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Foto: Jens Goetzke/PIXELIO / Ärzte-Woche-Montage
Ansichtssache: Mastschweine für Schnitzel und Co. verdienen kein Mitleid, Versuchsschweine im Lawinenkegel schon?
Foto: Paal/Brugger
Ein Raum der Bergrettungsstelle in fast 1.900 Metern Höhe wurde für Forschungszwecke zu einem OP umgebaut
 
Wissenschaft & Lehre 27. Jänner 2010

Frostige Beziehungen

Tierschützer und Wissenschaftler liegen sich aufgrund eines Versuches in den Haaren. Aber was steckt hinter dem Experiment?

Rund 41 Kilo Schweinefleisch verzehrt der Durchschnittsösterreicher pro Jahr, ohne dass ihn sein Gewissen drückt. Trotzdem nimmt er es der Wissenschaft krumm, wenn Schweine in einem Experiment den Kältetod finden.

Die emotionalen Wogen der Öffentlichkeit gingen hoch, weil Mediziner Schweine unter Schnee begruben, um den Einfluss der Atemhöhle auf Sauerstoffmangel und Kohlendioxidgehalt in der Atemluft zu beschreiben. Das von MedUni Innsbruck und Notfallmedizin Bozen initiierte Projekt sollte Daten für die richtige Vorgangsweise bei Lawinenopfern liefern. Tatsächlich konnten noch vor dem aufgrund des öffentlichen Drucks notwendig gewordenen Stopps bemerkenswerte Fakten erhoben werden: Das Problem bei den Verschütteten ist der sich in Abhängigkeit von Hypothermie, Hypoxie und Hyperkapnie entwickelnde pulmonale Bluthochdruck.

Prof. Dr. Volker Wenzel, Leiter der experimentellen Anästhesie an der MedUni Innsbruck, ist an den von Tierschützern und Medien unter Beschuss geratenen Experimenten mit „Lawinenschweinen“ beteiligt. Im Gespräch mit der Ärzte Woche erklärte er die medizinischen Hintergründe der Tests und sprach über das Aufeinanderprallen von Wissenschaft und öffentlicher Wahrnehmung.

Ziel der Ötztaler Studie ist es, den Einfluss einer Atemhöhle auf Sauerstoffmangel und CO2-Gehalt in der Ausatemluft im Tiermodell – im konkreten Fall an 29 Schweinen – zu bestimmen. Dabei sollen drei Möglichkeiten der Lawinen-Verschüttung simuliert werden: keine Verschüttung (somit Atmung der Umgebungsluft), kleine Atemhöhle und große Atemhöhle. Primäre Zielgrößen sind Sauerstoff- und Kohlendioxidgehalt im Blut, sekundäre Zielgrößen sind Mortalität, Blutdruck- und Stoffwechselparameter.

Pulmonaler Bluthochdruck

Grundsätzlich potenzieren die drei Faktoren Hypothermie, Hypoxie und Hyperkapnie (Triple H-Syndrom) wahrscheinlich gegenseitig ihre Wirkung auf den Bluthochdruck in der Lungenarterie, so Wenzel: „Lungenarterienhochdruck ist immer gefährlich. Das rechte Herz pumpt das Blut in die Lungenarterie, diese hat aber keine sehr dicke Wand und ist somit sehr anfällig für starke Blutdruckschwankungen – insbesondere bei Hochdruck. Bekommt jemand mit Rechtherzversagen einen Herzstillstand, ist er in der Regel nicht zu reanimieren.“

Ein besseres Verständnis des Bluthochdrucks in der Pulmonalarterie führt vielleicht dazu, Lawinenopfern künftig über den Mund einen Spray zu verabreichen, der den Lungenarterien-Hochdruck senkt und dadurch das Herz entlastet. Vorläufig Zukunftsmusik – weil man laut Wenzel„noch nicht genau weiß, wie das alles funktioniert und zusammenhängt“. Von der Auswertung der Daten (des kompletten Versuchs) erwartet Wenzel jedenfalls eine weitere Reduktion der Sterberate von Lawinenopfern. Man wisse wenig über diese Pathophysiologie: „Wir versuchen vom Schockraum aus, auf Vorgänge zu schließen, die draußen in der Lawine passiert sind. Einem eben erst aus der Lawine Geretteten können wir aber nicht zu Forschungszwecken Luftgas entnehmen, da dadurch der Abtransport verzögert wird.“ Die aus dem Tierversuch gewonnenen Parameter würden „als klinischer Algorithmus“ eine bessere Bewertung der Überlebenschancen und zielgerichtete notfallmedizinische Behandlung bei Lawinenverschütteten ermöglichen.

„Tote erwecken“

Das Vorhandensein einer Atemhöhle sowie deren Größe werden aktuell in die Analyse bei Lawinenopfern mit einbezogen, Fehlurteile sind dabei freilich immer möglich. „Kollegen aus Südtirol berichteten von einem Patienten, der als ‚Toter‘ ins Spital gebracht und dort erfolgreich reanimiert wurde“, erzählt Wenzel.

Aber nicht nur die Größe der Atemhöhle ist entscheidend. Die Überlebenschance hängt auch von der Schneebeschaffenheit ab: Pulverschnee (Trockenlawine) bietet relativ gute Überlebenschancen, eine Nassschnee-Lawine ohne Atemhöhle hingegen gar keine.

Eine wesentliche Rolle bei Lawinenopfern spielt die Abkühlung. Je schneller diese – freie Atemwege vorausgesetzt – eintritt, desto besser sind die Überlebenschancen. Mit jedem Grad Körpertemperatur weniger reduziert sich der Stoffwechsel um acht Prozent. Bei Absinken der Körpertemperatur auf etwa 27 Grad Celsius wird der Stoffwechsel um 80 Prozent verringert. „Die Betroffenen kommen somit in einen Bereich“, erklärt Wenzel, „wo immer weniger Sauerstoff gebraucht wird, um den Stoffwechsel noch aufrechtzuerhalten.“ Solche (Herzstillstand-)Patienten werden im Schockraum mittels Herz-Lungen-Maschine aufgewärmt (zehn Grad Celsius pro Stunde). Im Normalfall nimmt der Kreislauf seine Tätigkeit wieder von alleine auf, jedoch drohen intensivmedizinische Komplikationen wie Hirn- und/oder vor allem Lungenödeme.

„Presse-Hetze“

Aber warum gerade Schweine für den Test? Wenzel: „Diese Tiere sind ideale Modelle, um den Menschen zu simulieren, da in Österreich Versuche an Primaten verboten sind. Kleinere Tiere können für derartige Versuche nicht verwendet werden, weil sie in der phylogenetischen Stufe nicht hoch genug stehen.“ Doch die Massenmedien stürzten sich auf die Geschichte um die „Schweine im Schnee“ und setzen voll auf die Karte Tierschutz. „Nun wurde der Versuch völlig sinnlos unterbrochen. Wir wissen noch nicht, wann er fortgesetzt werden wird“, ärgert sich Wenzel. Mitglieder des multinationalen Forschungsteams aus Deutschland, Norwegen und Südtirol seien von den Geschehnissen schockiert gewesen. Wenzel: „Als die Polizei unserem Team zum Hotelwechsel geraten hat, war der Punkt erreicht, wo wir sagten: Jetzt geht es nicht mehr. Wenn wir für die Sicherheit unserer Leute nicht mehr garantieren können, hört der Spaß auf.“ Dabei war das Projekt aufwändig geplant. Die Vorbereitungsarbeiten haben über ein Jahr beansprucht, mit bisherigen Kosten von 20.000 Euro. Man wisse nicht, wer die Medien informiert habe, stellt Wenzel fest. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, informative Presse-Vorarbeit zu leisten, um den Überraschungseffekt in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Umfangreichere Vorinformation hätte aber auch bedeuten können, dass statt 30 Aktivisten 3.000 gekommen wären. „Uns wäre am liebsten gewesen, wir hätten das in der Fachpresse diskutiert“, stellt Wenzel fest. „Unsere Leute sind angezeigt worden, obwohl es um einen genehmigten Versuch geht. Wir haben tausende Mails mit groben Beschimpfungen bekommen. So kann doch keine sachliche Auseinandersetzung im Stil der westlichen Industriestaaten laufen.“

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Kasten 1:
Vielversprechende Daten
Dr. Peter Paal, Versuchsleiter, erklärt die Versuchsanordnung im Ötztal: „Der OP in 1.900 Meter Höhe, ein Raum der Bergrettungsdienststelle in Vent, wurde mit großem logistischem Aufwand aufgebaut. Wir haben die Tiere äußerst schonend behandelt, sie bekamen ständig Narkosemittel, um den kontinuierlich tiefen Schlaf und Schmerzfreiheit zu garantieren.
Auf einem Hang mit etwa 20 Höhenmetern wurde der Schnee über eine Plastikplane beschleunigt und unten an einer Holzwand gestaucht – eine geeignete Technik, um Lawinenschnee zu simulieren. In diesen Schnee wurden die Atemhöhlen mit ein oder zwei Litern Inhalt gegraben, an welche die Tiere dann etwa einen Meter tief verschüttet und Geräte-kontrolliert angeschlossen wurden. Eine Kontrollgruppe atmete direkt in die Umgebung. Wir werten nun Daten von sieben bis acht Tieren aus: Wie schnell fällt der Sauerstoff ab, wie stark steigt das CO2, gibt es unterschiedliche Abkühlungsgeschwindigkeiten zwischen den Gruppen? Wir haben die Studie gemacht, um statistische Signifikanz zu erzielen, haben aber jetzt durch den Abbruch nicht mehr als eine Fallserie mit reduzierter Aussagekraft. Trotzdem sind die Daten vielversprechend, was für das Modell spricht.
Fachwelt und -presse haben sich sehr positiv geäußert, sind an den Daten sehr interessiert. So hat uns etwa Nature kontaktiert und den Studienabbruch bedauert. Ein Problem ist, dass der Versuch im öffentlichen Raum stattfand – es war davor niemandem bewusst, dass er so einen Aufschrei provozieren könnte. Versuche finden dauernd statt, aber an von der Öffentlichkeit abgeschiedenen Orten. Die Information innerhalb der Bevölkerung ist sehr rudimentär und oft falsch.“

 

Kasten 2:
Schweineteile im Kühlregal sind akzeptiert
DDr. Cornel Binder-Krieglstein, Vize-Präsident des Berufsverbandes der Österreichischen Psychologen zum Thema „Schweine im Tierversuch“:
„Der Tod von Tieren zugunsten von Menschen – für unsere Ernährung – ist allgegenwärtig, wird aber emotional weggeschoben und ist moralisch verträglich – zumindest in der wohlwollenden Betrachtung der Konsumenten. Tierversuche sind nach wie vor ein Tabu. Bei Versuchen mit ganz kleinen Tieren wie Ratten oder Mäusen gibt es quasi einen Konsens. Schweine werden allerdings – ähnlich wie Hunde – als weit entwickelt und intelligent wahrgenommen. Es kommt daher beim Laien problematisch an, wenn sie für Tierversuche herangezogen werden. Je höher entwickelt und damit menschennäher, desto mehr Emotionen werden evoziert.
(Boulevard-)Medien bereiten nun das Thema Tierschutz für ein breites Publikum grundsätzlich so auf, wie man es lesen soll: dramatisch. Was verlangt die Öffentlichkeit von diesen Medien? Ohne sie wären beispielsweise weiterhin grausame Legebatterien vorherrschend, also gäbe es keine ‚Awareness‘ in der Bevölkerung und somit wäre kein Druck auf die Produzenten ausgeübt worden.“

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