Zurück in die fünfziger Jahre?
- 27.01.2026
- Ärztekammer
- Zeitungsartikel
„Infektionskrankheiten, die wir durch hohe Durchimpfungsraten nahezu eliminiert hatten, treten wieder vermehrt auf.“ Das sagt Ursula Wiedermann-Schmidt von der MedUni Wien. Andere Experten sprechen von einem „katastrophalen Bild“.
Erklären den langfristigen Nutzen von Impfungen: Kobinger, Wiedermann-Schmidt und Schmitzberger (v.li.).
Medizinische Universität/APA-Fotoservice/Tanzer
Bei den Masern, die sich weltweit ausbreiten, liegt Österreich in Sachen Neuinfektionen im europäischen Spitzenfeld. Zwar gab es im Vorjahr weniger Fälle als 2024, aber immerhin 35 Patienten mussten hospitalisiert werden. Im Jahr 2025 wurde eine Verdreifachung von Hepatitis-A-Erkrankungen und -Ausbrüchen verzeichnet. Auch die Zahl der Pertussis-Infektionen steigt stetig an. Laut der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) wurden 2024 15.465 Keuchhusten-Erkrankungen gemeldet; ein wenige Wochen altes Baby in der Steiermark ist daran sogar gestorben. „Das entspricht annähernd dem Infektionsgeschehen von 1959. Das sollte uns allen zu denken geben“, sagt Dr. Gerhard Kobinger, Vizepräsident der Apothekerkammer.
Impfmüdigkeit
Schuld ist laut Experten die sinkende Impfakzeptanz in Teilen der Bevölkerung. Die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO sprechen für sich: Während es weltweit bei der dritten Dosis Diphtherie, Tetanus und Pertussis eine Durchimpfungsrate von 93 Prozent gibt, liegt Österreich mit 85 Prozent am unteren Ende der Liste. Eine ähnlich schlechte Durchimpfungsrate gibt es laut WHO auch bei Masern ( zweite Dosis weltweit 91 Prozent, in Österreich 84 Prozent, Anm. ) oder Polio (d ritte Dosis weltweit 93 Prozent, hierzulande sind es 85 Prozent ). „Es ist erschreckend, wie leichtfertig Menschen mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben umgehen“, fügt Kobinger hinzu.
„Wir müssen bei Aufklärung und Kommunikation neue Wege gehen“, sagt Wiedermann-Schmidt. Sie leitet das Zentrum für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie: „Wir müssen stärker an der persönlichen Identifikation mit dem Thema Impfen ansetzen und das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten in den Mittelpunkt stellen.“
Ein gutes Argument für Impfungen sei, dass diese nicht nur vor der akuten Erkrankung schützen, sondern auch einen Mehrwert in Bezug auf andere Erkrankungen haben können. So kann eine Influenza-Impfung oder eine Impfung gegen das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall senken. Die Grippeimpfung schützt zwar heuer nicht so gut vor einer Infektion, aber sehr wohl vor schweren Krankheitsverläufen und minimiert das Risiko für schwere Folgeerkrankungen. Die Gefahr von Herzmuskelentzündungen und Gehirnentzündungen ist für Patienten, die eine Influenza durchgemacht haben, höher als bei Gesunden.
Immerhin: Bei der Influenza ist die Nachfrage nach Impfungen deutlich gestiegen. Das Pneumokokken-Kinderimpfprogramm, das nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene indirekt schützt, wird gut angenommen. Auch die Gratisprogramme gegen Pneumokokken und Herpes Zoster für Über-60-Jährige sind eine Erfolgsgeschichte. Die Umsetzung des Öffentlichen Impfprogramms gelingt nicht reibungslos, sagt Dr. Rudolf Schmitzberger, Leiter des Impfreferates der Ärztekammer (ÖÄK): „Der E-Shop für die Bestellungen ist instabil, die Bestellung ist fast wie bei einer Lotterie.“ Man brauche Glück, um in den Bestellshop hineinzukommen, und wenn das geschafft sei, bestehe eine erhebliche Chance, dass kein Impfstoff vorhanden ist: „Die Technik- und Ressourcenprobleme sorgen für Frust in der Ärzteschaft.“
Impfplan anpassen
Schmitzberger wünscht sich, dass die Impfung gegen Diphtherie-Tetanus-Pertussis, die im Erwachsenenalter alle fünf Jahre aufgefrischt werden muss, ins Öffentliche Impfprogramm aufgenommen wird. Auch Wiedermann-Schmidt hat einige Ideen, wie man den Impfplan optimieren könnte: Zum einen sei eine noch bessere Überwachung des Infektionsgeschehens sinnvoll, durch Abwassermonitoring. Zum anderen sei der elektronische Impfpass sehr wichtig, denn dieser biete einen Überblick, wer wogegen geimpft ist. Sie regt an, die Hepatitis-A-Impfung neu zu bewerten. Hepatitis-A-Erkrankungen seien nicht nur hierzulande, sondern auch in Tschechien, der Slowakei und Ungarn ein Problem: bei Erwachsenen, Obdachlosen, homosexuellen Männern und Sexarbeiterinnen. Derzeit gelte Hepatitis-A als reine Reise-Impfung.
Apropos Reisemedizin: In Algerien, Nigeria, Südafrika und im Tschad wurden zuletzt große Ausbrüche von Diphtherie registriert. Aufgrund der regen Migrationsbewegung aus diesen Ländern nach Europa könne das auch hier zu Problemen führen. Auf dem Österreichischen Impftag, der am 17. Jänner in Kooperation von MedUni, ÖÄK, Apothekerkammer und der Akademie der Ärzte in Wien stattfand, wurden neue Impfstoffe für die Reisemedizin vorgestellt: gegen Chikungunyafieber sowie gegen Denguefieber.
Tipp für Niedergelassene
Schmitzberger rät niedergelassenen Ärzten, die Vorsorgeuntersuchungen dazu zu nutzen, den Impfpass der Patienten zu checken und zu etwaigen Auffrischungsimpfungen zu raten. Zudem weist der ÖÄK-Impfreferent darauf hin, dass nicht nur Allgemeinmediziner, sondern alle Ärzte impfen können: „Begleitpersonen können sich, wenn sie wegen einer Eltern-Kind-Pass-Untersuchung oder Impfung dort sind, gleich beim Kinderarzt mit impfen lassen“.