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Foto: pixelio.de / Jörg Klemme, Hamburg
Die umfangreichen endokrinen Ressourcen des Darms werden derzeit intensiv erforscht.
 
Diabetologie 25. August 2010

Darmhormone gegen Diabetes

Die Entdeckung des Darms als „Hormonfabrik” verspricht Verbesserungen bei der Therapie.

Vergessen sind die Zeiten, da man den Darm als eine rein passive Transitzone für Verdauung und Ausscheidung betrachtete. Gastroenterologen und Pharmakologen werden zunehmend auf das therapeutische Potenzial der Darmhormone sowie deren Rolle bei der Entstehung von Krankhei- ten aufmerksam.

„Durch die Nutzung dieser biochemischen Mechanismen erschließt sich ein neuer Horizont für die pharmakologische und chirurgische Behandlung, auch wenn die Grundlagenforschung noch längst nicht abgeschlossen ist“, erklärt der Experte Prof. Dr. Gareth Sanger (Queen Mary University of London) im Namen der European Society of Neurogastroenterology and Motility (ESNM).

Ein Spektrum an Hormonen

Als größtes endokrines Organ des Körpers setzt der Magen-Darm-Trakt eine Reihe unterschiedlicher Hormone frei. Diese regeln die Nahrungsaufnahme und -verwertung im Magen-Darm-Trakt und verteidigen den Körper gegen schlechte Nahrungsgewohnheiten. Ein ganzes Spektrum an unterschiedlichen Magen- und Darmhormonen erfüllt vielfältige Aufgaben: von der Appetitanregung und -zügelung über die Freisetzung von Insulin bis hin zur Regulierung der Magen-Darm-Peristaltik, wobei die Entleerung des Magens beschleunigt oder gebremst werden kann.

Bestimmte gastrointestinale Hormone, welche die Magenentleerung verlangsamen und den Appetit zügeln, können sogar Übelkeit verursachen. Auf diese Weise fungieren sie als physiologischer Modulator der Verdauungsgeschwindigkeit und als Abwehrmechanismus gegen eine ungeeignete oder „schlechte” Zusammenstellung der Nahrung.

Eine Rolle bei diesem Prozess könnten auch „Geschmacksrezeptoren” im Darm spielen. Es ist noch unklar, auf welche Weise gastrointestinale Hormone im Einzelnen zur Entstehung von Symptomen wie Blähungen und Übelkeit beitragen.

„Es scheint jedoch, dass Magen-Bypass-Operationen – bei denen die von übergewichtigen Patienten aufgenommene Nahrung sowohl Magen als auch Zwölffingerdarm umgeht – nicht nur Gewichtverlust zur Folge hat, sondern auch den Bedarf an antidiabetischen Medikationen bei adipösen Patienten mit Typ-2-Diabetes bemerkenswert reduziert; letztere Veränderung kann sogar noch vor Einsetzen des Gewichtsverlusts auftreten”, erklärt Sanger.

Welche Mechanismen zur Verbesserung von Diabetes beitragen, ist noch unklar; es wurden verschiedene Hypothesen dazu aufgestellt. Zurzeit untersuchen Studien in Schweden, welche langfristigen Veränderungen bei der Freisetzung von gastrointestinalen Hormonen jeweils mit den verschiedenen magenchirurgischen Interventionen (Magenband oder Magenbypass) einhergehen, um mögliche Mechanismen für Gewichtsverlust und Diabetesverbesserung zu isolieren.

In Schweden werden bei der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) vom 20. bis 24 September 2010 auch zu diesem Thema neue Daten präsentiert. Es wird unter anderem eine Studie mit österreichischer Beteiligung vorgestellt, in der die Beta-Zell-Funktion nach Magenbypass untersucht wurde.

Hoffnung auf neue Arzneimittel

Dank der wachsenden Kenntnisse über die umfangreichen endokrinen Ressourcen des Darms wird diesem Organ zunehmend eine zentrale Rolle bei der Nahrungsaufnahme eingeräumt. Diese neuen Erkenntnisse bedeuten einen Schub für die Entwicklung neuer Arzneimittel zur Behandlung von gastrointestinalen Störungen.

Im Rahmen klinischer Studien werden beispielsweise Substanzen untersucht, welche die Funktionen der Hormone Ghrelin und Motilin nachahmen. Es wird geprüft, ob diese bei Hunger im Darm freigesetzten Hormone zur Behandlung von Störungen eingesetzt werden können, die mit verzögerter Magenleerung assoziiert sind. Langsame Magenentleerung (Gastroparese) kann bei Diabetespatienten auftreten und Symptome wie Übelkeit und vorzeitige Sättigungsgefühle auslösen.

 

 

Quelle: Aussendung der United European Gastroenterlogy Federation

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