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© Andreas Gebert/dpa
Übermäßiger Bierkonsum kann zu psychischen und physischen Erkrankungen führen, jedenfalls für reges Betriebsaufkommen in den Notaufnahmen. BAK-Werte über 2 Promille bedürfen einer erheblichen Alkoholaufnahme, und sind ein Biergarten- und Bierfest-übliches
 
Intensiv- und Notfallmedizin 21. September 2015

Fünf Krügerln in Ehren

Expertenbericht: Angetrunkene machen häufig falsche Angaben über ihren Alkoholkonsum.

O’zapft is: Das Oktoberfest in München und die Wiener Wiesn öffnen ihre Tore. Die Ärzte werden vermehrt mit Patienten konfrontiert, die stark über den Durst getrunken haben, aber behaupten, dass es „doch nur ein paar Bier“ waren. Klingt zweifelhaft? Überprüfbar sind solche Angaben mit der sogenannten „Widmark-Formel“.

Alkohol, genauer: Ethanol C₂H₅OH, ist ein in unserer Gesellschaft breit akzeptiertes Genussmittel. In den vergangenen Jahren lag der durchschnittliche jährliche Konsum in Deutschland bei knapp zwölf Litern reinen Alkohols/Einwohner. Zum Vergleich: Neun Prozent der Österreicher trinken vier Mal oder öfter pro Woche Alkohol. Die Jahres-Konsummenge von 12,2 Liter reinem Alkohol ist im EU-Vergleich ein Spitzenwert. In Getränken ausgedrückt wären dies mehr als 500 Halbe Bier oder 500 Viertel Wein.

Gerade jetzt in der spätsommerlichen Zeit finden Veranstaltungen wie das Münchner Oktoberfest statt, auf denen der Alkoholkonsum eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Das übermäßige Trinken kann zu psychischen und physischen Erkrankungen führen, ärztliche Konsultationen bei alkoholinduzierten akuten und chronischen Erkrankungen sind häufig. Die anamnestischen Angaben der Patienten sind hierbei hinsichtlich des Konsums nicht selten ungenau und verharmlosend – ein „paar Bierchen“ als Erklärung für gemessene 2,43 Promille –, sodass der Arzt zur Verifikation / Falsifikation der Aussagen Grundkenntnisse der Ethanol-Pathophysiologie benötigt. Die Aufnahme alkoholischer Getränke erfolgt meist peroral; eine inhalative („Flasche im Auto zerbrochen“), vaginale („getränkter Tampon“) oder transdermale (Wadenwickel) Aufnahme wird behauptet, spielt in der Praxis jedoch keine große Rolle. Infolge analer Zufuhr (Ethanolklistier bei „Kneipenwette“) wurden tödliche Verläufe beobachtet.

Die intravenöse Applikation ist für wissenschaftliche Experimente zur Ethanolpathophysiologie mit Ausschaltung der gastrointestinalen Einflüsse von Relevanz.

Der Hauptresorptionsort des getrunkenen Ethanols ist aufgrund seiner großen Oberfläche der Dünndarm, die Aufnahme erfolgt per diffusionem. Via Pfortader / Leber gelangt der Alkohol in den kleinen, dann in den großen Kreislauf und wird im Körper, nicht nur im Blut, verteilt. Als Verteilungsraum sind die wässrigen Kompartimente anzusehen, je nach Körperstatur bei Männern im Mittel 70 Prozent, bei Frauen 60 Prozent der Körpermasse.

Der Gipfelwert der Blutalkoholkonzentration (BAK) wird bei Trinkverläufen kurz nach dem Trinkende, bei starker Alkoholaufnahme und Resorptionsverzögerung u. U. auch erst nach zwei Stunden erreicht. Bedingt durch First-Pass-Effekte und regionale Stoffwechselvorgänge erscheint in Abhängigkeit von Alkoholika, Trinkvolumen und -zeit sowie der Magenfüllung eine Teilmenge von bis ca. 30 Prozent des Alkohols nicht im „Blutwert“. Diese Fehlmenge wird als „Resorptionsdefizit“, besser als Alkoholdefizit, bezeichnet und ist bei der rechnerischen Bilanzierung zu berücksichtigen.

Bereits mit der ersten Aufnahme des Alkohols beginnt auch dessen Elimination. Nach Abschluss der Resorption und Distribution wird an der Verlaufskurve der dann linear abfallenden BAK sichtbar, dass die Elimination einer Reaktionskinetik 0.ter Ordnung unterliegt, erst unter ca. 0,15 g / kg (= ‰) ist ein exponentieller Kurvenverlauf zu unterstellen. Verantwortlich ist die Alkoholdehydrogenase (ADH) der Leber bzw. deren limitierende Begleitreaktion (Bereitstellung von Nicotinamidadenindinukleotid). Ethanol wird über Acetaldehyd letztlich in den Zitronensäurezyklus eingeschleust und zu CO₂ und H₂0 abgebaut.

Die Eliminationsrate ist intraindividuell konstant, sie liegt bei 0,1–0,25 Promille in der Stunde. Nach neueren Studien kann ein Wert von 0,17 Promille (Männer) bzw. 0,19 Promille (Frauen) angenommen werden. Höhere Abbauraten (bis ca. 0,36 ‰) werden bei chronischen Trinkern beobachtet. Hier ist von einer Enzyminduktion des MEOS (Mikrosomales Ethanol-oxidierendes System) auszugehen. BAK-Werte über 2 Promille bedürfen einer erheblichen Alkoholaufnahme, und sind ein nicht Biergarten-unübliches Trinkverhalten, das eine Führerschein gefährdende Alkoholisierung zur Folge hat.

Den Berechnungen zugrunde liegt die sogenannte „Widmark-Formel“, die die Alkoholmenge in Bezug zum Verteilungsraum (VR) setzt. Dieser berechnet sich als Produkt der Körpermasse mit dem Verteilungsfaktor r (0,6 bei Frauen, 0,7 bei Männern). Aus dem Quotienten der aufgenommenen Alkoholmenge und der reduzierten Körpermasse ergibt sich eine theoretische BAK (C0-Wert), noch ohne Berücksichtigung der während des Trinkvorgangs eliminierten Alkoholmenge.

Prof. Dr. Matthias Graw ist Vorstand des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München.

Der ungekürzte Originalartikel „Wie viel Alkohol hat Ihr Patient wirklich intus?“ ist erschienen in „MMW – Fortschritte der Medizin“ 15/2015, © Springer Verlag.

Matthias Graw, Ärzte Woche 39/2015

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