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Neurologie 19. Mai 2012

Gehirn schrumpft beim Marathon

Ein mobiles Kernspin-Gerät auf einem 40-Tonner-Sattelzug begleitete die Läufer des Transeuropa-Laufes von Süditalien bis zum Norkap. Sie legten dabei jeweils 64 Etappen von durchschnittlich knapp 70 Kilometer zurück. Mehr als 40 Extremsportler ließen vor, während und nach dem Lauf im Jahr 2009 medizinische Aufnahmen im Dienste der Forschung machen.

Der Neurologe und Radiologe Wolfgang Freund von der Uniklinik Ulm plante die Studie und schaute sich die Gehirnbilder von 13 Läufern an. Das Hirn sei während des Laufes geschrumpft, acht Monate später habe es sich aber wieder erholt, sagte er im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Sechs Prozent weniger Hirnvolumen

Die These war, dass es während des Laufes einen Sog durch den Kalorienverbrauch auf das Hirn geben muss. Der energiehungrige Körper macht vor dem Gehirn nicht Halt, und entzieht ihm Energiebausteine. Diese These hat sich bestätigt. Freund: "Das Hirnvolumen ging bei den Läufern während des Laufes um sechs Prozent zurück. Die gute Nachricht ist aber: Acht Monate später war alles wieder beim Alten."

Besonders betroffene Regionen

Die Hirnmasse nahm insgesamt ab, aber auch verstärkt in einzelnen Regionen, und zwar im Schläfenlappen und im Hinterhaupthirn. Dies sind Gebiete, in denen komplexere akustische, sprachliche und optische Verarbeitung stattfindet. Dazu gehört beispielsweise, ob ein Gesicht erkannt wird, oder dass ein Mensch ausführlichen Gesprächen folgen kann. "Wir haben auch nach Arealen gesucht, die sich dem Schrumpfungstrend widersetzt haben, sozusagen kleine gallische Dörfer. Dabei sind wir aber nicht fündig geworden", berichtet Freund.

Körper setzt Prioritäten

Die möglichen Erklärungen: "Wir können nichts richtig beweisen, haben aber Erklärungen, die gut passen: Während solch eines Laufes geht es um Durchhalten und den Umgang mit Schmerzen, um ausreichend Essen und anschließend um Ausruhen und Schlafen. Tagsüber gab es mit der Straße ein graues Asphaltband, auf dem zu bleiben die größte Anforderung war. Anscheinend wurden bestimmte komplexe visuelle und andere Fähigkeiten nicht gebraucht, der Körper nahm sich von diesen nicht benötigten Hirnarealen die Energie und setzte sie an anderer Stelle ein. Aber wie gesagt: Die Mangelareale wurden wieder aufgefüllt."

Überprüft wurde auch, ob bei den Läufern bleibende Schäden wie nach einem kleinen Schlaganfall oder Hirnödeme durch die extreme Belastung auftreten. Diese Befürchtung gab es, konnte aber nicht nachgewiesen werden. "Vermutlich waren die Läufer einfach sehr gut vorbereitet", meint Freund.

dpa/Christiane Löll/CL, springermedizin.at

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