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Abb. 1: Ohrpunkte: Die Lokalisation der Punkte folgt einem Schema, das den ganzen Körper am Ohr gleichsam abbildet.

 
Komplementärmedizin 12. September 2016

Aurikulomedizin: was, wo, wie?

Die Lösung für Therapie- resistenz! Das Problem ist bekannt: Trotz genauer Anamnese und exakter Diagnose führen sinnvolle und evidenzbasierte therapeutische Maßnahmen zu keinem Erfolg. Oft werden unnötige und teure Untersuchungen vorgenommen, und Patienten wandern von Arzt zu Arzt.

Die Aurikulomedizin (lat. auricula – das kleine Ohr) stellt ein wertvolles Werkzeug zur Überwindung derartiger Therapieresistenzen dar. Ihr Wesen besteht darin, dass Punkte am Ohr nur bei einem pathologischen Geschehen auftreten.

Temporäre Ohr-Punkte

Diese Ohrpunkte sind durch Druckempfindlichkeit, elektrischen Hautwiderstand oder den sogenannten Nogier-Reflex darstellbar. Dieser Pulsreflex, auch RAC genannt (Reflexe-auriculo-cardiaque), ist ein bei der Untersuchung am Patienten durch den Untersucher auslösbarer und tastbarer Pulsreflex. Die Lokalisation der Punkte folgt einem Schema, das den ganzen Körper am Ohr gleichsam abbildet. Eine Reizung dieser Punkte beeinflusst retrograd auch das korrespondierende Organ (Abbildungen 1 und 2).

Im Gegensatz dazu sind bei der klassischen Akupunktur alle Punkte immer vorhanden und durch einen zur Umgebung veränderten Hautwiderstand definiert.

Aurikulomedizin

Begründet von Paul Nogier (1908-1996) in Lyon, wurde die Aurikulomedizin durch Frank Bahr in München zu einem diagnostisch-therapeutischen System weiterentwickelt: Ihm verdanken wir unter anderem auch eine exakte Systematik für die Diagnose und Therapie von Störherden bzw. Störfeldern. Diese kann man als Zustände definieren, die die Regulationsfähigkeit des Organismus blockieren und meist nicht bewusst wahrgenommen werden.

Als Herde kommen vor allem Narben, Zähne bzw. Kieferareale, chronische Entzündungen sowie Störungen des Darmmikrobioms (durch pathogene Keime oder durch Allergien und Unverträglichkeiten von Nahrungsmitteln) in Betracht.

Generalisierte Störungen (z.B. durch Toxine, Mangelzustände von Mineralien und Spurenelementen) werden eher als Störfelder be- zeichnet.

Aus der Tatsache, dass am Ohr Punkte nur dann auftreten, wenn ein pathologisches Substrat an der korrespondierenden Körperstelle vorliegt, stellt die Untersuchung des Ohres und das Auffinden pathologischer Punkte ein diagnostisches Vorgehen dar. Wegen der Möglichkeit der exakten Auswahl und Lokalisation der Punkte ist die Therapie über das Ohr in Bezug auf Wirkung und Schnelligkeit des Wirkungseintritts der Körperakupunktur bei weitem überlegen.

Als Einstieg in die Störherd- diagnose und Therapie eignen sich vor allem Patienten, die an therapieresistenten Schmerzen leiden oder an Zuständen, die im eindeutigen zeitlichen Zusammenhang mit einem Ereignis wie Operation, Geburt, Zahn-/ Kieferbehandlung oder Infekt etc. stehen.

Der Untersuchungsablauf

Zunächst werden mit einem Differenzialpunktsuchgerät (Agiscop®, Pointoselect®) jene Reflexzonen untersucht, die den vom Patienten angegebenen Beschwerden entsprechen. Dabei gilt: Schmerzen in der Körpermitte projizieren sich auf das Ohr, das der Händigkeit entspricht (Rechtshänder rechtes Ohr, Linkshänder linkes Ohr). Seitliche Schmerzen zeigen ihre Projektion am homolateralen Ohr. Die gefundenen (Symptom-)Punkte werden markiert, und anschließend untersucht man die häufigsten potenziellen Herdareale:

- Tonsillen/Hals

- Nebenhöhlen

- Zähne/Kiefer

- Darm

- Urogenitalbereich

- Lunge

- Leber

- Galle In diesen Bereichen gefundene Punkte sind wahrscheinlich Störherde und die Patienten können oft erst nach gezielter Nachfrage Angaben dazu machen. Diese Punkte werden nach sorgfältiger Desinfektion am besten mit Dauernadeln gestochen. Diese können für etwa eine Woche in situ belassen und vom Patienten selbst entfernt werden. Für die anderen (Symptom-)Punkte reichen meist temporäre Nadeln, die nach 20 bis 30 Minuten wieder entfernt werden. Die Therapie wird nach ein bis zwei Wochen wiederholt, und der Behandlungserfolg zeigt sich auch am Verschwinden der Punkte.

Zusammenfassend

sind mit Hilfe der Aurikulomedizin: - Sehr rasche Erfolge auch in bisher aussichtslosen Fällen möglich.

- Durch das gezielte, kontrollierte Vorgehen erspart man den Patienten das wahllose Unterspritzen von Narben und devitalen Zähnen, wie es in der Neuraltherapie geschieht.

- Die Methode ist individuell und nimmt den hilfesuchenden Patienten in seiner Einzigartigkeit wahr.

- Mit fortgeschrittener Technik können auch die Hintergrund-Informationen der gefundenen Punkte dia- gnostiziert werden.

- Die Testung von Medikamenten auf ihren Nutzen und ihre Verträglichkeit ist möglich.

Die OGKA, Österreichischen Gesellschaft für kontrollierte Akupunktur, Graz, (www.ogka.at) bietet interessierten Kolleginnen und Kollegen Kurse in Aurikulomedizin an.

Literatur: Bahr/Strittmatter; Das große Buch der Ohrakupunktur, Hippokrates-Vlg. (mit umfangreichen weiteren Literaturhinweisen)

Dr. Peter Gründler


Peter Gründler

, komplementärmedizin 3/2016

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