zur Navigation zum Inhalt
Ein einzelnes Neuron.
 
Neurologie 3. Juli 2012

Wird ein Computer unser Gehirn simulieren können?

Human Brain Project: Ein Großprojekt der Superlative mit österreichischer Beteiligung  


Im Rahmen des „Human Brain Project“ (HBP) will ein Konsortium europäischer Universitäten, darunter die Medizinische Universität Innsbruck, das menschliche Gehirn simulieren. Nicht nur die Neurowissenschaften, Medizin und Sozialwissenschaften, sondern auch die Informationstechnologie und Robotik sollen revolutioniert werden. Der Leiter der Innsbrucker Abteilung für Experimentelle Psychiatrie, Prof. Dr. Alois Saria, ist der einzige Österreicher im Managementteam des Großprojektes.


Das „Human Brain Project“ (HBP) ist in jeder Hinsicht ein wissenschaftliches Projekt der Superlative: Die wichtigsten Partner sind 13 Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, der Schweiz, Schweden, Israel, Österreich und Belgien. Insgesamt vereint das Vorhaben über 100 weitere Organisationen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen: Neurowissenschaften, Genetik, angewandte Mathematik, Computerwissenschaft, Robotik und Sozialwissenschaften.

„Wir verfolgen einen völlig neuen Ansatz, um die Funktionsweise des Gehirns zu verstehen“, erklärt Prof. Dr. Alois Saria von der Medizinischen Universität Innsbruck. Auf einer Pressekonferenz in Innsbruck informierte er gemeinsam mit dem renommierten Hirnforscher, Prof. Dr. Peter Jonas, vom Institute of Science and Technology Austria (IST) über den aktuellen Stand des HBP, das zu den insgesamt sechs finalen Projekten des FET-Flagship Programms der EU gehört.

Zukunftsweisende Methoden entwickelt

Jonas wird ebenso wie Prof. DI Dr. Wolfgang Maas von der TU Graz am HBP mitarbeiten, sollte die EU Ende 2012 bzw. Anfang 2013 dem HBP den Zuschlag geben. Mit rund 1 Milliarde Euro könnte dann rund zehn Jahre lang geforscht werden. Damit soll eine weltweit einzigartige Forschungsinfrastruktur mit Neurowissenschaftslabors und Supercomputeranlagen sowie neue Plattformen für Sozialwissenschaften und Bildung aufgebaut werden. „Wir haben allerdings im Rahmen der jahrelangen Vorbereitung bereits jetzt viele zukunftsweisenden Methoden entwickelt, die uns in unserer alltäglichen Forschungsarbeit entscheidende Fortschritte bringen werden“, erklärt Prof. Saria. So existiert bereits ein datenbasiertes elektronisches Modell einer funktionellen Einheit der Großhirnrinde an der EPFL (Eidgenössische Technische Hochschule) in Lausanne, ein Prototyp eines Computerchips mit der Architektur von Nervenzellen an der Universität Heidelberg oder eine einzigartige Datenbankstruktur zur Aufbereitung einer großer Menge von Forschungsdaten am INCF (International Neuroinformatics Coordinating Facility) am Karolinska Institut in Stockholm.


Bereits jeder Dritte hat neurologische Erkrankung


Das Gehirn zu simulieren ist eine gigantische Herausforderung: Unser wichtigstes Organ ist mit seinen Milliarden vernetzten Nervenzellen (Neuronen) extrem komplex. Bisher können Hirnforscher daher nicht jene Experimente und Messungen durchführen, die sie bräuchten, um die Funktionsweise des Gehirns vollständig zu verstehen.
Ziel des HBP ist es, eine Simulation zu entwickeln, mit der alle Aspekte des Gehirns, von kleinen Neuronengruppen bis zur Gesamtaktivität der Hirnrinde gemessen und beeinflusst werden können. „Das würde einen enormen Innovationsschub für die Hirnforschung bedeuten und die Erforschung von Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten vieler neurologischer Erkrankungen erleichtern“, erklärt Jonas vom IST Austria. Derzeit können viele Krankheiten des Gehirns, wie Alzheimer oder Parkinson, nicht ursächlich behandelt werden. Allerdings hat bereits jeder dritte Europäer eine Erkrankung des Gehirns. Dadurch entstehen jährlich Kosten von 800 Milliarden Euro. Auch vor diesem Hintergrund zählt die Hirnforschung zu einem der wichtigsten Forschungsbereiche des 21. Jahrhunderts.

IT-Revolution: Neuer Supercomputer nach dem Vorbild des Gehirns

Jedes Jahr veröffentlichen NeurowissenschaftlerInnen weltweit rund 60.000 wissenschaftliche Dokumente, die jeweils die Rolle eines bestimmten Gens, Moleküls oder Aspekts des elektrischen Verhaltens von Neuronen, ihre Vernetzung oder aber die Mechanismen einer neurologischen Erkrankung beschreiben. Das HBP soll diese Daten sammeln und somit eine solide Grundlage für die Simulation schaffen. Damit sollen kurzfristig präzisere Diagnosen erstellt sowie eine maßgeschneiderte Behandlung für PatientInnen mit Gehirnerkrankungen entwickelt werden. Dafür wird allerdings eine enorme Rechenkapazität benötigt. Im Rahmen des HBP wird daher eine neue Generation von Supercomputern geschaffen werden. Dabei nehmen sich die WissenschafterInnen das Gehirn zum Vorbild, denn es ist 300.000 Mal leistungsfähiger als heutige Hochleitungscomputer und verbraucht dabei gerade einmal so viel Strom wie eine Glühbirne (ca. 30 Watt). „Es wäre bereits ein gigantischer Fortschritt, wenn nur wenige der Fähigkeiten des Gehirns in einem Computer realisiert werden können“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Saria. „Mit der bisherigen Computertechnologie bräuchten wir einen Supercomputer, der so viel Strom verbraucht wie ein mittleres Kraftwerk produzieren kann, um das Gehirn zu simulieren.“ Deshalb soll eine neue Technik angewandt werden, um einen sogenannten „neuromorphen“ Computer zu entwickeln. Dabei wird die Architektur der Nervenzellen auf einen Computerchip gebracht.


Innovation in der Ausbildung


Im HBP-Managementteam ist Saria für den Bereich Bildung“zuständig. Er wird für die Ausbildung von rund 500 bis 1.000 PhD-Studierenden verantwortlich sein. „Dafür müssen zunächst eigene Curricula geschaffen werden“, erklärt Saria. Die Ausbildung wird dann mittels E-Learning erfolgen. „Das Human Brain Project wird damit auch weiterreichende Auswirkungen auf die Ausbildung haben, da wir eine neue Fernstudiumplattform für junge WissenschafterInnen aufbauen.“

HBP_Neurmorphic_HeidelbergWEB

Foto: Universität Heidelberg/HBP

 

Neuromorpher Microchip


 

 HBP_Saria_Jonas_RieneckWEB

Foto: Medizinische Universität Innsbruck

v,l.: Univ.-Prof. Dr. Alois Saria, Medizinische Universität Innsbruck, Univ.-Prof. Dr. Peter Jonas (Institute of Science and Technology Austria, IST) und Mag.Dr. Wolfram Rieneck, Servicecebter Forschung, Medizinische Universität Innsbruck

 

Foto: Thierry Parel/HBP

Patchclamp, Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne, EPFL

FET-Flagship Initiative


Die Europäische Union bündelt ihre Programme der Forschung, technologischen Entwicklung und Demonstration traditionell in zeitlich befristeten Forschungsrahmenprogrammen. Die Future and Emerging Technologies (FET) – Flagship Initiative ist eine Förderlinie aus dem Förderbereich Informations- und Kommunikationstechnologien im 2014 auslaufenden 7. Rahmenprogramm der EU. FET Flagships sind groß angelegte, wissenschaftsgetriebene und aufgabenorientierte Initiativen, mit denen visionäre technologische Ziele erreicht werden sollen. In einer Vorbereitungsphase wurden zunächst sechs Pilotprojekte, darunter das HBP, mit je 1,5 Millionen Euro über zwölf Monate unterstützt. In der zweiten Jahreshälfte 2012 werden aus den Pilotprojekten dann zwei Flagship-Projekte ausgewählt, die Anfang 2013 ihre Arbeit aufnehmen sollen. Die beiden ausgewählten Projekte werden über zehn Jahre lang mit einem Budget von bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr gefördert.

Weitere Zahlen und Fakten


Die Komplexität des Gehirns:

  • 89 Milliarden Neuronen (Nervenzellen)
  • 70.000 Neuronen passen auf einen Stecknadelkopf 
  • Ein Neuron hat über eine Milliarde Proteine  

Neurologische Erkrankungen:

  • Jeder dritte Mensch in der EU ist betroffen
  • Kosten: 800 Milliarden Euro
  • Jedes Jahr veröffentlichen NeurowissenschafterInnen weltweit 60.000 wissenschaftliche Arbeiten.



HUMAN BRAIN PROJECT

  • 13 Forschungseinrichtungen aus Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Schweiz, Schweden, Israel, Österreich und Belgien
  • Über 100 Organisationen
  • 150 Principal Investigators (führende ForscherInnen)


Beteiligung aus Österreich:


Management Team: Medizinische Universität Innsbruck, verantwortlich für den Bereich „Bildung“
Partner: Institute of Science and Technology Austria (IST)
Mitarbeitende Wissenschaftler:
Prof. Dr. Peter Jonas (Institute of Science and Technology Austria, Klosterneuburg)
Prof. Dr. Alois Saria (Leiter Abteilung für Experimentelle Psychologie, Medizinische Universität Innsbruck)
Prof. Dipl.-Ing. Dr. Wolfgang Maas (Leiter des Instituts für Grundlagen der Informationsverarbeitung, TU Graz)

Links:

Projekt-Homepage: www.humanbrainproject.eu

Projektbericht: www.humanbrainproject.eu/files/HBP_flagship.pdf

 

 

MedUni Innsbruck/IS, springermedizin.at

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben