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© Daniel Bockwoldt/dpa
Bauarbeiter stemmen in New York City eine Straße auf. Feinstaub gilt als eine Hauptursache für arbeitsbedingten Lungenkrebs.
 
Arbeitsmedizin 7. Oktober 2016

Bloß nicht tief durchatmen

 Krebs ist einer aktuellen Studie zufolge mit jährlich 53 Prozent die häufigste arbeitsbedingte Todesursache in der EU. Für viele Substanzen lässt sich kein Arbeitsplatz-Grenzwert angeben.

Tatsache ist, dass Krebs – auch wenn es sich dabei um eine multifaktorielle Krankheit handelt und die Ursachen nur schwer bestimmbar sind – in vielen Fällen verhindert werden könnte, wenn die Exposition gegenüber bestimmten chemischen Arbeitsstoffen deutlich verringert oder gar vermieden würde. Grenzwertsetzungen oder risikobasierte Standards für krebserzeugende bzw. erbgutverändernde Arbeitsstoffe sollen den Schutz der Arbeitnehmer erhöhen und Risiken minimieren.

Dass sich das in der Umsetzung jedoch schwierig gestaltet, erläutert Dr. Eberhard Nies vom Institut für Arbeitsschutz (IFA) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV): „Es beginnt schon damit, dass für die meisten krebserzeugenden Chemikalien, die unmittelbar mit dem Erbmaterial in der Zelle reagieren, keine toxikologische Wirkschwelle angegeben werden kann, also keine Dosis ohne abträgliche Effekte auf die Gesundheit. Das bedeutet in weiterer Folge aber auch, dass sich für diese Substanzen kein konkreter Arbeitsplatzgrenzwert ableiten lässt, mit dem Gesundheitsschäden der Arbeitnehmenden sicher verhütet werden.“

Mit dem Ziel, dennoch ein möglichst hohes Schutzniveau für die Betroffenen zu erreichen, orientiert man sich hierzulande am Stand der Technik zur Verminderung der Schadstoffbelastung. „Die so aufgestellten Grenzwerte, die sogenannten ,TRK-Werte’, auch ,Technische Richtkonzentration’ genannt, werden insbesondere bestimmt von der Flüchtigkeit des jeweiligen Arbeitsstoffs bzw. vom Stand der Produktions- und Lüftungstechnik zum Zeitpunkt der TRK-Wertfestlegung“, erklärt Nies.

Ein alternativer Ansatz besteht wiederum darin, sich politisch auf ein gerade noch hinnehmbares, sehr niedriges Krebsrisiko durch Arbeitsplatzeinflüsse zu einigen, das unabhängig vom Arbeitsstoff und vom industriellen Verfahren für alle Beschäftigten gleichermaßen angestrebt werden soll.

Als Vorteile dieses „risikobasierten Konzepts“ meint Nies, dass Unternehmen damit eine bessere Planungssicherheit bekämen: „Für einen sehr potenten Krebsstoff müssen größere Anstrengungen zur Verringerung der Belastung am Arbeitsplatz unternommen werden als im Falle einer Substanz, die nur schwach krebserzeugend ist. Das verbleibende Restrisiko wird somit transparent“.

1995 wurde zur Gewährleistung bzw. Erhöhung des Gesundheitsschutzes am Arbeitsplatz von der Europäischen Kommission der wissenschaftliche Ausschuss für Grenzwerte berufsbedingter Exposition SCOEL (Scientific Committee on Occupational Exposure Limits) eingerichtet. Prof. DDr. Hermann M. Bolt vom Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund, der selbst für eine Amtszeit von drei Jahren Mitglied dieses EU-Ausschusses war, sagt: „In der ersten zehn Jahren wurden dem Ausschuss keine krebserzeugenden Stoffe zur Bearbeitung aufgetragen. Das änderte sich erst im Jahr 2005.“ In der Zwischenzeit hatte auf wissenschaftlicher Ebene in Europa bereits eine Diskussion stattgefunden, unter welchen Umständen auch für krebserregende Stoffe die Aufstellung gesundheitsbasierter Grenzwerte möglich ist.

Der SCOEL wendet ein System an, in welchem für nicht genotoxische Kanzerogene, für Stoffe mit wesentlich nicht-genotoxischem oder mit sekundär genotoxischem Wirkmechanismus sowie für aneugene (die Chromosomen verändernde, Anm.) Stoffe Wirkschwellen der krebserzeugenden Wirkung zugrunde gelegt werden.“ National haben sich inzwischen ähnliche Eingruppierungssysteme durchgesetzt. So werden beispielsweise in Holland und Deutschland seit einigen Jahren risikobasierte Modelle angewandt.

EU-weite Grenzwerte

Im Mai 2016 hat die Europäische Kommission nun wieder einen Schritt in Richtung Arbeitnehmerschutz vor krebserzeugenden Chemikalien getan.

So wurde der Vorschlag eingebracht, die bestehende Richtlinie über Karzinogene und Mutagene zu ändern und ganz konkret die Grenzwerte für 13 krebserzeugende Arbeitsstoffe zu modifizieren.

Diese vorgeschlagenen neuen Grenzwerte beziehen sich auf die Höchstkonzentration, in der ein chemisches Karzinogen in der Luft am Arbeitsplatz vorhanden sein darf.

Verfahrensbedingte Stoffe

Als Beispiel sei Quarzfeinstaub genannt, der ganz neu in die Richtlinie eingeführt werden soll. Dieser „verfahrensbedingte Stoff“ entsteht vor allem beim Mahlen und Zerkleinern von Beton, Ziegeln oder Gestein und gilt als eine der Hauptursachen für arbeitsbedingten Lungenkrebs sowie die Lungenkrankheit Silikose.

Während von Quarzfeinstaub sehr viele Arbeitnehmer vor allem im Bausektor betroffen sind, ist der Verwendungsumfang anderer Stoffe deutlich geringer, die von der Kommission aber dennoch als prioritär eingestuft werden. Im Vergleich zur Anzahl der diesen Arbeitsstoffen ausgesetzten Arbeitnehmer gibt es hier aber eine verhältnismäßig große Anzahl an Krebserkrankungen.

Erhebliches Risiko

Teilweise dürften die vorgeschlagenen Grenzwerte für einen tatsächlichen Schutz jedoch nicht vollständig geeignet sein. So begrüßt beispielsweise die deutsche Bundesarbeitskammer den Schritt der Europäischen Kommission zur Weiterentwicklung des Schutzes der Arbeitnehmer und damit die Festsetzung von Expositionsgrenzwerten, äußert jedoch gleichzeitig ihre Bedenken.

Die angegebenen Grenzwerte würden nur ein niedriges Schutzniveau gewährleisten und somit weiterhin ein erhebliches, nicht vertretbares Risiko für die Arbeitnehmer bedeuten.

Noch ist es nach derzeitigem Stand nicht möglich, für die meisten krebserzeugenden Arbeitsstoffe konkrete und sichere Grenzwerte festzulegen, die einen Gesundheitsschaden tatsächlich ausschließen können.

Resümee: Trotz zahlreicher Bemühungen, wie der Festsetzung von sogenannten „TRK-Werten“, dem Einsatz risikobasierter Modelle oder dem Vorschlag neuer Grenzwerte bleibt das Restrisiko, an Krebs zu erkranken, nach wie vor bestehen.

Info

Grundlagen.Seit 1971 publiziert die Internationale Krebsforschungsagentur IARC mit ihren Monographien stoffspezifische systematische Reviews mit abschließender Bewertung des aktuellen Kenntnisstandes zur möglichen Krebsgefährdung. Leiter der IARC Monographs Abteilung ist Dr. Kurt Straif.

Die IARC Monografien werden international häufig als Ausgangsbasis für Risikobewertungen nicht nur für arbeitsplatzbezogene Krebsrisiken herangezogen. Studien zur Krebsgefährdung am Arbeitsplatz spielten von Anfang an eine wichtige Rolle bei der Bewertung einer potenziellen Krebsgefährdung.

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