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Prof. Dr. Susanne Binder, Vorstand der Augenabteilung Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien

 

 

 

 

 

 

Brille – oder? Linsen, Laser & Co. Faschinger, Christoph; Schmut, Otto 176 Seiten, € 14,90

Verlagshaus der Ärzte, 2011

ISBN 9783902552907

Die Experten der Universitäts-Augenklinik Graz behandeln in ihrem Ratgeber alle relevanten Formen von Fehlsichtigkeit. Neben der Weit- und Kurzsichtigkeit sind dies beispielsweise Schielen, Winkelfehlsichtigkeit oder Nachtblindheit. Für eine individuell richtige Entscheidung über die Wahl des Sehbehelfes oder die Behandlung mittels refraktiver Chirurgie ist freilich Wissen vorteilhaft. Wissen, das auch die Hausärztin oder der Hausarzt den „Stammkunden“ der Ordination auf Nachfrage weitergeben kann.

 
Augenheilkunde 18. September 2011

Augenheilkunde kontroversiell

Wo es die größten Fortschritte in der medizinischen Forschung gibt, lässt es sich auch aufs Trefflichste debattieren.

Anlässlich des Wiener Augentages – einer Publikumsveranstaltung rund um die Augengesundheit mit den Schwerpunkten Aufklärung, Prävention und Früherkennung – findet am 28. September 2011 im Wiener Rathaus auch eine Fortbildungsveranstaltung für Augenärzte und andere Fachgruppen statt. Unter dem Titel „Kontroversielles in der Augenheilkunde“ werden einen Vormittag lang Pro- und Kontra-Beiträge zu aktuellen Themen geboten. Prof. Dr. Susanne Binder, Vorstand der Augenabteilung Krankenanstalt Rudolfstiftung, Wien, und Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Retinologie und biomikroskopische Laserchirurgie, präzisiert im Gespräch mit der Ärzte Woche, wo bei den einzelnen Themen die Kontroversen zu finden sind.

 

Frau Prof. Binder, warum gibt es in diesem Jahr bei dieser Fortbildung die Ausrichtung auf Kontroversielles in der Augenheilkunde?

Binder: Es gibt bei den Indikationen und den neuesten Ergebnissen in der Medizin immer Übergangsbereiche und Grauzonen, die man für und wider diskutieren kann. Genau diese Grauzonen möchte ich stärker beleuchten. Beispiele: Wie viel refraktive Chirurgie ist technisch möglich, was ist machbar? Wovon profitiert der einzelne Patient am meisten und wo haben wir die besten Resultate über längere Zeiträume?

 

Das sind in der Regel jene Zonen, in denen am meisten Fortschritt zu verzeichnen ist. Da muss es wohl eine Abstimmung darüber geben, wo wir stehen und was machbar, sinnvoll und auch finanziell möglich ist?

Binder: Korrekt, in diesem Spannungsfeld bewegen wir uns. Ich denke, dass das wissenschaftlich Machbare nicht immer gleichzusetzen ist mit dem, was für den Patienten sinnvoll und das beste ist. Auch wird es zunehmend schwieriger, das Machbare in vollem Ausmaß zu finanzieren. Diesen Gegenpol wollen wir beleuchten, um die niedergelassenen Fachärzte und Praktiker besser aufzuklären.

Für Ärzte wird es auch zunehmend schwieriger, abzuschätzen, was für den individuellen Patienten tatsächlich sinnvoll ist.

Binder: Die Studien sagen meist sehr positiv, welche neuen Methoden geprüft wurden und sich am Horizont abzeichnen. Das bewirkt einen Strom von Patienten, die fragen, ob eine neue Therapie auch für sie geeignet ist und wann sie diese bekommen können. Hier muss man einhaken: Einerseits macht es keinen Sinn zu sagen, das ist ferne Zukunft und steht noch lange nicht zur Verfügung. Andererseits muss man in jedem Einzelfall abwägen, ob ein Patient gerade von dieser neuen Methode profitieren könnte und in welchen Kliniken und Abteilungen eine Behandlung möglich wäre.

 

Unabhängig von den entstehenden Kosten für die Allgemeinheit?

Binder: Nicht unabhängig von den Kosten. Eine Trennung von den Kosten ist in der Medizin derzeit nicht möglich. Wir werden zunehmend aufgefordert, entsprechendes Bewusstsein zu zeigen. Die Schwierigkeit in der Medizin ist, dass sich neue Therapien, die teuer sind, in anderen Bereichen unter Umständen kostensparend niederschlagen könnten. Besonders im Augenbereich ist das bedeutend, aber es wird generell nicht so bewertet. Ich kann im Bereich der Augenheilkunde nicht so viel Geld ausgeben, um jedem Patienten alles zu ermöglichen, denn die Einsparung im Sozialbereich, die dadurch erzielt werden könnten – weniger Schenkelhalsfrakturen und weniger Pflegefälle – lassen sich nicht so einfach in Zahlen erheben. In Schweden gibt es allerdings Studien, die diesen Zusammenhang nachgewiesen haben. Es wird nach Budget und Jahresplanung gerechnet und ob man eine Leistungssteigerung überhaupt haben darf bzw. ob man die Leistung so einschränken muss, dass das Budget das gleiche bleiben kann – so wird derzeit bei uns kalkuliert.

 

Sie haben die refraktive Chirurgie schon anfangs angesprochen. Wird sie kontroversiell diskutiert?

Binder: Die refraktive Chirurgie ist immer schon kontroversiell diskutiert worden. Die Frage, die wir neu überlegen müssen, lautet: Ist ein Patient, der Haftschalen oder eine Brille hat, ein kranker Patient oder ist er ein gesunder, der nur einen Sehbehelf hat? Bis vor einigen Jahren hat man den brillentragenden Patienten als gesund erklärt, der eigentlich nichts braucht und mit dem Sehbehelf eine gute Sehschärfe hat. Damit wurde die Chirurgie gegen diese Refraktionsfehler als nicht medizinisch indiziert und als selbst zu bezahlend angesehen. Jetzt beginnt man anzuerkennen, dass ein Patient mit vier oder sechs Dioptrien keineswegs ein normales Leben führen kann, wenn er von seiner Brille oder Kontaktlinse abhängig ist. Hier haben wir einen freien Markt: die Sozialversicherung hat eigene Kriterien erstellt, wann sie diese Leistung bezahlt. Die stimmen aber nicht so ganz mit den medizinischen Anforderungen überein. Die refraktive Chirurgie wird nur ab einem sehr hohen Refraktionsfehler von 8 – 10 Dioptrien bezahlt. In diesen Fällen ist sie aber gar nicht so ideal geeignet. Eine Angleichung wäre wünschenswert, die Systeme arbeiten aber sehr langsam.

 

Ebenso wird beim Augentag debattiert werden, ob beim Glaukom nicht zu selten operiert wird.

Binder: Die Pharmaindustrie hat beim Glaukom vor 15 Jahren die Chirurgie verdrängt. Es werden Patienten mit verschiedenen Glaukom-Medikamenten zunehmend so lange behandelt, bis eine Operation unausweichlich erscheint. Oft kommen die Eingriffe dann aber bereits zu spät. Erst jetzt registriert man langsam, dass Schäden am Sehnerv zu verhindern wären, wenn die Operationen früher oder zahlreicher stattfänden. Zu den Glaukomoperationen ist zu sagen, dass es derzeit nicht sehr viele Variable gibt, weil dieser Zweig in der Entwicklung abgestorben ist. Jetzt wird nach einer einfachen, effizienteren und gefahrlosen Operationsmethode gesucht. Was wir zurzeit haben, ist keine Ideallösung. Solange wir keine sicher wirksamen vasoaktiven oder neurotrophen Medikamente haben, die den Sehnerv unterstützen, werden wir nach einer chirurgischen Möglichkeit suchen müssen.

 

Ein weiteres brisantes und kontroversielles Thema steht auf dem Programm: Brauchen wir Alternativen zur Anti-VEGF-Therapie?

Binder: Anti-VEGF ist eine sehr erfolgreiche Therapie der feuchten altersbedingten Makuladegeneration (AMD). Aber nur für einen gewissen Prozentsatz der Patienten. Die Studien erstrecken sich nicht über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren. Das heißt, wir wissen nicht, wie wir mit den Patienten nach dieser Zeitspanne am besten weiter verfahren. Rund 30 Prozent der Erkrankungen werden durch diese Therapie nicht besser, 30 Prozent bleiben gleich und 30 Prozent werden besser. Ich denke, wir werden uns hier um neue Alternativen kümmern müssen. Sei es, dass einige Patienten Blutungen erleiden, die chirurgisch behandelt werden müssen, eine sehr kleine Gruppe. Diese Chirurgie wäre nach meiner Meinung besser in Zentren durchzuführen. Zum zweiten bieten sich neuere Therapien an. Dazu gehört z. B. VEGF-Trap als anderes Anti-VEGF-Medikament. Dazu gehört auch eine Brachytherapie, wo mittels einer vierminütigen Strahlentherapie versucht wird, die Neovaskularisationen zum Schrumpfen zu bringen. Hier erhoffen wir uns ein dauerhaftes Resultat für den Patienten, denn die monatlichen Injektionen und Kontrollen sind eine enorme Belastung für Patienten und Abteilungen. Ganz besonders, weil im niedergelassenen Bereich diese Leistung nicht honoriert wird, und wir gerne diese Patienten nach initialer Diagnose und Therapie weiterschicken würden.

Ein ebenfalls sehr interessantes Thema ist die Frage, ob die Myopie verhindert werden kann.

Binder: Die Myopie ist wahrscheinlich die weltweit häufigste Augenerkrankung. Die Kurzsichtigkeit nimmt vor allem in jenen Ländern zu, in denen es sehr viele Studierende gibt. Eine australische Studie besagt, dass Kinder, die sich viel im Freien aufhalten, weniger leicht kurzsichtig werden als jene, die viel in geschlossenen Räumen sitzen. Man empfiehlt daher, mit diesen Kindern öfter ins Freie zu gehen und Lesepausen einzuhalten. Die Ursache der Myopie ist multifaktoriell, und zwar eine Kombination aus Genetik, dauernder Naharbeit und konstantem Angebot eines unscharfen Bildes. Der Nachweis gelang bei Hühnern, denen man Kontaktlinsen aufgesetzt hatte, damit die Tiere ein unscharfes Bild bekommen. Das Auge reagiert darauf mit Wachstum, um den Brennpunkt des Bildes ins Zentrum zu rücken. Man hat versucht, Kindern in der Schule pupillenerweiternde Medikamente zu geben, damit sich die Augen entspannen können. Das hat sich aber in großen Studien als nicht effizient herausgestellt und war auch störend für die Kinder. Singapur war bei diesen Studien führend, dort sind 80 Prozent der Kinder myop, sodass die Kurzsichtigkeit zu einem nationalen Problem deklariert wurde.

 

Die zuletzt auf dem Programm stehende Thematik der ärztlichen Fortbildungsveranstaltung ist nicht kontroversiell – die Vorsorge in der Kinderaugenheilkunde.

Binder: Es ist kein kontroversielles Thema, es geht vielmehr um die Augenvorsorge für unsere Kinder. Zwei Sprecherinnen aus verschiedenen Fachbereichen habe ich dazu eingeladen: Die Leiterin der Sehschule in der Rudolfstiftung, Doz. Dr. Ilse Krebs, spricht über die Vorsorge aus ophthalmologischer Sicht und die Leiterin der Abteilung Kinder- und Jugendheilkunde, Prof. Dr. Talin Gulesserian, über die Situation aus der Sicht des Pädiaters und welche Wünsche sie an uns Augenärzte hat.

 

Das Gespräch führte Inge Smolek.

 

www.augen.at

www.medevent.cc

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