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18.10.2021 | Ausgabe 42/2021

1, 2, 3, ... ganz viele Fionas

Autor:
Katja Uccusic-Indra

Künstlerportrait: Das Studio von Fiona Rukschcio ist eine Schatzkammer. Die ehemalige Waschküche des Hauses ist sowohl Arbeitsraum als auch Archiv.

Fiona Rukschcio hat den Raum erst vor Kurzem bezogen und entschuldigt sich für das Chaos. Sie ist beim Ordnen. In den Kisten, die sich bis zur Decke stapeln, befinden sich alte Zeitungen und Zeitschriften, die sie für ihre Collagen sammelt. Die weißen, in Plastik eingepackten Buchstaben-Hocker, die nebeneinander aufgestellt die Wörter „Retaped Rape“ ergeben, stammen von ihrer Ausstellung in der Secession 2012.

Damals sorgte die Regisseurin mit ihrem gleichnamigen Film für Aufsehen. Für dieses Projekt begab sie sich auf Yoko Onos und John Lennons Spuren nach London. Das prominente Paar drehte 1969 im London der Sixties den Film „Rape“, in dem eine junge, attraktive Frau von einer Kamera tagelang quer durch London bis in ihre Wohnung verfolgt wird. Der Film ist durch eine gewalttätige, sexuell aufgeladene Atmosphäre gekennzeichnet.

Vielbeachtet: Retaped Rape


Rukschcio hat ihren Streifen an denselben Schauplätzen und mit den gleichen Kameraeinstellungen nachgedreht, aber ohne Protagonistin. „Ich habe die Darstellerin bewusst weggelassen, um auf den in uns allen innewohnenden Voyeurismus aufmerksam zu machen“, erklärt die Filmemacherin. In der Secession zeigte sie „Retaped Rape“ und zahlreiche Fotos vom Making-of der Videoarbeit, Collagen und die Hocker. „Mein Film war sowohl als Hommage gedacht, ist aber auch eine Weiterführung des Originals“, so Rukschcio.

Das Künstlerische wurde der Wienerin in die Wiege gelegt: Ihr Vater, ein Architekt, hat das Adolf-Loos-Archiv in der Albertina aufgebaut, ihre Mutter arbeitete als Kunsthistorikerin im Bundesdenkmalamt und im Dorotheum. Ihr Urgroßvater war der Maler Emmerich Schaffran (1883-1962).

Rukschcio studierte zunächst Politikwissenschaft in Wien, dann Medienwissenschaften in Belfast und endlich Fotografie an der Akademie am Schillerplatz bei Eva Schlegel.

Stipendien des Bundeskanzleramtes führten sie nach Rom, Paris, London und Chengdu, China. Ihre engagierten, von Kritikern gelobten Filme wurden vielfach ausgezeichnet. Sie erhielt den Theodor-Körner-Förderungspreis, den Diagonale-Preis für Innovativen Film sowie den Local-Artist-Kinopreis von Crossing Europe. „Für mich ist die Kunst ein Vehikel, um meine Anliegen zu transportieren“, sagt Rukschcio und bietet Apfelchips und Zirkusräder an. Auf der mit orangem Schnürlsamt bezogenen Couch aus den 1970er-Jahren haben es sich die Dackelmischlinge Suki und Lucy gemütlich gemacht. Die Regisseurin hat ein Faible für diese Hunderasse. Lucy, die Hündin mit dem weißen Fell, interessiert sich für die Apfelchips. Die dunkelhaarige Suki bellt, kommt ihr die Kamera zu nahe.

Rukschcio nimmt eine kleine schwarze Schachtel aus einem Regal und leert den Inhalt auf den Boden: Bunte Collagen aus Fotos, Buchstaben aus Zeitungen, gestempelten Wörtern, auf manchen auch getrocknete Pflanzenteile, überklebt mit Tixostreifen - auf allen ist Protagonistin Fiona zu sehen. Wobei sie ihr Konterfei nicht aus narzisstischen Gründen verwendet, sondern aus praktischen. „Ich diene als Platzhalter“, erklärt sie. In der Vergangenheit hatte sie Probleme, wenn manche ihrer Models nicht wollten, dass Fotos von ihnen für Projekte verwendet werden. So entstanden Hunderte Fionas, etwa als Businessmann, Braut, Cowboy, Bundeskanzler oder Raumfahrerin. Auf einigen Arbeiten hat sie die Köpfe einfach abgeschnitten und auf gemalte Hintergründe geklebt wie bei der Fußballmannschaft, die kopflos kicken muss.

Die Collagen sind ironisch, feministisch und ein bisschen dadaistisch. Eigentlich könnte der Magazinraum auch als lebensgroße Collage durchgehen. Vom Tisch am Fenster sieht man über die Dächer bis nach Margareten. Auf der Tischplatte liegen alte Kinderzeichnungen der Künstlerin, bewacht von einem Holzdackel. Am Fensterbrett liegt eine verschnörkelte Jugendstillampe: „Die habe ich gerade bei einem Altwarenhändler in Perg erstanden“, erklärt Rukschcio, die ein Faible für Flohmärkte hat, begeistert. Als Künstler darf man auch Messie sein, findet sie und erzählt von ihrem Kurzfilm „Collecting Life – Die Eskapaden des Dieter P.“ über einen Wiener Messie, der Tageszeitungen sammelt, weil diese sonst den Tag nicht überleben.

In den zahlreichen Kartons sind nicht nur schöne Dinge, sondern auch lebensnotwendige wie Jacken und Schuhe, die die hilfsbereite Filmemacherin für Bedürftige sammelt: Vor drei Jahren gründete sie die Initiative „Frühstück im Park“. Jeden Mittwochvormittag wird im Esterhazypark beim Haus des Meeres für obdachlose Menschen ein gesundes Frühstück bereitet, bestehend aus frischem Obst, Gemüse, selbst gemachten Marmeladen, Schwarzbrot, Weckerln, dazu Kaffee, Tee und gesunde Säfte. „Ich wohne in der Nähe und bin immer wieder mit meinen Hunden hier vorbeigekommen. Da sind mir die vielen obdachlosen Menschen aufgefallen“, erzählt Rukschcio.

Zuerst kaufte sie ihnen Kaffee und Kipferln selbst, doch dann wurde ein größeres Projekt daraus, bei dem sich auch andere Anrainer bis zum Bezirksvorsteher beteiligten – alle ehrenamtlich, versteht sich. Die Künstlerin konnte durch Spenden zwei Leiterwagen anschaffen, um das Essen zum Park zu transportieren. Jeden Montag rettet sie abgelaufene Waren aus Supermärkten. Dienstags holt sie mit ihrem Campingbus gespendete Lebensmittel von einem Sozialmarkt in Floridsdorf. In den vergangenen drei Jahren hat Rukschcio fast ihre gesamte Zeit in dieses Projekt gesteckt, jetzt widmet sie sich wieder stärker der Kunst. „Ich drehe einen Film über einen obdachlosen Mann, der sich im Burgenland ein Haus gekauft hat.“

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