zur Navigation zum Inhalt
Plastik, von Kindheit an ein ständiger Begleiter.
 
Umweltmedizin 19. September 2016

Phthalate: Es gibt kein Entrinnen

Umweltmedizin. PVC-Weichmacher sind in unserem modernen Alltag allgegenwärtig. Es ist fast unmöglich, eine Stunde zu verbringen, in der man nicht mit ihnen in Kontakt kommt. Zwei aktuelle Publikationen der MedUni Wien beschäftigen sich mit der Kunststoff- und Phthalat-Problematik und dem Versuch ihrer Vermeidung.

Phthalate sind allgegenwärtige Chemikalien. Sie werden hauptsächlich als Weichmacher in Kunststoffen (PVC) eingesetzt, finden sich aber auch in Lacken oder Klebstoffen. Bei der Textilveredelung spielen die Substanzen ebenfalls eine Rolle. Phthalate kommen des Weiteren auch in Kosmetika oder in Medikamenten zum Einsatz. Aus dem jeweiligen Produkt können sie in unsere Lebensmittel, in die Umwelt und natürlich ins Blut gelangen.

Dementsprechend zeigte sich in einer kürzlich veröffentlichten Studie des Instituts für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien, dass die Verwendung bestimmter Produkte und die Konsumgewohnheiten signifikanten Einfluss auf die Phthalat-Konzentration im Harn der Probanden hatten ( Wallner et al., International Journal of Environmental Research and Public Health 2016 ). Bei häufigerer Verwendung von Haarschaum, Haarfärbemitteln und Make-up, häufigerem Konsum von Kaugummi und Trinken aus PET-Flaschen fanden sich höhere Konzentrationen von Monoethylphthalat (MEP) im Urin. „Bei der PET-Produktion werden zwar keine Phthalate verwendet, es ist aber denkbar, dass das Rohmaterial manchmal verunreinigt ist“, so die Studienautoren.

Hormonhaushalt gefährdet

Etliche Phthalate sind hormonaktive Substanzen, zudem dürften sie sich negativ auf die Atemwege und das Herz-Kreislaufsystem auswirken. „In unserer Studie konnten wir unter anderem signifikante Assoziationen zwischen MEP im Urin und wiederholtem Husten, Kopfschmerzen, Durchfall und hormonellen Problemen nachweisen“, berichten die Wissenschaftler. Höhere MEHP (Mono-[2-ethylhexyl]phthalat)-Konzentrationen wiederum waren mit Juckreiz assoziiert. Und weiter heißt es in der Wiener Studie: „Manche dieser Zusammenhänge wurden von uns erstmalig beschrieben und müssen durch Folgestudien bestätigt werden“.

Zurück ins 18. Jahrhundert

Die zahlreichen negativen Auswirkungen von Kunststoffen auf Umwelt und Gesundheit wurden in dem bei Kritik und Zusehern sehr erfolgreichen Film „Plastic Planet“ thematisiert. Eine steirische Familie nahm diesen Film zum Anlass, Plastik möglichst aus ihrem Haus zu verbannen. In ihrem Blog schrieben die Familienmitglieder: „Es geht weder um Verzicht noch um Rigorosität. Vieles kann und will man nicht entbehren, nicht den Computer, den Fernseher, das Handy, den Kühlschrank und den Staubsauger. Doch bei vielen anderen Produkten hat man die Wahl.“ Allerdings ist es bekanntlich bei vielen Artikeln nicht einfach, plastikfreie Alternativen zu finden. Andere sind– etwa vom Hygienestandpunkt aus – nicht unbedingt ideal (beispielsweise Holzzahnbüsten mit Schweineborsten). Die Familie bemühte sich dennoch, nur Lebensmittel zu kaufen, die nicht in Plastik verpackt waren.

Wissenschaftler des Wiener Instituts für Umwelthygiene haben unter der Führung von Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter dieses weltweit einzigartige Experiment begleitet und am Beginn sowie nach zwei Monaten Harnproben der Familie analysiert. Hutter: „Mit dieser Humanbiomonitoring-Studie wollten wir klären, ob sich durch einen radikalen Verzicht auf Plastik die innere Phthalat-Belastung verändert.“

Die Phthalat-Konzentrationen waren zu beiden Zeitpunkten niedrig, allerdings zeigte sich nach zwei Monaten ohne Plastik nur in einem Fall (beim älteren Sohn der fünfköpfigen Familie) eine eindeutige Abnahme der Konzentration. Das zentrale Ergebnis der Studie lautete also: Selbst wenn man im eigenen Haushalt so weit wie möglich auf Kunststoffprodukte verzichtet, ist ein gewisses Maß an Phthalat-Belastung durch die Umwelt unvermeidlich. Die Studie wurde im renommierten Journal Environmental Research veröffentlicht.

Erschreckende Erkenntnisse

Hutters Fazit ist ernüchternd: „Das Experiment und die Biomonitoring-Studie zeigen, dass wir keine Chance haben, der Phthalat-Belastung zu entkommen.“ Selbst wenn man sich zu Hause sehr um Plastikverzicht bemüht, kann man den Phthalaten bei der Arbeit, beim Essen in der Kantine, in der Schule und an vielen anderen Orten nicht ausweichen. Zudem bemühte sich die Familie bereits vor dem Experiment um einen gesunden und ökologischen Lebensstil, sodass die Belastung durch Plastik von Anfang an unterdurchschnittlich gering war. Umso geringer waren die Effekte der Kunststoffvermeidungs-Aktion auf die innere Phthalat-Belastung. Hutter: „Es war bei der Familie eine weitere, nachhaltige Absenkung der Konzentration dieser allgegenwärtigen Stoffe praktisch nicht mehr möglich.“

Einzelbelastung scheint gering, nicht jedoch ihre Summe

Daher sei es wichtig, betonen die Umweltmediziner, die Anstrengungen für eine restriktivere Umwelt- und Chemikalienpolitik zu intensivieren. Nicht nur wegen der verschiedenen gesundheitsbedenklichen Stoffe in Kunststoffen, auch wegen der Müllproblematik und der Verbreitung von Plastik in der Umwelt (Stichwort: Mikroplastik in Gewässern). „Leider ist es schwierig geworden“, sagt Hutter, „nicht-alkoholische Getränke in Mehrweg-Glasflaschen zu kaufen. Die Verwendung etwa von Mineralwasserflaschen aus Glas verursacht sicherlich weniger ökologische Schäden als der Gebrauch von Plastikflaschen.“

Generell sei die Phthalat-Belastung durch ein Einzelprodukt meist gering, so Hutter. Das sei auch immer die Argumentation der einzelnen Unternehmen. „Entscheidend ist aber die Summe der Belastungen durch die ubiquitären Kunststoffe. Die ist heutzutage hoch.“ Neben den Weichmachern (Phthalaten) gehören andere sogenannte Industriechemikalien wie Nonylphenol und Bisphenol A zu den problematischen Substanzen, die im Zusammenhang mit Kunststoffen genannt werden.

Peter Wallner

, Ärzte Woche 38/2016

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben