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Der vermessene Mensch

Adipositas ist keine Randerscheinung mehr, sondern der gemeinsame Nenner zahlloser Erkrankungen. Herz, Gelenke, Stoffwechsel, kaum ein Organsystem bleibt unberührt. Und doch wurde der Kampf gegen das Übergewicht lange auf Nebenschauplätzen geführt. Mit dem Konsensuspapier der Österreichischen Adipositasgesellschaft (ÖAG) wird aus dem Thema ein interdisziplinäres Kernanliegen. Es markiert den Beginn eines Paradigmenwechsels – medizinisch, gesellschaftlich und menschlich.

Das ÖAG-Papier skizziert einen klaren, multimodalen Stufenplan, der die Individualität des Patienten ins Zentrum stellt. Die Basis bildet für alle ein konservatives Programm aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie.


Was haben ein Kardiologe, der ein flimmerndes Herz zur Ruhe bringen will, ein Orthopäde, der ein verschlissenes Kniegelenk ersetzt, und ein Diabetologe, der einen entgleisten Zuckerstoffwechsel bändigt, gemeinsam? Sie alle kämpfen an vorderster Front. Doch oft behandeln sie nur die Symptome eines übergeordneten, übermächtig scheinenden Gegners. Eines Antagonisten, der sich leise und unaufhaltsam in fast jede medizinische Disziplin eingeschlichen hat: die Adipositas. Lange wurde dieser Kampf dezentral, uneinheitlich und oft frustran geführt. Jetzt aber schärft die Österreichische Adipositasgesellschaft (ÖAG) die Waffen. Mit ihrem neuen Konsensuspapier legt sie nicht nur eine aktualisierte Leitlinie vor, sondern vollzieht einen Paradigmenwechsel. Es ist der Versuch, den Menschen neu zu vermessen – jenseits von Kilo und Zentimeter.

Jahrzehntelang thronte der Body-Mass-Index (BMI) als unumstößlicher Monarch über der Diagnose von Übergewicht und Adipositas. Eine einfache Formel, schnell berechnet, leicht zu kommunizieren. Doch seine Regentschaft war eine der brutalen Vereinfachung. Der BMI, so zeigt das ÖAG-Papier mit aller Deutlichkeit, ist ein stumpfes Schwert. Er unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse, ignoriert die Fettverteilung und schweigt beharrlich über die tatsächlichen gesundheitlichen Folgen des Übergewichts. Er misst die Masse, aber nicht das Leid. Er quantifiziert den Körper, aber nicht die Krankheit.

Mehr als die Zahl auf der Waage

An seine Stelle tritt nun ein differenzierteres Instrument, das in der klinischen Praxis zum Standard werden soll: das Edmonton Obesity Staging System, kurz EOSS. Dieses System ist kein Umsturz, sondern eine kluge Ergänzung. Es fragt nicht nur: „Wie viel wiegen Sie?“, sondern: „Wie geht es Ihnen?“ EOSS stuft Patienten und Patientinnen nicht nach ihrem Gewicht ein, sondern nach dem Vorhandensein und dem Schweregrad adipositasassoziierter Begleiterkrankungen.

Es erfasst metabolische, mechanische und psychische Komplikationen. Ein Patient mit einem BMI von 32 ohne Folgeerkrankungen (EOSS 0) hat ein fundamental anderes Risiko als ein Patient mit demselben BMI, der aber bereits an Diabetes, Hypertonie und einer schweren Depression leidet (EOSS 2 oder 3). Diese funktionelle Perspektive ist revolutionär. Sie erlaubt eine präzise Risikostratifizierung und macht die Therapieentscheidung zu einer logischen Konsequenz des individuellen Krankheitszustandes, nicht einer Zahl auf einer Tabelle.

Die Entstigmatisierung als Fundament der Therapie

Die vielleicht wichtigste Botschaft des Papiers ist jedoch eine semantische und konzeptionelle. Adipositas ist keine Charakterschwäche. Sie ist keine Folge mangelnder Disziplin. Sie ist eine chronische, multifaktorielle Erkrankung. Diese Feststellung, getragen von erdrückender wissenschaftlicher Evidenz, ist das Fundament für jede erfolgreiche ärztliche Intervention. Die Pathophysiologie ist ein komplexes Geflecht aus genetischer Prädisposition, epigenetischen Einflüssen, hormonellen Dysbalancen, umweltbedingten Faktoren und sozioökonomischen Zwängen. Das Gehirn eines von Adipositas betroffenen Menschen kämpft gegen potente biologische Signale, die auf eine Verteidigung des erhöhten Körpergewichts abzielen.

Diese Neudefinition als Krankheit hat weitreichende Konsequenzen. Sie entzieht dem gesellschaftlichen Stigma den Boden und professionalisiert den Umgang mit Betroffenen. Einem Patienten mit arterieller Hypertonie würde man niemals vorwerfen, sein Blutdruck sei eben eine Willensschwäche. Ebenso muss der professionelle, empathische und evidenzbasierte Umgang mit Adipositas zur medizinischen Selbstverständlichkeit werden. Nur wenn Patienten und Patientinnen sich als Träger einer Krankheit verstanden fühlen und nicht als Versager, kann jene therapeutische Allianz entstehen, die für eine langwierige Behandlung unabdingbar ist. Wie also sieht die moderne Schlachtordnung aus? Das ÖAG-Papier skizziert einen klaren, multimodalen Stufenplan, der die Individualität des Patienten ins Zentrum stellt. Die Basis bildet für alle ein konservatives Programm aus Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie. Doch die Autoren machen unmissverständlich klar: Bei vielen reicht das nicht aus. Für Patienten und Patientinnen mit einem BMI ab 30 (oder ab 27 mit Begleiterkrankungen) öffnet sich die nächste Stufe des Arsenals: die medikamentöse Therapie.

Zwischen Skalpell, Spritze und Gespräch

Insbesondere die neueren Wirkstoffklassen wie die GLP-1-Rezeptoragonisten haben die Behandlungsoptionen erweitert. Sie sind keine „Wunderspritzen“, sondern präzise biochemische Werkzeuge, die an zentralen hormonellen Regelkreisen von Hunger und Sättigung ansetzen. Richtig indiziert und eingebettet in ein Gesamtkonzept, können sie eine signifikante und klinisch relevante Gewichtsreduktion bewirken. Die höchste Stufe und die nachweislich effektivste Waffe im Kampf gegen schwere Adipositas (ab Grad II, EOSS-abhängig) bleibt die metabolische Chirurgie. Eingriffe wie der Magenbypass oder die Schlauchmagenbildung sind weit mehr als mechanische Verkleinerungen. Sie sind hochwirksame metabolische Interventionen, die tiefgreifend in den Hormonhaushalt und den Stoffwechsel eingreifen und oft zu einer Remission eines Typ-2-Diabetes führen können.

Am Ende ist das Konsensuspapier der ÖAG mehr als nur eine Handlungsanweisung für die einzelne Praxis. Es ist ein gesundheitspolitischer Appell. Es fordert eine adäquate finanzielle Abgeltung der komplexen Adipositas-Behandlung durch die Krankenkassen.

Ein Appell an das System: Der Patient als Symptomträger

Es verlangt den Aufbau interdisziplinärer Versorgungsstrukturen. Und es mahnt zu einem gesellschaftlichen Umdenken. Denn der einzelne Patient ist oft nur der Symptomträger eines kranken Systems – einer Umwelt, die hochkalorische Lebensmittel omnipräsent und billig macht, während sie Bewegung bestraft. Der Kampf gegen die Adipositas kann nicht allein im Sprechzimmer gewonnen werden. Er muss, so der unüberhörbare Subtext des Papiers, eine konzertierte Anstrengung von Medizin, Politik und Gesellschaft sein. Die ÖAG hat dafür eine brillante und längst überfällige Partitur geschrieben. Es liegt nun an allen Ärztinnen und Ärzten, sie mit Leben zu füllen.


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Titel
Der vermessene Mensch
Publikationsdatum
07.11.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 47/2025
Bildnachweise
Körperschemata/© Siberian Art / Stock.adobe.com