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©  Jet Chen Ten / iStockphoto
Für schwerabhängige Patienten ist eine Substitutionstherapie eine der letzten Chancen.
 

Stigma Substanzabhängigkeit

Die Suchterkrankung gilt als eine der schwersten psychiatrischen Erkrankungen, die aber laut Experten erfolgreich behandelt werden kann.

In Österreich liegt laut Berechnung des Gesundheitsministeriums bei etwa 30.000 bis 34.000 Personen ein „problematischer Drogenkonsum“ vor, davon unterziehen sich 16.782 einer Opioid-Erhaltungstherapie, die durch qualifizierte Ärzte zu erfolgen hat. Beim 3. Interdisziplinären Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee wurden die medizinischen, psychologischen, psychosozialen und juristischen Aspekte der Suchterkrankung beleuchtet.

Zentrale Themen dieses Symposiums waren Suchtdiagnostik und -therapie, Schmerztherapie von Patienten, die sich in der Opioid-Erhaltungstherapie befinden, sowie strafrechtliche Aspekte und Risiken für Ärzte, die opioidabhängige Patienten betreuen.

Weiters wurde auch das neue „Quality Patient Care Network“ (QPCN) vorgestellt, das eine internationale standardisierte, qualitätsgesicherte Ausbildung zur Diagnostik und Behandlung der Suchterkrankung darstellt und in Österreich ab sofort implementiert werden soll.

Einig waren sich die Experten auch darüber, dass die Behandlung der Suchterkrankung primär eine Aufgabe der Medizin, also ein Gesundheitsproblem ist, und nicht Aufgabe der Justiz sei. Als weiterer wichtiger Aspekt wurde festgehalten, dass eine österreichweite einheitliche Drogenstrategie zur Suchterkrankung unumgänglich für eine Optimierung der Situation für die Betroffenen, die behandelnden Ärzte als auch die involvierten Ministerien sei.

Substanzabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung

„Das Gesamtbild für österreichische Suchtpatienten ist im Vergleich zu anderen Ländern der EU als sehr gut zu bezeichnen, allerdings herrscht in unserem Land ein Mangel an evidenzgesicherten Zahlen zur Substanzabhängigkeit insgesamt. Wir wissen nicht, wie viele Personen von welcher Substanz abhängig sind, im Bereich der Opioidabhängigkeit sind nach Schätzungen nur etwa 50 Prozent der Betroffenen in entsprechender Behandlung“, betonte Prof. Dr. Gabriele Fischer, Leiterin der Drogenambulanz, Suchtforschung und -therapie der Medizinischen Universität Wien. Zusätzlich muss ihrer Meinung nach zwischen den Ministerien für Gesundheit, Justiz und Inneres ein professionalisierter Dialog nicht nur zum Daten- und Faktenaustausch etabliert werden, der sich künftig auch in Richtung Ökonomie erweitern soll, sondern vor allem ein vereinheitlichter Kenntnisstand des Wissens etabliert werden.

Zwei Drittel der Kosten im Bereich der illegalen Substanzabhängigkeit resultieren aus indirekten Kosten (beispielsweise. Kriminalität, Erwerbsunfähigkeit) und ein Drittel aus dem Medizinbereich. Je früher Diagnose und Therapieumsetzung, optimalerweise durch Psychiater, je geringer die Folgekosten.

Rund 60 Prozent der Patienten leiden auch zusätzlich an psychiatrischen Erkrankungen. „Die enge Zusammenarbeit zwischen Allgemeinmedizinern, Psychiatern bzw. Klinischen Psychologen ist eine Voraussetzung zur Optimierung dieser Schnittstellen im System“, stellte Fischer klar.

Nach wie vor werden Suchterkrankte von der Gesellschaft jedoch stigmatisiert, das betrifft sogar behandelnde Ärzte. Durch die Ausgrenzung der Patienten und des Suchtproblems im Allgemeinen entstehen in der Gesellschaft hohe Folgekosten und bei Betroffenen und deren Familien viel Leid. Die Suchterkrankung gilt als eine der schwersten psychiatrischen Erkrankungen, die es gilt, qualifiziert in das Gesundheitssystem zu integrieren, um neben einem verbesserten Behandlungszugang auch eine Entstigmatisierung zu erreichen“, so Fischer.

Widersprüchlicher Umgang mit Suchtmitteln

Für Prof. Alois Birklbauer, Leiter der Abteilung Praxis der Strafrechtswissenschaften und Medizinstrafrecht an der Johannes-Kepler-Universität Linz, agiert der Staat beim Umgang mit Suchtmitteln widersprüchlich: „In Österreich ist der Konsum von Suchtgift nicht strafbar, sondern als ‚Suchtgiftmissbrauch‘ die Basis für eine gesundheitsbezogene Maßnahme. De facto kann man aber nur konsumieren, wenn man besitzt und das Besitzen ist strafbar. An diesem Punkt wird die Sucht mit der Kriminalität verknüpft“, so Birklbauer. Weiters kritisiert er das vom Gesetzgeber nur halbherzige Bekenntnis zu „Therapie statt Strafe“: „Dieser Grundsatz baut auf einem kriminalisierten Verhalten auf. Der Erfolg des Konzeptes, Strafe als Druckmittel für die Bereitschaft zu einer Suchttherapie einzusetzen, ist enden wollend und nicht der richtige Weg. Es wäre an der Zeit, sich weitgehend von der Kriminalisierung des Suchtmittelbesitzes und -erwerbs für den eigenen Bedarf zu verabschieden“, erklärte Birklbauer.

Stärkere Vernetzung

Eine Ausweitung des Angebots qualitätsbezogener psychosozialer Einrichtungen und eine noch bessere Vernetzung zwischen den niedergelassenen Ärzten und den Suchthilfeeinrichtungen in verschiedenen Regionen forderte Dr. Ursula Hörhan Geschäftsführerin der Fachstelle Suchtprävention und Suchtkoordinatorin in Niederösterreich. In Hinblick auf den Datenschutz und die Verschwiegenheitspflicht, die in den verschiedenen Berufsbildern und im §15 Suchtmittelgesetz verankert ist, gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und stationären Bereich wie auch zwischen Ärzten, Amtsärzten, Apotheken, den Suchthilfeeinrichtungen und der Polizei jedoch immer schwieriger.

Bekenntnis zu Opioid-Erhaltungstherapie und Prävention

„Auch aus Sicht der Sozialversicherung müssen Suchterkrankungen als solche im Gesundheitssystem behandelt und die Opioid-Erhaltungstherapie als Krankenbehandlung gemäß ASVG eingestuft werden – auch wenn die Opioid-Erhaltungstherapie nicht notwendigerweise und in allen Fällen eine vollständige Abstinenz zum Ziel haben kann“, erläuterte Dr. Christoph Klein, stv. Generaldirektor des Hauptverbands der Österreichischen Sozialversicherungsträger. Schon allein die Stabilisierung und Festigung der Gesundheit der Patienten weise eine hohe Rentabilität für die Sozialversicherungen auf, so Klein. Er verwies auch auf die ab Sommer verfügbaren, von der Sozialversicherung herausgegebenen Rezeptformularen, welche die Qualität und Ökonomie der Substitutionsmittelverschreibungen nachvollziehbar machen sollen und kündigte einen Dialog zwischen Sozialversicherung und der Substitutionsmedizin über die daraus resultierenden Erkenntnisse an.

Auf die Wichtigkeit der Präventionsarbeit verwies General Franz Lang, Direktor des Bundeskriminalamts. Es müsse an der Ursache des Problems angesetzt werden, also vor allem im pädagogischen Bereich und ein frühes Greifen des Gesundheitssystems sichergestellt werden. Dies setzt voraus, dass mit Methoden „State of the Art“ die Art und die Regelmäßigkeit des Suchtmittelkonsums diagnostiziert wird und darauf aufbauend die richtigen Maßnahmen gesetzt werden.

Ökonomische Aspekte der Suchterkrankung

Aus Sicht der Gesundheitsökonomie stellt laut Dr. Anna Vavrovsky MSc, Managing Partner der Academy for Value Health GmbH. die Opioid-Erhaltungstherapie durchaus eine kosteneffektive Behandlungsoption dar, da die Kriminalität reduziert und durch den Ansatz der Stabilisierung der Patienten Produktivitätsverluste eingegrenzt werden. Allerdings bemängelte auch Vavrovsky die Datenlage, die in Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern sehr schlecht sei. Eine evidenz-basierte nationale Drogenstrategie könnte dazu beitragen, die Kosten weiter zu senken.

3. Interdisziplinäres Symposium zur Suchterkrankung in Grundlsee 2013 8. bis 9. März 2013

Daten und Fakten

  • In Österreich sind nach Angaben des Gesundheitsministeriums zwischen 30.000 und 34.000 Menschen suchtkrank. Mehr als die Hälfte der Betroffenen unterzieht sich einer Substitutionstherapie. Ein Großteil – rund 55 Prozent – ist dabei auf retardierte Morphine eingestellt.
  • Auf einen substituierenden Arzt kommen im Schnitt 36 Suchtpatienten.
  • Dauerhafte Abstinenz wird nur bei fünf Prozent der Patienten erreicht; insgesamt brechen zwischen zehn und 20 Prozent die Therapie gänzlich ab.
  • Die Ausgaben der Krankenkassen für Ersatzdrogen sind in den vergangenen Jahren drastisch gestiegen – von 8,9 Millionen Euro im Jahr 2003 auf zuletzt 26 Millionen Euro im Jahr 2011. Das entspricht einer Steigerung von 258 Prozent.
  • Derzeit befinden sich nur ca. zehn Prozent der Betroffenen in begleitender psychosozialer Betreuung.
  • Retardierte Morphine haben weniger Nebenwirkungen als andere Substanzen. Zudem werden sie von Suchtkranken bevorzugt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt zwar die Verwendung von Methadon, dieses wird aber nicht von allen Suchtkranken akzeptiert.
  • Nur 0,14 Prozent der verschriebenen retardierten Morphine landen tatsächlich auf dem Schwarzmarkt.
  • Die Lebenserwartung von Suchtkranken steigt: Waren im Jahr 2002 noch 1.030 Menschen über 40 in Substitutionsbehandlung, so sind es zehn Jahre später bereits 2.870 Personen. Die Behandlung ermöglicht den Betroffenen ein längeres Leben bzw. ein Überleben der Erkrankung.
  • Die Zahl jugendlicher Patienten ist rückläufig – von 190 (2002) auf neun (2012).

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