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Foto: wikipedia / Alchemist-hp (pse-mendelejew.de
Schön und bakterizid: Silber. Die zunehmende Verwendung von Silberpartikeln zur Keimbekämpfung ist für die Umwelt problematisch.
 
Infektiologie 29. Oktober 2009

Die Welt wird versilbert

In immer mehr Konsumprodukten findet sich Silber. Die dadurch verursachten Risiken wurden bisher zu wenig beachtet.

Seit Jahrtausenden ist bekannt, dass Silber biozide Eigenschaften besitzt. Dementsprechend wird das Edelmetall bereits lange in der Medizin angewendet. Im Haushalt wurde Silber früher (in Prä-Kühlschrankzeiten) eingesetzt, um Milch länger haltbar zu machen. Dazu legte man eine Silbermünze in die Milch.

Aufgrund der antibakteriellen Wirksamkeit von Silber hat in den letzten Jahren seine Verwendung in Produkten des täglichen Lebens stark zugenommen. So wird Silber, zum Teil in nanopartikulärer Form, etwa in Socken (zwecks Abtötung geruchsbildender Bakterien und Verminderung des Schweißgeruchs), Zahnbürsten, Kämmen, Sportunterwäsche, Nahrungsergänzungsmitteln, Schnullern, Kosmetika, Intimsprays, Computertastaturen, Klobrillen, Beschichtungen, zur Wasseraufbereitung sowie in Haushaltsgeräten wie z. B. Kühlschränken eingesetzt. Dazu Prof. Dr. Franz Daschner, ehemaliger Direktor des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Freiburg: „Zurzeit rollt eine einzigartige Hygienewelle. Wir können uns mittlerweile von Kopf bis Fuß gegen die ‚bösen Bakterien’, die uns ja angeblich überall bedrohen, wehren.“ Als „Spitzenprodukt im Hinblick auf Volksverdummung“ bezeichnet der Hygiene-Experte antibakterielle Kühlschränke: „Das Silber in der Kühlschrankwand kann nur da wirken, wo enger Kontakt zu dem Nahrungsmittel besteht. Aber wer klebt schon Wurst und Käse direkt an die Kühlschrankwand?“

Antibakterielle Kühlschränke

Auch das (deutsche) Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich vor einigen Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Kühlschränke müssen regelmäßig gereinigt werden, daran ändert auch die antibakterielle Beschichtung nichts, mit der immer mehr Produkte angeboten werden“, heißt es von Seiten des Instituts. Es widerspricht damit den Anbietern, die mit einer Reduktion der Keimbelastung argumentieren. „Die Oberflächenbeschichtung mit Silber bietet keinen zusätzlichen Vorteil beim Schutz vor Keimen. Sie kann weder die Reinigung der Geräte noch die Beachtung allgemeiner hygienischer Regeln beim Umgang mit Lebensmitteln ersetzen. Auch Kühlschränke mit antibakterieller Innenraumbeschichtung sollten deshalb regelmäßig mit Wasser und herkömmlichen Reinigungsmitteln gereinigt werden.“ Neben der Frage nach der Wirksamkeit stellt sich auch die Frage nach der Unbedenklichkeit der antibakteriellen Ausrüstung. Schließlich könnte aus der Beschichtung mehr Silber auf die im Kühlschrank aufbewahrten Lebensmittel übergehen, als aus Sicht der Gesundheit wünschenswert wäre. Um dies zu verhindern, hat die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit vorgeschlagen, den Übergang von Silber auf Lebensmittel entsprechend zu begrenzen.

Generell hält das Bundesinstitut für Risikobewertung – über die Beschichtung von Kühlschränken hinaus – den Einsatz von antibakteriell wirkenden Mitteln im Haushalt für überflüssig, zumal diese den Verbraucher leicht in falscher Sicherheit wiegen können. Einen weitaus größeren Nutzen bei der Vermeidung von Lebensmittelinfektionen würde die Verbesserung des persönlichen Hygieneverhaltens und des hygienischen Umgangs mit Lebensmitteln bringen.

Nutzen-Risiko-Abschätzung

Für Doz. Dr. Hanns Moshammer vom Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Universität Wien ist es grundsätzlich „problematisch, wenn nach dem Motto ‚Gold und Silber lieb ich sehr’ der Markt mit silberhaltigen Produkten überschwemmt wird, ohne dass eine genauere Nutzenanalyse und Risikoabschätzung durchgeführt wurde.“ Notwendig wäre auch ein besserer Wissensstand darüber, wo Silber heute überall enthalten ist, sowie eine entsprechende Information der Bevölkerung.

Prof. Dr. Åsa Melhus, Abteilung für Klinische Mikrobiologie am Universitätskrankenhaus in Uppsala, befürchtet, dass durch die zunehmende Verwendung von Silber Bakterien resistent werden, „und zwar nicht nur gegen Silber, sondern auch gegen Antibiotika“. Zudem könnte es durch die Vernichtung nützlicher Bakterien zu Störungen des Ökosystems kommen. Melhus fordert daher, dass die Bevölkerung besser über die möglichen Risiken der Silberanwendungen aufgeklärt werden müsse.

Das Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hat vor wenigen Monaten ein Dossier zum Thema (Nano-)Silber veröffentlicht. Darin wird darauf hingewiesen, dass Silber nur in hohen Dosen für den Menschen und andere Säugetiere toxisch ist. Eine tägliche Zufuhr von 0,005 mg/kg Körpergewicht sollte laut den Experten nicht überschritten werden. Zu bedenken sei dabei, dass die Grenz- und Richtwerte für Silber gelten, und diese die Spezifika von Silber-Nanopartikeln, nämlich die höhere Toxizität, nicht berücksichtigen.

„Der derzeitige Trend zu Nanosilberprodukten im Alltag geht mit unbestimmtem Nutzen sowie möglichen Gefahren für Gesundheit und Umwelt einher“, fasst das Institut zusammen. So habe sich etwa gezeigt, dass Silber-Nanopartikel die menschliche Haut durchdringen können. Welche Auswirkungen dies haben könne, sei ebenso unklar wie die Folgen einer Dauerbelastung durch silberhaltige Textilien für die bakterielle Hautflora. „Die Entstehung von silberresistenten Bakterienstämmen als Folge einer breitflächigen Anwendung von Silber in niedrigen Konzentrationen ist möglich, wodurch auch die Vorteile der medizinischen Anwendungen verloren gehen könnten“, betont das Institut für Technikfolgen-Abschätzung.

Silber aus den Socken im Fluss

In Flüssen wurden um die Mitte des letzten Jahrhunderts Silberkonzentrationen von bis zu 300 mg/Liter gemessen. Das Edelmetall stammte vor allem aus den Abwässern von Minen sowie von Fotolabors. Durch strengere Umweltgesetze und den Siegeszug der digitalen Fotografie ist die Silberbelastung der Abwässer in den Industriestaaten seither stark zurückgegangen. Zuletzt hat der Silbergehalt aber – bedingt durch den zunehmenden Einsatz von Silber in Gebrauchsgegenständen – wieder zugenommen. (Aus Textilien wird das Metall zum Teil fast vollständig herausgewaschen und gelangt so ins Abwasser.)

Untersuchungen von aquatischen Lebensräumen haben freilich gezeigt, dass viele Lebewesen nur dann in Gewässern überleben können, wenn die Silberbelastung gering ist. Silber beeinträchtigt etwa die Entwicklung von Jungforellen oder wirkt sich negativ auf Kleinkrebse aus. Silber-Nanopartikel haben sich dabei als toxischer als Silberverbindungen und Silberionen erwiesen. Auch nützliche Bakterien in Kläranlagen und im Boden können durch Silber geschädigt werden.

Insgesamt fordert das Institut für Technikfolgen-Abschätzung daher strengere Regelungen für den Einsatz von Silber.

Weitere Infos:

Institut für Technikfolgen-Abschätzung: http://www.oeaw.ac.at/ita - Publikationen - NanoTrust-Dossiers

Bundesinstitut für Risikobewertung: http://www.bfr.bund.de

Von Dr. Peter Wallner , Ärzte Woche 44 /2009

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