Viele Ärztinnen, viele Hürden
- 25.02.2026
- Ärztekammer
- Zeitungsartikel
Eine Umfrage zeigt, dass Frauen in der Medizin noch immer mit Benachteiligungen konfrontiert sind.
Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied
Katharina Fröschl-Roßboth
In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil von Frauen in medizinischen Berufen signifikant gestiegen. Waren 1990 noch 30 Prozent der Ärzteschaft Frauen, sind es aktuell etwa die Hälfte. In Fachrichtungen wie Allgemeinmedizin oder Kinder- und Jugendheilkunde sind Frauen sogar in der Mehrheit. Um dieser Entwicklung Rechnung zu tragen, hat sich auch die ärztliche Standesvertretung in der Bundeshauptstadt vor eineinhalb Jahren umbenannt in „Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien“.
„Trotz dieser positiven Entwicklungen gibt es nach wie vor erhebliche Hindernisse“, sagt Dr. Johannes Steinhart, Präsident der Kammer. Das belegt eine repräsentative Umfrage unter Wiener Ärztinnen, die die Ärztevertretung in Auftrag gegeben hat.
Mit Geringschätzung konfrontiert
Nach der von Meinungsforscher Peter Hajek durchgeführten Online-Umfrage, an der 1.409 der rund 8.000 Wiener Ärztinnen teilgenommen haben, haben rund zwei Drittel aller befragten Ärztinnen selbst Hürden und Benachteiligungen erlebt. Ärztinnen erfahren auch regelmäßig Abwertungen: Sechs von zehn Ärztinnen waren schon mit geringschätzigen oder anzüglichen Bemerkungen konfrontiert – sei es von Seiten der Kollegenschaft und Vorgesetzten als auch von Patientinnen und Patienten. Ebenso vielen Ärztinnen ist es schon passiert, dass Patienten ihre Kompetenz infrage gestellt haben.
Nur 17 Prozent der Ärztinnen sind der Meinung, dass Frauen und Männer im ärztlichen Bereich gleichermaßen unterstützt werden. Rund 90 Prozent der Ärztinnen sagen, dass Mutterschaft im ärztlichen Berufsalltag strukturelle Nachteile mit sich bringt, etwa durch reduzierte Karrierechancen, geringere Planbarkeit oder fehlende Entlastungsstrukturen. Jede zweite Ärztin betrachtet Familienplanung und Kinderbetreuung als die größten Karrierehindernisse. Immerhin: Drei Viertel der befragten Ärztinnen sind mit ihrer Karriereentwicklung zufrieden –, wobei niedergelassene Ärztinnen deutlich zufriedener sind als angestellte (88 % versus 69 %).
Steinhart kritisiert „Stereotypen und gesellschaftliche Erwartungen in Bezug auf die Familienstrukturen“, diese hielten sich hartnäckig. Erklärung: „Viele Frauen sehen sich mit dem Vorurteil konfrontiert, dass sie weniger belastbar oder weniger ambitioniert seien als ihre männlichen Kollegen.“ Ein besonders großer Dorn im Auge sind dem Ärztekammerpräsidenten geringschätzige Bemerkungen und Misstrauen gegenüber Ärztinnen. „Dass Frauen weniger zugetraut wird als Männern und sie anzüglichen Bemerkungen ausgesetzt sind, ist inakzeptabel“, führt er aus.
Flexible Öffnungszeiten erwünscht
Dass Ärztinnen im niedergelassenen Bereich besser über ihre Arbeitssituation bestimmen können, ist für Dr. Naghme Kamaleyan-Schmied, Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte, die Ursache für die größere Zufriedenheit der niedergelassenen Wiener Ärztinnen in Sachen Karriereentwicklung. Die Arbeitszeiten seien familienfreundlicher und die Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen könne in der Regel nur in der Selbstständigkeit geschlossen werden. Allerdings wünschen sich sechs von zehn Ärztinnen in der niedergelassenen Praxis flexiblere Öffnungszeiten.
Abgefragt wurden auch vier hilfreiche Maßnahmen, deren Dringlichkeit von den Befragten wie folgt gereiht wurde:
- Die Möglichkeit von Gruppenpraxen inklusive der Anstellung von Ärztinnen und Ärzten,
- Jobsharing-Modelle,
- breitere Vertretungszeiten
- und eine geringere Anzahl verpflichtender Wochenstunden.
Dr. Johannes Steinhart
Katharina Fröschl-Roßboth
Als weitere Maßnahme fordert die Kammer die Einführung von Mutterschutz für Kassenvertragsärztinnen nach Vorbild der Ärztekammer für Vorarlberg. „Wenn wir es nicht schaffen, Ärztinnen langfristig im Beruf zu halten, ist die hausärztliche Versorgung in Gefahr“, erläutert Kamaleyan-Schmied.
Appell an Zivilcourage
In den Spitälern seien starre Dienstzeiten, fehlende individuelle Förderung, zu wenige weibliche Führungskräfte und mangelnde Rücksichtnahme auf familiäre Verpflichtungen das Problem, fügt Dr. Eduardo Maldonado-González, Obmann der Kurie angestellte Ärzte, hinzu. Hier müsse man ansetzen: „Frauenförderung in der Medizin ist ein zentraler Bestandteil moderner Personal- und Wissenschaftspolitik – und damit kein ,Nice-to-have‘, sondern ein ,Must‘“. Er appellierte an die Zivilcourage der Männer, bei gering schätzenden oder anzüglichen Äußerungen gegenüber Ärztinnen einzuschreiten.
Rund um die Debatte über Wiener Spitäler stellt die Kammer klar, dass an erster Stelle immer das Patientenwohl stehen müsse. „Die Wiener Spitalsärztinnen und -ärzte versorgen nicht nur die Wiener Bevölkerung, denn etwa 20 Prozent Patientinnen und Patienten kommen aus anderen Bundesländern, vor allem aus Niederösterreich und Burgenland – das betrifft jede fünfte Behandlung“, sagt Maldonado-González. Laut Medienberichten sind in den Wiener Krankenhäusern der Anteil der Nicht-Wiener Patienten sowie die Ausgaben für diese in den letzten Jahren stark gestiegen. Um eine gerechte Verteilung der Kapazitäten und Finanzmittel zu gewährleisten, „ist der Idee einer Ostregion durchaus etwas abzugewinnen“.