Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

18.10.2021 | Ärztekammer | Ausgabe 42/2021

Ärztemangel: ein Quantum Hoffnung

Autor:
Von Martin Krenek-Burger

Was hilft gegen den Mangel an Kassenärzten? Niki Popper und sein Team haben ausgerechnet, wie sehr die Zeit drängt. Die Antwort: in jedem einzelnen Fach anders. Und: Von heute auf morgen geht gar nichts.

Von 15. bis 17. Oktober 2021 trafen sich junge und angehende Ärzte zum „Junge Allgemeinmedizin Kongress“ in Graz. Rund 100 fertige Mediziner und Studierende taten etwas für ihr Fortbildungskonto und sprachen über die Hausarztmedizin der Zukunft. Die sieht der ÖGK-Obmann Andreas Huss in Deutschland. Das ist keine Aufforderung auszuwandern, sondern eine Anregung, sich am Ausland ein Vorbild zu nehmen, „allen voran bei der Landarztquote“. Ein Teil der zu vergebenden Medizin-Studienplätze wird dabei zeitlich vor den allgemeinen Zugangsprozeduren an Studierende vergeben, die sich verpflichten, nach dem Studium mindestens zehn Jahre in unterversorgten Regionen im öffentlichen Gesundheitssystem zu arbeiten. Der CSU-geführte Freistaat Bayern sei mit diesem Modell gut gefahren, sagt Huss. Sowohl der Andrang der Studenten als auch die Zufriedenheit des zuständigen Regierungsmitglieds seien groß. Das Modell Deutschland hat FPÖ-Gesundheitssprecher Gerhard Kaniak vor Augen, wenn er Verbesserungsvorschläge macht. Überlegenswert sei etwa ein Stipendium, das nicht zurückgezahlt werden muss, wenn der Absolvent für zehn Jahre in Österreich tätig ist.

Der Mathematiker und Simulationsexperte Niki Popper ist einer der Wissenschaftler mit dem größten öffentlichen Impact ( siehe Bericht der Ärzte Woche 41/ 2021, Seite 33 ). Die Qualitäten des Zahlenmenschen sind der Ärztekammer nicht verborgen geblieben. Im Wirbel um die Inseratenaffäre der Kurz-ÖVP ging das drängende Nachwuchsproblem zwar kurzzeitig unter, deswegen ist es aber nicht verschwunden. ÖÄK-Vizepräsident Dr. Johannes Steinhart fordert auf Basis seiner Berechnungen einen Maßnahmen-Mix, um den Rückgang zumindest abzuschwächen.

Martin Krenek-Burger

Größtes Potenzial bei Fächern ohne Kassenverträge

„In einer von der Bundeskurie niedergelassene Ärzte beauftragten Studie haben die Simulationsforscher Nikolas Popper und Claire Rippinger anhand von Rechenmodellen analysiert, mit welcher Entwicklung der Ärztezahlen unter welchen Bedingungen zu rechnen ist. Wir wollten wissenschaftlich fundiert wissen, wie sich bestimmte Interventionen zum Beispiel in der ärztlichen Ausbildung oder eine Attraktivitätssteigerung der kassenärztlichen Rahmenbedingungen auf die künftigen Ärztezahlen auswirken würden. Das ist eine wichtige Grundlage für kompetente gesundheitspolitische Entscheidungen. Berücksichtigt wurden dabei Allgemeinmediziner sowie Fachärzte, bei Letzteren besonders Fächer mit bereits bestehender deutlicher Knappheit.

In den nächsten zehn Jahren ist aufgrund der Altersstruktur mit einem Rückgang der besetzten Stellen um ca. 5,5 Prozent von aktuell rund 47.000 auf 44.400 im Jahr 2030 zu rechnen. Dieser Rückgang wirkt sich vor allem auf die niedergelassenen Ärzte aus. Die Zahl der niedergelassenen Allgemeinmediziner fällt bei den Kassenärzten von 4.100 auf 3.450 sowie bei den Wahl- und Privatärzten von 4.500 auf 3.800. Danach bleiben die Zahlen konstant auf diesem niedrigen Niveau. Im Facharztbereich sind die Fächer Augenheilkunde, Frauenheilkunde, Innere Medizin und Urologie jeweils im Kassenbereich am stärksten betroffen.

Auch zusätzliche Ausbildungsanfänger durch weniger Abwanderung ins Ausland nach dem Studium oder mehr Ausbildungsstellen würden entsprechende Vorlaufzeiten benötigen. Selbst bei einer sehr hohen Anzahl von Ausbildungsanfängern kann der pensionsbedingte Rückgang an berufstätigen Ärzten frühestens in 15 Jahren ausgeglichen werden.

Eine Attraktivitätssteigerung der Kassenverträge hätte der Studie zufolge bei den einzelnen Fächern unterschiedliche Auswirkungen: Insbesondere bei Fächern, bei denen derzeit der Großteil der Niederlassungen keinen Kassenvertrag haben, ergibt sich ein großes Potenzial, um den pensionsbedingten Rückgang auszugleichen. Bei anderen Fachrichtungen kann dieser Rückgang lediglich abgeschwächt und nicht komplett ausgeglichen werden.

Es benötigt eine Kombination aller Maßnahmen, um den Rückgang der Ärzte abzubremsen und eine ausreichende Versorgung durch Kassenärzte gewährleisten zu können.“

Dr. Johannes Steinhart, Vizepräsident der Ärztekammer

In Deutschland ist dieses Modell bereits gelebte Praxis

„In einem Bericht des Rechnungshofes wird eindeutig dargestellt, dass mit Stand Ende 2019 4,6 Prozent der Planstellen für Kassenärzte unbesetzt waren. Während es einerseits an den Kassenärzten mangelt, erhöht sich aber der Anteil an Wahlärzten. Diese Verschiebung sollte die ÖGK alarmieren, denn dieser Trend gibt Zeugnis davon, dass ein Kassenvertrag wohl nicht so attraktiv sein kann.

Leider setzt sich der Ärztemangel weiter fort und macht sich in der Corona-Krise bemerkbar. Da nützt es nichts, wenn die Ärztekammer 1.300 neue Planstellen einfordert, aber nicht versucht, diese Forderung politisch durch- und umzusetzen. Selbst eine Unterstützung der bestehenden ‚Niedergelassenen‘ wird schmerzlich vermisst.

Die FPÖ fordert seit eh und je eine Attraktivierung des Berufsbildes Arzt. Zuletzt brachte sie im Juli 2020 entsprechende Anträge und Forderungen ein, welche von ÖVP und Grünen unter den Tisch gefegt wurden. Das beginnt beim leichteren Zugang zum Studium, einer Einführung des Facharztes für Allgemeinmedizin, einen liberaleren Zugang zu Kassenverträgen, Lehrpraxen und ausreichende Ausbildungsplätze. Angedacht wird ein Stipendium für den Lebensunterhalt während des Studiums, das nicht zurückgezahlt werden muss, wenn der Absolvent danach in Österreich zumindest für zehn Jahre versorgungswirksam tätig ist. Bei einer Abwanderung ins Ausland muss das Stipendium zurückgezahlt werden. In Deutschland ist dieses Modell bereits gelebte Praxis.“

Mag. Gerhard Kaniak, Gesundheitssprecher der FPÖ

Sozialkompetenz statt Auswendiglern-Fähigkeiten

„Nach dem kürzlich veröffentlichten Rechnungshofbericht über die Mängel in der niedergelassenen Versorgung ist es unverständlich, warum die Bundesregierung keine konkreten Maßnahmen ergreift, um die öffentliche Gesundheitsversorgung abzusichern. Der Bericht zeigt klar, wo Probleme liegen, aber auch genau, wo eben nicht. Die Honorierung der niedergelassenen Kassenärzte wird als gut eingeschätzt, gerade im Vergleich zu anderen freiberuflichen Gruppen wie Rechtsanwälten oder Steuerberatern. Auch die grundsätzliche Menge an öffentlich ausgebildeten Ärzten schätzt der Rechnungshof positiv und ausreichend ein. Die Probleme liegen in der Verteilung der Ärzte auf die Betätigungsfelder. Immer mehr Ärzte wählen den Weg in den kaum regulierten Privat- bzw. Wahlarzt-Bereich, weswegen immer mehr Kassenstellen unbesetzt bleiben. Um dem Problem zu begegnen, schlagen die Arbeitnehmer in der ÖGK vor, sich ein Beispiel an Maßnahmen aus Deutschland zu nehmen, allen voran bei der Landarztquote.

Bei der Auswahl der richtigen Hausärzte für die Zukunft braucht es nicht nur fehlerfreie Auswendiglern-Fähigkeiten, sondern auch einen Fokus auf Empathie und Sozialkompetenz. Angehende Medizin-Studenten, die sich hierin auszeichnen und sich bereit erklären, nach dem Studium fix im öffentlichen Gesundheitssystem zu arbeiten, sollen einen Quick-Check-In fürs Medizinstudium machen können. Seit 2017 gibt es in Deutschland die Landarztquote. Ein Teil der zu vergebenden Medizin-Studienplätze wird dabei zeitlich vor den allgemeinen Zugangsprozeduren an Studierende vergeben, die sich verpflichten, nach dem Studium mindestens zehn Jahre in unterversorgten Regionen im öffentlichen Gesundheitssystem zu arbeiten. Auch der CSU-geführte Freistaat Bayern hat diese Regelung eingeführt. Der Andrang der Studierenden auf diese Möglichkeit ist groß: 82 Prozent der Landarzt-Studierenden sind aus Bayern, 42 Prozent haben schon vor dem Studium einen Freiwilligendienst absolviert, und 38 Prozent sind ehrenamtlich tätig. Ebenfalls ist zu überlegen, Ärzten einen Kassenvertrag anzubieten und die Ärzte ohne Vertrag als reine Privatärzte zu behandeln. Darüber hinaus braucht es eine bessere Arbeitsteilung, Beschäftigungs- und Zusammenarbeitsformen von Ärzten mit anderen Gesundheitsberufen. Investieren wir in die Gesundheit und greifen steuernd ein, um unsere niedergelassene Versorgung zukunftsfit zu machen: Jetzt!“

Andreas Huss, MBA, ÖGK-Obmann

Über diesen Artikel

Weitere Artikel der Ausgabe 42/2021

Redaktionstipp

Die Gen-Profiler

Bildnachweise