle für Vorsorge. Sie zeigen: Prävention funktioniert, wenn sie belohnt wird.
Bei Erwachsenen setzt sich das Bild fort, vor allem bei Männern. Diese nutzen die Vorsorge-Angebote kaum, obwohl sie besonders gefährdet sind. Ein systematisches Screening auf Prostatakrebs fehlt.
Frauen kämpfen mit Unterversorgung in den sensiblen Lebensphasen, mit Stigmatisierung und langen Wartezeiten. Schilddrüsenerkrankungen, Eisenmangel, gynäkologische Betreuung: Vieles ist bekannt, vieles bleibt liegen.
Besonders sichtbar wird das Versäumnis in Infektionszeiten. Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte könnten in der Grippe-Saison rasch testen, beraten und isolieren – sie stoßen aber an finanzielle Grenzen. Wenn Tests fehlen, gehen Erkrankte einkaufen, zur Arbeit, zu den Großeltern. Die Folgen kennen wir. Prävention heißt auch, Infektionen dort abzufangen, wo sie entstehen.
Der niedergelassene Bereich kann das leisten. Er braucht dafür keine großen Worte, sondern klare Entscheidungen. Vorsorge ist kein Randthema. Sie ist die vernünftigste Investition in ein gesundes neues Jahr.“
Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied,Vizepräsidentin der Kammer für Ärztinnenund Ärzte in Wien und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte
Gesundheitspolitik braucht Realitätssinn. Und sie braucht jene, die im System arbeiten
Dr. Eduardo Maldonado-González,Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obmann der Kurie angestellte Ärzte
Oliver Topf
„Gesundheit passt nicht in Schubladen wie niedergelassen, angestellt oder stationär. Der Patient kennt diese Grenzen nicht. Wird er in der Praxis zu spät oder falsch behandelt, landet er im Krankenhaus. Bleibt dort die Ursache ungelöst, kehrt er zurück. Das System ist ein Kreislauf – und derzeit läuft er unrund.
Auf der Intensivstation zeigt sich das Versagen besonders deutlich. Ein anscheinend banaler Atemwegsinfekt, unterschätzt, ungetestet, unbehandelt, wird zur Superinfektion. Der Patient wird intubiert. Die Familie darf nicht kommen, weil sie womöglich selbst infiziert ist. Was hier endet, hätte oft viel früher verhindert werden können – mit Zeit, mit Tests, mit klaren Entscheidungen in der Praxis.
Die Problemlage ist bekannt. Influenza, RSV, COVID kehren jedes Jahr wieder. Überraschend ist das nicht. Überraschend ist nur, dass wir jedes Jahr so tun, als kämen sie unerwartet. Fehlen Ressourcen, sind Tests nicht verfügbar, sitzen Experten nicht am Tisch, entstehen Engpässe. Danach atmet man auf, sobald die Saison vorbei ist. Lernen tut man wenig.
Dabei liegen Lösungen auf dem Tisch. Die angestellten Ärzte haben sie ausgearbeitet. Kein Wunschzettel ans Christkind, sondern belastbare Konzepte. Sie kosten wenig. Sie sparen viel. Und vor allem: Sie nützen den Patienten. Ein zentrales Thema ist die Ausbildung. Hochqualifizierte Mediziner sitzen vor Bildschirmen und codieren. Das ist ineffizient und gefährlich. Wer Daten schlecht erhebt, trifft später falsche Entscheidungen – auch politisch. Medizin braucht Erfahrung, nicht Klickroutine. Ältere Kollegen verfügen über diese Erfahrung. Viele wollen weiterarbeiten. Man müsste sie nur lassen – unter fairen Bedingungen, freigestellt für Ausbildung, nicht eingespannt im Alltagsbetrieb. Solche Modelle gibt es bereits. Sie funktionieren. Sie kosten kaum mehr, bringen aber enormen Wissensgewinn. Trotzdem bleiben sie die Ausnahme. Gleichzeitig warten ganze Berufsgruppen seit Jahren auf vereinbarte Entlastungen und Gehaltsanpassungen. Niemand verkennt die wirtschaftliche Lage, aber ein klarer Zeitplan wäre ein Signal.
Andere Bundesländer zeigen, dass es geht. Finanzielle Anreize führten dort zu mehr Vollzeit, zu mehr Personal, zu Entlastung der Spitäler. Das ist keine Hexerei, sondern eine Rechenaufgabe. Auch die Digitalisierung braucht Maß. Sie darf helfen, nicht behindern. Ein Arzt ist kein Datenerfasser. Während Felder ausgefüllt werden, wartet der Patient. Mit Schmerzen, mit Angst, mit Zeitdruck. Digitalisierung ohne Praxisbezug verschlechtert Versorgung, statt sie zu verbessern. Am Ende geht es immer um den Ursprung. Krankheiten früh erkennen. Infektionen abfangen, bevor sie eskalieren. Impfungen sind wichtig, aber nicht ausreichend. Wer trotzdem erkrankt, muss rasch und kompetent versorgt werden – idealerweise dort, wo er zuerst hingeht: in der Praxis. Gelingt das nicht, gerät alles ins Rutschen. Intensivstationen, Blutkonserven, Personal – ein Dominoeffekt. Gesundheitspolitik braucht Realitätssinn. Und sie braucht jene, die täglich im System arbeiten. Lichtjahre entstehen nicht durch Durchhalteparolen. Sondern durch kluge Organisation, klare Prioritäten und den Mut, Fachwissen ernst zu nehmen. Dann könnte 2026 tatsächlich ein besseres Jahr werden. Für das System. Vor allem aber für die Patienten.“
Dr. Eduardo Maldonado-González,Vizepräsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien und Obmann der Kurie angestellte Ärzte