zur Navigation zum Inhalt
 
Allgemeinmedizin 16. November 2005

Herausforderungen der Umweltmedizin

Insgesamt 800 Ärztinnen und Ärzte haben bisher das Zusatzdiplom Umweltmedizin erworben, im September startet der nächste Ausbildungslehrgang. Medizinischer Umweltschutz erfordert in der Praxis und in der Öffentlichkeit aber nach wie vor hartnäckiges Agieren bis hin auf Gemeindeebene.

„Seit dem Jahr 1988, als der erste Lehrgang Umweltmedizin startete, hat sich der Begriff sicher etabliert und ist auch in der Öffentlichkeit präsenter“, analysiert Dr. Gerd Oberfeld, Umweltschutzreferent der Österreichischen Ärztekammer und Leiter des Amtes für Umweltmedizin der Stadt Salzburg. Inzwischen würde niemand mehr Zusammenhänge zwischen Umweltgiften und Erkrankungen abstreiten.
Aber wo genau setzt die Umweltmedizin an? „Es gibt den Bereich der Forschung, etwa in der Umwelthygiene“, so Dr. Hanns Moshammer. Er ist am Institut für Umwelthygiene der Universität Wien tätig und Vorstandsmitglied der „ÄrztInnen für eine gesunde Umwelt“ (ÄGU). Umweltmediziner können und sollen zudem Behörden bei umweltrelevanten Themen beraten, auch auf Gemeindeebene, und können sich z.B. mit Verhaltensempfehlungen direkt an die Bevölkerung wenden. „Auf der Grundlage von spezifischem Wissen und gründlicher Auseinandersetzung mit verschiedenen Quellen gehört es auch zu den Aufgaben von Umweltmedizinern, Themen mit gesellschaftspolitischer Relevanz aufzugreifen“, betont Moshammer und verweist etwa auf das Engagement von Tiroler und Kärntner Ärzten beim Transitthema oder auf die Feinstaubproblematik. Ebenso wichtig sei die Informations- und Beratungsarbeit über mögliche Umweltgefahren.

Interdisziplinär agieren

Für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit verschiedenen Fachrichtungen plädiert Moshammer, „wenn es um die Behandlung von Menschen geht, die auch durch Umwelteinflüsse bedingt krank sind“. Das sieht auch Prof. Dr. Hugo Rü-diger, Leiter der Abt. für Arbeits-medizin am AKH Wien, so: „Wichtig ist etwa die Zusammenarbeit mit Psychologie und Psychiatrie.“ An der Abteilung im AKH gibt es seit zehn Jahren eine Ambulanz für Umweltmedizin. „Viele Patienten vermuten oder befürchten Gesundheitsschädigungen durch Umwelteinflüsse, obwohl keine Gefahr besteht“, berichtet Rüdiger. Diese Menschen bräuchten ad-äquate Unterstützung. „Wenn ausschließlich auf die vom Patienten präsentierten Fakten geachtet wird, besteht die Gefahr, dass schwerwiegende Krankheiten übersehen werden“, gibt der Arbeitsmediziner zu bedenken. Bei diesen Patienten und bei jenen, wo es tatsächlich um gesundheitsschädliche Umwelteinflüsse geht, sollten Umweltmediziner eine Rolle als Koordinator übernehmen. Dies würde eine enge interdisziplinäre Kooperation verschiedener Fachrichtungen und Berufe unterstützen, außerdem könnten unnö-tige Mehrfachuntersuchungen vermieden werden. „In der Ausbildung zum Umweltmediziner sollte der Aspekt des Koordinators viel stärker Beachtung finden“, regt Rüdiger an.

Heikle Themen

Für Ärzte in der Praxis stellt sich die Betreuung von Patienten mit vermeintlich umweltbedingten Erkrankungen nicht immer einfach dar. Rüdiger hält es aber für problematisch, dass „manche Ärzte äußerst fragwürdige Methoden wie Pendeln anbieten, etwa wenn es um vermutete Giftstoffe oder deren angebliche Neutralisierung geht“.„Dass Zusammenhänge etwa zwischen Luftverschmutzung und Herz-Kreislauf- sowie Lungenerkrankungen bestehen, ist letztlich unbestritten“, so Moshammer. Feinstaub beispielsweise sei ein „lange Zeit unterschätztes toxikologisches Problem“ gewesen. Dieses Thema werde einerseits für „reißerische Schlagzeilen“ missbraucht, während andere abwiegeln und die Schuld von sich weisen. „Beide Verhaltensweisen sind aus meiner Sicht abzulehnen“, betont Rüdiger.

Zankapfel Studienergebnisse

„Meine Erfahrung bei der Interpretation diverser Studien ist, dass mögliche Gefahren in vielen Fällen eher heruntergespielt werden“, kommentiert Oberfeld. Natürlich sei es unerlässlich, sich vor öffentlichen Aussagen oder gar Warnungen ausführlich mit vorliegenden Studien und auch scheinbar widersprüchlichen Aussagen auseinander zu setzen. Wichtig dabei seien Fragen wie: Wer hat die Studien in Auftrag gegeben? Wie genau hat das Setting der Untersuchung ausgesehen und welche Patienten wurden wie untersucht? Welche anderen Studien liegen vor?“ Erst kürzlich wurde Oberfeld und Umweltmedizinern der Wiener Ärztekammer vorgeworfen, bei ihren Warnungen zur Nutzung von Handys weit über das Ziel geschossen bzw. die entsprechenden Studien und das Hintergrundmaterial nicht ausreichend genau analysiert zu haben. „Gerade zu diesem Thema“, so Oberfeld, „sind ausreichend Erkenntnisse vorhanden und analysiert worden, um eine Warnung zu rechtfertigen.“ Es gehe nicht darum, jemandem etwas zu verbieten, sondern darauf hinzuweisen, welches Verhalten etwa bei der Nutzung von Handys Gesundheitsrisiken minimiert.

Die Zukunft der Umweltmedizin

Oberfeld wünscht sich von der Kollegenschaft eine intensivere Auseinandersetzung mit zentralen Themen wie Belastung von Atemluft und Trinkwasser, Auswirkungen von Lärm, sorgsamer Einsatz diverser Chemikalien in Produkten des täglichen Bedarfs oder in Bezug auf mögliche Gefahren durch elektromagnetische Felder. „Hier geht es nicht nur um das Handy, sondern auch um Schnurlostelefone oder Sendeanlagen“, präzisiert Oberfeld. Er möchte außerdem Umweltmediziner ermuntern, sich stärker an die Öffentlichkeit zu wenden. Moshammer hält es für wichtig, dass sich „jeder Arzt mit Umweltthemen bzw. den Zusammenhängen zwischen Umwelteinflüssen und Gesundheit auseinander setzt“. Die ÄGU hat Karten entwickelt, die als Erinnerung an den nächsten Arzttermin einsetzbar sind und auf der Rückseite Hinweise zum Lebensstil und auch zum Thema Umwelt enthalten (kostenlos zu bestellen unter www.aegu.info).

Mag. Andrea Fried, Ärzte Woche

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben