zur Navigation zum Inhalt
© RioPatuca Images/fotolia.com
Mit spezifischen Psychotherapien haben magersüchtige Patienten realistische Chancen auf Heilung.
 

Was hilft bei Magersucht?

Neue Verfahren der Psychotherapie zeigen nachhaltige Wirkung.

Eine Magersucht lässt sich in den meisten Fällen durch eine Psychotherapie bessern. Dies belegt die weltweit größte Therapiestudie, die an deutschen Universitäten durchgeführt wurde. Die Studie verglich erstmals die herkömmliche Psychotherapie mit zwei neuen Verfahren, die speziell für die ambulante Behandlung entwickelt wurden.

Bei der Magersucht, Anorexia nervosa, helfen keine Medikamente und kein gutes Zureden. Sie ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate: „Unbehandelt sterben etwa fünf von 100 Patienten innerhalb von zehn Jahren – meist sind es Mädchen oder junge Frauen“, berichtet Prof. Dr. Wolfgang Herzog, Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik, Universität Heidelberg, und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM). Damit ist die Magersucht die gefährlichste aller psychischen Erkrankungen. Betroffene leiden zudem oft ihr ganzes Leben lang unter psychischen oder körperlichen Folgen.

Eine Heilungschance bietet heute allein die Psychotherapie, doch die Wirkung der schätzungsweise 75 unterschiedlichen Therapieformen ist laut Herzog niemals streng wissenschaftlich untersucht worden. Überzeugende Untersuchungen zu spezifischen Therapieprogrammen fehlen bislang. Außerdem ist weitgehend ungeklärt, welche Form der Psychotherapie am effektivsten ist.

Drei Behandlungsgruppen

Die ANTOP-Studie (Anorexia Nervosa Treatment of Out Patients) betrat hier Neuland: Psychosomatische Ärzte haben an zehn Universitätskliniken zwischen 2007 und 2011 erstmals drei unterschiedliche Therapien miteinander verglichen.

Die 242 erwachsenen Frauen mit Magersucht wurden insgesamt 22 Monate (10 Monate Therapie und 12 Monate Nachbeobachtung) begleitet. Bei allen Patientinnen führten speziell ausgebildete Psychotherapeuten die Therapien durch. Die Hausärzte waren informiert und in die Behandlungen eingebunden. Nach dem Zufallsprinzip wurden die Patientinnen auf drei Gruppen verteilt:

Intensive Regelversorgung. Die Standard-Psychotherapie wurde als optimierte Regelversorgung von erfahrenen Psychotherapeuten durchgeführt. Ergänzend waren die Hausärzte in die Therapie eingebunden; die Patientinnen besuchten außerdem fünfmal das jeweilige Studienzentrum.

Kognitive Verhaltenstherapie. In den beiden anderen Gruppen kamen zwei speziell für die Anorexie entwickelte Psychotherapien zum Einsatz: zum einen eine Variante der kognitiven Verhaltenstherapie: „Hier werden die Patienten zunächst über ihre Erkrankung aufgeklärt, danach erlernen sie spezielle Techniken, um ihr Essverhalten zu normalisieren“, berichtet Prof. Dr. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen. Die kognitive Verhaltenstherapie hat zwei Schwerpunkte: die Normalisierung des Essverhaltens und Gewichtssteigerung sowie die Bearbeitung der mit der Ess-Störung verbundenen Problembereiche, z. B. Defizite bei sozialer Kompetenz oder bei der Fähigkeit, Probleme zu lösen. Die Patienten erhalten auch „Hausaufgaben“ von ihren Therapeuten.

Fokale psychodynamische Psychotherapie. Die zweite Spezialtherapie bestand in einer fokalen psychodynamischen Psychotherapie, eine Weiterentwicklung der Psychoanalyse. Sie sucht nach den tiefer liegenden Ursachen der Essstörung. „Psychotherapeut und Patientin gehen den inneren Konflikten und emotionalen Auslösern der Erkrankung auf den Grund“, erklärt Herzog.

Für beide Therapien hatten die Studienleiter gemeinsam mit internationalen Ess-Störungsexperten im Vorfeld der Studie Behandlungsmanuale entwickelt, die es den Therapeuten ermöglichen, die Behandlung auf einem hohen professionellen und vergleichbaren Standard durchzuführen. Sie umfassten 40 ambulante Einzelsitzungen über zehn Monate.

Realistische Chancen auf Heilung

Die magersüchtigen Patientinnen, die zuvor im Durchschnitt nur 46,5 Kilo wogen, legten langsam, aber stetig an Gewicht zu. Und in allen drei Studienarmen setzte sich die Erholung nach dem Ende der Therapie bis zu einem weiteren Jahr Nachbeobachtung fort. Der BMI hatte durchschnittlich um 1,4 (entspricht durchschnittlich 3,8 kg) zugelegt.

„Insgesamt zeigten die beiden neuen Therapieformen im Vergleich zur optimierten Standardtherapie Vorteile“, sagt Zipfel. „Am Ende unserer Studie war die fokale psychodynamische Therapie am erfolgreichsten.“ Sie zeigte ein Jahr nach Ende der Behandlung die günstigste Gesamtheilungsrate. Außerdem mussten die Patientinnen unter fokal psychodynamischer Therapie seltener zusätzlich in der Klinik behandelt werden. Die spezifische kognitive Verhaltenstherapie führte demgegenüber zu einer schnelleren Gewichtszunahme.

Die Akzeptanz der beiden neuen Psychotherapien war bei den Patientinnen sehr hoch. Dennoch litt auch ein Jahr nach Ende der Therapie ca. ein Viertel der Patientinnen immer noch unter dem Vollbild der Magersucht.

Fazit

Die Studie zeigt: Erwachsene Patientinnen haben durch die spezifischen Psychotherapien eine realistische Chance auf eine Heilung oder zumindest nachhaltige Besserung. Doch das gilt nicht für alle. „Trotz der erfolgreichen Verläufe litt auch ein Jahr nach Ende der Therapie ein Viertel der Patientinnen noch immer an einer voll ausgeprägten Magersucht“, berichten Zipfel und Herzog. Entscheidend sei es daher vor allem auch, die Warnzeichen wie etwa ein stetig sinkendes Körpergewicht rechtzeitig zu erkennen und frühzeitig zu behandeln.

Originalpublikation: Zipfel et al.: The Lancet 2013, published online October 14

DGPM/idw/CL, Ärzte Woche 44/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben