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Abb. 1: Die Lehre von den Funktionen der inneren Organe zählt in der Chinesischen Medizin zum Herzstück für das Verständnis der Erhaltung von Gesundheit einerseits und dem Entstehen von Krankheiten andererseits.
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Abb. 2: Yin und Yang stellen ein Ordnungsprinzip für alles Konkrete und Abstrakte dar.

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Abb. 3: „Wer seinen Geist nährt, stirbt nicht.“ (Lao Zi)

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Abb. 5: Eine sinnliche Wahrnehmung des Chinesischen Herzbildes: „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart; hier ein Szenenbild.

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Abb. 4: Das Lesen des Gesichtes ist in der Chinesischen Medizin mindestens so wichtig, wie für die Schulmedizin das Erheben von Befunden. Die Augen spielen dabei eine wichtige Rolle.

 
Komplementärmedizin 19. Dezember 2009

Lebenskraft 气 – Herz 心 – Geist (Shen) 神

Die zentrale Bedeutung des Herzens ist seine Funktion, den Geist zu beherbergen.

Die Lehre von den Funktionen der inneren Organe zählt in der Chinesischen Medizin zum Herzstück für das Verständnis der Erhaltung von Gesundheit einerseits und dem Entstehen von Krankheiten andererseits. Die Interaktion einzelner Organe gewährleistet die reibungslosen Abläufe physiologischer Prozesse, solange keine Störungen von außen – der Umwelt, oder von innen – den Emotionen, ein Ungleichgewicht erzeugen. Während die Schulmedizin (SM) heute Organe ausschließlich nach ihrer physiologischen Funktion und Histologie betrachtet, sieht die TCM jedes Organ als vernetztes System von physischen und psychischen Funktionen untereinander und mit der Umwelt. Die traditionell chinesische Sichtweise, dass der Mensch als die Mitte zwischen Himmel und Erde, mit den Einflüssen seiner Umwelt und gleichzeitig mit seiner Innenwelt konfrontiert ist, finden wir auch in der griechischen Antike wieder. Die vorsokratische Vier-Elemente-Lehre sowie die Säfte Lehre des Hippokrates und Galen, die die Grundlage der westlichen Medizin bis ins 16. Jh. bilden, arbeiten mit den gleichen naturphilosophischen Zuordnungen.

So seltsam dieses Denkmodell für den westlichen Mediziner heute auch sein mag, zeigen doch umgangssprachliche Redewendungen, dass die Verknüpfung von Organen als Sitz unterschiedlichster Emotionen auch unserer Tradition keineswegs fremd ist. Wenn Kälte unser Blut in den Adern gefrieren lässt, so kann diese einerseits von außen, als bioklimatischer Einfluss kommen, oder durch Gefühlskälte. Wenn wir für ein wichtiges Anliegen unser Herzblut vergießen, uns vor Angst das Herz in die Hose rutscht, uns vor Freude das Herz hüpft, oder wir die Weitherzigkeit eines Menschen bewundern, haben wir bereits viele Zuordnungen des „Chinesischen Herzens“ verstanden.

Die Entwicklung des 20. Jh. führte über die Kenntnis biologischer Rückkoppelungsmechanismen, aber auch technischer Nachrichtenübertragung zu einer neuen Disziplin, der Kybernetik und weiter der Systemtheorie, die aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, den Menschen in seiner Wechselwirkung mit der Umwelt betrachtet. Aus meiner Sicht ist es durchaus legitim, das Gedankenmodell der Chinesischen Organlehre und die damit verknüpfte Betrachtung der fünf Wandlungsphasen (wu xing 五 行), das im 4. vorchristlichen Jahrhundert erstmalig schriftlich erwähnt wird, als ursprünglichstes kybernetisches Denkmodell zu sehen. Bevor ich auf das chinesische Verständnis vom Herzen näher eingehe, möchte ich noch einige Begriffe der TCM kurz erklären.

Die Hauptfunktionen der Organe …

… sind die Erzeugung, Bewahrung, Umwandlung, Verteilung und Ergänzung der vitalen Substanzen, Qi, Blut, Körperflüssigkeiten, Essenz. Jedes Organ hat einen speziellen Bezug zu Qi und Blut und steuert auf seine Weise die Dynamik des nach oben oder unten Fließens, sowie den Fluss an die Oberfläche oder Tiefe des Körpers. So heißt es in einem Zitat aus dem alten Klassiker der Chinesischen Medizin, dem Buch des Gelben Kaisers „Huang Di Nei Jing“: „Die spezifischen Funktionen des Herzens sind eng verbunden mit den Blutgefäßen, die Quintessenz davon ist die Hautfarbe …“

Die Organe, besonders die Yin Organe haben aber auch eine wichtige Funktion in der Bewältigung von Emotionen. In ebendiesem Klassiker steht: „Die Organe haben die Aufgabe, das geistige Gebiet frei zu halten.“ Damit wird klargestellt, was wir heute unter dem Begriff Psychosomatik verstehen. Emotionen sind in der Lage, Organe in ihrer Funktion zu stören und damit Symptome zu erzeugen, ohne dass am betroffenen Organ aus SM Sicht eine Pathologie fest zu stellen ist. (z. B. Panikattacken, Reizdarm, Reizblase) Sie haben aber auch ihre spezifische Möglichkeit diese Emotionen aus dem Körper zu treiben. In unsrem Kulturkreis existiert z. B. ein klares Verständnis über den Choleriker, der sich vom Ansturm seiner Emotionen durch Brüllen entlastet. Dieser Hippokratischen Temperamenten Lehre entstammt auch der Begriff des Sanguinikers, der „leichtblütige Mensch“, dem die Chinesische Medizin seit ihrer Entwicklung ca. 2500 v. u. Z., das Element Feuer, und damit das Organsystem Herz/Dünndarm zugeordnet hat.

Was verstehen wir unter dem Begriff Qi 气?

Der Begriff Qi wird als Lebenskraft, Atem, Energie, Gas übersetzt. Aus moderner Sicht können wir Qi als jene Energie verstehen, die bei Stoffwechselprozessen in Form von Wärme im Körper erzeugt wird, aber auch bei Depolarisation von Zellen als Quantenenergie entsteht. Unsere Quellen dieser Energie sind die Atemluft, die Ernährung und eine vitale Kraft, die bei der Zeugung eines neuen Lebens entsteht. Jene Vitale Kraft wird als Essenz (jing 精) bezeichnet und lässt sich sehr gut dem Begriff „genetisches Potential" vergleichen.

Anwendung in der Medizin

Die Kenntnis der Qi Dynamik ist wichtig um schulmedizinische Diagnosen auch nach TCM Diagnostik richtig deuten zu können. Im Wesentlichen können wir sagen, dass sich die meisten Befindens Störungen, also jene Probleme mit denen Patienten sich an uns wenden, die aber keinen Befund (Blutbild, US, Röntgen …) zeigen, als Qi Probleme zu bezeichnen sind. Dazu gehören, um nur einige zu nennen, Müdigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, Inappetenz, Heißhungerattacken, Gereiztheit, Melancholie, depressive Verstimmung.

Was verstehen wir unter YIN 阴 und YANG 阳?

Yin und Yang stellen ein Ordnungsprinzip für alles Konkrete und Abstrakte dar und drücken nichts Krankhaftes aus. Dem Yin wird das Innere zugeschrieben, Kälte und Leere, das nächtliche Geschehen, passives und introvertiertes Verhalten, das Statische, chronische Zustandsbilder und jedes schleichende Geschehen. Ihm entspricht der asthenische Körperbau. Yin wird auch als das Beschützende und Stabilisierende bezeichnet, weiter zählt das Unbewusste im Menschen, die Regenerationsphase im Schlaf und im Traum und damit die Reduktion auf das Wesentliche, das Empfangende, das Bewahrende und dadurch das weibliche Prinzip dazu. Yin wird durch die Mutter Erde symbolisiert, das Nährende, Erhaltende, das bewahrende Prinzip, aber auch Blut, die Körperflüssigkeiten und die Hormone zählen zum Yin.

Im Gegensatz dazu bedeutet Yang das Äußere, Wärme und Fülle, der Tag, das Licht, die Aktivität, das Erwachen, das Dynamische, Hitze, die Körperoberfläche, ein heiteres extrovertiertes Verhaltensmuster sowie jedes akute Geschehen. Ihm entspricht der athletische Körperbau. Yang wird durch den Himmel symbolisiert, die Sonne, als Kraft, die das in der Erde befindliche Potential aktiviert.

Der Mensch ist die Mitte zwischen Himmel und Erde, er braucht beide Prinzipien um leben zu können und trägt auch beide Prinzipien in sich.

Die Organe werden ebenfalls diesem Dualitätsprinzip untergeordnet: Dem Yin werden die Speicherorgane, dem Yang die Hohlorgane zugeschrieben. Immer bilden ein Yin und ein YangOrgan gemeinsam einen Funktionskreis und spiegeln damit die Einheit der Monade wieder.

Alle Yin Organe (Speicherorgane), so auch das Herz, sind für die vitalen Funktionen wichtiger sind als die Yang Organe (Hohlorgane) des Körpers. Für die TCM Therapie ist die Kenntnis seiner Organphysiologie ebenso wichtig wie das Wissen um den Verlauf seines zugehörigen Meridians inklusive der Indikationen der einzelnen Meridian Punkte. Trotzdem gibt es zwischen dem Meridian (außen) und Organ (innen) auch unterschiedliche Aufgaben.

Die Funktionen des Herzens xin 心

Das Herz wird als Regent der fünf Yin und sechs Yang Organe bezeichnet.

Es regiert das Blut – wie auch in der SM ist es verantwortlich für die Blut Zirkulation, ist das Qi des Herzens schwach, kommt es zu verminderter Durchblutung in der Peripherie (Morbus Raynauld, Hypotonie, blasse Gesichtsfarbe). Wird es durch Einwirkung von Hitze, von äußeren bioklimatischen Faktoren wie Sonne, Sauna, ernährungsbedingter Hitze wie Alkohol oder scharfen Gewürzen, oder durch innere Emotionen wie Stress, und Angst, Verlegenheit gestört, kommt es zu Erröten, Schwitzen, Palpitationen u. v. m.

Es regiert die Blutgefäße – der Zustand der Gefäße ist vom Herz Qi abhängig, dieser ist auch am Puls festzustellen, freies Fließen führt zu gesunder, rosiger Gesichtsfarbe und kräftigem Puls.

Der Zustand des Herzens zeigt sich im Gesicht, blasse Gesichtsfarbe lässt auf Qi Leere und Schwäche schließen.

Es kontrolliert das Schwitzen – einerseits über die Kontrolle der Blutgefäße (Vaso-Konstriktion/Dilatation), andererseits über seine Regentschaft des Blutes, das den gleichen Ursprung wie die Körperflüssigkeiten hat und gemeinsam mit ihnen in ständiger Wechselwirkung steht (SM: Volumen Kontrolle post OP).

Das Herz öffnet sich durch die Zunge: Damit ist die Sprache und Sprechfähigkeit einerseits, aber auch die Fähigkeit, sich seiner Umwelt zu vermitteln, gemeint. Fülle und Leere des Herzens lassen sich über Logorrhoe oder Schweigsamkeit beurteilen.

Das Herz hat eine enge Beziehung zu Schlaf und Träumen – ein „unruhiger Geist“ zeigt sich z. B. durch heftige Träume, Einschlafstörungen, Nachtschweiß.

Das Herz ist das Fundament des Geistes, shen 神

Die zentrale Bedeutung des Herzens ist seine Funktion, den Geist zu beherbergen. Wie ein guter Regent garantiert es für schöpferische Kraft und klare Einsicht um seinen Staat (alle anderen Organe) in Harmonie und positivem Wirken zu unterstützen. „Wer seinen Geist nährt, stirbt nicht.“ (Lao Zi) ist ein Satz, der nur dann nachvollziehbar wird, wenn man dieses Verständnis des Geistes unter den philosophischen Prämissen des Daoismus sehen kann. Dieser Geist Begriff Shen steht auch für Synonyme wie Kreativiät, Inspiration, Verstand, Bewusstsein, Empathie, Genialität, Optimismus und lässt sich nur dadurch erreichen, dass sich das Herz durchlässig (tong 通), also ohne Einwirken des Egos, auf die Welt, sein Gegenüber und sich selbst, einstellen kann. Ein „offenherziger“ Mensch, ist in der Lage sich auf Geschehnisse einzustellen, ohne auf den Lauf der Dinge absichtsvoll einwirken zu wollen. Dieser Zustand ist praktisch nicht leicht zu erreichen. Viel eher neigen wir Menschen dazu Ist- Zustände in Soll-Zustände verwandeln zu wollen. Die dabei als Maß dienende Grundlage ist unsere subjektive Wahrnehmung „Verbesserungen“, „Optimierungen“ vornehmen zu müssen. Wir stecken Energie hinein, unser Herzblut fließt, wir kämpfen und straucheln, wir verbrennen uns förmlich, um unsere Vorstellungen umzusetzen. Am Ende steht die Diagnose „burn out“. Das Feuer – Element Herz hat versucht, über Verbrennen einen Umstand herbei zu führen, den wir uns als das Optimum vorgestellt haben. Am Ende empfinden wir uns als leer, auf der Suche nach Sinn im Leben, ohne Selbstvertrauen, ängstlich, erschöpft.

Den Zustand des Geistes erkennen wir in den Augen

Das Lesen des Gesichtes ist in der Chinesischen Medizin mindestens so wichtig, wie für die Schulmedizin das Erheben von Befunden. Die Augen spielen dabei eine wichtige Rolle, zeigen sie z. B. durch ihr Strahlen oder durch ihren zielgerichteten Blick den Zustand des Geistes, seine Abwesenheit oder Anteilnahme, durch die Größe der Pupille, Angst oder Furchtlosigkeit an. Augen können Vertrauen oder das Gegenteil schaffen, ihre Größe verleitet uns zu Sanftheit (Kindchen Schema), oder zu Argwohn.

Der psychischer Bezug des Herzens: Liebe, soziale Kompetenz, Kommunikation, Esprit, Bewusstsein, Optimismus.

Interaktionen des Herzens, das kybernetische System

Ähnlich wie das menschliche Individuum nur durch seine Bezugssysteme zu verstehen ist, Familie, Arbeitsumfeld, soziale Strukturen (systemische Therapie), betrachtet die Chinesische Theorie der Wandlungsphasen (wu xing), die Möglichkeit verschiedener Organsysteme ungestört ihre Funktion zu erfüllen, als Interaktion aller beteiligten Systeme. Das Feuer Element Herz ist in seiner Stabilität erst dann vollständig, wenn das Erde Element (Magen/Milz) in Harmonie ist. Der Verdauungstrakt stellt die für das Herzblut nötige Energie bereit. Ist der Magen irritiert, stört er das Herz und damit die Geistfunktion (z. B. Schlafstörungen nach Überessen mit Nachtschweiß, Konzentrationsstörungen bei Hunger, Heißhunger auf Süß bei Lernphasen). Psychisch gibt uns das Erde Element das Gefühl mit sich im „Reinen“ zu sein.

Das Metall Element (Lunge/Dickdarm), steht mit dem Element Feuer psychisch dadurch in Bezug, dass es die Herrschaft über das Trennen von Verwertbarem und Unverwertbarem regiert. Die Lunge tut dies durch die Ausscheidung von C02/02, der Dickdarm im Wesentlichen über die Rückresorption von Wasser und Elektrolyten, wenn wir rein schulmedizinisch argumentieren. Dieses Setzen von Grenzen und die Urteilskraft des Trennenden dient auch als Bild für die wichtige Funktion gegenüber dem Feuer Element, das zur Ausuferung und Überschreitung von Grenzen neigt (Exzess). Zügelt des Metall das Feuer – Element nicht, kommt es zur Überschreitung des „Feuer Egos“ mittels Selbstherrlichkeit, der Charakter ist ungebremst und invasiv. Ist das Metall Element zu schwach, kann sich das Ego nur mehr schwer artikulieren. Die Frage lautet: „Wie sag ich’s meinem Kinde?“

Die Beziehung zwischen Wasser (Niere/Blase) und Feuer Element (Herz/Dünndarm) versinnbildlicht die Dichotomie zwischen Yin und Yang am Besten. Feuer kann Wasser verdunsten, Wasser löscht Feuer. Wenn also die Harmonie zwischen Yin und Yang nicht gegeben ist, gibt es ein Ungleichgewicht, das sich im Shen Bezug, also psychisch dadurch äußert, dass der Mensch den Bezug zu sich selbst verliert, wenn das Feuer dominiert und auflodert, um den Shen zu trüben (Selbstüberschätzung).

Ein Mensch, dessen Wasser das Feuer dominiert, verliert sein „Alter Ego“, in dem Sinne, dass er seinen Esprit, sein Herzfeuer verliert und stattdessen ängstlich, unentschlossen und verunsichert reagiert.

„Das Qi des Herzens fließt abwärts zu den Nieren. Wenn das Feuer des Herzens mit dem Wasser der Nieren in Verbindung ist, so herrscht Einklang zwischen Yin und Yang.“

Die Bildsprache der TCM stößt aus meiner Erfahrung sehr häufig auf Widerstände, obwohl wir aus unserem Westlich-Griechisch-Antikem Wertesystem mit identen Bildern konfrontiert sind.

Falls sie dem Bild des Herzens nach meinen Beschreibungen nicht folgen können oder wollen, möchte ich noch eine sinnliche Wahrnehmung des Chinesischen Herzbildes empfehlen. Hören sie Mozart’s Don Giovanni. Wolfgang Amadeus Mozart ist das Äquivalent der 36-löchrigen Rohrflöte, die dem Feuer Element der Chinesischen Medizin inklusive des G als Ton zugeordnet sind. Ich möchte sagen, W. A. Mozarts Musik übertrifft dieses Bild bei weitem. Die Figur des Don Giovanni, seine Selbstüberschätzung, sein Hang zum Exzess und zuletzt sein Verhängnis, versinnbildlicht in einer unvergleichlichen Tonsprache das Bild des Feuer Elements besser, als ich je darüber erzählen könnte, denn Musik ist die Sprache des Herzens.

Anwendung in der Praxis

Je nach Vorherrschen der Symptome, werden Akupunktur, chinesische Phytotherapie, Qigong, Tuina Massage und Ernährungsberatung einzeln oder kombiniert angewendet. Viele psychische Probleme des Herzens zeigen sich auch als Schmerzsyndrome der Muskulatur, besonders am Dünndarm und Blasen Meridian. Dieses als Tai Yang Achse bezeichnetes Meridianpaar deckt unter anderem die Region Nacken und Schulter ab, also genau jene Zone des M. trapezius, die wir in der Schulmedizin diagnostisch als „Cervical Syndrom“ bezeichnen. Die genauen Beobachtungen antiker Chinesischer Gelehrter über die Wechselwirkungen von Emotion/Physis, innerer Organe/äußerer Muskulatur (Yin/Yang) nehmen die Kenntnisse der Physiologie vorweg, nämlich dass das vegetative Nervensystem über seinen Einfluss auf das Gamma-Spindelsystem der Muskulatur, den Tonus derselben beeinflusst. Gleichzeitig zum erhöhten Muskeltonus des M. trapezius, verkürzt sich ventral die auxiliäre Atemmuskulatur, z. B. die Mm. pectorales, es entsteht damit eine gebückte Haltung. Diese wird von uns als Ausdruck mangelnden Selbstwertgefühls wahrgenommen, entsteht aus diesem, oder wird von ihm als Folge dieser Haltung langfristig verursacht. Akupunktur oder auch Tuina Massage an der betroffenen Muskulatur, entspannt nicht nur physisch, sondern auch psychisch. Der Versuch den Körper und damit den Geist wieder aufzurichten, ist ein wesentlicher Therapieansatz. Auch die sanften Bewegungen des Qigong, die im Rhythmus einer ruhigen Atmung vollzogen werden senken den Sympathikotonus, wirken entspannend und dehnend auf die Region der betroffenen Muskulatur. Außerdem werden die Übungen auch mit Vorstellungen versehen. Die Übung „die Brust öffnen und weitherzig sein“ soll also nicht nur die verkürzte Muskulatur dehnen, sondern auch psychische Wirkung entfalten, indem sie den Geist öffnet, Kommunikation fördert, soziale Kompetenz unterstützt. Ist das Organ Herz aus energetischer Sicht der TCM selbst betroffen, sei es z. B. durch Qi Mangel, oder Hitze und ist dadurch der shen irritiert, so werden Chinesische Kräuterrezepturen angewendet. Der große und über Jahrtausende in der Anwendung bewährte Arzneimittelschatz unterscheidet Kräuter, die Qi stärken, wie z. B. Rx Ginseng, Hitze kühlen wie Rx Salviae u. v. m. Dabei ist eine Kräuterrezeptur ähnlich zu verstehen, wie ein gut ausgewogenes Gericht. Die Summe der Bestandteile ist effektiver als die einzelnen Arzneien. Ergibt sich aus der Anamnese auch der Hinweis einer Störung des Erde Elements, wie oben angesprochen, so ist es wichtig auch die Ernährungsgewohnheiten der Patienten genau zu besprechen und, wenn nötig, den Patienten hinsichtlich einer Umstellung derselben zu beraten.

Fazit für die Praxis
Zusammenfassend ist festzustellen, dass die traditionelle chinesische Medizin präventiv und therapeutisch bei Problemen von Herz/Geist/Lebenskraft aus deren Verständnis eine sinnvolle und bewährte Therapie darstellt. Bei manifesten Erkrankungen des Herzens wie Hypertonie, Cardiomyopathie u. a. sollte TCM nur ergänzend zur Schulmedizin eingesetzt werden.

E. Wolkenstein, komplementärmedizin 4/2009

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