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Foto: www.lebensministerium.at / ASFINAG, Landesregierungen
Der Online-Lärminfo zeigt den Nachtlärmindex an jedem Ort in Österreich an. Das Beispiel: nächtliche Lärmbelastung entlang der Inntalautobahn und beim Flughafen Innsbruck-Kranebitten.
 
HNO 21. April 2010

Nächtlicher Lärm: Neue Richtlinien der WHO

Mehr Engagement bei der Lärmbekämpfung gefordert – Teil 1.

Nächtliche Lärmbelastung wird heute eindeutig mit gesundheitlichen Schäden in Verbindung gebracht. Die Weltgesundheitsorganisation hat daher die Richtwerte verschärft.

„Lärm wurde bisher immer als unvermeidbare Folge speziell des Stadtlebens angesehen und nicht in demselben Maße ins Visier genommen und bekämpft wie andere Risiken“, so Dr. Rokho Kim vom WHO-Regionalbüro für Europa. Kim war für die neuen WHO-Richtlinien für Nachtlärm (Night Noise Guidelines for Europe), die Ende letzten Jahres veröffentlicht wurden, federführend verantwortlich. Er hofft, „dass die neuen Leitlinien zu einer Kultur des Lärmbewusstseins beitragen und Regierungen und Kommunalbehörden dazu veranlassen, Zeit und Geld in den Schutz der Gesundheit vor dieser wachsenden Bedrohung zu investieren.“

Neuer Richtwert: 40 dB

Der neue Richtwert für die Nacht ist ein jährlicher durchschnittlicher Geräuschpegel von maximal 40 Dezibel (dB), was etwa dem Pegel einer ruhigen Straße in einem Wohngebiet entspricht. Er ersetzt den Wert von 45 dB, der in den 1999 publizierten „Guidelines for Community Noise“ der WHO angeführt wurde. „Der Wert von 40 dB kann als medizinisch abgeleiteter Grenzwert angesehen werden, der notwendig ist, um die Allgemeinbevölkerung vor den adversen Wirkungen des Nachtlärms zu schützen“, erklärt Dr. Wolfgang Babisch vom deutschen Umweltbundesamt, einer von über 20 WissenschafterInnen, die an der Erstellung der neuen Leitlinien beteiligt waren. Nichtsdestotrotz behauptete das österreichische Verkehrsministerium zum Beispiel in einem Bescheid (zum Bau der S10-Schnellstraße in Oberösterreich) fälschlicherweise, dass es sich bei dem neuen Richtwert lediglich um „Absichtserklärungen für die Zukunft“ handle.

Wie die WHO erläutert, muss bei Werten zwischen 40 und 55 dB „ein großer Teil der Bevölkerung sein Leben anders einrichten, um mit der Lärmsituation in der Nacht umzugehen.“ Darüber hinaus können empfindliche Gruppen bei dieser Lärmbelastung nicht hinreichend geschützt werden.

Gesundheitsgefahr Lärm

Liegt der Lärmpegel langfristig über 55 dB, kann dies zu Bluthochdruck und Herzinfarkten führen, so die WHO. Als Minimalziel wird daher genannt, dass 55 dB nicht überschritten werden dürfen. „Dies ist ein Interims-Zielwert, der angestrebt werden sollte, wenn der eigentliche Richtwert von 40 dB kurzfristig nicht zu erreichen ist“, erläutert Babisch. „Der Interims-Zielwert sollte von den politischen Entscheidungsträgern nur als Übergangsziel in lokalen oder überregionalen Ausnahmesituationen verstanden werden.“

Selbst dieses Minimalziel von 55 dB wird derzeit aber oft nicht erreicht. Jeder fünfte Bürger der Europäischen Region ist laut WHO regelmäßig Lärmpegeln ausgesetzt, die darüber liegen. Einkommensschwache Bevölkerungsschichten sind davon überproportional häufig betroffen, da sie sich ein Leben in ruhigeren Wohngebieten oder ausreichend schallisolierte Wohnungen nicht leisten können. Auch in Österreich ist ein beträchtlicher Prozentsatz der Bevölkerung nächtlichen Pegeln von über 55 dB ausgesetzt, wie die Umgebungslärmkarten belegen.

Viel zu tun also für die Politik – falls sie willens ist, den aktuellen Wissensstand zum Thema „Nachtlärm und Gesundheit“ zur Kenntnis zu nehmen.

Night Noise Guidelines for Europe: http://www.euro.who.int/InformationSources/Publications/Catalogue/20090904_12

Umgebungslärmkarten für Österreich: http://www.umgebungslaerm.at

Weshalb ein „Tag gegen Lärm“?
Seit 1995 findet jedes Jahr der vom Verband der Gehörgeschädigten (League for the Hard of Hearing) initiierte „International Noise Awareness Day“, der „Tag gegen Lärm“, statt. Mit dem Tag gegen Lärm soll auf Lärm als Umweltthema aufmerksam gemacht werden.
Die lärmverursachten Gesundheitsschäden betreffen nicht nur das Gehör. Hörschäden entstehen durch regelmäßig hohe Lärmbelastungen. Bereits bei niedrigen Pegeln verursacht Lärm Stress, er stört den Schlaf, beeinträchtigt Konzentration und Kommunikation. Bei Kindern führt er zu verringertem Lernvermögen. Die Wirkung hängt nicht nur von Lautstärke und Art des Lärms, sondern auch von der Einstellung des Lärmgeplagten ab.

Von Dr. Peter Wallner, Ärzte Woche 16 /2010

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