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„Bei der künstlichen Ernährung eines Frühgeborenen lag die DEHP-Zufuhr zwischen zehn und 20 Milligramm pro Tag. In derartigen Ernährungssituationen wird bei Säuglingen und Kindern die duldbare Menge der DEHP-Aufnahme um ein Vielfaches überschritten.\\
 
Allgemeinmedizin 22. November 2013

Weichmacher – vom Spital ins Blut

Die Verwendung von Phthalaten im medizinischen Bereich kann die Gesundheit gefährden.

In den vergangenen Jahren ist es um das Thema „Phthalate in Medizinprodukten und Medikamenten“ eher still geworden. Ein Problem schafft man aber nicht aus der Welt, indem man es einfach ignoriert. Nun hat sich die Europäische Union auf verschiedenen Ebenen mit der Verwendung von Phthalaten im medizinischen Bereich beschäftigt.

Weichmacher wie die schwer auszusprechenden Phthalate werden in Kunststoffen (PVC), Lacken, Beschichtungsmitteln, Dichtungsmassen, Gummiartikeln oder Klebstoffen eingesetzt. Auch im Rahmen der Textilveredelung spielen Weichmacher eine Rolle. Weichmacher können aus dem jeweiligen Material austreten, in die Umwelt und in weiterer Folge in die Nahrungskette gelangen.

Das bekannteste Phthalat, DEHP (Di(2-ethylhexyl)phthalat) wird von Jugendlichen und Erwachsenen hauptsächlich über die Nahrung aufgenommen. „Die DEHP-Aufnahme bei Kindern erfolgt hingegen nur etwa zur Hälfte über die Nahrung. Weitere Quellen für den Eintrag sind der Hausstaub, Verbraucherprodukte und Spielzeug“, erläutert das Bundesinstitut für Risikobewertung in Deutschland.

DEHP war lange Zeit das am meisten verwendete Phthalat, wurde allerdings 2005 auf EU-Ebene für Babyartikel und Spielzeug wegen seiner fortpflanzungsgefährdenden Eigenschaften verboten. Erlaubt ist DEHP hingegen (noch) in Medizinprodukten. „Bei manchen medizinischen Artikeln, beispielsweise bei Schläuchen, Infusions- und Transfusionsbestecken aus PVC, liegt der DEHP-Anteil bei rund 40 Prozent“, ist im „Allum“-Portal (Allergie, Umwelt und Gesundheit – von der Kinderumwelt gemeinnützige GmbH, vertreten durch die Deutsche Akademie für Kinderheilkunde und Jugendmedizin e.V., DAKJ betrieben) –, nachzulesen. Kein Wunder also, dass DEHP aus PVC-haltigen Medizinprodukten in größeren Mengen herausgelöst werden kann, wie man seit mehr als zehn Jahren weiß.

Mehr als die duldbare Menge

„Sofern Lipidemulsionen, wie etwa Medikamente in öliger Suspension, aber auch Blutplasma, durch derartige Schläuche geleitet werden, können einige Milligramm an DEHP freigesetzt werden“, so Allum. „Bei der künstlichen Ernährung eines Frühgeborenen zum Beispiel lag die DEHP-Zufuhr zwischen zehn und 20 Milligramm pro Tag. In derartigen Ernährungssituationen wird bei Säuglingen und Kindern die duldbare Menge der DEHP-Aufnahme um ein Vielfaches überschritten.“

Etliche Spitäler verwenden daher zumindest auf Neugeborenen-Stationen kein PVC, die Kinderklinik Glanzing wurde bereits 2003 frei von PVC. In Frankreich ist DEHP in Schläuchen, die im Bereich der Pädiatrie und Geburtshilfe zur Anwendung kommen, ab 2015 verboten. Auch das Europäische Parlament sprach sich am 22. Oktober 2013 dafür aus, Phthalate und andere gefährliche Chemikalien in bestimmten Medizinprodukten zu verbieten. Zu hoffen ist, dass sich der Europäische Rat dem Parlament anschließt.

Phthalate in Arzneimitteln

Diverse Phthalate wie beispielsweise Dibutylphthalat (DBP) kommen auch in etlichen Arzneimitteln als Hilfsstoffe zum Einsatz. Sie helfen etwa mit, Filmtabletten und Dragees resistent gegen den Magensaft zu machen. Einige dieser Präparate werden rezeptfrei verkauft und unter Umständen auch über einen längeren Zeitraum eingenommen. Wissenschaftler der Universität Erlangen (Koch und Mitarbeiter) betonten bereits im Jahr 2005 in einem Artikel in der Zeitschrift „Umweltmedizin in Forschung und Praxis“: „In Tierversuchen zeigte sich DBP entwicklungs- und reproduktionstoxisch. Adverse Effekte auf endokrine und reproduktive Funktionen beim Menschen müssen angenommen werden. Frauen im gebärfähigen Alter und Kleinkinder gelten als besondere Risikogruppe.“ Die Forscher fanden, dass es durch die Gabe eines DBP-haltigen, rezeptfreien Präparates bei der Risikogruppe zu deutlichen Überschreitungen der tolerierbaren täglichen Aufnahmemenge (TDI = tolerable daily intake) kam. Ihre Schlussfolgerung: „DBP-haltige Arzneimittel sollten daher für die Behandlung von Frauen im gebärfähigen Alter und Kleinkindern kritisch geprüft werden.“

Ersatz gefordert

Aufgrund eigener Untersuchungen über Phthalate in Arzneimitteln kam das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit 2009 zu einem eindeutigen Schluss: „Aus gesundheitlicher Sicht sollten phthalathaltige Arzneimittel, die teilweise auch für Kinder zugelassen sind, gegen Präparate ersetzt werden, die ohne diese kritischen Phthalate auskommen.“

Die zuständigen Behörden ignorierten jedoch jahrelang das Problem oder wiegelten ab. Immerhin hat sich zuletzt die EMA (European Medicines Agency) des Themas angenommen und im Mai dieses Jahres die Definition erlaubter Tageshöchstmengen für Phthalate in Medikamenten vorgeschlagen.

www.allum.de

www.noharm.org (Health Care without Harm)

P. Wallner, Ärzte Woche 47/2013

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