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Werbung für alkoholische Getränke beeinflusst besonders Jugendliche.
 
Gastroenterologie 16. November 2010

Schädliche Folgen des Trinkens eindämmen

Unverzügliche globale Maßnahmen zur Reduktion des Alkoholmissbrauchs gefordert.

Prof. Dr. Helena Cortez-Pinto vom Hospital of Santa Maria in Lissabon, Portugal, forderte die unverzügliche Einführung von Maßnahmen zur Bekämpfung der Folgen von Alkoholmissbrauch. Trunkenheit am Steuer sollte viel strikter überwacht werden, und in Anlehnung an Strategien zur Kontrolle des Tabakmissbrauchs sollte Werbung für Alkohol reguliert und Sponsoring verboten werden.

 

Um die Belastung einer Gesellschaft durch einzelne Erkrankungen zu messen, hat die WHO das Konzept der „Disability Adjusted Life Years (DALYs)“, also der behinderungsbereinigten Lebensjahre, entwickelt. DALYs sind die Summe der Lebensjahre einer Population, die durch vorzeitige Mortalität verloren sind, plus die Jahre, die aufgrund einer Erkrankung mit Behinderungen erlebt werden. Schätzungen gehen davon aus, dass 11,6 Prozent der gesamten DALYs mit Alkohol in Verbindung stehen1. Das ist weltweiter Rekord.

Cortez-Pinto berichtete auch von einer eigenen Studie2, die sie mit ihrem Team in Portugal durchgeführt hat: Sie stellten fest, dass unter allen Alkohol-assoziierten Erkrankungen vor allem Lebererkrankungen die Gesellschaft belasten: Sie machen 31,5 Prozent aller DALYs aus. Dieser Wert übersteigt die Verkehrsunfälle bei weitem und sogar verschiedene Krebsarten. Die Bedeutung von Alkohol als Ursache von Lebererkrankungen wird durch Daten des europäischen Lebertransplantationsregisters bestätigt. Ein Drittel der Zirrhosefälle, die zu einer Lebertransplantation führen, lässt sich auf Alkohol zurückführen. Er ist somit die häufigste Ursache für solche Transplantationen.

Eine starke Korrelation herrscht zwischen der Verfügbarkeit von Alkohol und der Inzidenz von Leberzirrhosen. Dies lässt sich unter anderem anhand historischer Beispiele belegen. „In Paris kam es im Zweiten Weltkrieg zu einer Reduktion des Alkoholkonsums um 80 Prozent”, so Cortez-Pinto. „Der Effekt auf die Zirrhose-Mortalität war spektakulär: Die Mortalität wurde in einem Jahr um 50 Prozent reduziert und in fünf Jahren um 80 Prozent.“

Wenn es darum geht, zu bestimmen, wie viel Alkohol als unschädlich anzusehen ist, scheiden sich die Geister, denn innerhalb einer Population kann es eine große Variation der noxischen Dosis geben. 21 Einheiten bei Männern und 14 Einheiten bei Frauen wurde als sicheres Limit gesehen, sofern keine chronische Lebererkrankung vorliegt. Eine Einheit entspricht acht Gramm Ethanol. Allerdings gibt es Hinweise, dass schon geringere Mengen für Frauen toxisch sein können.

Die Herausforderung für die Gesundheitspolitik liegt nun, so Cortez-Pinto, in der Schwierigkeit, geeignete Mittel zur Reduktion von Schäden im Zusammenhang mit Alkohol zu finden. Informationsvermittlung sei zwar relativ günstig, habe aber in mehreren systematischen Reviews keine nennenswerten Auswirkungen auf den Konsum oder auf die Gesundheit gehabt, erklärte Cortez-Pinto. Dafür scheinen gut eingeführte und rigoros umgesetzte Beschränkungen für Alkohol am Steuer sehr effektiv zu sein. Das allerwirksamste Mittel sei aber, die Verfügbarkeit von Alkohol einzuschränken. So hätte etwa ein gesetzliches Mindestalter für den Einkauf von Alkohol dazu geführt, dass sich weniger alkoholbedingte Schäden, wie etwa durch Trunkenheit am Steuer, ereignet hätten. Ein weiteres probates Mittel sei, die tägliche Verkaufsdauer zu verringern.

Cortez-Pinto glaubt auch, dass Marketing und Preisgestaltung von großer Bedeutung sind. Langzeitstudien hätten gezeigt, dass Werbung für alkoholische Getränke das Einstiegsalter in den Alkoholkonsum beeinflusst. „Dasselbe gilt für riskantes jugendliches Trinkverhalten“, erklärte sie. „Wir wissen auch, dass es eine starke umgekehrte Relation zwischen Preis und Konsum gibt: Die Erhöhung von Alkoholsteuern verringert den Alkoholkonsum und damit verbundene Schäden und erhöht die Staatseinnahmen.“

Allerdings versagen politische Maßnahmen, solange die industriellen und gesundheitlichen Interessensgruppen so unterschiedlich mächtig sind. Laut Cortez-Pinto verfügen die Hersteller von Alkohol über gut organisierte Lobbyisten, die sowohl national als auch international agieren. Sie glaubt, dass die vor allem daran interessiert sind, wirksame Strategien zu verhindern und unwirksame zu fördern, und daher dazu tendieren, vor allem Kampagnen für einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Trinken zu unterstützen. Cortez-Pinto sprach in diesem Zusammenhang von Dollar-Beträgen in Millionenhöhe, die zur direkten oder indirekten Einflussnahme auf die Gesetzgebung verwendet würden.

„Es müssen wirkungsvolle Maßnahmen ergriffen werden, dazu gehören eine Regulierung im Marketing, Verbote und auch, dass Gesetze gegen Alkohol am Steuer umgesetzt und strikt überwacht werden“, so die streitbare Expertin. Sie plädierte dafür, ein Rahmenabkommen für Alkoholkontrolle zu gründen, das international mit einem Netzwerk von NGOs agiert, die sich das Know-how der Tabakkontrolle aneignen.

 

1 Rehm, J. et al.: Lancet 2009; 373: 2223–33.

2 Cortez-Pinto, H. et al.: ACER 2010; 34:1442–9

Bericht zur 18. United European Gastroenterology Week (UEGW) in Barcelona (23.-27. Oktober 2010)

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