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Allgemeinmedizin 9. Jänner 2013

Das Geschäft mit dem Schimmel

Die Empfehlungen zur korrekten Beseitigung von Schimmelpilzbefall in Innenräumen werden häufig nicht berücksichtigt.

Schimmel kann die Gesundheit gefährden. Diese Tatsache wird von verschiedenen Firmen ausgenützt, um Ängste zu schüren und in Innenräumen teure, aber unwirksame Sanierungen durchzuführen.

In den vergangenen Jahren haben etliche unseriöse Firmen die Schimmelbekämpfung als „Goldgrube“ entdeckt. Sie warnen vor „unsichtbaren(?) Problemen“, benutzen ungeeignete Messverfahren, führen inkorrekte Bewertungen der Schimmelbelastung durch und bekämpfen den Schimmel mit teuren, aber sinnlosen Methoden (z. B. Vernebelung).

Selbstcheck nicht zu empfehlen

Der Arbeitskreis Innenraumluft im Lebensministerium rät etwa ausdrücklich von der Bestimmung der Konzentration luftgetragener Schimmelpilzsporen in Innenräumen mittels Sedimentationsplatten (in Form von in Postämtern und online erhältlichen „SchimmelCheck“-Sets) ab. „Der Test liefert keine aussagekräftigen Ergebnisse und ist überdies sehr fehleranfällig“, so die ExpertInnen. Anscheinend hat sich dies aber beispielsweise nicht bis zur Mietervereinigung herumgesprochen, die in der Dezemberausgabe ihres Magazins „Fair Wohnen“ diese Methode explizit vorstellte.

Sanieren – aber wie?

Auch bei der Sanierung werden Betroffene häufig übervorteilt. Dazu der Innenraumluft-Arbeitskreis in einem Positionspapier zu „Schimmelpilzen in Innenräumen“: „Die Sanierung von schimmelpilzbefallenen Materialien muss das Ziel haben, die Schimmelpilze vollständig zu entfernen. Befallene, einfach zu demontierende Wand- und Deckenkonstruktionen oder Verschalungen sind in jedem Fall zu ersetzen. Eine bloße Schimmelpilz-Abtötung durch Desinfektionsmittel reicht nicht aus, da auch von abgetöteten Schimmelpilzteilen allergische, reizende oder auch toxische Wirkungen ausgehen können.

Ein oberflächliches Entfernen eines Befalls ohne Beseitigung der Ursachen ist keinesfalls ausreichend, da früher oder später mit einem erneuten Schimmelpilzwachstum gerechnet werden muss. Daher ist es unerlässlich, im Zuge einer Begehung durch unabhängige Fachleute die Ursachen für das Schimmelpilzwachstum abzuklären.“ Bauseitige Ursachen sind zu beheben, liegt die Ursache bei einer fehlerhaften Nutzung der Räume, sind die Raumnutzer darüber aufzuklären, wie durch geändertes Verhalten (etwa häufigeres Lüften) ein Schimmelwachstum vermieden werden kann.

Vernebeln?

Die Verwendung von Fungiziden in Innenräumen als Sanierungsmaßnahme wird von den Experten nicht empfohlen, da dadurch zusätzliche toxische Substanzen eingebracht werden. „Eine Desinfektion von Innenräumen durch Sprüh- oder Vernebelungstechniken ist bei einer fachgerechten Sanierung ebenfalls nicht nötig, sie stellt oft sogar ein Gesundheitsrisiko dar oder führt zu persistenten Gerüchen“, heißt es in dem Positionspapier.

„Die Vernebelung von Desinfektionsmitteln spielt in Krankenhäusern heute in der Regel keine Rolle mehr. In Wohnungen ist dieses Verfahren überhaupt sinnlos“, betonte auch Prof. Dr. Franz F. Reinthaler, Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin der Medizinischen Universität Graz beim 3. Innenraumtag Ende Oktober in Wien, der diesmal unter dem Motto „Raumklimaverbesserung – Vision oder Realität?“ stand.

Wohnräume behandeln?

Obwohl also die Desinfektion keine Alternative zur Schimmelbeseitigung darstellt, kommt die Vernebelung derzeit durchaus häufig zum Einsatz, vielleicht weil es beim Kunden „besonderen Eindruck macht …, wenn man mittels Vernebelung und Einsatz technischer Geräte die Wohnräume ‚behandelt‘“, so der deutsche Bundesverband Schimmelpilzsanierung. Auch das deutsche Umweltbundesamt rät davon ab, Desinfektionsmittel zur umfassenden Schimmelpilzsanierung einzusetzen. Es ruft „Gutachter, Sanierungsfirmen, Ausbildner und Versicherungen“ dazu auf, den Einsatz von Desinfektionsmitteln bei der Sanierung von Schimmelbefall zu reduzieren.

In Einzelfällen kann eine Desinfektion sinnvoll sein, etwa dann, wenn Schimmelbestandteile von einer mechanischen Reinigung nicht erfasst werden können (beispielsweise bei Hohlräumen im Fußbodenbereich), erklärt der Innenraumluft-Arbeitskreis. Zur Desinfektion eignen sich nur rückstandsfreie Präparate wie Wasserstoffperoxid (H2O2). Der Einsatz von Guanidinderivaten wird nicht empfohlen, da die Wirksamkeit nicht ausreichend gegeben ist. Auch bei der Entfernung von Schimmelpilzbefall kleineren Umfangs durch die Bewohner selbst wird eine Desinfektion mit Ethanol (70 bis 80%) empfohlen.

„Ansteckung“ vermeiden

Die Sanierung hat unter Beachtung der einschlägigen Arbeitsschutzvorschriften zu erfolgen, sehr wichtig ist, darauf zu achten (was manche Firmen nicht tun), dass das Ausbreiten von Schimmelbestandteilen in nicht betroffene Innenräume verhindert wird. Nach Abschluss der Sanierung sind die Räume gründlich zu reinigen und es sollte eine Freimessung vorgenommen werden, so der Arbeitskreis. Eine spezielle „Luftwäsche“ ist nicht nötig, auch fungizide Wandfarben sind nach Sanierungen in der Regel nicht erforderlich.

Prävention

Vorbeugend können die Raumnutzer die Wahrscheinlichkeit für Schimmelwachstum vermindern, indem in der kalten Jahreszeit durch regelmäßiges Lüften und ausreichendes Heizen die relative Feuchtigkeit in der Raumluft auf maximal 70 Prozent in Wandnähe begrenzt wird. „Schimmelpilzwachstum an mangelhaft belüfteten Flächen kann oft durch einfache Maßnahmen (Abrücken der Möbel von der Wand) verhindert werden“, erläutert der Innenraumluft-Arbeitskreis. Bei Neubauten sei für eine verstärkte Lüftung oder für eine Entfeuchtung zu sorgen, um die Restbaufeuchte abzuführen.

Weitere Infos:

http://www.raumluft.org

http://www.umweltbundesamt.de/uba-info-presse/2009/pd09-026_schimmelbefall_in_der_wohnung.htm

Von P. Wallner, Ärzte Woche 1/2/2013

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