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Keine Charakterschwäche

Alkoholabhängigkeit ist eine psychische Erkrankung. Galt jedoch bis vor Kurzem die absolute Alkoholabstinenz noch als einziges Therapieziel, wird heute auch Alkoholreduktion oder moderater Alkoholkonsum angestrebt.

340.000 Österreicher sind Alkohol-krank, weitere 760.000 konsumieren für die Gesundheit riskante Alkoholmengen. Der neu gegründete Verein „Alkohol ohne Schatten“ will enttabuisieren und Bewusstsein dafür schaffen, dass Alkoholabhängigkeit keine „Charakterschwäche“ ist, sondern eine möglichst frühzeitig zu behandelnde psychische Erkrankung.

Die Lebenserwartung alkoholabhängiger Frauen ist um durchschnittlich 20 Jahre, die von Männern um 17 Jahre verringert. „Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht jedoch eine Einstellungsänderung bei den Betroffenen und beugt Schädigungen in späteren Phasen der Abhängigkeit vor“, so Prof. Dr. Michael Musalek, Institutsvorstand und ärztlicher Leiter am Anton Proksch Institut in Wien. Bis zu 75 Prozent der Frauen und mehr als 50 Prozent der Männer, die sich in stationäre Therapie begeben, weisen bereits zumindest eine komorbide Störung auf. Viele von ihnen haben mindestens zwei zusätzliche psychische Erkrankungen, besonders häufig Depressionen und Angststörungen.

„Der Verein „Alkohol ohne Schatten‘ hat sich daher zum Ziel gesetzt, im Zusammenhang mit problematischem, gesundheitsschädigendem Alkoholkonsum auf möglichst breiter Basis zu enttabuisieren, zu informieren und zu helfen“, so Vereins-Präsident Musalek. „Ziele sind auch Verbesserungsvorschläge für die Früherkennung und frühzeitige Therapie und die Entwicklung von Maßnahmen, die Menschen dabei unterstützen, einen genussvollen, nicht selbstschädigenden Umgang mit Alkohol zu erlernen.“

Alkohol kann langfristig eine Reihe von Organen schädigen

„Bei zunehmender Alkoholmenge steigt das Risiko für Mund- und Kehlkopfkrebs auf das 5,4-Fache, für Speiseröhrenkrebs auf das 4,4-Fache, für Leberkrebs auf das 3,6-Fache und für Brustkrebs auf das 1,6-Fache. Auch Krebs im Magen oder Darm sowie der Bauchspeicheldrüse treten bei regelmäßigem, hohem Alkoholkonsum häufiger auf“, betonte Prof. Dr. Bernhard Ludvik von der Univ.-Klinik für Innere Medizin III der, MedUni Wien.

Das frühe Stadium alkoholbedingter Lebererkrankungen ist die alkoholbedingte Fettleber. Bei Alkoholverzicht können sich die Veränderungen zurückbilden. Die Alkohol-Hepatitis entsteht, wenn eine bestehende Fettleber durch massiven Alkoholkonsum weiter belastet wird. Die alkoholbedingte Leberzirrhose führt zu irreversiblen Veränderungen des Lebergewebes.

Alkohol-Dauerkonsum schädigt aber auch Herz und Gefäße, u. a. durch Bluthochdruck und erhöhte Triglycerid-Werte. Damit steigt das Schlaganfall-Risiko. Außerdem hat Alkohol viele Kalorien, die sich als Übergewicht auswirken. Bei Menschen mit Diabetes kann Alkohol zur Unterzuckerung führen, dauerhafter Alkoholkonsum in größeren Mengen schwächt das Immunsystem.

Spätfolgen sind die Schädigung der Gehirnzellen und der peripheren Nerven, aber auch schwere Störung der Sexualhormone.

Schlüsselrolle bei frühzeitiger Diagnose

Sehr oft sind es Hausärzte, die als Erste die Symptome eines Alkoholproblems bei einem Patienten entdecken. „Wir kennen unsere Patienten oft seit vielen Jahrzehnten. Das ermöglicht, eine frühe negative Entwicklung auf dem Weg zur Abhängigkeit zu erkennen,, aber auch bei fortgeschrittenem Alkoholmissbrauch die Dramatik einer Situation für Patient und familiäres Umfeld einzuschätzen“, so Dr. Barbara Degn von der Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin .

Besteht der Verdacht, sollte dieser mittels Fragebogens wie AUDIT überprüft werden. „Erhärtet sich der Verdacht, so können wir in einer verständnisvollen Atmosphäre aufklären und erste Schritte zu einer speziellen weiterführenden Behandlung setzen“, so Degn. „Hausärzte haben hierbei vielfach eine Schlüsselrolle: bei der frühzeitigen Diagnose, aber auch dabei, Patienten zu einer Verhaltensänderung oder einer Behandlung zu motivieren und bei dieser Therapie zu begleiten.“ Allerdings gibt es aus der Sicht der Allgemeinmedizin im Gesundheitssystem im Zusammenhang mit der Therapie der Alkoholabhängigkeit noch eine Reihe von Schwachstellen. „Es gibt zu wenige Einrichtungen, die auf die kompetente Therapie alkoholkranker Menschen spezialisiert sind“, so Degn: „Wir benötigen mehr ambulante und stationäre Anlaufstellen für jene Patienten, denen wir Allgemeinmediziner aufgrund der Schwere ihrer Alkoholkrankheit nicht ausreichend helfen können. Es gibt zu wenig Psychiater, viele Patienten brauchen eine Psychotherapie, doch Kassenplätze sind rar. Auch das oft sehr aufwändige Bemühen um geeignete Medikamente und die dafür erforderlichen Diskussionen mit dem Chefarzt sind ein Problem. Und schließlich sei das oft sehr zeitaufwändige ärztliche Gespräch mit diesen Patienten nicht entsprechend honoriert.

Umdenken in der Behandlung der Alkoholkrankheit?

In der Behandlung der Alkoholabhängigkeit findet derzeit ein Umdenken statt. „Galt noch bis vor Kurzem die absolute Alkoholabstinenz als einziges Ziel, so wird heute auch Alkoholreduktion oder moderater Alkoholkonsum angestrebt“, so Musalek. „Totale Abstinenz ist ein Therapieziel, das manche Menschen nicht erreichen können, und außerdem für viele keine attraktive Vorstellung. Für sie ist eine Dosisreduktion als ein erstes sinnvolles Teilziel anzusehen.“

Besteht bereits eine körperliche oder starke psychische Abhängigkeit, und liegt bereits ein Entzugssyndrom vor, bleibt Abstinenz ein unverzichtbares Therapieziel. Doch für jene, die das nicht erreichen, kann selbst im Spätstadium eine Reduktion sinnvoll werden, weil damit zumindest einige körperliche Schäden reduziert werden, erklärte Musalek. „Wir brauchen realistische, individuell abgestimmte Ziele für jeden Kranken. Das eigentliche Therapieziel ist heute ein autonomes und freudvolles Leben. Jede graduelle Annäherung an dieses Ziel ist demnach als Erfolg zu werten.“

Was im Zusammenhang mit Abhängigkeit und Sucht noch immer weitgehend fehlt, ist nach Meinung des Experten jedoch ein Diskurs über das Thema Genuss. Im Kontext des Alkoholkonsums ist dieser Diskussions- und Lernprozess besonders wichtig, weil es hier einige Besonderheiten gibt: Alkohol hat eine Reihe von Wirkungen, die seinen Genuss problematisch machen. Die enthemmende Wirkung fördert einen oft ungewollten übermäßigen Konsum, was in die Abhängigkeit führen kann, die anästhesierende Wirkung wiederum reduziert die Erlebnisfähigkeit und den Genuss. Jeder Mensch muss individuell erlernen, wie er damit umgeht. Hier gibt es noch wenig Bewusstsein, doch dieses brauchen wir“, so Musalek.

Information unter:

www.alkoholohneschatten.at  

Quelle: Pressegespräch „Alkohol ohne Schatten“,, 26. Juli 2012, Wien

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