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Dr. Dieter Geyer Fachklinik Fredeburg in Schmallenberg, Hochsauerland, Deutschland
Foto: ©iStockphoto.com/TerryJ

Alkoholbezogene Störungen können Ältere lange verheimlichen. Wenn der Hausarzt dann auch noch wegsieht, wird eine Behandlung schwierig.

 
Allgemeinmedizin 28. März 2012

„Sucht im Alter ist kein Randproblem“

Verharmlosen, verleugnen, tabuisieren — geht es um Suchtkrankheiten älterer Menschen, verhindert diese unselige Trias noch häufig wirksame Hilfe.

Die Zahl der Betroffenen ist beachtlich. Doch die Chancen, von der Sucht loszukommen, sind gerade bei Senioren besonders gut. Über die Alkohol- und Medikamentensucht im Alter sprachen wir mit Dr. Dieter Geyer, dem Leitenden Arzt der Fachklinik Fredeburg in Schmallenberg, Hochsauerland, einem der führenden Experten auf diesem Gebiet in Deutschland.

 

Wenn wir von Suchterkrankungen, speziell der Alkohol- und Medikamentensucht älterer Menschen sprechen, mit welcher Größenordnung haben wir es dann zu tun? Ist das nicht ein Randproblem?

Geyer: Keineswegs. Allein was den Alkohol angeht, müssen wir bei den über 60-Jährigen von einem riskanten Konsum bei rund 26 Prozent der Männer und etwa acht Prozent der Frauen ausgehen – bei einem Bevölkerungsanteil dieser Altersgruppe von gut 22 Prozent. Riskant heißt laut WHO: mehr als 30 g Alkohol pro Tag für Männer und mehr als 20 g für Frauen. Im geriatrischen Bereich gelten aber eigentlich schon 14 g als Grenze. Ein Alkoholproblem haben in dieser Altersgruppe zwei bis drei Prozent der Männer und ein halbes bis ein Prozent der Frauen.

 

Das sind erschreckende Zahlen. Wie sieht es bei der Medikamentenabhängigkeit aus?

Geyer: Zwischen fünf und zehn Prozent der über 60-Jährigen haben einen problematischen Gebrauch von psychoaktiven Medikamenten bzw. Schmerzmitteln. Sie müssen bedenken, dass die Verordnungen von Psychopharmaka mit zunehmendem Alter deutlich ansteigen.

 

Um welche Substanzen handelt es sich vorrangig?

Geyer: Da sind zum einen die Benzodiazepine als Beruhigungsmittel und die so genannten Z-Drugs, also Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon, die schlafanstoßend wirken, aber auch Analgetika mit Suchtpotenzial, etwa Opiate. Bei den Benzodiazepinen steigt die Zahl der Verordnungen mit dem Lebensalter exponenziell. Es gibt Studien, wonach rund 22 Prozent der Bewohner von Heimen Benzodiazepine einnehmen. Bei den zu Hause Lebenden sind es rund 14 Prozent.

 

Wie sieht die Situation in Alten- und Pflegeheimen denn generell aus?

Geyer: Wir müssen davon ausgehen, dass 25 Prozent der Männer und fünf Prozent der Frauen in stationären Einrichtungen alkoholabhängig sind. Die Betroffenen stehen häufiger unter gesetzlicher Betreuung und verfügen über geringere soziale Ressourcen. Bei der Aufnahme sind sie durchschnittlich 62 Jahre alt. Zum Vergleich: Nichtabhängige kommen im Schnitt mit 78 Jahren in solche Einrichtungen. Vor drei Jahren gab es in Deutschland eine repräsentative Erhebung in 5.000 ambulanten und stationären Altenhilfeeinrichtungen. Damals gaben acht von zehn Einrichtungen an, Senioren mit Suchtproblemen zu betreuen, betroffen seien 14 Prozent aller Betreuten. Von den zu Pflegenden mit Alkoholproblemen waren 61 Prozent Männer. Beim Medikamentenmissbrauch waren die Frauen mit 73 Prozent in der Mehrheit.

 

Tritt die Sucht im Alter bei den Betroffenen neu auf oder bestand sie meist schon vorher?

Geyer: Das ist gar nicht so leicht zu sagen, harte Daten fehlen hier. Man geht davon aus, dass es sich bei zwei Dritteln der alkoholkranken Senioren um Early-Onset-Trinker handelt, die quasi schon immer getrunken haben. Ein Drittel würde dann dem Late-Onset-Typ angehören, also erst später im Leben zu trinken beginnen. Ob das wirklich so ist, ist fraglich.

 

Gibt es ein Suchtverhalten, das vor allem für Ältere typisch ist?

Geyer: Ja, der Konsum findet heimlicher statt. Die Betroffenen trinken nicht in der Öffentlichkeit, sondern zu Hause. Es kommt auch kaum zu Gewaltausbrüchen und Prügeleien.

 

Welche Folgen hat die Sucht im Alter für die Betroffenen?

Geyer: Hierzu muss man zunächst wissen, dass Alkohol im Alter schneller, stärker und länger wirkt als in jungen Jahren, weil das Verteilungsvolumen geringer ist. Der Körper hat weniger Wassergehalt und Muskelmasse. Der Abbau in der Leber ist vermindert. Auch die Wirkdauer von Medikamenten verlängert sich, der Wirkspiegel wird später erreicht. Generell verschlechtern sich durch die Suchterkrankung mit dem Alter assoziierte Erkrankungen wie Bluthochdruck und Diabetes mellitus. Die geistige Leistungsfähigkeit lässt nach, das Risiko psychiatrischer, aber auch von Erkrankungen der Leber oder Bauchspeicheldrüse steigt — das Krebsrisiko nicht zu vergessen. Ganz wichtig ist auch die durch die Sucht erhöhte Sturzgefahr. Insgesamt droht der Verlust von Mobilität und Selbstständigkeit, und die Sucht kann das Leben verkürzen.

 

Was sollte beim Hausarzt den Verdacht wecken, einer seiner älteren Patienten könnte suchtkrank sein?

Geyer: Es gibt eine Reihe von Symptomen, die den Arzt hellhörig machen sollten. Dazu gehören bei Alkoholabhängigkeit häufige Stürze, Durchfälle, Fehlernährung, nachlassende Leistungsfähigkeit, Hirnleistungsstörungen — besonders Antriebs- und Interesselosigkeit, sozialer Rückzug und nachlassende Körperhygiene bis hin zur Verwahrlosung. Bei Benzodiazepinsucht ist das Bild ähnlich, die Hirnleistungsstörungen können bis zur Demenzimitation fortschreiten.

 

Wird das Problem von den Hausärzten erkannt?

Geyer: Leider werden beispielsweise alkoholbezogene Störungen bei Älteren seltener als bei Jüngeren erkannt, nämlich zu etwa 37 versus 60 Prozent. Symptome wie Vergesslichkeit, Verwahrlosung, Zittern, Schwindel und Stürze werden oft als Alterssymptome missverstanden.

Viele Ärzte haben Angst, solche Probleme direkt anzusprechen, weil sie fürchten, die Patienten blieben dann weg. Dabei sind die meisten Betroffenen eher froh, wenn ihr Problem zum Thema wird. Allerdings sollte man einen persönlichen, emotionalen Zugang wählen, etwa indem der Arzt dem Patienten sagt: „Ich mache mir Sorgen um Sie.“ Helfen können bei der Diagnose – neben den üblichen Labortests – natürlich auch Fragebögen, wie etwa der bekannte CAGE-Test.

 

Wenn sich nun der Verdacht, ein älterer Patient könnte suchtkrank sein, erhärtet – was ist dann zu tun?

Geyer: Zunächst kann man versuchen, eine Vereinbarung mit dem Patienten zu treffen, zum Beispiel, dass er einen Monat aufs Trinken verzichtet. Schafft er es, wird er an den verbesserten Laborwerten einen Erfolg sehen, und er wird vielleicht auch feststellen, dass er seinen Tag wieder besser meistern kann. Natürlich kann man auch wohnortnahen Kontakt zu Suchtberatungsstellen aufnehmen. In schweren Fällen allerdings, wenn mit heftigem Entzug zu rechnen ist, müssen die Patienten gezielt in Einrichtungen eingewiesen werden, die auf Entgiftung spezialisiert sind.

 

Haben Sie zum Abschluss noch einen Rat speziell für Hausärzte, den diese im Umgang mit suchtkranken Senioren beherzigen sollten?

Geyer: Eine resignative Haltung nach dem Motto „Das lohnt nicht mehr!“ ist bei Suchtproblemen im Alter nicht gerechtfertigt. Im Gegenteil, gerade in dieser Altersgruppe hat man oft mit einfachen Interventionen, etwa dem Rat, das Trinken zu beenden, gute Erfolgschancen. Und selbst bei größerem Behandlungsbedarf zeigen ältere Suchtkranke bei auf die Zielgruppe abgestimmten Behandlungen und Rehabilitationen gute Ergebnisse. Die Patienten haben ja schon einiges im Leben hinter sich und dabei die Erfahrung gemacht, dass sich vieles meistern lässt. Das hat ihre Kompetenz gestärkt, Probleme zu lösen. Das verbessert auch ihre Prognose in der Suchttherapie.

 

Das Gespräch führte Dr. Robert Bublak, Mitarbeiter von Springer Medizin

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