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Adipositas, Diabetes und ihre gemeinsamen Risikofaktoren

Die Epidemien des 21. Jahrhunderts aus Sicht des Advanced Practice Nursing

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Krankhaftes Übergewicht ist eine chronische Erkrankung, die mit vielen Vorurteilen verbunden ist und Betroffene stark stigmatisiert. Das Risiko, eine Diabeteskrankheit zu entwickeln, ist bei Betroffenen stark erhöht.
„Iss weniger! Lebe gesünder!“ „Abnehmen kann doch nicht so schwer sein, du brauchst einfach etwas Disziplin!“ Mit solchen banalen Aussagen sehen sich besonders übergewichtige Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 häufig konfrontiert. Viele falsche Vorurteile werden bei übergewichtigen Menschen zu leichtfertig und unreflektiert geäußert. Die Gründe für krankhaftes Übergewicht sind jedoch komplex und vielfältig. Das krankhafte Übergewicht — die Adipositas — ist eine chronische Erkrankung, die mittlerweile epidemiologische Ausmaße angenommen hat. Die Diagnose Adipositas birgt eine hohe Gefahr an Folgeerkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes mellitus Typ 2 bzw. das metabolische Syndrom, Hypertonie, Hyperlipidämie, Fettleber, kardiovaskuläre Folgeerkrankungen sowie verschiedene Krebsarten. Adipositas ist eine behandelbare Erkrankung, die nicht nur auf weniger Essen und mehr Bewegung reduziert werden darf.
Laut Statistik Austria litten im Jahr 2019 etwa 16,5 Prozent der Bevölkerung an krankhaftem Übergewicht, Männer waren häufiger betroffen als Frauen. Ebenfalls alarmierend sind die steigenden Zahlen von übergewichtigen Jugendlichen, wie eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigte. Demnach waren bereits 31,2 Prozent der schulpflichtigen Zehn- bis 19-Jährigen übergewichtig bzw. adipös. Die WHO hat Adipositas zum weltweit größten Gesundheitsproblem der chronischen Erkrankungen eingestuft, die sogar die Malnutrition übertrifft. Nach ihren Berechnungen werden im Jahr 2030 mehr als 60 Prozent der Bevölkerung übergewichtig sein. Ebenfalls steigen demzufolge die Inzidenzzahlen von Menschen mit Diabetes mellitus Typ 2 rasant. Mit Stand 2020 wurden für Österreich zwischen 727.618 bis 879.826 Betroffene berechnet, davon erhalten ca. 6,46 Prozent der Erkrankten eine medikamentöse Behandlung. Dr. Martin Clodi, Präsident der Österreichischen Diabetesgesellschaft, stellt fest, dass dieser Prozentsatz doppelt so hoch ist, als vorab angenommen wurde.
Diese besorgniserregenden Statistiken machen die Notwendigkeit von Präventionsmaßnahmen zur Bekämpfung des Übergewichts deutlich und zeigen, dass Aufklärung und Information bereits frühzeitig erfolgen sollte.

Ursachen und Einflussfaktoren für Adipositas

Adipositas ist ein komplexes Gesundheitsproblem, welches eine Vielzahl an Ursachen und Entstehungsfaktoren aufweist. Zu den wesentlichsten Faktoren zählen genetische Prädisposition, Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten, psychosoziale Einflüsse sowie metabolische und endokrine Störungen. Genetische Faktoren können die Anfälligkeit einer Person, an Adipositas zu erkranken, beeinflussen, aber Faktoren, wie eine hohe Kalorienzufuhr, gekoppelt mit wenig körperlicher Aktivität, spielen eine weitaus größere Rolle. Als weitere Ursachen nennt die Deutsche Gesellschaft für Adipositas die ständige Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, Stress, depressive Erkrankungen, Schlafmangel, Essstörungen und diverse Medikamente. Darüber hinaus belegen evidenzbasierte Forschungsergebnisse, dass auch der sozioökonomische Status sowie das Bildungsniveau einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung von Übergewicht nehmen, da diese die Ernährungsqualität, die Health Literacy (Gesundheitskompetenzen) und auch den Zugang zu Gesundheitsdiensten beeinflussen können.
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„Die körperliche Aktivität ist ein wesentlicher Bestandteil der Adipositasprävention.“

Adipositas Prävention

Dem ernstzunehmenden Gesundheitsproblem der Adipositas kann nur durch umfassende Präventionsmaßnahmen und Gesundheitsstrategien in den verschiedenen Altersklassen und Settings entgegengewirkt werden. Die Adipositasprävention umfasst eine Vielzahl an möglichen Maßnahmen, die darauf abzielen, dass Übergewicht zu verhindern oder zu reduzieren. Eine der wichtigsten Maßnahmen ist hierbei eine gesunde, ausgewogene Ernährung. Besonders Lebensmittel wie Gemüse, Vollkornprodukte und mageres Eiweiß können das Risiko der Fettleibigkeit verringern. Häufig bekommt der Körper bei übergewichtigen Personen zu viel Energie durch Lebensmittel und verbraucht im Gegensatz zu wenig Energie in Form von Bewegung. Daher ist die körperliche Aktivität ein wesentlicher Bestandteil der Adipositasprävention. Durch regelmäßiges Training können die zugeführten Kalorien verbrannt und die allgemeine Gesundheit verbessert werden. Zusätzlich haben Faktoren wie ausreichend Schlaf, Stressmanagement, Vermeidung von übermäßigem Alkoholkonsum, Evaluierung von verschriebenen Medikamenten, Beratungen und Schulungen einen positiven Einfluss und tragen dadurch zur Prävention von Übergewicht bei. Wie bereits beschrieben wurde, ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor der frühzeitige Beginn von Präventionmaßnahmen, da Übergewicht im Kindesalter oft zu Adipositas im Erwachsenenalter führen kann.
„Adipositas ist eine behandelbare Erkrankung, die nicht nur auf weniger Essen und mehr Bewegung reduziert werden darf.“

Risikofaktor für Diabetes mellitus Typ 2

Adipositas ist durch eine übermäßige Ansammlung von Fettgewebe im Körper gekennzeichnet. Häufig ist diese bei den Betroffenen insbesondere im Bauchraum lokalisiert. Dieses überschüssige Fettgewebe ist nicht nur ein passiver Energiespeicher, sondern ein aktives endokrines Organ, das eine Vielzahl von Hormonen und Entzündungsmediatoren produziert. Zu diesen gehören Adipokine wie Leptin und Adiponektin, die den Stoffwechsel und die Insulinsensitivität beeinflussen. Ein Hauptmechanismus, durch den Adipositas das Risiko für die Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 erhöht, ist die Insulinresistenz. Insulin ist ein Hormon, das vom Körper produziert wird, um den Blutzuckerspiegel zu regulieren, indem es die Aufnahme von Glukose in die Zellen fördert.
Bei einer Insulinresistenz reagieren die Zellen jedoch nicht mehr angemessen auf Insulin, dies führt zu einem Anstieg des Blutzuckerspiegels. Das überschüssige Fettgewebe produziert Entzündungsmediatoren, die eine Insulinresistenz verschärfen und die Funktion der insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse beeinträchtigen können. Durch eine Vielzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen konnte belegt werden, dass Adipositas das Risiko zur Entwicklung eines Diabetes mellitus Typ 2 signifikant erhöht. Die beiden chronischen Erkrankungen Adipositas und Diabetes werden von Expert:innen unter dem Namen „Diabesity“ zusammengefasst, da das krankhafte Übergewicht häufig der Diagnose Diabetes mellitus vorangeht und laut wissenschaftlichen Erkenntnissen der ausschlaggebendste Faktor für die Erkrankung ist. Diabetes mellitus in Kombination mit Adipositas erhöht das Mortalitätsrisiko um das Siebenfache bei Betroffenen.

Präventionsmaßnahmen für Diabetes mellitus Typ 2

Wie auch bei Adipositas sind Präventionsmaßnahmen für die Entstehung eines Diabetes mellitus Typ 2 von entscheidender Bedeutung. Da diese chronische Erkrankung weltweit zunimmt und für die Betroffenen mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen verbunden ist, sollte frühzeitig damit begonnen werden. Die möglichen Präventionsmaßnahmen ähneln jenen der Adipositasprävention und zeigen damit vor allem den entscheidenden Zusammenhang von Übergewicht auf die Entstehung eines Diabetes mellitus Typ 2.
Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Ernährung, die reich an Gemüse, Vollkornprodukten, magerem Eiweiß und gesunden Fetten ist, kann dazu beitragen das Risiko für die Entwicklung von Diabetes mellitus Typ 2 zu reduzieren. Zu empfehlen sind vor allem Obstsorten mit niedrigem glykämischem Index und hohem Ballaststoffgehalt. Der Konsum von zuckerhaltigen Lebensmitteln und Getränken, verarbeiteten Lebensmitteln und gesättigten Fetten sollte stark begrenzt werden.
Regelmäßige körperliche Aktivität: Eine aktive Lebensweise ist ein wesentlicher Bestandteil der Prävention. Körperliche Aktivität kann die Insulinsensitivität verbessern, den Blutzuckerspiegel regulieren und das Risiko für Übergewicht und Adipositas verringern. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt mindestens 150 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche.
Gewichtsmanagement: Durch eine gesunde Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität und Gewichtsmanagement können Menschen ihr Risiko für die Entwicklung deutlich reduzieren.
Lebensstilmodifikation: Neben Ernährung und Bewegung können auch andere Lebensstilfaktoren, wie z. B. ausreichender Schlaf, Stressmanagement, Verzicht auf Zigaretten, Einschränkung des Alkoholkonsums usw. das Risiko für die Entwicklung von Diabetes mellitus Typ 2 positiv beeinflussen.
Regelmäßige Screenings: Regelmäßige ärztliche Untersuchungen sind wichtig, um potenzielle Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Personen mit familiärer Vorbelastung für Diabetes mellitus oder anderen Risikofaktoren sollten besonders aufmerksam sein und regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel überprüfen lassen.
Insgesamt bieten die genannten Präventionsmaßnahmen einen vielversprechenden Ansatz zur Reduzierung des Risikos für die Entwicklung von Diabetes mellitus Typ 2. Durch die Umsetzung eines gesunden Lebensstils und die frühzeitige Identifizierung von Risikofaktoren können besonders gefährdete Personen ihr Erkrankungsrisiko signifikant verringern.

Fazit

Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen die enge Verbindung zwischen Adipositas und der Entwicklung von Diabetes mellitus Typ 2. Die Kontrolle des Körpergewichts und die Förderung eines gesunden Lebensstils, die aus ausgewogener Ernährung und regelmäßiger körperlicher Aktivität besteht, sind entscheidend, um das Risiko für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 2 zu reduzieren. Die beiden Erkrankungen Adipositas und Diabetes mellitus sind komplex und bedeuten für die Betroffenen eine hohe psychische und physische Belastung. Die alarmierenden Inzidenzzahlen machen deutlich, wie dringend notwendig Präventionsmaßnahmen für die Gesellschaft geworden sind. Gängige Vorurteile und einfache Lösungen wie „weniger essen, mehr bewegen“ sind nicht ausreichend, um das Problem des krankhaften Übergewichts zu lösen. Die notwendigen Präventionsstrategien umfassen eine gesunde Ernährung, regelmäßige körperliche Aktivität, Gewichtsmanagement, Lebensstilmodifikationen und regelmäßige ärztliche Untersuchungen. Diese Maßnahmen sollen nicht nur das Risiko für Adipositas und die Entwicklung von Diabetes mellitus Typ 2 reduzieren, sondern auch die allgemeine Gesundheit und das Wohlbefinden verbessern.
Die frühzeitige Prävention scheint entscheidend, insbesondere angesichts der steigenden Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Jugendlichen.
Die Ergebnisse der Recherche zeigen ebenfalls die Bedeutung von Bildung und Aufklärung über gesunde Lebensführung, die bereits im Schulalter beginnen sollte. Insgesamt kann festgestellt werden, dass ein umfassender, multidisziplinärer Ansatz zur Bewältigung des Adipositas- und Diabetes mellitus Typ 2-Problems notwendig ist, der anhand individueller, gesellschaftlicher und politischer Maßnahmen umgesetzt werden muss.

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Titel
Adipositas, Diabetes und ihre gemeinsamen Risikofaktoren
Die Epidemien des 21. Jahrhunderts aus Sicht des Advanced Practice Nursing
Verfasst von
Cornelia Haas, MSc ANP, BScN
Publikationsdatum
01.06.2024
Verlag
Springer Vienna
Schlagwörter
Adipositas
Diabetes
Erschienen in
PRO CARE / Ausgabe 5/2024
Print ISSN: 0949-7323
Elektronische ISSN: 1613-7574
DOI
https://doi.org/10.1007/s00735-024-1848-8
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