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© Plattform MeineRaumluft.at/APA-Fotoservice/Pauty
Während der einstündigen Pressekonferenz in diesem Hörsaal stieg der CO2-Wert von 750 auf ungesunde 1.200 ppm.
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Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien

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Luftsprungpässe sind erhältlich unter www.meineraumluft.at

 
Pulmologie 24. November 2012

Zeit für eine Luftveränderung

Die Atmosphäre in Österreichs Klassenzimmern lässt zu wünschen übrig.

„Erfroren sind schon viele, erstunken ist noch niemand“ – dieser Spruch, mit dem Arbeits- und Schulkollegen seit jeher vom Öffnen der Fenster abgehalten werden, verliert seine Gültigkeit angesichts der gesundheitsschädlichen Auswirkungen schlechter Innenraumluft.

„Die Qualität der Außenluft wird in Österreich schon gut überwacht, jetzt ist es an der Zeit, das Augenmerk auf die Luftqualität in Innenräumen zu richten“, meint Mag. Thomas Schlatte, Sprecher der Plattform MeineRaumluft.at. Immerhin verbringt ein Mensch in unseren Breitengraden durchschnittlich 90 Prozent seiner Lebenszeit innerhalb von Gebäuden. In einem ersten Projekt hat sich die Initiative Schulen vorgenommen und erhoben, was Schüler und Lehrer tagsüber einatmen müssen. Über das Schuljahr 2011/12 hinweg wurden in über 1.000 Klassenräumen je eine Woche lang Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO2-Gehalt gemessen. Die Luftaustausch-Rate wurde errechnet. Alle Parameter wurden in Bezug zur Raumgröße und Schüleranzahl ausgewertet. Erhoben wurden auch die bauliche Ausstattung (Heizung, Fenster, Bauweise), ob während der Messperiode geheizt wurde und ob eine Lüftungsanlage vorhanden ist. Zusätzlich wurden in 133 Klassen erstmalig Luftionen-Messungen durchgeführt.

Dicke Luft

Dass die Luft in Klassenzimmern meist schlecht ist, ist zwar nicht überraschend; nun liegen aber erstmals konkrete Zahlen vor. „Wir können uns auf eine breite Datenbasis berufen“, sagt Mag. Gabriele Hoffmann, Marktforschungsinstitut Hoffmann & Forcher. Über 11.000 Messwerte wurden gesammelt. Das Ergebnis: Die Luft in Österreichs Klassenzimmern ist zu trocken, zu warm, übersteigt die empfohlenen CO2-Werte schon in der Früh, und hat einen zu geringen Anteil an Luftionen. Die Ergebnisse im Einzelnen:

Temperatur: Optimalerweise sollte sie in einem Klassenraum zwischen 20 und 22 Grad liegen. In knapp der Hälfte der Klassen wurde aber eine Raumtemperatur von mehr als 22 Grad gemessen. In einigen anderen Klassenzimmern wiederum ist es deutlich zu kühl.

Feuchtigkeit: Die ideale Luftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent wird in Österreichs Klassenzimmern überwiegend nicht erreicht. Der Mittelwert liegt bei 36 Prozent, in der Heizperiode sogar oft noch weit darunter. Ziegelbauten zeigten hier bessere Werte als Räume mit Beton- oder Gipswänden.

Luftwechselrate: In einem geschlossenen Raum sollte pro Stunde einmal die Luft komplett ausgetauscht werden. Dies kann über Stoß- bzw. Querlüftung oder über Lüftungsanlagen erreicht werden. Dabei sollte die Frischluftrate in Unterrichtsräumen zwischen 15 und 20m3 pro Person und Stunde liegen. Bei einer Schüleranzahl von 20 Schülern pro Klasse sollten also pro Stunde 300 bis 400m3 Frischluft zugeführt werden. Die Studienergebnisse zeigen, dass die Luftaustauschrate im Durchschnitt bei nicht einmal zehn Prozent dieses Wertes liegt.

CO2-Gehalt: Dieser sollte in Innenräumen 1.000 ppm nicht überschreiten. In Österreichs Klassenzimmern liegt er im Mittel bei 1.200 ppm, in jeder vierten Klasse sogar über 1.500 ppm. In rund elf Prozent der Messungen wurde ein CO2-Gehalt über 2.000 ppm festgestellt. „Zum Beginn der ersten Schulstunde sind die Werte meist noch akzeptabel“, berichtet Hoffmann. „Nach der ersten Stunde sind sie bereits deutlich höher und bleiben dann über den ganzen Vormittag konstant schlecht.“ Dies zeigt, dass Lüften in den Pausen nicht ausreicht, um den CO2-Wert wirksam abzusenken, außerdem steigt er bei voller Klassenbesetzung rasch wieder auf ein hohes Niveau. Isolierte Verglasung und Wärmedämmung reduzieren den natürlichen Luftaustausch und erhöhen somit die CO2-Werte.

Luftionen: Der Gehalt an Ionen in der Luft ist ein relativ neuer Qualitätsparameter, für den noch keine Richtwerte existieren. Grundsätzlich gilt: Je mehr, desto besser. Die Hälfte der Klassenzimmer bleibt unter einem Wert von 1.000 Ionen/cm3, bei einem knappen Drittel wurden Werte unter 500 Ionen/cm3 gemessen.

„Es geht nicht nur um abgestandene, schlecht riechende Luft – diese Messergebnisse haben durchaus medizinische Relevanz“, betont Prof. DI Dr. Hans-Peter Hutter, Institut für Umwelthygiene, Medizinische Universität Wien. Zwar bedeuten hohe CO2-Werte kein unmittelbares Gesundheitsrisiko, sie sind aber ein Indikator für die Luftqualität, denn, so Hutter: „Wo viel CO2 ist, da sind auch viele andere Schadstoffe in der Luft.“

Auf die geistige Leistungsfähigkeit wirken sich hohe CO2-Werte jedenfalls sofort aus. Müdigkeit und Kopfschmerzen nehmen zu, die Lungenfunktion wird vermindert. Schleimhautreizungen der oberen Atemwege erhöhen die Infektanfälligkeit. „Hohe CO2-Werte in Schulen und Arbeitsräumen führen erwiesenermaßen zu mehr Krankenständen und Fehlzeiten“, so Hutter.

Besser denken mit Frischluft

Umgekehrt wurde gezeigt: Ein geringer CO2-Gehalt in der Raumluft erhöht die Aufmerksamkeit und die Fehlerfreiheit bei Aufgabenlösungen, während die Geschwindigkeit, mit der Aufgaben gelöst werden, steigt. Auch störende Schüleraktivitäten und Lärmpegel steigen und fallen mit dem CO2-Gehalt der umgebenden Luft. Aber nicht nur CO2, auch Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Ionengehalt und Luftbewegung sind wichtige Parameter des Raumklimas, erklärt Hutter. Liegen diese Faktoren außerhalb der „Behaglichkeitszone“, so verstärkt sich die Wirkung vorhandener Schadstoffe.

Die Konzentration der Luftionen ist ein Faktor, der immer mehr auch bei Innenräumen Beachtung findet. Je mehr Ionen in der Luft vorhanden sind, umso „frischer“ wird sie wahrgenommen. Die positiven Effekte sind aber auch objektiv messbar. Hutter: „Ein höherer Luftionengehalt verbessert das kardiale Leistungsvermögen und auch die geistige Leistungsfähigkeit.“

Was ist zu tun?

Schon 1912 wird im „Handbuch der Schulhygiene“ festgestellt, dass die Luft in Klassenzimmern generell meist schlecht ist. „Nach 100 Jahren ist es endlich an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen“, meint Hutter. Aber wie kann man die Luftqualität in unseren Klassenzimmern verbessern? Lüften, so oft wie möglich, das wäre eine Sofortmaßnahme. „Langfristig müsste man schon beim Schulbau – bei der Bauweise und der Auswahl der Materialien – an die Raumluftqualität denken“, meint Hutter.

Die Initiative Meine Raumluft.at wird noch im November eine konstituierende Sitzung mit dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur abhalten. Eine Arbeitsgruppe wird Empfehlungen für Schulen und Ausbildungsstätten erarbeiten.

Inzwischen können die Schüler selbst einen Beitrag zu mehr frischem Wind im Klassenzimmer leisten: mit dem Luftsprung-Pass etwa, in dem eingetragen wird, wie oft gelüftet wird. Für gute Ideen zur Verbesserung des Raumklimas wurde außerdem der „Luftsprung-Award“ ausgeschrieben: Schüler jeder Altersstufe können ihre Ideen, seien es einfach umsetzbare oder auch visionäre Zukunftsideen, aufschreiben oder zeichnen. Die Luftsprung-Pässe können kostenlos unter angefordert werden.

Präsentation der Studie „Raumluftqualität in Schulen“, Wien, 8. 11. 2012

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